Frühe Kampfmaschinen Angriff der Kreiselpanzer

Frühe Kampfmaschinen: Angriff der Kreiselpanzer Fotos

Feuerspuckende Kampfrollen und Schildkröten aus Stahl: Frühe Panzer-Prototypen wirken heute eher skurril als furchterregend. Seit 1900 dachten Science-Fiction-Autoren und Ingenieure über Kriegsmaschinen der Zukunft nach - ein Rückblick zeigt die erstaunlichsten Entwürfe. Von

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Der Morgennebel liegt noch über den Schützengräben, vermischt sich mit dem Pulverdampf der englischen Artillerieangriffe. Plötzlich schälen sich seltsame Konturen aus dem Dunst. Bedrohlich rasselnd kriechen mysteriöse Ungetüme über die Kraterlandschaft des Niemandslands und halten auf die deutschen Linien zu. Starr vor Scheck sehen die Alarmposten die seltsamen Gefährte auf sich zurollen, die selbst Maschinengewehrsalven nicht aufhalten können. Unaufhaltsam wälzen sich die unförmigen Ungeheuer aus Stahl über die gegnerischen Schützengräben hinweg, alles unter sich zermalmend. Panisch suchen die deutschen Soldaten das Weite.

So berichten Augenzeugen vom ersten Panzerangriff der Weltgeschichte am 15. September 1916 an der Somme in Flandern. Was den Deutschen das Blut in den Adern gefrieren ließ, war aus Sicht der Briten ein holpriger Beginn mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten. Von den 49 "Mark I"-Tanks der Engländer konnten nur 32 zum Angriff antreten. 18 weitere blieben während der Attacke mit Pannen liegen. Gerade einmal 14 durchbrechen die deutschen Linien und erobern die rund drei Kilometer entfernte französische Ortschaft Flers. Und doch: Die Tank-Attacke von Flers veränderte die Kriegführung für immer. Und die neue Waffengattung war mitnichten so plötzlich vom Himmel gefallen, wie die britischen Kampfpanzer im Morgengrauen vor den deutschen Stellungen erschienen - die Zeit des Panzers war zweifellos und für alle sichtbar gekommen - aber sie hatte eine Vorgeschichte.

Bewaffnete Riesenräder

Schon 1903 hatte der britische Schriftsteller H. G. Wells in seiner Erzählung "The Land of the Ironclads ("Die Landpanzerschiffe"), veröffentlicht im "Strand Magazine" von landgängigen Panzerkreuzern fabuliert. Auch in anderen Zeitschriften wie dem "Electrical Experimenter" fabulierten bereits in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Technikenthusiasten von feuerspuckenden Riesenkreiseln oder ausgedienten, auf gigantische Räder montierten Kriegsschiffen, die unverwundbar und mit nie gesehener Feuerkraft über das Schlachtfeld der Zukunft beherrschen würden. Und tatsächlich waren bereits vor dem ersten Weltkrieg die kühnen Visionen von Autoren und Illustratoren in durchaus konkrete Formen umgesetzt worden - und die teils bizarren Prototypen schienen oftmals tatsächlich einem Roman entsprungen zu sein.

In Russland etwa entwickelte der Ingenieur Nicolai Lebedenko für die Armee des Zaren 1915 ein überaus seltsamen Kampfwagen mit zwei neun Meter hohen Riesenrädern, auf dessen Vorderachse sich eine kanonenbestückte Gondel von zwölf Metern Breite befand - ein Gefährt wie aus einem "Star-Wars"-Film. In Italien setzte die Firma Fiat ganz auf Gewicht und Masse statt auf Beweglichkeit - der in Eigenregie gebaute 40-Tonnen-Tank der Turiner Karosserieschmiede war der schwerste im Ersten Weltkrieg eingesetzte Panzer und rumpelte ziemlich unbeholfen durch die Gegend. Einer der merkwürdigsten frühen Panzer entstand in Südamerika: Die Erfindung venezuelanischer Ingenieure sah aus wie eine überdimensionierte Schildkröte oder eine frühe Studie für den US-Tarnkappenbomber B-2 - leider blieb das Fahrzeug mit seinen großen Überständen regelmäßig an Bodenunebenheiten hängen.

Ausgerechnet Deutsche und Österreicher hatten bei der Entwicklung des Kampfpanzers anfänglich die Nase ziemlich vorn. Bereits vor 1914 hatte es im deutschen Heer erste Vordenker der Panzerwaffe gegeben. Paul Daimler, der älteste Sohn von Gottlieb Daimler, entwickelte schon 1903 den ersten gepanzerten Kraftwagen überhaupt. In dreijähriger Geheimarbeit schraubte seine Firma Austro-Daimler in der Wiener Neustadt den ersten Radpanzer zusammen, mit Vierradantrieb und einer drehbaren Kuppel mit zwei Maschinengewehren.

Landtorpedoboot auf Ketten

Das Aus für den Prototypen kam dennoch ziemlich abrupt bei einem Manöver des österreichischen Kaisers Franz Joseph. Beim Starten des Motors scheuten die hochherrschaftlichen Pferde. Einige Stabsoffiziere landeten im Dreck, der Kaiser grantelte und der schon unterschriftsreife Vertrag landete auf dem Komposthaufen der Geschichte. Die Fahrzeugpläne wurden schließlich verkauft - nach Frankreich.

Ähnlich erging es dem österreichischen Oberleutnant Günther Burstyn, der bereits 1911 einen Kettenpanzer konstruierte. Sein "Motorgeschütz" hatte bereits alle Eigenschaften eines modernen Panzers: Kettenantrieb, einen schwenkbaren Turm mit Kanone und Rundumschutz durch zusammengeschweißte Metallplatten. Das visionäre "Landtorpedoboot", laut Patentschrift dazu gedacht, "breite Gräben zu überschreiten", blieb jedoch Episode. Monatelang rang Konstrukteur Burstyn mit dem Wiener Kriegsministerium um den Bau eines Prototypen, dann setzten die k.u.k Militärplaner den kleinen Offizier mit der wirren Idee vor die Tür. Auch in Berlin lehnte man den für die damalige Zeit revolutionären Entwurf ab - angeblich ohne Nutzen und sowieso zu teuer.

Am Ende des Ersten Weltkriegs standen den fast 3000 Tanks der Entente gerade einmal einige Dutzend deutsche Panzerwagen gegenüber. "Der Beginn der neuen Ära der Kriegsführung wurde von den Deutschen und Österreichern schlicht verschlafen", diagnostiziert Wolfgang Fleischer, Historiker des Militärhistorischen Museums Dresden.

"Big Willie" und das Landschiff-Komitee

Allerdings wäre die Idee des Tanks auch in England um ein Haar gescheitert. Schon 1912 legte der australische Ingenieur und Erfinder Lancelot de Mole dem Kriegsministerium Seiner Majestät Pläne für ein gepanzertes Vollkettenfahrzeug vor, an dem die Army allerdings keinen Nutzen entdecken konnte. Dann kam der britische Colonel Ernest Swinton, der nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 eigentlich als Kriegsberichterstatter nach Frankreich geschickt worden war, im Dezember 1914 auf die Idee, amerikanische Traktoren des Typs "Holt Caterpillar", die auf Ketten liefen, für die Erfordernisse eines Stellungskrieges umzurüsten.

Doch eine Vorführung im Februar 1915 geriet zum Flop, als der umgebaute Trecker beim Ziehen eines mit Sand beladenen Lkw im regenweichen Boden steckenblieb. Wieder lehnte die Armee dankend ab. Einer der Anwesenden war dennoch beeindruckt. Der britische Marineminister, ein aufstrebender junger Politiker namens Winston Churchill, erkannte das Potential der neuen Waffe. Es war Churchill, der umgehend ein "Landschiff-Komitee" ins Leben rief, um die Neuentwicklung weiter voranzutreiben.

Das Ergebnis waren die Prototypen "Little Willie" und "Big Willie": fast zehn Meter lange Stahlgolems, die schon bald vom rhombenförmigen "Mark I" mit den charakteristischen umlaufenden Ketten und Geschütztürmen an beiden Seiten abgelöst wurden. Es war eben jene Silhouette, die den deutschen Soldaten in den Schützengräben der Westfront am Morgen des 15. September 1916 noch nie da gewesene Furcht einflößte.

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1.
Ernst Hugentobler 14.10.2013
Bei Bild 28 dürfte die Bildbeschreibung falsch sein: Es wird dort nicht versucht, den Panzer mit Kabeln zu stoppen, sondern der Panzer zieht mit den durch die Infanterie verschossenen Kabel die Stacheldrahtverhaue weg (es sind ein englischer Panzer und englische Soldaten).
2.
Tom Cullen 15.11.2013
Revolutionär war letztendlich der Renault FT-17. Dieser hatte alles was spätere und aktuelle Panzerfahrzeuge im Kern heute noch vom Design her mitbringen.
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