Skurrile Mutter-Kind-Fotos Ja, wo ist die Mama?

Was tut man nicht alles fürs perfekte Kinderfoto! Wenn die Kleinen im 19. Jahrhundert nicht stillsaßen, kam Mutter mit aufs Bild - unter einer Burka-artigen Decke. Ganz schön lustig, diese Aufnahmen.

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Der kleine Junge kann es nicht fassen. Vor ihm ein Fremder mit der Kamera, hinter ihm eine unförmige schwarze Masse. Angst hat der kleine Kerl allerdings nicht. Es ist ja seine Mutter, die sich unter einem dunklen Laken verbirgt. Nach einem Lächeln ist ihm trotzdem nicht zumute.

Die Herstellung eines Kinderfotos war im 19. Jahrhundert mehr Kraftakt als Kinderspiel. Die Belichtungszeit war lang, die Aufmerksamkeitsspanne der Kleinen kurz. Ruhig verhielten sie sich oft nur auf dem Schoß der Mutter - die allerdings nicht auf dem Bild erscheinen sollte.

Deshalb war Tarnung angesagt. Ansage des Fotografen: Werden Sie eins mit dem Raum. Schlüpfen Sie unter diese Decke. Oder verschmelzen Sie mit der Gardine.

Während ihr Nachwuchs mehr oder weniger irritiert geknipst wurde, versteckten sich Mütter - und auch der eine oder andere Vater - unter Burka-artigen Umhängen. Oder sie verbargen sich hinter Stühlen. Bisweilen ragt in Fotos auch eine Hand hinein, die einen Kinderkopf fixiert.

Und warum dieser Mummenschanz? "Die Mütter hatten anscheinend das Ziel, eine innige Verbindung zwischen dem Kind und dem Betrachter zu schaffen", sagte Linda Fregni Nagler, Fotografin und Sammlerin dieser eigenwilligen Aufnahmen, 2013 dem britischen "Telegraph".

Beliebt war der Gang zum Fotografen bei den Kindern sicher nicht. Dafür hinterließen Eltern der Nachwelt einen großen Fundus an Aufnahmen aus der Zeit von der Erfindung der Fotografie bis etwa 1920 - unfreiwillig komisch.

Bilderrätsel: Wo ist die Mutti? Gehen Sie mit einestages auf die Suche:

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22  Bilder
Frühe Kinderfotografie: Such die Mutti!

Gibt's doch gar nicht! Eine einestages-Sammlung erstaunlicher Geschichten hinter bemerkenswerten Fotos.



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Seite 1
Klaus Becher, 22.02.2016
1. Totenfotografien
Bezüglich der Bilderserie: Such die Mami. Ich weiß nicht ob es dem Autor auffiel, aber bei den meisten Bildern handelt es sich definitiv um Totenfotografien! Diese waren sehr beliebt im viktorianischen Zeitalter. Dies erklärt auch die stützenden Hände der versteckten Mutti. Auch sieht man auf zwei Bildern Ständer, welche die Leichen aufrecht halten. Makaber, vor allem wenn der Autor die mit "unfreiwillig komisch" betitelt. Informiert euch pls. Beste Grüße: Klaisi
Gerd Meinhold, 22.02.2016
2.
Bei Totenfotografie sind die Augen aber in der Regel geschlossen.
Klaus Becher, 23.02.2016
3. Eben nicht immer
Oft sind die Augen eben offen. Es sind memento mori und sollen die Familienmitglieder lebendig zeigen. Es gibt in der Literatur, primären Bildquellen und sogar im Internet zuhauf Beweise die geschlossenen Augen widersprechen. Solche Bilder sind ein Charakteristikum für die viktorianische Gesellschaft. Babys ruhig zu halten ist bei den langen Belichtungszeiten von fast 10 Minuten fast unmöglich. Zumindest sind die Hände verwischt. Doch werden z.B. Köpfe mit der Hand fixiert und die Hände sind nicht bewegt worden. Bei Säuglingen ein eindeutiger Hinweis. Auch die Gestelle hinter zwei Mädchen sind ein Indiz. Oft wurden auch Augen auf geschlossene Augenlider aufgemalt um den Anschein eines Lebenden zu erwecken.
Dorothea Glowa, 23.02.2016
4. --
@Klaus Becher Auf welchen Fotos sind denn Gestelle zu finden? Ich habe mir die Galerie mehrmals angesehen und konnte persönlich keine finden- vielleicht habe ich sie ja übersehen. Des weiteren sind auf einigen Fotos die Kinderhändchen bewegt, was ja für lebende Kinder spricht. Ich habe mal ein wenig im Internet herumgesucht und einige Totenfotografien sahen schon lebloser, als die in der Galerie aus. Des weiteren waren "hidden mother" Fotos mit lebenden Säuglingen oder Kindern durchaus auch zu dieser Zeit modern...vielleicht ist die Galerie ja eine Mischung aus Totenfotografien und hidden mother Fotos?
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