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Frühe Kriegsfotografie Den Toten in die Augen sehen

Frühe Kriegsfotografie: Den Toten in die Augen sehen Fotos

Als der Krieg nach New York kam, standen die Menschen Schlange: 1862 zeigte der Fotograf Mathew Brady seinen Landsleuten Aufnahmen von den Schlachtfeldern des Amerikanischen Bürgerkriegs. Erstmals waren auf den Fotos Opfer des verlustreichen Kampfes zu sehen - so schonungslos wie später nie wieder. Von

Die Männer haben ihre Köpfe abgewandt. Mit ausgestreckten Armen und seltsam verdrehten Körpern liegen sie zwischen den Stoppeln eines Maisfelds. Einige dicht an dicht aneinandergereiht, andere verstreut, ihre Gesichter verzerrt, den Mund weit aufgerissen, die Augen offen. Hemden und Uniformjacken sind verrutscht, Bäuche entblößt, die Hosentaschen aufgerissen. Manchem fehlt ein Schuh, anderen beide. Kleiderfetzen liegen herum. Weiter hinten die Umrisse von Pferden, auf der Seite oder auf dem Rücken liegend, die Leiber aufgedunsen, Stummel abgerissener Gliedmaßen ragen in die Luft. So etwas hatten die New Yorker noch nie gesehen, und der Schock war entsprechend groß.

Passanten drängten sich auf dem Bürgersteig, pressten ihre Gesichter an die Scheiben. Vor dem Eingang von Nummer 785 am New Yorker Broadway hatte sich die Menschenmenge versammelt. Ein Strom von Schaulustigen wälzte sich die Stufen hinauf zur National Portrait Gallery, in der der bekannte Fotograf Mathew Brady für gewöhnlich zahlungskräftige Kundschaft ablichtete. Grund für den Ansturm im Oktober 1862 war Bradys neueste Ausstellung. Schweigend standen die Besucher vor den Wänden der Galerie und starrten auf die Fotos. Es war das erste Mal, dass sie auf ein Schlachtfeld blickten.

Die Toten auf den Fotos waren Opfer des seit eineinhalb Jahren andauernden Bürgerkriegs zwischen der Union und den konföderierten Südstaaten, von denen die Öffentlichkeit bis dahin oft nur durch endlose, in den Zeitungen abgedruckte Namenslisten erfahren hatte. Bradys Ausstellung sorgte dafür, dass erstmals Unbeteiligte die Schauplätze des Krieges zu Gesicht bekamen - fast zwanzig Jahre, bevor es möglich sein sollte, Fotos in Zeitungen abzudrucken.

Es sei, schrieb der Reporter der "New York Times" nach Besuch der Ausstellung, als hätte man die Toten "herangeschleppt und sie vor unseren Türen auf die Straße gelegt". Es war vor allem die Abbildung der unzähligen Leichen, die vor 150 Jahren für Aufsehen sorgte. So etwas hatte es noch nie gegeben - und sollte es später auch nicht mehr geben: Das Militär würde dann entscheiden, welcher Fotograf welches Operationsgebiet zu sehen bekam; staatliche Zensur und Propaganda würden das Bild vom Krieg bestimmen und dafür sorgen, dass nicht allzu große Grausamkeiten die öffentliche Meinung beeinflussten. Doch noch war es nicht so weit. Der Sezessionskrieg erlaubte einen völlig unverstellten Blick auf die Opfer. Glaubte man zumindest.

Mit der Dunkelkammer an die Front

Die Kunst der Fotografie war damals noch jung. Die Kriegsfotografie erst recht. Die wahrscheinlich erste Fotoreportage von einer Front hatte sieben Jahre zuvor der Brite Roger Fenton geliefert - und dabei beträchtliche Hindernisse überwinden müssen. Als Fotograf bediente sich Fenton zwar der seinerzeit modernsten Technik, des um 1850 erfundenen Kollodiumverfahrens. Doch die Prozedur war dennoch extrem aufwendig.

Vor jeder Aufnahme musste der Fotograf eine Glasplatte mit der zähflüssigen Kollodiumlösung übergießen. War die Flüssigkeit abgelaufen, gleichmäßig auf der Platte verteilt, leicht angetrocknet, aber noch nicht zu trocken, wurde die Scheibe in eine Silbernitratlösung getaucht. Noch feucht trug man sie daraufhin in einem lichtdichten Behälter zur Kamera. Die Belichtung dauerte mehrere Minuten. Gleich danach musste die Platte zurück in die Dunkelkammer gebracht werden. Unter Hinzugabe weiterer Chemikalien erhielt man sodann das entwickelte Glasnegativ.

Wie aber sollte so etwas auf einem Schlachtfeld funktionieren? Fenton zeigte sich erfinderisch: Noch in England hatte er sich den geschlossenen Kutschwagen eines Weinhändlers gekauft und zu einer mobilen Dunkelkammer umgebaut. Die nahm er mit, als er im Februar 1855 ans Schwarze Meer aufbrach, wo zu dieser Zeit britische Truppen als Verbündete Frankreichs und des Osmanischen Reiches Soldaten des zaristischen Russland gegenüberstanden.

Die extreme Hitze während der Frühjahrs- und Sommermonate erschwerte Fentons Arbeit. Dennoch gelangen ihm eindrucksvolle Aufnahmen: von führenden Persönlichkeiten der alliierten Armeen, von Lagerplätzen und Munitionsdepots, von Landschaften und fröhlichen Uniformierten, die zusammen mit Krankenschwestern in lockerer Runde zusammensaßen, Pfeife rauchten oder Zeitung lasen. Fenton hatte ein Auge für gelungene Bildkompositionen, nicht zuletzt dank seiner früheren Ausbildung als Maler.

Die eigentlichen Ereignisse des Krim-Krieges allerdings suchte man in seinen Aufnahmen vergeblich: Bewegte Szenen wie etwa Kampfhandlungen ließen sich angesichts der langen Belichtungszeiten nicht abbilden. Und noch etwas sollte man auf Fentons Bildern nicht sehen: "No dead bodies" - keine Leichen, bitte, soll der Wunsch seines Auftraggebers, des Galeristen William Agnew, gelautet haben. Wobei unklar ist, ob es sich dabei um eine Bedingung der britischen Krone handelte, unter deren Schutz der Fotograf reiste, oder eher das Kalkül Agnews, der die Aufnahmen verkaufen wollte, ohne seine Kunden zu verschrecken.

Dem Tod ins Auge sehen

In den USA kannte man derlei Bedenken nicht. Fotograf Mathew Brady war seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts nicht nur ein bekannter Künstler an der Kamera, sondern vor allem ein erfolgreicher Geschäftsmann. Anfang der Sechziger befand er sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Sein Zweit-Studio in Washington hatte einen unverhofften Ansturm erlebt, nachdem US-Präsident Abraham Lincoln im April 1861 Zehntausende Männer einberufen hatte, um den Aufstand der Südstaatler niederzuschlagen. Viele der Rekruten wünschten sich ein hübsches Porträt in Uniform, gingen sie doch davon aus, dass der Krieg rasch beendet sei und sie dann wieder in ihren Alltag zurückkehren würden.

Als Brady ankündigte, er werde als Fotograf die Truppen in den Krieg begleiten, war diese Nachricht der "New York Times" sogar eine Meldung wert. Sein Aufenthalt auf dem Schlachtfeld allerdings war nur von kurzer Dauer: In der ersten großen Schlacht am Flüsschen Bull Run in Virginia musste Brady alsbald an der Seite der unterlegenen Unionisten den Rückzug antreten. Seine Fotografentätigkeit beschränkte er fortan auf Porträts des Führungspersonals und sandte stattdessen seine zahlreichen Assistenten zu den Kampfplätzen, wie etwa Alexander Gardner und James Gibson, die so zu Zeugen eines der verlustreichsten Tage in der amerikanischen Geschichte wurden.

Auf den Feldern am Fluss Antietam, nahe Sharpsburg, Maryland, machten sie im September 1862 Fotos von Tausenden Toten. Mehr als 22.000 Amerikaner sollen in der Schlacht getötet oder verwundet worden sein. "The Dead of Antietam", die Toten vom Antietam, stand dann auch auf dem kleinen Plakat, das Brady knapp einen Monat später an die Tür seiner New Yorker Galerie gehängt hatte und in die daraufhin die Besucher strömten.

Es schien, als konnten sie gar nicht genug bekommen von den Toten. Gardner, der zunächst Bradys Studio in Washington geleitet hatte, eröffnete nun sein eigenes und lieferte sich mit Brady einen Wettbewerb um die besten Bilder. Die Leute schienen geradezu versessen auf seine Fotoalben aus dem Krieg. Der Tod, so versuchte der "Guardian" das Phänomen zu erklären, sei für die Menschen im viktorianischen Zeitalter "ein unausweichliches spirituelles Problem" gewesen, "eine Tatsache, der man ins Auge sehen musste". In Gardners Fotografien konnte sie dem Tod buchstäblich ins Auge sehen.

Inszenierte Opfer

Das Geschäft mit den Bildern der Toten war offenbar so lukrativ, dass Gardner und sein Team auch vor Tricksereien nicht zurückgeschreckten. Der Fotohistoriker William Frassanito etwa entdeckte mehr als hundert Jahre später, dass auf zwei von Gardners Aufnahmen aus der Schlacht von Gettysburg der gleiche tote Soldat zu sehen war - an unterschiedlichen Orten. Frassanito vermutete, dass die Leiche um Dutzende Meter verlegt worden war, um als "Scharfschütze" samt Gewehr neu drapiert zu werden. In einem anderen Fall waren Tote auf einem Feld aus zwei verschiedenen Blickrichtungen fotografiert worden und dabei einmal als konföderierte Rebellen, das andere Mal aber als heldenhafte Unionisten bezeichnet worden. Letztere, so besagte der Bildtitel, hätten ihr Leben gelassen "auf dem Feld, auf dem General Reynolds fiel".

Das war schon sachlich falsch, weil der ruhmreiche Befehlshaber nicht auf einem Feld, sondern kurz nach Beginn der Schlacht von Gettysburg am 1. Juli 1863 im Wald erschossen worden war. Vermutlich wusste es Gardner nicht besser. Mit der poetischen Umschreibung hatte er seine Fotos möglicherweise für die Vermarktung aufwerten wollen. Dass er die Toten mal der einen und mal der anderen Seite zuschrieb, lag laut Frassanito hingegen wohl am Mangel möglicher Motive: Sie waren wahrscheinlich die einzigen, die zu dem Zeitpunkt noch nicht begraben worden waren, als der Fotograf zwei Tage nach Ende der Schlacht am 5. Juli am Kriegsschauplatz eintraf.

Gardners Bilder hätten "die schreckliche Realität (…) des Krieges zu uns nach Hause" gebracht, schwärmte der Autor der "New York Times" nach Besuch von Bradys Fotoausstellung im Oktober 1862. Die Realität aber zeigten die Fotos damals nicht in jedem Fall.

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1.
Markus Morrison, 27.09.2012
Im Zusammenhang mit dem Todesurteil von Wirz empfehle ich das Pulitzer Preis gewürdigte Buch "Andersonville", welches auch auf deutsch erschienen ist. Die Gründe für seine Verurteilung erschliessen sich dort besonders einprägsam. Siehe zum Hintergrund auch hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Andersonville_National_Historic_Site
2.
Christian Ramb, 27.09.2012
Foto 12, auggenommen Ende 1863 zeigt keine Offiziere sondern NCOs (Noncommissioned officers) zu deutsch Unteroffiziere. Desweiteren gab es im Amerikanischen Bürgerkrieg keine Grenadiere.
3.
Christopher Büchser, 27.09.2012
Schade ist, dass es immer wieder dieselben Bilder sind. Von den hunderten, vielleicht sogar tausenden Bildern von Brady et al. sind leider nur ganz wenige erhalten geblieben. 1865 hatte die Bevölkerung die U.S.A. und der früheren C.S.A. vom Krieg so genug, dass das Interesse an Kriegsbildern rasch auf Null sank. Laut einer Anekdote fanden sich in den 1870er Jahre blichtete Platten in den Wänden von Gewächshäusern, da die Photographen so wenigstens etwas Erlös für ihre Arbeit erzielen konnten.
4.
Wilfried Huthmacher, 27.09.2012
Zum Hinweis im Text auf hochgezogene oder verrutschte Hemden: in der US.-Doku "Der amerikanische Bürgerkrieg" von Shelby Foote wird erklärt, dass viele Verwundete ihre Hemden hochzogen um zu prüfen, ob sie einen Bauchschuß erlitten hätten. War dies der Fall, wußten sie, dass sie sterben mussten, denn diese Verletzungen waren -damals- tödlich.
5.
Andreas Dombek, 27.09.2012
Anmerkung zum Foto No. 12: Hier von einer ?Offiziersmesse? zu schreiben kann man getrost als einen militär-historischen ?Querschläger? bezeichnen. Entsprechend der Dienstgrad-Abzeichen auf den Ärmeln sind diese am Tisch sitzenden Jungs eindeutig Mannschafts- eventl. Unteroffiziers-Dienstgrade. Die an den Schultern und am Jackenkragen bzw. Kragenaufschlag fehlenden Epauletten bzw. Abzeichen für die eigentlich gemeinten Offiziere beweisen dies eindeutig. Von diesen 6 Soldaten sind entsprechend der Knopfanzahl (drei Stück ?) auf der Knopfsleiste aus dem selben Regiment. Der 3. Mann von der rechten Seite dürfte wegen der anderen Knopfleiste (sieben Stück ?) von einem anderen Regiment oder einer anderen Waffengattung sein. Solch einen ?leeren Blick? kann man im Krieg situationsbedingt sehr oft sehen.
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