Frühe Werbung Im Westen was Neues

Kundenfang de luxe: Der Reifenhersteller Conti leistete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine besonders anspruchsvolle Hausmitteilung. Für seine Werkszeitschrift "Echo Continental" heuerte er namhafte Künstler und junge Talente an - und Erich Maria Remarque als Werbetexter.

Fred Bergmann/MARKENSCHAETZE.DE

Als die erste Ausgabe des "Echo Continental" im Januar 1913 erscheint, befindet sich der Herausgeber, die "Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha Companie", in der Blüte seiner bis dato 43-jährigen Unternehmensgeschichte. Von einer kleinen Gummifabrik - im Jahre 1871 im Zuge einer Zwangsversteigerung erworben - hat sich das Unternehmen als Aktiengesellschaft bereits zu einem multinationalen Konzern entwickelt.

In ihrer Werbestrategie setzt die Conti zu Beginn des 20. Jahrhunderts außer auf Plakate, Anzeigen und Reklamemarken vor allem auf nützliche Werbemittel für die Kundschaft, wie etwa Landkarten, Straßenatlanten und Reiseführer. Sogar damals nur spärlich vorhandene Straßenschilder werden von Continental gestiftet - und als PR-Instrumente genutzt, ganz im Sinne des Unternehmenswahlspruches: "Semper prorsum, nunquam retrorsum!" (Immer nützlich sein, niemals verharren!).

Nun will der Gummihersteller seine Klientel auch noch mit einer Kundenzeitschrift beliefern, die so attraktiv sein soll, dass Interessenten sogar bereit sind, dafür einen Abo-Preis zu bezahlen. Dabei bewirbt das Heft ausschließlich jene Produktfelder, auf denen die Firma selbst tätig ist. Das Erstaunliche: Das Konzept der Redaktion geht auf.

Perlen der Kunstszene

Das monatlich erscheinende Magazin berichtet aus der Welt des Auto-, Fahrrad-, Tennis- und Fußballsports, von Wettrennen zwischen den ersten Flugzeugen und Automobilen, über die legendäre Rückhand von William "Big Bill" Tilden, den Flug von Amundsen zum Nordpol oder die Äquatortaufe von Elly Beinhorn. Kunstvoll werden die Ereignisse in Szene gesetzt.

Auf die Gestaltung der Titelseiten legen Herausgeber und Redaktion besonders großen Wert. Neben herausragenden Talenten aus dem eigenen Mitarbeiterstab wie Hermann Schütz, Erich A. Meyer (EAM), Paul Kaufmann (alias Caspary), Willy Müller und Edgar Scheibe gehören auch Perlen der freischaffenden Kunstszene zu den kreativen Schöpfern. Jupp Wiertz, einer der Großen in der deutschen Plakatkunst, entwirft in seinem aquarellbetonten Stil zwischen 1925 und 1930 drei wunderschöne Titelseiten für das "Echo".

Bernd Reuters liefert zwischen 1926 und 1932 zehn herausragende, expressionistische Cover ab. Auch Werke von Ludwig "Lutz" Ehrenberger, Carlo Egler, Julius Ussy Engelhard, Kurt Heiligenstaedt und dem legendären Pressezeichner Theo Matejko erscheinen in der Conti. Über den gesamten Erscheinungszeitraum von fast 30 Jahren spiegeln die Titelseiten so ein breites Spektrum unterschiedlichsten Kunstrichtungen wieder - vom späten Jugendstil, über den Expressionismus und Art déco bis zur Neuen Sachlichkeit.

Steigende Auflage

Die Macher des "Echo" lassen den Künstlern weitgehend freie Hand bei der Gestaltung ihrer Werke, nur das Logo und die Typografie sind anfangs tabu. Die Redaktion fährt gut mit ihrem Konzept: Das "Echo" startet mit einer Auflage von 30.000 Stück, nur knapp ein Jahr später werden bereits doppelt so viele Hefte gedruckt.

Während ausgewiesene Automobilisten und Motorradfahrer ein kostenloses Jahresabonnement bestellen und sich portofrei zusenden lassen können, bekommen allen anderen Interessenten die Zeitschrift zu einem Abopreis von 2,40 Mark (20 Pfennige pro Ausgabe). In den Zwanzigern und Anfang der dreißiger Jahre werden so häufig weit mehr als 100.000 Exemplare pro Ausgabe ausgeliefert.

Neben den anspruchsvollen Titelseiten hat das Blatt offensichtlich noch ein weiteres Erfolgsgeheimnis. Man habe es verstanden, "den Humor in den Dienst ihrer Werbung zu stellen", beschreibt es Karl Wigo Wiegand, Redaktionschef von 1919 bis 1921. Diese Maxime findet ihren Niederschlag vor allem im Innenteil des "Echo". Neben der klassischen Berichterstattung unterhalten die Texter und Illustratoren ihre Leser mit charmanten Witzen und Parodien im Comic-Stil.

Werbetexter E.M.R.

Ab Ende des Jahres 1922 können die Leser Kapitän Priemke in ihr Herz schließen. In jeder Ausgabe befinden sich Geschichten, die sich um die Reisen des dicken Kapitäns in alle Welt drehen. Der fährt unter anderem nach Melanesien, wo er einen Stamm wilder Eingeborener mit Conti-Tennisbällen versorgt. Später holt sich Priemke deren Häuptling Okuhahayn aus Melanesien ins Boot und reist mit ihm viele Folgen lang quer durch Deutschland - um für Gummiprodukte zu werben.

Zu Comic-Stars des Blattes werden ab 1923 auch die Contibuben, zwei schlitzohrige Lehrlinge, stets zu neuen Streichen aufgelegt. Der Schöpfer dieser vergnügten Charaktere: Erich Maria Remarque. Der junge Mann, der bald darauf als Autor des Antikriegsromans "Im Westen nichts Neues" bekannt werden sollte, denkt sich ihre Abenteuer aus und fasst sie pointiert in Reime. Bebildert von Zeichner Hermann Schütz werden Remarques Contibuben zu sympathischen und prominenten Serienhelden.

E.M.R., so seine Initialen unter den Geschichten, soll bereits Mitte 1921 als freier Mitarbeiter zum "Echo" gestoßen sein. Vermutlich im April 1922 erhält er dort eine Festanstellung und lernt das Redaktionshandwerk. Im Juni 1923 ist er bereits der verantwortliche Chefredakteur. Neben Comics schreibt er auch lyrische Werbetexte: "Wie Kissen federn sanft die Contireifen; die Hand kann überall nach Blüten greifen." Anfang 1925 wechselt Remarque zum Scherl-Verlag nach Berlin, doch seine Comic-Serie schreibt bis zur Einstellung im Dezember 1926 fort. Im Herbst 1927 schließlich begründet er seinen späteren Ruhm als ernster Schriftsteller und beginnt mit den kritischen Roman über "die verlorene Generation" im Ersten Weltkrieg.

Das "Echo" indes gerät ab Mitte der dreißiger Jahre unter den Einfluss der Kunstdiktatur des NS-Regimes. Im April 1941 erscheint die 228. und letzte Ausgabe. Das Titelbild von Willy Müller zeigt ein düsteres Bild von deutschen Soldaten, die auf ihren Continental-bereiften BMW-Motorrädern durch ein jugoslawisches Dorf fahren. Der Balkanfeldzug hat begonnen.



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Seite 1
Joachim Holstein, 07.09.2009
1.
Wer hat Ihnen bloß diesen Unternehmenswahlspruch übersetzt? "Semper prorsum, nunquam retrorsum!" hat nichts mit nützlich sein oder verharren zu tun, sondern bedeutet schlicht: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer".
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