Kinderbuchautorin Enid Blyton Heile Welt, tiefe Abgründe

Millionen Kinder lieben die Abenteuer in "Fünf Freunde" oder "Hanni und Nanni". Wer war die sagenhaft erfolgreiche Enid Blyton wirklich - teilzeitverrückte Mutter oder Heile-Welt-Schreibautomat?

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Die Lebenslüge stand über dem Eingang ihres Landhauses: Pax huic domui, "Friede walte in diesem Haus". Enid Blyton, die bis heute wohl erfolgreichste Kinderbuchautorin der Welt, liebte diese Worte. Weil sie so gut passten, wie sie sagte.

In ihren Erinnerungen schwärmte sie vom südenglischen Anwesen, das sie auf Anregung kindlicher Leser "Green Hedges" ("Grüne Hecken") getauft hatte. Im Garten sprossen Krokusse, Mohnblumen tanzten im Wind, Quittenbäume lieferten Früchte für Marmelade. "Reich und glücklich" fühlte sich Blyton, wenn Rotkehlchen zwischen Teegeschirr umherhüpften, Igel von ihrem Teller Milch tranken oder sie verletzte Vögel rettete: "Es gibt nichts Beglückenderes als die Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen."

Landidylle in Green Hedges
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Landidylle in Green Hedges

In diesem Idyll, das sie mit den Töchtern Imogen und Gillian, mit Cockerspaniel Topsy und Katze Bimbo teilte, zerbrach aber auch ihre erste Ehe. Hier sahen die Kinder ihren Vater zum letzten Mal. Dann löschte Blyton gnadenlos alle Erinnerungen an Hugh Pollock, wie einen zu bösen Entwurf für eine ihrer Romanfiguren. Tochter Imogen beschrieb Green Hedges später als albtraumhaften Ort. Ihre "arrogante, unsichere und anmaßende" Mutter habe nur die Kinder in ihren Büchern geliebt - die eigenen aber vergessen.

"Emotionales Wrack"

Kindercliquen wie die "Fünf Freunde" und die Internatszwillinge "Hanni und Nanni" machten Blyton weltberühmt. Einst hatte sie ein fotografisches Gedächtnis, am Ende ihres Lebens litt sie an Alzheimer und vergaß fast alles. Enid Blyton starb vor 50 Jahren, am 28. November 1968. Ihr zweiter Ehemann verbrannte fast all ihre Tagebücher, wohl um ihr Andenken zu schützen.

Blyton hatte sich grandios vermarktet und war in England zeitweise beliebter als Shakespeare. Und doch ist umstritten, wer die Frau hinter den 753 Romanen war, die sich etwa 650 Millionen Mal verkauften. "Ein emotionales Wrack und komplett irre", wie Helena Bonham Carter als Blyton-Darstellerin einer BBC-Doku von 2009 sagte? Oder eine "gerechte und liebevolle" Mutter, wie Tochter Gillian betonte? Demnach beschrieb ihre Mutter das Leben nur so, wie sie es als Kind selbst gern gehabt hätte.

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Enid Blyton: "Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht"

Ein Sprung zurück ins Jahr 1910, in Enids verflixtes 13. Lebensjahr: Eines Nachts schlich sie mit ihrem Bruder Hanley Richtung Wohnzimmer, lauschte - und war schockiert. Ihre Eltern stritten. Als strenge Mutter wollte Theresa Blyton ihre Tochter früh auf ein Hausfrauenleben vorbereiten; Enids Gedichte und Geschichten blieben für sie stets "Gekritzel" und "Zeitverschwendung". Ihr Vater Thomas hingegen, ein Freigeist, erklärte Enid bei stundenlangen Ausflügen alles über Tiere und Pflanzen. Für sie waren diese gemeinsamen Tage "sonnig und warm und der Himmel so blau wie die Kornblumen in meinen Garten".

Und jetzt sprach der geliebte Vater von einer fremden Frau, seiner Geliebten. Kurz darauf zog er aus. Theresa Blyton verweigerte die Scheidung, vertuschte den Skandal, offiziell war Thomas Blyton gerade beruflich viel unterwegs. Die Kinder hatten zu schweigen.

Vergessen und verdrängen

Es war ein Muster der Verdrängung, das Enid Blyton später selbst perfektionierte. Auch ihr Mann Hugh Pollock war offiziell noch der liebende Familienvater in Green Hedges, als er längst dem Alkohol verfallen war und beide fremdgingen. Dann ersetzte Blyton ihn in den Wirren des Zweiten Weltkriegs so gründlich durch den Chirurgen Kenneth Darrel Waters, als hätte es Ehemann Nummer eins nie gegeben.

Blyton sorgte offenbar dafür, dass Pollock seinen Job als Verlagslektor verlor, dass ihre Töchter den Namen ihres zweiten Mannes bekamen und ihn "Vater" nannten. Ihren leiblichen Vater sahen sie nie wieder. Diese Härte verwunderte selbst George Greenfield, einen Freund Blytons, der 20 Jahre lang ihr Literaturagent war. Seine Vermutung: Blyton sei es gewohnt gewesen, die Welt wie in ihren Büchern in Gut und Böse einzuteilen.

In ihren Erinnerungen behauptete die Autorin dagegen beschwingt: "Wir sind alle sehr glücklich miteinander; bestimmt könnte ich sonst auch keine Bücher schreiben, die Kinder erfreuen." Über Pollock kein Wort. Auch nicht über die Haushälterinnen, die sie in Serie feuerte. Schon gar nicht über ihre Mutter, die sie mied. Stattdessen: "Jeder bringt mit seiner guten Laune eine frische Atmosphäre ins Haus. Keiner bockt und ist missgestimmt." Heile Welt wie in ihren Romanen mit den stets sonnigen Schulferien und gemütlichen Landhäusern, in denen Mütter Kuchen buken und Limonade ausschenkten.

Als 1910 Blytons Vater auszog, war das der Moment, in dem Enid sich unbewusst weigerte, erwachsen zu werden - so mutmaßen Blyton-Biografen. "Sie war ein Kind, sie dachte wie ein Kind und schrieb wie ein Kind", schrieb Psychologe Michael Woods nach ihrem Tod.

"Versuch es weiter!"

Kronzeuge dieser These ist ein Gynäkologe, den Blyton aufsuchte, als sie nicht schwanger werden konnte. Überrascht stellte er eine "außergewöhnlich kleine Gebärmutter" fest, etwa so groß "wie bei einem zwölf- oder dreizehnjährigen Mädchen". Erst nach einer hormonellen Behandlung bekam die junge Frau Kinder.

Stoppten also seelische Traumata Blyton in ihrer Entwicklung, konnte sie sich deshalb so gut in die Gedanken ihrer jungen Leser und Buchhelden hineinversetzen? Als Kritiker später ihre Bücher verrissen, konterte sie kühl: "Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht."

Blytons "Insel der Abenteuer"
Verlagsgruppe Oetinger

Blytons "Insel der Abenteuer"

Aber da war mehr. Ihr unbändiger Ehrgeiz. Und diese Schreibwut erst! Schon als Kind verschlang Enid Sagen, las in Lexika staunend über Unterwassertunnel, Riesenalke, Stalagmiten - Stoff ihrer späteren Erfolgsbücher. Immerzu schrieb sie Gedichte, entwarf eine Geheimschrift. Die Ideen zu ihren Geschichten "überfielen" sie regelrecht, wie sie sagte. Blyton notierte sie, schickte sie an Verlage, eilte jeden Morgen zum Briefkasten - und kassierte doch nur Absagen. Hunderte.

Solche Niederlagen verdrängte sie meisterhaft. "Wir nehmen all die bösen Dinge und stecken sie weg, ganz in den Hinterkopf, bis sie, paff!, verschwinden", riet sie später Tochter Imogen. Das Satiremagazin "Punch" schickte Blyton ein Gedicht zurück: "Idee gut. Leider falscher Akzent in Vers zehn, schlechter Rhythmus in Vers zwölf. Versuch es weiter!"

Sie tat es und ordnete ihrem Traum alles unter. Eine Ausbildung zur Pianistin brach sie ab und schulte zur Kindergärtnerin um, damit sie ihre Geschichten direkt am jungen Publikum testen konnte. 1922 erschien ihr erster Gedichtband, 1923 verkaufte sie bereits 120 Texte für Kinder. Bald verdiente sie 300 Pfund im Jahr, damals ein Spitzeneinkommen.

Blyton schrieb und schrieb. Über Kobolde, magische Stühle, Wunderbäume. Sie verfasste Naturbücher, Bibelgeschichten, unzählige Kolumnen, eine gar aus Sicht ihres Terriers Bobs. Der internationale Durchbruch gelang ihr ab 1942 mit ihren ersten Serien, den "Fünf Freunden" und der "Abenteuer um..."-Reihe. Die Britin hatte ihre Erfolgsformel gefunden: Pfiffige Helden, unterstützt von ebenso cleveren Haustieren, entdeckten stets etwas Geheimnisvolles und überführten Schmuggler, Geldfälscher, Entführer.

Blytons wahre Kinder

Als im Zweiten Weltkrieg Papier knapp wurde, lieferte Blyton weiter wie eine Fabrik. Mitunter schaffte sie ein Buch pro Woche und rekordverdächtige 10.000 Wörter am Tag - mit zwei Fingern tippend, ohne Sekretärin. Selbst Fanpost beantwortete sie persönlich.

Aus ihrer Sicht war es ein Kinderspiel: Im Schaukelstuhl schloss sie die Augen, "nach einer oder zwei Minuten" lief die Handlung vor ihrem inneren Auge ab - "mir erscheint es selbst wie ein Wunder, dass mir die Geschichten fertig vorgeführt werden".

Feuilletonisten dagegen rümpften die Nase. Einige Büchereien verweigerten sich Blytons Werken, jahrzehntelang auch die BBC: "Kaum literarischen Wert" hätten ihre Bücher, dazu diese schlimmen "Pinky-winky-Doodle-doodle-Dum-dumm-Namenstypen". Die BBC wolle "kein weiteres Opfer" der "erstaunlichen Werbekampagne" dieser "zweitrangigen" Autorin werden, hieß es 1954.

Ihren Erfolg bremste das nicht. So wenig wie der Vorwurf rassistischer und sexistischer Klischees: Ihre Diebe waren oft dunkelhäutig, Jungs immer die Mutigen. Und war ein Mädchen mutig, wollte es eigentlich ein Junge sein.

Ihre Helden alterten nie, Blyton schon. Ihr Agent Greenfield schildert, wie sie 1961 trotz ihrer Akribie einen wichtigen Termin vergaß; wie sie kurz vor ihrem Tod in einem der klaren Momente einen Bekannten traf. Die beiden unterhielten sich vor einem Schrank voller Blyton-Bücher. Er sagte, die Autorin könne sich glücklich schätzen, zwei erwachsene Kinder zu haben.

"Kinder?", fragte Enid Blyton und öffnete ihre Arme, als wollte sie die Bücherregale umarmen: "Dies sind meine Kinder."

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insgesamt 8 Beiträge
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Thomas Seeling, 28.11.2018
1. Deutsche Bücher
Interessant finde ich ja auch, dass es auf Deutsch wesentlich mehr "Hanni und Nanni" gibt als auf Englisch. Über die Urheberschaft der deutschen Bücher kann man kaum etwas herausfinden. Generell ist das Menschenbild aller ihrer Bücher sehr primitiv und archetypisch, um nicht zu sagen rassistisch - nach heutigem Maßstab.
Harald Kipke, 28.11.2018
2. Trotzdem...
..habe ich Ihre Bücher geliebt. Und sie hat dafür gesorgt, dass viele Kinder meiner Generation ihre Freude am Lesen entdeckten, wenngleich diese Art von Geschichten sich für die spätere Deutschnote eher nachteilig auswirkten. Es gab immer die Karl May und die Enid Blyton Fraktion. Aber es war eine schöne und unrealistische Welt; in ihr durfte man noch länger Kind bleiben.
Susanne Zenner, 28.11.2018
3. Nun ja....
Wenn die fünf Freunde schon 1942 veröffentlicht wurden und dann in den Fünzigerjahren, braucht man sich über Sexismus oder Rassismus nicht zu wundern - der war gang und gäbe. Und George, der Tomboy, ist für diese Zeit schon relativ fortschrittlich. Dass die Bücher schon älter sind, habe ich aber nicht an den Vorurteilen gemerkt, sondern an der ausführlichen Schilderung des Nahrungsaufnahme. Mitternachtsfeste auf Lindenhof, bei denen so viel gegessen wird, das man platzt etc, das waren vermutlich die Wunschträume der hungernden Kriegs- und Nachkriegskinder. Aus der heutigen Sicht finde ich die Darstellung von Mobbing, um Einzelgänger, Individualisten und Sport-Hasser wieder "auf Linie" zu bringen, noch fragwürdiger. Das entspricht aber wohl englischem Internatsvorstellungen. Besonders Hanni und Nanni , aber ach Dolly wurden ja sehr eingedeutscht, auch von den Namen her. Ich habe tatsächlich zwei Freundinnen, die nur auf Grund dieser Schilderungen, umbedingt in ein Internat wollten.
Irina Bruns, 28.11.2018
4. Enid Blyton
Es ist mir relativ egal, ob Enid Blyton ein skuriles Leben geführt hat, wenngleich mir ihre Kinder leid tun müssen, die offenbar eine schwierige Kindheit hatten. Wenn man Enid Blyton als Kinderbuchautoren ablehnen müsste, müsste man auch die höchst unterhaltsamen viktorianischen Romane von Anne Perry, die als Jugendliche immerhin an einem Mord beteiligt war, ignorieren. Ich sehe keinen Grund dazu, die Werke dieser Autorinnen wegen ihrer unerfreulichen Lebensumstände abzulehnen. Und von Bukowski müsste man dann wohl auch nicht weiter reden. Enid Blytons Bücher haben meine Kindheit genauso positiv beeinflusst, wie die Bücher von Astrid Lindgren. Am liebsten mochte ich die Geheimnis-Bücher, die mir vom Alter der Kinder am nächsten waren, als ich in der ersten Klasse das Lesen entdeckte. Dort gab es neben stereotypen Figuren auch integrative, wie zum Beispiel den Aussenseiter "Dickie", den man sich auch als Mädchen zum Vorbild nehmen konnte und an dem man lernte, jemanden nicht nur nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. In den folgenden Jahren war ich immer auf der Suche nach geheimnisvollen Ecken, Geschichten und suchte mir auf der kleinen dänischen Insel, auf der wir jedes Jahr unsere Ferien verbrachten, "Höhlen", zu denen die Erwachsenen nicht vordringen konnten. Dort sass ich an der Klippe am Meer und las, was das Zeug hielt. Mit 13 warfen sie mich aus der Berlin Schmargendorfer Kinderbücherei hinaus und schoben mich in die Erwachsenenbücherei ab, weil es so gut wie kein Buch mehr gab, das ich nicht mehrfach gelesen hatte. Dies war maßgeblich Blyton und Lindgren zu verdanken. Ja, die Figuren bei Blyton waren teilweise veraltet, aber das war nicht so schlimm, da meine Mutter mir erklärt hatte, dass die Bücher eben aus einer älteren Zeit stammten. Im Gegenteil gab es immer wieder Mädchenfiguren, die gegen die ihnen von den Jungs auferlegten Einschränkungen aufbegehrten und die ich mir zum Vorbild nahm. Es gab aber auch viele interessante Einblicke in die Welt der 30er und 40er Jahre, als man Limonade noch selbst machte und nicht in jedem Haushalt ein Fernseher stand. Ich lernte Tricks, wie das Durchpausen von Schrift, Geheimtinte, das Öffnen verschlossener Türen und traute mich, in das Ferienhaus meiner Eltern durch das Fenster "einzubrechen", als diese zum Einkaufen gefahren waren. Ich lernte, Lücken in der Erwachsenenwelt für mich zu nutzen und unbequeme Fragen zu stellen. Auch meinen eigenen Kindern gab ich diese Bücher (wohlgemerkt in der alten, nicht der überarbeiteten todöden Übersetzung) zum Lesen und hatte dabei den Erfolg, dass meine jüngere Tochter, die sich mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche rumplagt, so begeistert davon war, dass sie sich durchbiss und danach dann direkt zu Pratchett wechselte, was ja immerhin ein ordentlicher Sprung ist. Nein, es sind schöne kleine Geschichten, die eine für Kinder im Grundschulalter überschaubare Welt beinhalten, sie aber gleichzeitig ermutigen, ihre Welt auszudehnen. Man muss sie halt in den richtigen Kontext betten und als Eltern begleiten. Aber das muss man sowieso.
Moritz Bonn, 28.11.2018
5. Warum versucht man immer
versucht man immer krampfhaft etwas negative aus dem historischen Kontext herausgelöst bei Persönlichkeiten zu suchen. Es ist doch klar, dass die Bücher vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit geschrieben wurden. Außerdem ist doch Blyton selbst ein Bsp. dafür, dass Frauen auch vor schwierigsten Hintergründen erfolgreich arbeiten können. Sie war sicherlich ein Naturtalent darin, sich Geschichten für Kinder auszudenken und hat wie ein Workoholic gearbeitet. Man muss jetzt auch nicht unbedingt gerade von ihr erwarten, dass sie trotz ihres Schaffens noch eine herausragende Mutter sein würde. Welche in den 20er oder 30er Jahren geborene Tochter behauptet schon, eine wahnsinnig liebevolle Mutter gehabt zu haben?
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