Feldzug gegen den Irak Auge in Auge mit dem Krieg

Als "embedded journalist" erlebte Claus Christian Malzahn den US-Angriff auf den Irak im März 2003. Zwischen Raketenbeschuss und Gasalarm fragte er sich, wem dieser Krieg nutzen sollte. Fünf Monate später war er noch mal im Irak und erkannte: Der Krieg nutzte vor allem dem Terror.

Claus Christian Malzahn

Donnerstag, 20. März 2003

Camp Virginia, Kuwait, nahe der irakischen Grenze

Vor einer Woche bin ich im Krieg angekommen. Noch wird nicht geschossen. Aber bald. Seit ein paar Tagen wird scharfe Munition an die Soldaten ausgegeben.

Ich bin "eingebettet" in die 130. Pionierbrigade der US-Armee.

Was das bedeutet, hat mir ein Presseoffizier der Army folgendermaßen erklärt: "Sie sind immer ganz vorne dabei! Denken Sie einfach an Camping unter ziemlich primitiven Bedingungen. Sie werden im selben Zelt schlafen wie die Soldaten. Sie werden dieselbe Angst haben, Sie werden mit ihnen lachen und weinen, über den Sand und den Staub fluchen und nach ein paar Wochen von einer Badewanne träumen."

Die Pioniere lösen die technischen Probleme der Truppe. Sie sind sozusagen die Hausmeister des Krieges: Sie legen Brücken, räumen Minenfelder, bauen Straßen und, wenn es sein muß, auch ganze Zeltstädte. Etwa 500 Journalisten wurden auf die 135.000 Mann starke US-Armee, die an einem Irak-Krieg beteiligt sein wird, verteilt. Ein solches "Embedment-Programm" haben die Amerikaner zuletzt in Vietnam und davor während des 2.Weltkriegs organisiert.

Joggen mit Gasmaske

Jetzt trage ich einen Helm und eine Splitterweste. Seit einer Woche schlafe ich auf einer feldgrünen Pritsche in einem Mannschaftszelt. Seit meiner Ankunft habe ich etwa zwei Dutzend Soldaten kennengelernt. Die Namen und Dienstgrade schwirren in meinem Zivilistenkopf umher wie ein Bienenschwarm.

Ein junger Offizier namens Jon Stover nimmt mich in Empfang. Er ist unter anderem für die Kommunikation der 130. Pionierbrigade zuständig. Besonders gesprächig ist er

nicht. Meistens sagt er nur ein Wort: "Hua." Das bedeutet unter Soldaten so viel wie: Geht in Ordnung, alles klar, machen wir, habe verstanden. Stovers streichholzkopfkurze Haare machen ihn alterslos. Vermutlich ist er Mitte 20. Er scheint eine wichtige Figur zu sein. Im Kommandozelt hat er jedenfalls einen eigenen Schreibtisch und einen Computer mit Internetzugang - das haben nicht alle Offiziere mitten in der Wüste.

Die Idee des "Embedment" wurde nicht in der Truppe, sondern im Pentagon geboren. Die US-Regierung verspricht sich offenbar ein paar Vorteile durch diese enge, unmittelbare Berichterstattung. Wahrscheinlich rechnen sie sich aus, daß die Berichte aus dem Bauch der Truppe freundlicher ausfallen werden als Artikel, die aus der Distanz geschrieben

werden. Jedenfalls nehme ich das an.

Doch das ist nur die Theorie. In der Praxis ist dieser Vorgang für die Soldaten, mit denen ich in den kommenden Wochen mein Leben teilen werde, genauso neu und ungewöhnlich wie für mich. Und entsprechend wenig können wir miteinander anfangen.

In meinem Zelt leben etwa 30 Offiziere und Unteroffiziere. In den großen Mannschaftszelten übernachten bis zu 100 Soldaten. Sie arbeiten im Schichtbetrieb, irgendwer ist immer wach. Stover kommt morgens um sechs von seiner Nachtwache im taktischen Operationszentrum des 130. Pionierbattaillons zurück. Er fällt halbtot auf seine Pritsche. Vorher prüft er tastend, ob seine Gasmaske in Reichweite liegt. Er läßt sie nie aus den Augen. Er geht sogar mit Gasmaske joggen.

Bin ich zu nah dran?

Gegen die innere Unruhe vor dem Krieg kämpfen die Soldaten hier mir Routine. Ohne Helm und Splitterweste verläßt niemand das Zelt. Selbst beim Zähneputzen ist die Gasmaske um das linke Bein geschnallt.

Bisher war das Wetter die größte Belastung. Tagsüber steht die Hitze über dem Camp wie eine Glocke. Nachts aber ist es in der Wüste viel kühler als ich dachte. Spätestens gegen vier Uhr morgens bin ich in den vergangenen Nächten noch jedes Mal aufgewacht. Mit der Kälte im Mannschaftszelt muß hier nachts jeder alleine fertig werden, und mit seiner Angst auch. Der Vollmond beleuchtet matt die Unterkünfte von etwa 8000 Soldaten. Er scheint auf Panzer, Lastwagen, Offiziersfahrzeuge. Der ganze Fuhrpark des V. Corps ist vollgetankt und fertig zum Abmarsch.

Morgen Nacht soll es losgehen. Ich weiß das seit drei Tagen, aber ich darf es nicht verraten. Bevor ich "eingebettet" wurde, mußte ich einen Katalog unterschreiben, in dem ich unter anderem versichere, nur über bereits abgeschlossene Operationen zu schreiben. Auch präzise Ortsangaben über den Aufenthalt der Truppe sind während des Krieges nicht erlaubt. Ansonsten gilt: "Everything is on the record", alles darf zitiert werden. Diese Regeln erscheinen mir nicht ehrenrühriger als die Vereinbarungen, die Politiker und Journalisten beispielsweise in der Bundestagsberichterstattung getroffen haben. Allerdings bin ich mit den Leuten, über die ich in Bonn geschrieben habe, nicht in den Krieg gezogen. Bin ich zu nah dran? Abwarten.

Der Gedanke an den Kriegsausbruch weckt unterschiedliche Empfindungen in mir. Einerseits fürchte ich mich. Saddams Raketen, ein möglicher Einsatz von Biowaffen, Giftgas - dieses Szenario ist von geradezu überwältigendem Schrecken. Ich war zwar schon in Kriegsgebieten, doch diesmal bin ich mitten unter den Angreifern. Wenn auf die US-Armee geschossen wird, wird auch auf mich geschossen.

Nachts kann ich nicht schlafen. Der Wind prügelt auf die Zeltplanen, als würde eine Faust aus dem Himmel darauf einschlagen. Draußen tobt wieder ein Sandsturm. Tagsüber kann ich mich mit Gesprächen ablenken, aber nachts liegen meine Nerven blank. Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir. Ich bin hundemüde, vor dem Zelt dröhnt ein Dieselgenerator. Bis zum Morgen halte ich mich an seinem Summen fest, einige der wenigen Konstanten, die hier

noch zu haben sind.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dirk brauns, 24.03.2008
1.
der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben.
Indira Geisel, 29.03.2008
2.
Malzahn bei der US Armee in der irakischen Wüste erinnert nicht wenig an Isherwood in dem Berlin Weimars. Ein Beobachter ringt mit seiner Sympathie sowie mit seiner Skepsis gegenüber einen tollkühnen Gastgeber. Eine Vorahnung der Katastrophe, ehe sie anfängt: "Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir." Aber eigentlich darf er nur über abgeschlossene Operationen schreiben.
johann legner, 30.03.2008
3.
ich bin malzahn dankbar für seinen beitrag und die risiken, die er dafür eingegangen ist. dazu gehört auch, sich mit dem verdacht auseinanderzusetzen, instrumentalisiert zu werden. beim lesen habe ich mich an diese tage der ungewissheit erinnert, die den beginn des irak-krieges prägten, an den der kampf mit den gasmasken, der damals für die angreifer alles beherrschte. im nachhinein scheint er das fanal des weiteren verlauf dieses krieges. der erwartete schrecken bleibt aus, aber die angst vor ihm wirft einen langen schatten und gebiert seinerseits schreckliches. vom ersten tag an ist alles ganz, ganz anders als erwartet. dies in erinnerung zurück zu rufen, zeichnet einen zeitzeugen aus.
Norbert Polster, 30.03.2009
4.
>der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. >abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben. gott sei dank geschmackssache. ich werde mir das buch kaufen.
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