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Fukushimas ehemalige Bewohner "Mit diesem Verlust werde ich mich nie abfinden"

Fukushima fünf Jahre danach: Die verlorene Heimat Fotos
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Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima drängt Japans Obrigkeit geflohene Bewohner zur Rückkehr. Doch ist es dort überhaupt sicher? Eine Garantie gibt es nicht. Von

Eigentlich sind diese Fahrten längst Routine für Kenta Sato, 34. Doch jedes Mal, wenn er ins Auto steigt, um von der Stadt Fukushima in das 40 Kilometer entfernte Dorf Iitate zu fahren, verdüstert sich sein Gemüt. "Iitate war meine Welt, da war ich zu Hause", sagt er, "mit diesem Verlust werde ich mich nie abfinden."

Gewiss, Satos Heimat mit den Hügeln, den Terrassenfeldern und verstreuten Häusern existiert noch. Mehrmals pro Woche fährt er dorthin, um im väterlichen Schweißerbetrieb mitzuarbeiten. Aber jetzt gleicht die einstige Naturidylle einer gigantischen Müllhalde. Hinter jeder Wegbiegung lagern große schwarze Plastiksäcke, in die Arbeiter radioaktiv verstrahlte Erde und Sträucher gepackt haben. Säcke, Säcke und wieder Säcke.

"Wie sollen wir hier je wieder leben?", fragt Sato, als er seinen Toyota durch die gespenstische Landschaft steuert. Kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Die Kneipe, in der Sato sich einst mit Freunden traf, ist geschlossen, seine alte Schule auch. Nur im Altenheim regt sich Leben: Den Greisen wollte vor fünf Jahren keiner die Flucht zumuten.

"Keiner hatte uns gewarnt"

Sato wird das Chaos nie vergessen, das damals herrschte. "Am 22. April 2011 wies uns die Regierung an, unser Dorf binnen vier Wochen zu verlassen." Da waren schon zehn Tage vergangen, seit die Hüllen der Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nacheinander in die Luft flogen. Der Wind hatte die radioaktiv verstrahlten Wolken Richtung Nordwest getragen, direkt hierher nach Iitate.

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"Anfangs wähnten wir uns noch sicher", berichtet Sato, "keiner hatte uns gewarnt." Über Radio und Fernsehen habe er erfahren, dass der Tsunami nach dem Erdbeben ganze Küstengebiete Nordostjapans verwüstet hatte. Und dass der Strom im Kernkraftwerk Fukushima wegen der Flutwelle ausgefallen war.

Die ganze Welt saß an jenem 11. März und den dramatischen Tagen danach vor den Fernsehern. Fassungslos erlebten die Zuschauer mit, wie verzweifelt und wie hilflos die drittgrößte Industrienation versuchte, den größten Atomunfall seit Tschernobyl in den Griff zu bekommen.

Aus dem rund 250 Kilometer entfernten Tokio rückte die Feuerwehr mit ihren Schläuchen an, um die geschmolzenen Reaktoren zu kühlen, die als absolut sicher gegolten hatten. Das Militär schickte Hubschrauber - aus der Luft schütteten sie Wasser auf die strahlende Ruine ab, als handele es sich um ein Buschfeuer, das sich löschen ließe.

Und in Tokio grübelte Premier Naoto Kan gar insgeheim darüber nach, ob er die Hauptstadt und deren Umgebung evakuieren solle. "Die Frage war, ob Japan untergeht", offenbarte er unlängst dem SPIEGEL.

Fünf Jahre nach dem GAU sind viele Japaner dabei, das Desaster zu vergessen. Der heutige Premier Shinzo Abe regiert so, als wolle er unbedingt beweisen, dass der Alltag auch nach einem Atomunfall ganz normal weitergeht. Im Herbst ließ seine Regierung das Atomkraftwerk Sendai im Südwesten Japans wieder ans Netz nehmen - bis dahin waren alle Kernkraftwerke des Landes abgeschaltet, eben als Reaktion auf Fukushima.

Druck auf die Flüchtlinge

Japans Atomlobby hat es eilig. Umso lästiger sind ihr offenbar die Bewohner, die aus der Sperrzone geflohen sind - zeitweise rund 160.000 Menschen. Sie sollen möglichst bald in ihre Dörfer zurückkehren, wo die radioaktive Strahlung teilweise deutlich gesunken ist. Deshalb macht die Regierung auch finanziell Druck: Ende März 2017 sollen Mietzuschüsse, die Flüchtlinge bislang für ihre Ausweichquartiere erhalten, auslaufen.

Auch in Iitate laufen die Vorbereitungen für die Rückkehr. Im Juni will der Bürgermeister mit seiner Verwaltung wieder ins verwaiste Rathaus einziehen. Möglichst bald sollen dann möglichst viele der einst knapp 7000 Einwohner folgen. Zu diesem Zweck hat die Regierung die verseuchte Gegend aufwendig dekontaminieren lassen.

Bisher sind aber nur ein paar Ältere zurückgekehrt, auf eigenes Risiko, darunter Satos Vater, der seinen Schweißerbetrieb weiterführt und nebenbei die Wildschweine jagt, die sich nach dem Wegzug der Bauern massenhaft vermehrt haben. Doch der Sohn will in der Stadt Fukushima wohnen bleiben, wo die radioaktive Strahlung etwa nur ein Zehntel so hoch ist wie in Iitate. "Meine Tochter ist noch klein", sagt Sato, "das Strahlenrisiko ist für sie zu groß."

Keine Garantie

Denn bereits 20 Meter hinter Satos Elternhaus beginnen bewaldete Berghänge. Sie decken rund Zweidrittel der Fläche des Dorfes ab, ihre Gipfel fingen damals besonders viel radioaktive Strahlung ab. Und mit jedem Regen, sagt Sato, fließe erneut verseuchtes Wasser ins Tal. Dort bildeten sich dann die gefürchteten Hotspots - das sind Stellen, wo die Strahlung unvermutet hoch ist.

Daher können auch Fachleute dem Ort keine endgültige Sicherheit garantieren. Tetsuji Imanaka kennt sich mit radioaktiver Strahlung aus. Der Experte der Universität Kyoto führt in Iitate regelmäßig Messungen durch; auch in Tschernobyl untersuchte er die Folgen des Reaktorunfalls. Er sagt: "Jeder Bürger muss für sich selbst entscheiden, ober er wieder in Iitate leben möchte."

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Fukushima: Alltag in trostlosen Boxen
Zwar registrierte Imanaka bereits im vergangenen Jahr durchschnittlich nur noch ein Zehntel der Strahlung, die kurz nach dem Atomunfall geherrscht hatte. Doch er sagt: "Meinen Enkel würde ich nicht in Iitate wohnen lassen, dafür ist die Strahlung nach wie vor zu hoch."

Viele Eltern mit Kindern schätzen die Risiken selbst in der Stadt Fukushima oder in Tokio als zu hoch ein. "Wir trauen der Regierung nicht", sagt Yuka Kato, die 2011 mit ihrer Tochter aus Fukushima ins ferne Kyoto geflohen ist. Sie habe in Fukushima nach dem Reaktordesaster ständig unter schwerem Durchfall gelitten, sagt die 53-Jährige. "In Kyoto hörten meine Beschwerden sofort auf."

Die Verunsicherung ist groß. Im Februar teilte die Präfektur Fukushima mit, dass dort mittlerweile bei 116 Jugendlichen Schilddrüsenkrebs diagnostiziert worden seien. Die Betroffenen gehören zu rund 380.000 Bewohnern, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls zwischen sechs und 18 Jahre alt waren und im Zuge eines Regierungsprogramms regelmäßig untersucht werden. Allerdings streiten Experten darüber, ob die Erkrankungen auf die Strahlenkatastrophe zurückzuführen sind. Oder ob die Zahl nur deshalb relativ hoch erscheint, weil die Präfektur seit dem Reaktorunfall entsprechende Reihenuntersuchungen anbietet - wodurch möglicherweise auch Erkrankungen erfasst werden, die sonst nicht aufgefallen wären.

Viele Strahlenflüchtlinge schützen sich daher lieber selbst - indem sie weiter dort wohnen, arbeiten oder zur Schule gehen, wohin sie nach dem 11. März 2011 geflohen sind. Kenta Sato will seine Heimat gleichwohl nicht aufgeben: Er will eine Firma gründen, die verlassene Häuser und Betriebe in der bisherigen Sperrzone instand hält - solange die geflohenen Besitzer nicht zurückkehren. Es klingt nach einer Geschäftsidee mit Zukunft.

SPIEGEL GESCHICHTE

Freitag, 11. März, 16:30 Uhr | SKY

"Fukushima - Die Hintergründe zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe"

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insgesamt 26 Beiträge
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1. es ist riskant,
Hauke Markmann, 10.03.2016
die kontaminierten Gebiete wieder zu besiedeln. Wahrscheinlich steigt dann die Krebsrate bei den Bewohnern weiter an. Ich kann verstehen, dass viele der ehemaligen Bewohner nicht wieder zurück wollen.
2. Manipulatives Bild
Kurt-Erich Finger, 10.03.2016
Auf dem ersten Bild sieht man Boote, die der Tsunami an Land geschoben hat. Der Grund dafür ist ja wohl nicht der GAU in Fukushima. Der erste Satz darunter lautet: "Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima". Das ist doch sehr manipulativ! Heute Morgen wurde im SWR3 erwähnt, daß die Fukushima Katastrophe 5 Jahre zurückliegt. Es wurde gesagt, wie es dazu kam. Direkt danach wurde erwähnt, daß 16000 Menschen getötet wurden. Die sind aber nicht an der Radioaktivität gestorben, sondern wohl durch die Wassermassen getötet worden. Warum versuchen Medien (oder vielmehr einzelne Redakteure) so zu manipulieren?
3. Statistiken
Thomas Kreß, 10.03.2016
Wenn es nach der Rückkehr zu erhöhten Krebsraten kommt, wird schon ein Regierungsvertreter verkünden, dass dies keine Abweichung sei, so wie bei den Schilddrüsenkrebsfällen die es schon gibt. Da wird alles abgewiegelt werden.
4. Kleiner Tip.
Jens Jacob, 10.03.2016
Das Foto mit den aufgetürmten Booten trägt die Unterschrift: Das Foto vom 28. April zeigt die ...nach ca. 2 Wochen des Unglücks. Ich denke der Autor meinte den 28 März. Miri ist es aufgefallen, da ich das Foto sehr beeindruckend finde und der 28 April mein Geburtstag ist. Und die 2 Wochen habe ich da nicht untergebracht.
5. Tolle Leistung!
Holger Kühn, 10.03.2016
Jetzt können Kernkraftwerke sogar Schiffe auf Straßen schieben - ich bin immer mehr begeistert über die Dummheit, mit der man Bilder und Text verknüpfen kann.
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