Fussball-Fankultur Wie ich als Wessi "Mister Dynamo Dresden" wurde

Fussball-Fankultur: Wie ich als Wessi "Mister Dynamo Dresden" wurde Fotos
Bernardo Bollen

Dresden lag für Bernardo Bollen aus Düsseldorf bis 1993 auf einem anderen Planeten - dann entflammte er bei seinem ersten Besuch im Elbflorenz für die SG Dynamo. Nach fast 15 Jahren Hardcore-Fandasein bekam er von seinen Dresdner Fußballfreunden den Ritterschlag schlechthin. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.0 (550 Bewertungen)

Wir gingen los, fünf Jungs und drei Mädels, mitten durch das große Rund des stolzen Rudolf-Harbig-Stadions in Dresden, allein Hemden des Hauptsponsors von Dynamo. Es war das letzte Heimspiel gegen den Hamburger SV, Halbzeit. 10.000 Zuschauer lauschten, was denn diese seltsame Meute da unten ins Stadion-Mikrofon schnaufte.

Es ging um die Wahl zum Mister und zur Lady Dynamo 2007.

Hier stand ich nun, Bernardo. Geboren in Düsseldorf, hatte ich in meiner Jugend nie etwas mit Dresden zu tun gehabt. Erst als die Mauer fiel, begeisterte mich die Möglichkeit, Dreden zu besuchen, eine Stadt mit großer Vergangenheit. Elbflorenz. Das Zentrum Sachsens, welches Dank großer Gönner große Künstler anzog. Wunderbare Gebäude, großartige Gemälde in prächtigen Galerien. Und dann vor allen Dingen die Mentalität der Menschen.

Highlight pur

Ich hatte vor meinem ersten Dresden-Besuch 1993 nur eine spärliche Ahnung von dem, was mich erwartete. Aber dann begegnete ich in einer Altstadt-Kneipe in Düsseldorf einem gerade zugezogenen Kamenzer, der bis zu seiner Flucht in Dresden gelernt, gearbeit und gelebt hatte. Durch ihn lernte ich wenige Wochen später die wahren Menschen Dresdens kennen. Und kann nun erklären, warum die Schlachten rund um den Fussball in Dresden so hart verlaufen.

Natürlich war in dieser ersten Woche meines Besuches - ich war damals Anfang Zwanzig - ein Besuch bei Dynamo angesagt. Zu Gast war der 1. FC Saarbrücken. Highlight pur! Man wurde infiziert mit dem Dynamo-Virus. Es ging um mehr - diese Verbundenheit habe ich vorher bei Spielen in Düsseldorf oder Köln nie gespürt. Keiner wußte, daß ich von drüben kam, mein Enthusiasmus und meine Ehrlichkeit überzeugten die Dortigen.

Die Jahre vergingen, Erlebnisse summierten sich. Der Verein stieg ab, feierte auch kleine Erfolge. Was blieb, war die Verbundenheit. Nach dem Aufstieg in die Regionalliga lernte ich neue Fans aus NRW kennen, man gründete einen Fanclub, der für allerlei Aufsehen sorgte. Durch spektakuläre Aktionen wie der Siegener Kremserfahrt machte man innerhalb der Fanszene von sich reden, dementsprechend wuchs der Bekanntheitsgrad.

Wer wählt schon einen mit italienischem Vornamen?

Als dann der Dynamo-Hauptsponsor im Herbst 2006 zur Wahl von "Mister Dynamo" und "Lady Dynamo" aufrief und dafür erst einmal Montassieger kürte, beschloss ich, mich für März 2007 auch zur Wahl zu stellen. Was die bisherigen Monatssieger betraf, wirkten sie auf mich weniger wie Dynamo-Fans, sondern Ego-Poser im Zeitalter von "Deutschland sucht den Superstar" und all' den anderen Kiddie-ich-will-berühmt-werden-Wahlen.

Dementsprechend war mein Bewerberbild: Ich posierte besoffen, mit gelben Anzug und schwarzen Dynamo-Hut - ein Schnappschuß von der Aufstiegsfeier 2004, der nun tatsächlich zur Konkurrenz für all die jungen Muscle-Boys wurde und mi den Monatssieg einbrachte.

Als ich dann zum letzten Heimspiel im Mai nach Dresden zur Endausscheidung eingeladen wurde, rechnete ich mir keine besonderen Chancen aus. Wer wählt schon einen Kerl, der angetrunken in grellem Dynamo-Outfit posiert, mit italienischem Vornamen und dann auch noch gebürtiger Wessi? Nur die, die auch wissen, was dahinter steckt - mehr nämlich als bei den Mitbewerber, die in der großen Dynamo-Fan-Masse gänzlich unbekannt waren. Manch einer der anderen Bewerber war noch nie bei einem Auswärtsspiel dabei gewesen.

Die Überraschung war groß, als mein Name als der des Siegers verkündet wurde. Ich bedankte mich brav und brachte Monate später, den preis - ein Foto-Shooting des Hauptsponsors - über die Bühne. Auf den Punkt brachte es einer, der mich gar nicht kannte und trotzdem für mich gestimmt hatte: Von allen Bewerbern hätte er denjenigen gewählt, der wohl mit Dynamo am meisten "am Hut" habe.

Artikel bewerten
3.0 (550 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Heiko Schomberg 28.02.2008
Im Aufstiegsjahr hatte ich das Vergnügen, dem Ligaspiel (nicht der DFB-Pokalbegenung) gegen Karlsruhe beizuwohnen.... es wurde wahrhaft ein interessentanter Besuch, der leider fast jedes Klischee bediente.... und ich fahre seit 25 JAhren zu Fussball...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH