Fußball im "Dritten Reich" Farbe im Dunkel der Sportgeschichte

Fußball im "Dritten Reich": Farbe im Dunkel der Sportgeschichte Fotos
Ralf Klee

Die Mannschaft von Sepp Herberger kickt in Zagreb gegen Kroatien - und ein Soldat drückt für Erinnerungsfotos auf den Auslöser seiner Kamera. So entstehen 1942 wahrscheinlich einige der ersten Farbfotos des Nationalteams. Veröffentlicht werden sie erst 65 Jahre später. Von Ralf Klee

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Der Sport produziert täglich neue Geschichten und Erinnerungsstücke. Verschwitzte Trikots ("matchworn"), entwertete Eintrittskarten und struppige Rasenstücke aus allen bekannten und unbekannten Arenen der Welt warten auf ihren Sammler. Das Horten solcher Memorabilia in Schubladen, Vitrinen und Devotionalienkammern ist selbst zum Volkssport geworden. Ein Volkssport, an dem die Auktionshäuser gut verdienen, denn selbst für unbedeutende Kuriosa lassen sich Käufer finden. Manchmal jedoch versteckt sich unter dem Berg des Memorabilia-Tands ein Kleinod. Eine solche Rarität wurde kürzlich beim Internet-Auktionshaus Ebay angeboten.

In der Beschreibung des Artikels hieß es knapp: "5 original Farbdias: Eine militärische Großveranstaltung - Fußballspiel im Winter in Kroatien mit Hunderten von Zuschauern, alles Soldaten in Uniform. Scheint ein wichtiges Ereignis gewesen zu sein."

Das war es. Die Aufnahmen eines deutschen Luftwaffensoldaten zeigen das Fußball-Länderspiel zwischen Kroatien und Deutschland im Januar 1942 in Zagreb. Die Qualität der Bilder ist nach heutigem Maßstab durchschnittlich. Der grelle Schnee scheint alle Farben verschluckt zu haben und die einzelnen Spieler - aufgenommen aus einem fernen Zuschauerpulk - sind kaum zu erkennen. Man benötigt schon eine starke Lupe, um einige Akteure zu identifizieren. Torwart Helmut Jahn vom Berliner SV 92 fällt durch seinen dunklen Wollpullunder auf, Stürmerstar Edmund Conen (Stuttgarter Kickers) verrät sich durch seine Halbglatze, der Wiener Spielführer Hans Mock ist mit Blumengebinde erkennbar.

Dennoch sind die Amateuraufnahmen von kulturhistorischem Wert. Es sind vermutlich die ersten Farbfotos der deutschen Nationalmannschaft und sie transportieren Geschichte. Der Satellitenstaat Kroatien war erst im Jahr zuvor gegründet worden, nachdem deutsche Truppen in das Königreich Jugoslawien einmarschiert waren. Unter dem Schutz Hitlers gelangte die faschistische Ustascha um Ante Paveli? an die Macht. Der Führer des "Unabhängigen Staates Kroatien" dankte mit der Entsendung kroatischer Truppen an die Ostfront und der Aufnahme von Sportbeziehungen.

Heiterer Fußball für schwere Zeiten

Drei Länderspiele trugen die beiden Nationen bis Kriegsende gegeneinander aus, die alle von Sepp Herbergers Mannschaft gewonnen wurden. In Wien siegte 1941 die Auswahl des "Reichfachsamtes Fußball" - der DFB war formal aufgelöst - mit 5:1. Im folgenden Jahr gewann die Mannschaft dann noch mit 2:0 in Zagreb und 5:1 in Stuttgart. Solche Erfolge waren wichtig, denn die Bevölkerung bedurfte einer dringenden Narkotisierung - nächtliche Luftangriffe und die Vision eines langen Krieges fingen an, die Bevölkerung zu belasten.

Zerstreuung suchte wohl auch der Luftwaffensoldat, der sich am 18. Januar 1942 in Zagreb das Länderspiel ansah - eigentlich ein Heimspiel, denn unter den 20.000 Zuschauern sollen sich laut Fachblatt "Der Fußball" "viele deutsche Soldaten und Angehörige der deutschen Volksgruppe" befunden haben. Fest steht, dass der Soldat fünf Mal auf den Auslöser seiner Kamera drückte, um private Erinnerungen auf dem teuren Farbfilm festzuhalten. Es wurden Zeitdokumente, die heute das Fenster in die Vergangenheit öffnen.

Der seit 1933 vorgeschriebene Deutsche Gruß ist bei Spielern und Zuschauern deutlich zu erkennen, ebenso die Traube der Fotografen, die diesen symbolträchtigen Augenblick für Tageszeitungen und Sportmagazine einzufangen versuchen. Schweift der Blick weiter über das Bild, entdeckt man einen Kameramann der Wochenschau, der sein Stativ in Höhe der Mittellinie aufgebaut hat. Im Hintergrund sieht man die kroatische Fahne und das Hakenkreuzbanner schlapp am Fahnenmast hängen, was in der Retrospektive wie ein Menetekel wirkt.

So ging das Dritte Reich unter, doch der kleine Diafilm überstand den Weltkrieg. 65 Jahre später wurde er bei Ebay veräußert. Acht Gebote gingen ein, am Ende erhielt ein Hamburger Sportwissenschaftler den Zuschlag und den Zelluloidstreifen. Geschichte für 136 Euro - plus Versand.

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