Fußball-Pokalfinale 1909 Kick it like Kronprinz

Fußball-Pokalfinale 1909: Kick it like Kronprinz Fotos
Broder-Jürgen Trede

Ein Silberbecher machte die Deutschen zu einem Volk von Kickern. Vor 100 Jahren stiftete Wilhelm von Preußen den Kronprinzenpokal und verhalf damit dem Fußball zum Durchbruch - der bis dato als "Fußlümmelei" und "englischer Aftersport" verschrien war. Von Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede

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Der Hohenzollernprinz Wilhelm von Preußen ließ sich nicht lumpen. Um den Fußballsport in Deutschland zu fördern, schenkte er dem DFB einen Wettbewerb - samt Pokal aus Silber. Über den glänzenden Korpus des Gefäßes wurde eine Gravur gesetzt, zur steten Erinnerung an den edlen Spender: "Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen stiftete im Jahre 1908 diesen Pokal als Wanderpreis für Fußball-Wettspiele zwischen den repräsentativen Mannschaften der Landesverbände des Deutschen Fußball-Bundes".

Das persönliche Engagement des Kronprinzen adelte die "Fußlümmelei", für die viele Deutsche den Fußball hielten - deutschnationale Kreisen verhöhnten ihn gar als "englischen Aftersport". Der neue Kronprinzenpokal stellte deshalb im Wortsinn einen pfiffigen Königs- oder Kaiserweg dar: Die Aufeinandertreffen der hochkarätigen Auswahlmannschaften boten viel attraktivere Spiele als der übliche Vereinsfußball und stießen auf enormes Publikumsinteresse. Einzige Bedingung Wilhelms: das Finale seines Wettbewerbs habe stets in Berlin stattzufinden.

So trafen sich denn am 18. April 1909 die Auswahlteams aus Mitteldeutschland und Berlin-Brandenburg zum ersten deutschen Pokalendspiel. Tausende Zuschauer, für damalige Verhältnisse eine unerhörte Kulisse, strömten auf den Viktoria-Sportplatz an der Eisenacher Straße in Berlin-Mariendorf. Sie waren per Fahrrad, zu Fuß oder mit der Tramlinie 99 gekommen. Das Eintrittsgeld betrug 2 Mark für Erwachsene und 50 Reichspfennig für Kinder. Die Stimmung auf der Anlage war kolossal, denn sowohl Experten als auch der einfache Zuschauer rechneten mit einem Sieg der Einheimischen. Eine Fehleinschätzung: Mitteldeutschland siegte verdient mit 3:1.

Erst Finale, dann Gelage

Der guten Laune tat das Resultat keinen Abbruch. Alle waren sich einig, dass vor allem der Fußball gesiegt habe, und gemeinsam feierten Anhänger, Funktionäre und Spieler noch lange nach dem Abpfiff im Festsaal von Habel's Brauerei in der Bergmannstraße bei einem zünftigen Trinkgelage. Unter üppig verziertem Stuckwerk erhob man die Gläser zu Ehren von Kaiser, Kronprinz und Kickern.

Auch in den Folgejahren gab es an der Spree großartige Spiele zu feiern. 1911 hatten sich die Vertretungen Norddeutschlands und Süddeutschlands ins Finale vorgekämpft. Bereits nach zwei Minuten schossen die Norddeutschen das Führungstor, erst in der zweiten Hälfte gelang dem Süden durch einen Schrägschuss Gratzmüllers der Ausgleich. Beim Stand von 1:1 ging es in die Verlängerung. Dramatische Szenen spielten sich vor beiden Toren ab. Süddeutschland ging in Führung und sah lange wie der sichere Sieger aus, doch eine halbe Minute vor Schluss erzielten die Norddeutschen doch noch den Ausgleich. Das Spiel ging nun in die zweite Verlängerung. Elfmeterschießen? Das war ferne Zukunftsmusik. Stehvermögen war gefragt, beim Publikum und den Akteuren. In den folgenden 20 Minuten gelang es den Norddeutschen, auf 4:2 davonzuziehen und erstmals den Kronprinzenpokal zu gewinnen. Klasse und Dramatik - dafür stand der Wettbewerb, der immer beliebter wurde.

Das erlebten die Berliner einmal mehr 1912, als Berlin-Brandenburg gegen Süddeutschland antrat. Austragungsort war diesmal der Union-Sportplatz an der Kurfürstenstraße, die Ansetzung auf dem tiefen, eigentlich Endspiel-unwürdigen Geläuf rief die Kritik der Sportpresse hervor: "Da ist vor allem der Platz (Union) zu rügen, auf dem trotz der Unmenge von Sägemehl die Spieler bis zum Knöchel einsanken. Dann reichte der Raum für die über 6000 Zuschauer lange nicht aus, außerdem waren die Zu- und Ausgänge schmutzig." Doch das störte die Auswahlmannschaften wenig. Sie zeigten ein mitreißendes Spiel. Am Ende siegten die Süddeutschen um den jüdischen Karlsruher Nationalspieler Julius Hirsch - er wurde 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet - knapp mit 6:5.

Grüße an die Gewinner von der Front

Nicht zuletzt durch Spiele wie dieses befand sich der Fußball nun auf dem Weg zum Volkssport, er war gesellschaftsfähig geworden - dank Kronprinz und gewiefter Öffentlichkeitsarbeit des DFB. Wilhelm war aber weit mehr als ein wertvolles Aushängeschild des Verbandes. Er, der das Fußballspielen in England kennen und lieben gelernt hatte, sah sich selbst als "Sportsman". Ein royaler "Primus inter Pares".

Wenn englische Mannschaften in Berlin Gastspiele gaben, fieberte er an der Außenlinie mit. Natürlich sah er sich auch die Partien um seinen Pokal an und unterhielt sich nach dem Schlusspfiff angeregt und fachkundig mit den Kickern. Als der Norddeutsche Fußballverband 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, den Kronprinzenpokal gewann, konnte Wilhelm allerdings nicht dabei sein. Er ließ sich an der Front von seinen Adjutanten jedoch genau über das Resultat informieren und sandte der siegreichen Mannschaft umgehend "aus dem Felde" ein Glückwunschtelegramm. Dazu hatte Wilhelm noch ein besonderes Give-away vorbereitet: Ein fotografisches Portrait mit eigenhändiger Widmung. Als die siegreiche norddeutsche Kronprinzenmannschaft eine Woche nach dem Finale daheim auf der Hamburger Hoheluft gegen eine Auswahl der Regimenter 31 und 76 antrat, konnten sich die zahlreichen Zuschauer in der Halbzeit nicht nur an Militärmusik erfreuen, sondern auch den Pokal und vor allem das signierte Lichtbild des Kronprinzen in einer Vitrine bestaunen. Die Buttjes drückten sich die Nase platt.

Wilhelms geliebte Auswahl vom Verband Berlin-Brandenburgischer Ballspielvereine konnte seinen Heimvorteil allerdings nur selten nutzen. Eine Parallele zur heutigen Situation: Seit der DFB das Finale 1985 dauerhaft nach Berlin vergab, schafften nur die Hertha Amateure (1993) und Union Berlin (2001) den finalen Sprung bis ins Olympiastadion. Beide Teams unterlagen dabei - 0:1 gegen Leverkusen bzw. 0:2 gegen Schalke 04 - und setzten damit die unglückliche Berliner Tradition fort. Ihre Vorgänger im Kampf um den Kronprinzenpokal, große Nationalspieler wie Willi Worpitzky, Paul Hunder oder Helmut Röpnack, vergeigten mit schauriger Regelmäßigkeit das Finale. Wilhelm musste bis zum Pfingstsonntag 1918 warten, ehe die Berliner nach vier Finalpleiten endlich Hand an die silberne Trophäe legen durften. 3:1 besiegte man die Auswahl des Norddeutschen Fußballbundes.

Der Jubel war allerdings bescheiden, denn es herrschte seit vier Jahren Krieg, und in den Schützengräben kämpfte die Jugend der Welt gegen Giftgas und Granaten, während in deutschen Städten die Bevölkerung hungerte. Wenige Monate später war die Monarchie am Ende. Der Kaiser musste abdanken und beschäftigte sich fortan mit Holzhacken in seinem Exil im niederländischen Doorn. Folgerichtig verlor auch der Kronprinzenpokal seinen Namen. Verliehen wurde die Silber-Trophäe aber weiterhin: Die Regionalauswahlen kickten fortan unter dem Etikett "Bundespokal" (1919-1933) und "Reichsbundpokal" (bis 1942) um den schmucken Henkelpott.

1950 übernahm der DFB den Wettbewerb samt Trophäe als "Länderpokal der Landesverbände". Spielberechtigt waren zunächst nur Amateurfußballer, heute sind es Jugendspieler unter 21 Jahren. Und wo befindet sich der altehrwürdige Pokal derzeit? Aktuell ist er im Besitz des Titelträgers von 2008, der Auswahl des Südwestdeutschen Fußballverbands. Die Widmung des Kronprinzen ist ein wenig verwittert aber noch immer zu lesen, der Sockel mit Platz für die Siegerplaketten wurde inzwischen allerdings mächtig verlängert.

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1.
Markus Durchlaub 31.05.2009
http://de.wikipedia.org/wiki/Ur-Länderspiel Nur weil diese Länderspiele nicht vom DFB organisiert wurden, werden sie von diesem nicht anerkannt. Zumindest das Spiel Deutschland - England vom 23.11.1899 könnte aber als solches gewertet werden.
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