Fußball-Sammelalben "Suche Kicker-Bild, biete meine Tante"

Fußball-Klebebilder umgibt die Aura des Unvergänglichen. Millionen sammeln und tauschen die Kicker-Sticker - und ein italienischer Konzern verdient Millionen mit dieser Leidenschaft. Manche Fans verkaufen für ein fehlendes Bild sogar ihre Verwandten.

Andreas Wittner

"Biete Fußballsammelbildchen und obendrauf noch meine Tante..."

Während der Fußball-WM 2002 klingelte im Würzburger Sportarchiv Kopp-Wittner das Telefon. Am anderen Ende meldete sich der NDR: Der Sender wolle noch am selben Abend einen Beitrag über Fußballsammelbilder-Verrückte senden. Ich solle den Redakteuren doch bitteschön jemanden nennen, der exzessiv WM-Sticker von Panini sammele - am besten möglichst vor der Haustüre des NDR, also in Hamburg. Die Leute vom Fernsehen hatten Glück. Ich konnte ihnen die Handynummer eines jungen Deutschen türkischer Abstammung vermitteln, der sich damals täglich in einer Kneipe in Altona mit seinen Sammlerkollegen zum Bildertausch traf. Dieser Panini-Freak war der junge Regisseur Fatih Akin. Damals war er nur Cineasten bekannt, heute kennt ihn das ganze Land.

Soviel zur Frage, wer heute alles bunte Bildchen in Sammelalben klebt.

Während noch in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren hauptsächlich Kinder Fußballbilder sammelten, stehen seit einigen Jahren auch Erwachsene am Zeitungskiosk oder an der Tankstellenkasse Schlange für die bunten Klebebildchen. Auch ein Regisseur, der mit einem seiner filme schon mal für den Oscar nominiert war.

Nikotin- mit Sammelsucht

Panini ist eine italienische Firma, die seit rund zwei Jahrzehnten den Sammelbildermarkt weltweit beherrscht. Das war nicht immer so. Noch um 1980 erschienen zum Start der Bundesligasaison Sammelbilder von unterschiedlichen Herstellern. Die Geschichte der Fußball-Sammelbilder aber geht viel weiter zurück - bis in 19. Jahrhundert.

Bereits im Jahr 1892 gab es in Deutschland in der berühmten Liebig-Reklame-Bilderserie Sammelbilder mit Fußballspielszenen, die damals den Suppenbrühwürfel-Packungen des gleichnamigen Kölner Fleischextraktherstellers beilagen. Auch in der Serie "Jungdeutschland" des Kakao- und Schokoladenherstellers Stollwerk befanden sich im Kriegsjahr 1915 kolorierte Fußballmotive. Die erste bedeutende Epoche der Klebebildchen begann allerdings nach dem Ersten Weltkrieg, zeitgleich mit dem rasant einsetzenden ersten großen Boom der Fußballbewegung Mitte der zwanziger Jahre. Damals nahmen sich hauptsächlich die Zigarettenhersteller der Leidenschaft der Sammler an und verbanden Nikotin- mit Sammelsucht. Eine beeindruckende Vielzahl an kolorierten Fußballsammelbilderserien legte damals die Dresdener Zigarettenfabrik Greiling ihren Produkten bei.

Verbot im Jahr 1962

"Sammler sind verrückt," sagt Stefan Jordan, von der Historischen Kommission bei der Akademie der Wissenschaften in München. "Nicht so verrückt wie 'Messies', die nichts wegwerfen können, weil alles für sie gleich wichtig ist. Sammler sind anders verrückt, weil sie das Gesammelte oft für wichtiger nehmen als die Gegenstände, die die Gegenwart bietet." So gibt es heute nicht wenige Sammler, die die Fußballbilder-Serien bis zurück in die Weimarer Republik sammeln, auf die heutigen Panini-Serien jedoch nur geringen Wert legen.

Nachdem während des Zweiten Weltkrieges die Produktion der Kicker-Sticker aufgrund von Papiermangel fast gänzlich eingestellt worden war, erlebte die Bewegung Anfang der fünfziger Jahre, spätestens aber nach der gewonnenen Weltmeisterschaft 1954 eine überwältigende Renaissance. Zahlreiche verschiedene Alben wurden nach dem "Wunder von Bern" von Zeitungsverlagen, Zigarettenfabriken, Kaugummi- und Schokoladenherstellern auf den Markt geworfen. Ob Jung oder Alt - jeder, der Morlock, Rahn und die Walter-Brüder damals nicht live im Stadion hatte bewundern können, wollte sie wenigstens in seinem Sammelbilderalbum verewigt wissen.

In den folgenden Jahren ging diese Sammelleidenschaft jedoch deutlich zurück. Das hing auch damit zusammen, dass die Beilagenbilder ab 1955 per Gesetz in Deutschland verboten wurden - vermutlich wegen Wettbewerbsgründen. Während der WM 1962 in Chile war der absolute Tiefpunkt erreicht - es gab in Deutschland überhaupt keine Fußballsammelbilder zum Einkleben in ein Album.

Der Einzige sein

Mit der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 änderte sich das schnell wieder. Sicker, Eikon, Kunold und Bergmann hießen nur die bekanntesten Verlage, die Serien zum jährlichen Bundesligastart auf den Markt brachten. Gegen Ende der sechziger sechziger Jahre entwickelte sich der Bergmann-Verlag aus Unna in Deutschland zum Marktführer. Die große Zeit der Tütenbilder setzte ein. Hauptsächlich Kinder und Jugendliche waren es, die nun an den Kiosken und beim Schreibwarenhändler einen Großteil ihres Taschengeldes über die Theke schoben und dafür die Tüten mit den begehrten Bildern der neuen Bundesligastars erhielten.

Egal ob Beilagen- oder Tütenbilder: Ziel der Sammler war weiterhin, das Sammelbilderalbum so schnell wie möglich voll zu kriegen. "Die wahren Sammler wollen besitzen - und zwar komplett", schrieb Stefan Erhardt, Herausgeber des "Magazins zur näheren Betrachtung des Fußballspiels - Der Tödliche Pass" in einem Beitrag zum Thema "Fußball sammeln". "Die Vollständigkeit ist die wichtigste Motivation, sicherlich auch die Hoffnung, dann einziger zu sein, alleiniger Exponent einer bestimmten Konglomeration von Exponaten."

Kampf der Juristen

Zur WM 1974 konnte man in Deutschland erstmals Fußballsammelbilder von Panini kaufen. Die erste Bundesligaserie des italienischen Verlages erschien im Jahr 1979. Es dauerte nur bis Mitte der achtziger Jahre, dann hatte Panini fast alle Konkurrenten verdrängt. Bis heute werden nahezu alle in Deutschland erhältlichen Sammelbilder im italienischen Modena gedruckt.

Nicht nur in den Fußballstadien und bei den TV-Übertragungsrechten hat sich die Fußballleidenschaft zum Millionengeschäft entwickelt. Gleiches gilt heute auch für das Geschäft mit der Sammelleidenschaft für die Klebebildchen - und das liegt mittlerweile fast komplett in den Händen der italienischen Firma. Nur dem Weltkonzern Ferrero ist es heute noch möglich, alle zwei Jahre zu den großen internationalen Turnieren eine Serie mit Bildern der Deutschen Nationalmannschaft herauszubringen. Seit sich Franz Beckenbauer Mitte der siebziger Jahre nach einem Streit um ein persönliches Honorar der Sammlerszene verweigerte, hat sich dieses Metier zum Kampf der Juristen entwickelt. Ferrero musste sich im Zusammenhang mit seiner Sammelbilderserie im Vorfeld er WM 2006 gerichtlich gegen eine einstweilige Verfügung der FIFA durchsetzen.

Warum das Recht, Fußball-Klebebildchen herzustellen und damit die Sammler und Fans zu bedienen, so begehrt ist, verdeutlicht ein Beispiel, das zeigt, wie weit Sammler gehen, um an das letzte noch fehlende Bildchen zu kommen: Der spanische Schriftsteller und leidenschaftliche Real-Fan Xavier Marias bekannte in einem Interview mit dem SPIEGEL, dass er in seiner Kindheit sogar seine Tante gegen ein Fußballsammelbild eingetauscht habe.

Sammelsüchtig ist er noch heute. "Neulich habe ich mir auf dem Flohmarkt das Sammelbilder-Album der Saison 1958/59 beschafft, das ich schon als Kind besass", bekennt Marias in dem Interview. "Großartig, nicht? Ich weiß noch: Es war ganz schwierig, das Bild von Mendonca, einem Spieler von Atletico Madrid, zu bekommen. Ich habe es im Tausch erhalten gegen viele andere Bilder, einschließlich des kleinen Fotos meiner Tante Tina. Sie war sehr hübsch. Einer der Jungen mochte sie halt. Jetzt ist sie 80. Ich habe mich neulich in einem Artikel bei ihr entschuldigt, dass ich sie mit sieben Jahren für einen Fußballspieler verkauft habe."

Die Entschuldigung in allen Ehren - aber wen hätte Marias verkauft, wenn ihm ein Spieler vom eigenen Club, von Real Madrid, gefehlt hätte?

insgesamt 2 Beiträge
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Christian Peters, 21.12.2007
1.
Es gab sehr wohl ein Sammelalbum vor der WM 1962 in Chile. Siehe unter http://volksparkstadion.twoday.net/.
Andreas Wittner, 22.12.2007
2.
Hallo Christian Peters, danke für Ihren Beitrag. Die Automatenbilderserie mit den Motiven der damaligen deutschen Spitzenfußballer war mir bekannt - jedoch nicht, dass es auch ein hierfür vorgesehenes Album gab. Interessant wäre es, wenn sie ein Bild des Albums einstellen würden. Gruß Andreas Wittner
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