Fußball-WM 1990 "Die ganze Welt schaute auf meinen rechten Fuß"

Fußball-WM 1990: "Die ganze Welt schaute auf meinen rechten Fuß" Fotos
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Er schoss das wichtigste Tor der jüngeren deutschen Fußballgeschichte: Auf einestages erinnert sich Andreas Brehme an das WM-Finale 1990 in Rom gegen Argentinien und verrät, was ihm in der entscheidenden 85. Minute durch den Kopf ging - der längsten Minute seiner Spielerkarriere. Von

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Ich stand etwa 40 Meter von Rudi Völler und José Serrizuela entfernt, als der Schiedsrichter ein Foul pfiff. Er zeigte auf den Punkt und verursachte damit ein kleines Chaos. Die Argentinier diskutierten aufgeregt mit dem Schiedsrichter und schlugen den Ball weg. Es dauerte sieben, acht Minuten, bis ich endlich schießen konnte.

Den Elfmeter konnte man geben, musste man aber nicht unbedingt. Allerdings war uns vorher bereits ein ganz klarer Elfer nach einem Foul an Klaus Augenthaler versagt worden. Das gleicht sich eben immer wieder aus. Wir hätten das Spiel auch lieber in der normalen Spielzeit gewonnen und nicht durch einen Elfmeter.

Betrachtet man die ganze Partie, hätten wir schon nach zwanzig Minuten 3:0, 4:0 oder 5:0 führen müssen. Wenn eine Mannschaft wie Argentinien in so einem Finale keinen einzigen Eckball hat und kaum nach vorne kommt, keine einzige Tormöglichkeit in 90 Minuten, dann muss man nicht an unserem verdienten Sieg zweifeln.

Auge in Auge mit dem Elfmetertöter

Mir war dann sofort klar, dass ich schießen musste. Es werden immer drei Schützen für ein Spiel festgelegt: Rudi Völler - aber der war ja gefoult worden, und derjenige sollte nie selbst schießen. Dann Lothar Matthäus - aber der fühlte sich nicht gut. Für uns war wichtig, dass derjenige, der hingeht, voller Selbstbewusstsein ist und den Elfer verwandeln kann. Also ging ich.

Aber dann dieses Chaos! Am schlimmsten war, dass die Argentinier den Ball wieder wegschossen, als ich ihn mir zurechtgelegt hatte. Ich musste ausblenden, dass die Argentinier versuchten, mich zu verunsichern - und dass die ganze Welt, Millionen von Fernsehzuschauern, auf mich schaute. Rudi Völler kam zu mir und sagte: "So, den machst du jetzt rein, dann sind wir Weltmeister." "Na, schönen Dank", antwortete ich. "Werd's mir zu Herzen nehmen."

Der argentinische Torwart Sergio Goycochea war ja ein richtiger Elfmeter-Killer, er hatte in diesem Turnier schon mehrere Strafstöße gehalten. Beim Anlauf dachte ich: Ruhig bleiben! Nur auf den Schuss konzentrieren! Dann schoss ich mit rechts. Als der Ball auf den Innenpfosten zu lief, hatte ich eine Schrecksekunde - aber dann war er drin.

"Die Argentinier waren leider sehr defensiv"

Was folgte, war unbeschreiblich. Die Bilder vom Torjubel hat man ja gesehen. In diesem Moment wussten wir alle, dass wir Weltmeister waren. Im Nu lagen sechs, acht Mitspieler auf mir, aber das merkt man in dem Moment nicht so. Damals waren alle ja noch durchtrainiert und hatten ein paar Kilo weniger als heute. Bis zum Abpfiff neun Minuten später spielten wir locker weiter. Die Argentinier waren da schon in Unterzahl, die ließen wir nicht mehr an den Ball.

Man muss ehrlicherweise sagen, dass es kein gutes Finale war. Das wissen wir alle. Wir haben versucht, ein gutes Spiel zu machen, aber die Argentinier waren leider sehr defensiv und machten das Spiel kaputt, die wollten die Entscheidung im Elfmeterschießen herbeiführen. Trotzdem waren wir nach dem Spielende überglücklich und stolz. Für einen Fußballer ist Weltmeister der größte Titel, den er erringen kann.

Vier Jahre vorher, im WM-Finale in Mexiko, hätten wir es nicht unbedingt verdient gehabt, Weltmeister zu werden. Damals hatten die Argentinier die ganze WM überragend gespielt. Wir hätten das Spiel sogar gewinnen können - wenn auch nicht verdient - wenn es in die Verlängerung gegangen wäre. Aber wir wollten blind nach vorne nach dem 2:2 und kriegten eine Minute vor Schluss ein Kontertor. Das hätte nicht passieren dürfen. Damals brachten wir uns durch eigenes Verschulden um den Titel.

Späte Genugtuung

Nun, in Rom, wieder gegen die Argentinier, war es auch eine späte Genugtuung. In den vier Jahren seit Mexiko waren wir gereift, wir waren alle vier Jahre älter, wir hatten ein super Alter. Und am wichtigsten: In der Mannschaft herrschte eine unheimliche Harmonie.

Wir verstanden uns alle hervorragend miteinander, da gab es keinen Neid und keine Konkurrenz. Im Mannschaftshotel teilte ich das Zimmer mit Lothar Matthäus. Wir kannten uns ja schon von Bayern München und von Inter Mailand, wo wir auch immer zusammen auf einem Zimmer waren. Aber auch die anderen zwanzig Spieler waren alle gleichwertig, da hätte jeder eingesetzt werden können.

Außerdem war es toll, in Italien zu spielen: Bei den Spielen in Mailand hatten wir jedes Mal 80.000 Zuschauer, darunter 70.000 Deutsche. Das ist schon ein ganz anderes Gefühl, als fern der Heimat in Mexiko zu spielen.

"Im Osten fieberten sie ja alle mit"

Unser Teamchef Franz Beckenbauer war eine absolute Respektsperson. Ihm war es gelungen, Lockerheit ins Team zu bringen. Schon nach dem ersten Spiel gegen Jugoslawien bekamen wir eine Souveränität, die wirklich einmalig war. Der Franz sagte immer: "Jungs, denkt dran: rackert! Wir sind hierher gekommen, weil wir Weltmeister werden wollen!"

Das war immer unser Ziel. Auch deshalb, weil wir ein halbes Jahr nach dem Mauerfall noch viel mehr Zuschauer zu Hause hatten. Im Osten fieberten sie ja alle mit. Gleichzeitig ließen wir uns aber überhaupt nicht aus der Ruhe bringe, vor keinem Spiel. Wir gingen mit der richtigen Kaltschnäuzigkeit und Cleverness ans Werk.

In der Kabine, nach dem gewonnenen Finale, lagen wir uns alle in den Armen. Den Pokal in den Händen zu halten, war dann ein ganz besonderes Gefühl. Der war richtig schwer, das Original ist ja aus massivem Gold, ich schätze, der wiegt fünf Kilo.

Wenn ich heute die damaligen Mannschaftskollegen treffe, fühlen wir uns immer noch als Weltmeister. Es war sicher kein großes Spiel, aber es ging um den Titel, und da bin ich dann schon stolz, dass ich das entscheidende Tor gemacht habe. Sicher das wichtigste Tor meiner Laufbahn.

Aufgezeichnet von Florian Harms und Ulrich Booms

Welche Erinnerungen haben Sie an die WM 1990? An die Tuniere 1994 in den USA oder 1998 in Frankreich? Waren Sie bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea mit dabei, als die deutsche Mannschaft bis ins Finale vorstieß und erst dort Brasilien unterlag? Und wie haben Sie vergangenes Jahr die WM hier rim eigenen Land erlebt? Teilen Sie Ihre Fotos und Erinnerungen an die Fussball-Geschichte mit den Lesern von einestages!

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Gregor Rosen 12.11.2007
Laut Wikipedia wiegt der Fifa WM-Pokal nicht fünf, sondern 6,175 Kg. Er soll zwar aus reinem Gold hergestellt sein, ist aber sicher nicht massiv, sondern hohl. Gold wiegt fast 20 gr. pro ccm. Sehr grob sei das Volumen des Pokals mit 10 Litern eingeschätzt. Bei einem Reinheitsgehalt von 18 Karat wären das dann 7,5 Liter reines Gold. Allein das Gold, ohne die Kupfer und Silberanteile im Pokal, wöge bei einem massiven Pokal also 150 Kg. Da würde das Pokalstemmen zu einer weiteren sportlichen Topleistung. Der Goldwert eines massiven Pokals dieser Größe läge dann bei einem Goldpreis von 20 Euro pro Gramm bei 3 Mio Euro, statt der ja auch noch sehr stattlichen gut 90.000 Euro (6125 gr. x 18 Karat / 24 Karat x 20 Euro / gr.).
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