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Fußball-WM in Brasilien Die neuen Herren des Strandes

Marko Schubert in Brasilien: Reise durchs Fußball-Land Fotos
Marko Schubert

Ausgerechnet als Deutschland 2006 die Fußball-WM im eigenen Land feierte, verschlug es Marko Schubert ins brasilianische Salvador da Bahia. Er bekam einen Vorgeschmack darauf, was die deutsche Elf erwartet, wenn sie genau dort in wenigen Tagen zu ihrem ersten WM-Spiel antritt. Von

Die Fußball-WM 2006 auf deutschem Boden! Es hätte ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein! Genau zu dieser Zeit befand ich mich mit meiner Freundin auf Weltreise. Das Eröffnungsspiel sahen wir auf einem Miniaturfernseher mit verrauschtem Bild in einem bolivianischen Gebirgskaff und in der einzigen Kneipe, in der Fußball lief. Aber ich gab nicht gleich auf!

Es wurde dann doch die schönste Reise meines Lebens. Bei den vom Ballfieber infizierten Argentiniern und vor allem in Brasilien wurden wir mit einer unglaublichen Herzlichkeit empfangen. Überall verstand man ohne Worte, dass ich ein verzweifelter Kerl war. Denn schließlich fand die WM in meinem eigenen Land statt, und ich war nicht direkt dabei.

"Final? Brasil - Alemanha!"

Wir blieben bis zum Ende des Turniers. Alle, die wir trafen, gönnten uns die Erfolge. Nach langer Zeit wurde ich durch Klose, Ballack und Podolski unter dem Zuckerhut daran erinnert, aus welch einem tollen Land ich eigentlich kam. Überall umarmten uns Menschen und riefen: "Final? Brasil - Alemanha!"

Ende Juli 2006. Brasilien war tränenreich ausgeschieden und Italien Weltmeister geworden. Deutschland feierte noch immer den dritten Platz und sich selbst. Ich hatte gerade "Herren des Strandes" von Jorge Amado gelesen. In Kürze würden wir Salvador da Bahia erreichen, die Stadt der "Negerheiligen", der Ort mit dem seltsamsten Menschenschlag Brasiliens, in dem kräftige Mulatten und schwarze Vagabunden ihr Unwesen treiben, wie Amado die Szenerie in seinem Buch beschreibt. Zwar gilt Amado als einer der bedeutendsten Autoren Brasiliens, doch aus deutscher Sicht ist seine Wortwahl bei der Beschreibung von Menschen anderer Hautfarbe alles andere als politisch korrekt.

Salvador, bis 1763 Hauptstadt von ganz Brasilien, ist zum Inbegriff der kulturellen, religiösen und musikalischen afrikanischen Seele des Landes geworden. Fast 80 Prozent der Einwohner sind Afrobrasilianer.

Das neue Gefühl des Andersseins

Als wir in der Stadt ankamen, hatte ich das Gefühl, dass uns jeder anstarrte. Mit meinem flatternden Blondhaar fühlte ich mich, als sei ich soeben in Zentralafrika abgeworfen worden. Ein Krakeeler zeigte mit dem Finger auf mich und brüllte etwas, was den halben Busbahnhof zu erheitern schien. Zum ersten Mal im Leben spürte ich, wie es ist, "anders" zu sein. Doch niemand krümmte uns ein Haar. Mit unerwarteter Herzlichkeit erklärte man uns, wie wir ins Zentrum gelangten.

Die noch im 17. Jahrhundert größte Stadt der Südhalbkugel, heute mit fast drei Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole des Landes, ist für Fußballfans in diesem Sommer besonders anziehend. Dort findet nämlich bei der WM 2014 das erste Gruppenspiel der Deutschen gegen Portugal statt.

"Pelourinho", der Name des Stadtteils, den wir damals betraten, bedeutet übersetzt "Pranger". Einst war er Teil des größten Sklavenmarktes Südamerikas, wo vor Jahrhunderten die meisten der etwa fünf Millionen aus Afrika verschleppten Sklaven verkauft wurden. Nicht wenige von ihnen wurden an einem Steinpfosten ausgepeitscht. Das früher heruntergekommene Viertel wurde später aufwendig saniert und gehört seit 1985 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Tanzen auf der Straße

Die Menschen in Salvador sind für ihre Lebensfreude bekannt. Das hatten wir während der WM schon vorher im brasilianischen Fernsehen gesehen, als dort die Party mit den heißesten Rhythmen gefeiert wurde. Bereits beim Flanieren über die Pflastersteine der beeindruckend schönen Altstadt bekamen wir das zu spüren. Überall erklang Musik aus Bars und Cafés, die Menschen tanzten spontan auf der Straße. All dies wirkte nicht aufgesetzt.

Eine schwarze Figur stand vor einer Aussichtsplattform mit Blick auf die gigantische Bucht der Allerheiligen, die 1501 von Amerigo Vespucci, dem Namensgeber des Kontinents, entdeckt wurde. So viel wusste ich bereits durch Amado: In Salvador werden die tapfersten Frauen von der afrobrasilianischen Bevölkerung nach ihrem Tode als Heilige verehrt.

Zu spät bemerkten wir, dass uns bei der Hotelwahl ein Fehler unterlaufen war. Der futuristische Brunnen vor dem Fenster begann alle halbe Stunde Fontänen auszuspucken, dazu erklang laut klassische Musik. Am Tage war dies noch zu ertragen, nicht aber in der Nacht. An Schlaf war nicht zu denken. Meine Freundin lehnte sich um vier Uhr morgens mit hängenden Brüsten über die Brüstung. Der Mond übergoss den Platz mit goldgelbem Licht. In der Ferne sang jemand eine traurige Samba, und das leise Schluchzen eines Mädchens war zu hören.

Am Morgen überzog die Sonne die pastellfarbenen Häuserfassaden mit sanfter Helligkeit. Rasch verspürten wir ein grandioses Gefühl der Freiheit und freuten uns darauf, die Straßen der Stadt zu erkunden. Nach einem starken, schwarzen "Cafezinho", den wir an einem rollenden Kiosk von einem frech grinsenden Jungen gekauft hatten, kamen wir an unzähligen Galerien, Kunst- und Trödelläden vorbei. Die historischen Plätze und Kirchen zogen uns magisch in ihren Bann und ergaben prächtige Fotomotive.

Jeden Dienstag "Karneval der Kulturen"

Vorher hatten wir schon erfahren, dass wir genau zur richtigen Zeit da waren. Am Abend fand das Open Air-Fest "Dia & Noite" statt. Unglaublich, die Stadt bezahlt allwöchentlich Rhythmusgruppen, Trommler und Musiker, damit sich Touristen die Darbietungen kostenlos anhören können. In Berlin feiert man einmal im Jahr beim "Karneval der Kulturen" das Miteinander aller Hautfarben - in Salvador jeden Dienstag!

Wie schon während der Fußball-WM forderte man uns sofort auf, "verrückt zu sein". Eine ständig wachsende Menge wälzte sich durch die engen Gassen, denn nicht nur auf dem Hauptplatz sangen und tanzten die Gruppen. Die ganze Altstadt war nun eine Bühne.

Allerdings gab es noch immer keine Spur von den "Herren des Strandes". Wir sahen nirgends verwahrloste Straßenkinder in Lumpen, die Klebstoff schnüffelten, stahlen oder Frauen (und blonde Männer) belästigten. Pelourinho hat sich seit 1937, als Amados Buch erschien, deutlich verändert. Nur ein schwarzgelockter Junge, der gekonnt mit Kokosnüssen jonglierte und freudestrahlend seine blitzend weißen Zähne zeigte, erinnerte mich an die Charaktere aus Amados Roman, mit Namen wie "Hinkebein"," Gottesliebling" und "Pedro Bala", die trotz allerlei Flausen im Kopf immer einen Stern an der Stelle des Herzens trugen.

Stolze kleine Ballakrobaten

Plötzlich ahnte ich den Grund. Die Jungs fehlten im Stadtbild, weil es hier oben keine Fußballplätze gab. In den Dreißigerjahren war Fußball in Brasilien noch nicht so populär gewesen. Heute hofft jedoch jedes Kind, einmal im Leben in der "Seleção", der brasilianischen Nationalmannschaft, spielen zu dürfen. Überall an den Stränden und auf jeder noch so winzigen Grünfläche sahen wir sie spielen. Die etwas überheblich lächelnden Ballkünstler verkörperten für mich den schönsten Menschenschlag Brasiliens. Niemand liebte dieses Land so sehr wie die jungen Fußballer - die neuen "Herren des Strandes".

Bis bald, du wunderschöne Stadt! Ich werde dich im Juni 2014 wieder besuchen. In meinem Land werden derweil Millionen von Menschen ihre Heimat in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer versinken lassen und dabei keinerlei Rassismus in ihren Herzen tragen. Ich hoffe, dass Brasilien eine noch ausgelassenere Party mit der ganzen Welt feiern wird.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. übrigens
Tilmann Krieg, 24.05.2014
ist der "Junge" mit den Kokosnüssen ein Mädchen: Maria-Clara de Jesus
2. Erstaunlich,
ute heyn-baumgart , 24.05.2014
was für schlechte Fotos.
3. Danke...
Stahlfahrer Tommasini, 24.05.2014
für diesen schönen Artikel....:-)
4. Steht das da?
Air Plane, 24.05.2014
"Meine Freundin lehnte sich um vier Uhr morgens mit hängenden Brüsten über die Brüstung." Steht das da wirklich? Wer ist eigentlich Marko Schubert?
5. Über den Satz bin ich auch gestolpert...
Special Symbol, 24.05.2014
..aber gut, ich habe lieber schräge Artikel mit Charakter als diesen oft völlig weichgespülten Einheitsbrei, speziell bei Sportartikeln.
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