Fußball-Unglücksraben Ich war ein Panini-WM-Star

Was haben Mario Basler, Mehmet Scholl und Marco Reus gemeinsam? Ihre Gesichter zierten Panini-Klebebilder bei Weltmeisterschaften - zu denen sie dann doch nicht mitfuhren. einestages erinnert an die größten deutschen Kicker, die nur auf Stickern WM-Helden wurden.

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Panini

"Was? Es gab 1974 sogar ein Panini-Bildchen von mir? Davon wusste ich gar nichts. Ich hab' dafür nie einen Pfennig Honorar bekommen. Das ist ja unerhört!" Wolfgang Weber lacht. Inzwischen nimmt er es nicht mehr so schwer, dass er nicht mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft antreten durfte.

"'Wat fott es, es fott', sagen wir hier in Köln. Ewig nachzukarten bringt nichts." Die Wunden der sportlichen Enttäuschung sind verheilt. Die der menschlichen allerdings wohl doch noch nicht ganz: "Dass auch Panini mich damals fest auf dem Zettel hatte, zeigt, dass meine Ausbootung nicht nur für mich ziemlich überraschend kam. Ich erfuhr durch die Medien davon", erinnert sich Weber. "Bundestrainer Helmut Schön hatte nicht mal den Mumm, mich persönlich über seine Entscheidung zu informieren."

Und so blieb der WM-Auftritt auf einen kleinen rechteckigen Aufkleber beschränkt. Immerhin - der "Bulle", wie Wolfgang Weber in den Siebzigerjahren ehrfurchtsvoll genannt wurde, ist in bester Gesellschaft: Etliche deutsche Fußballprofis, darunter Stars wie Mario Basler, Mehmet Scholl oder Michael Ballack, ereilte dasselbe bittere Schicksal. Oft waren Verletzungen und Formtiefs Schuld daran - manchmal aber auch Streitigkeiten mit dem Trainer. Oder die falsche politische Gesinnung.

Kleben geblieben

Sein erstes WM-Album brachte der italienische Klebebildhersteller Panini 1970 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko auf den Markt. Wer sich in allen seither erschienen zwölf Sammelkollektionen nur die deutschen Kader anschaut - inklusive der DDR-Auswahl für 1974 - und mit den tatsächlichen Kaderlisten abgleicht, kommt auf insgesamt 30 Fälle, in denen aus hoffnungsfrohen Einsatzkandidaten schwer enttäuschte Zuschauer wurden. Der tragischste Fall ist wohl Sebastian Deisler: Ihn findet man gleich zweimal auf dieser Liste. Sowohl 2002 als auch 2006 musste der Mittelfeldspieler verletzungsbedingt kurz vorm Turnierstart passen.

Lediglich 30 deutsche "Fehldrucke" bei insgesamt 213 Kicker-Stickern - eigentlich eine sehr ordentliche Quote, vor allem wenn man den frühen Zeitpunkt berücksichtigt, zu dem die Spieler für die Tütchen bestimmt werden. Während die realen Nationaltrainer ihr endgültiges Personal erst kurz vor dem Turnier benennen, muss Panini seine Spielerauswahl aus produktionstechnischen Gründen schon sehr viel früher treffen. Der Redaktionsschluss für das aktuelle Album zur Brasilien-WM 2014 etwa war bereits Ende Februar.

Verletzungs-Update für Wackelkandidaten

Doch der Hersteller mit Firmensitz im italienischen Modena hat mittlerweile reichlich Erfahrung gesammelt und ein feines Gespür bei der Auswahl seiner Sticker-Kicker. Als Fachjournalisten in Deutschland noch darüber diskutierten, ob Joachim Löw vielleicht beide, nur einen oder sogar gar keinen der langzeitverletzten Legionäre Mario Gomez und Sami Khedira mit zur WM nehmen wird, hatte man sich im italienischen Modena längst auf das Khedira-Klebebild festgelegt.

Immerhin: Im Streben nach Vollständigkeit versucht Panini, die Sammler zu unterstützen. Als man 2006 fälschlicherweise auf Oliver Kahn als Nationaltorhüter setzte, Trainer Jürgen Klinsmann dann aber mit Jens Lehmann zwischen den Pfosten überraschte und dieser dann auch noch zu einem der großen Helden des Turniers aufstieg, wurden Lehmann-Sticker als erste in der Geschichte nachgedruckt und über Beilagen in Zeitschriften und Zeitungen verbreitet. 2010 gab es dann die Torhüter Manuel Neuer und Jörg Butt sowie Sami Khedira, Toni Kroos und Torschützenkönig Thomas Müller als Nachschlag.

Über klebengebliebene Kicker wie Wolfgang Weber, Kevin Kuranyi oder Mehmet Scholl, die schon im Sammelalbum gelandet waren, dann aber bei der WM doch nicht antraten, werden sich Panini-Fans in Zukunft wohl nie mehr ärgern müssen. Zur WM 2014 bietet der italienische Verlag erstmals auf seiner Website ein internationales "Verletzungs-Update" an: ein Sticker-Paket, das die falschen Klebebildhelden der aktuellen WM durch die an ihrer Stelle angetretenen Spieler ersetzt. Das Konzept scheint sich zu lohnen: Satte 71 Spieler enthält das Nachrüstpaket dieses Jahr.

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Dirk Geßner, 11.06.2014
1. Hammer und Sichel ...
... fanden sich ganz sicher nicht auf der Brust der Trikots der DDR-Nationalmannschaft. Hammer, Zirkel, Ährenkranz ... keine Sichel. Verrückt, oder?
frank wiemers, 11.06.2014
2. zaubertrank
eine goldene sichel braucht miraculix zum mispel schneiden. das war 50 v. chr. ganz so lange ist die ddr noch nicht geschichte. das sollte ein spiegelredakteur schon wissen!
Erwin Lottemann, 11.06.2014
3. Hammer und Sichel
Nö, "verrückt" ist das nicht. Nur wieder mal ein Beleg für den schlechten Bildungsstand der Journalisten bei SPON im Allgemeinen, und was das Wissen über den Osten angeht, im Speziellen. Verrückt ist daran lediglich, daß dieselben Leute dann auch Artikel über die DDR und alles, was daran alles schlecht war, verfassen dürfen, wo sie doch schon mit Hammer-Zirkel-Ährenkranz überfordert sind. Selbst wenn sie auf dem kommentierten Foto zu erkennen sind. Dieses totale Unwissen über ein Drittel des Landes und der extreme neoliberale Schwenk nach rechts war einst mein Grund, das Spiegel-Abo zu kündigen. Und ich habe bis heute keinen Grund gefunden, das zu revidieren. Und ich denke, aktuell werden viele wieder ihre Abos kündigen, weil sie aus den Produkten des einstigen "Sturmgeschützes der Demokratie" im wahrsten Sinn des Wortes "nicht mehr schlau werden". Ich denke da nur mal an die einseitige und regierungsnahe "Berichterstattung" über die Ukraine....
Martin Wiezorek, 13.06.2014
4. Der
in den 70 ern (und 60ern) war Franz Roth und nicht W. Weber
Broder-Jürgen Trede, 16.06.2014
5. Zirkel
"Hammer und Sichel" ist natürlich Blödsinn. Der Autor bittet um Verzeihung und dankt den überaus aufmerksamen Lesern. Der Patzer ist nun korrigiert, gewissermaßen sauber in die Bildunterschrift reingehämmert bzw. -gezirkelt.
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