Fußballanfänge in Deutschland Der Mann, der die "englische Krankheit" einschleppte

Fußballanfänge in Deutschland: Der Mann, der die "englische Krankheit" einschleppte Fotos
Archiv Kurt Hoffmeister

Barbarisch, schmutzig, weibisch: Im 19. Jahrhundert war König Fußball hierzulande noch als "Fußlümmelei" verpönt. Ein Film würdigt nun Konrad Koch als alleinigen Wegbereiter des Sports in Deutschland - doch ein Einzelkämpfer war der Lehrer nicht. einestages erzählt die ganze Geschichte. Von

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Der junge Mann im Tweedsakko liegt zusammengekauert und müde in einer Kutsche. Er hat eine wochenlange Fahrt aus England hinter sich und soll an diesem Tag als Lehrer am Martino-Katharineum in Braunschweig anfangen. Doch er ist spät dran. Und dann gleitet ihm kurz nach dem Aussteigen auch noch sein kostbares Paket aus den Händen. Das runde, in braunes Packpapier gewickelte Etwas hoppelt ein paarmal über den Boden und bleibt dann liegen.

Der Mann, der an diesem Morgen in Braunschweig ankommt, heißt Konrad Koch. Er, der lange auf der Insel gelebt und gearbeitet hat, soll die Schüler des Gymnasiums in Englisch unterrichten und frischen Wind in die verstaubten Klassenzimmer der Katharineums bringen. Bei sich trägt er eine runde Rarität - einen Fußball aus England. Doch das Mitbringsel ist eine Ungeheuerlichkeit: Im Kaiserreich des 19. Jahrhunderts ist das Spiel mit dem Ball verpönt. Der Sport, in dem Schienbeine verletzt werden können und Dreck an den Hosen kleben bleibt, gilt als barbarisch und undeutsch.

Konrad Koch bringt den Fußball nach Deutschland - das ist die Botschaft, die der Film "Der ganz große Traum" (ab 24. Februar in den Kinos) dem Zuschauer vermitteln will. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich allein gegen alle Widerstände für den Sport einsetzte, den er in England kennengelernt hatte. Ein Einzelkämpfer im Namen des Balles, der das gesamte Establishment besiegte. Der Gründervater des deutschen Fußballs. Nur: Ganz richtig ist die Geschichte nicht.

"Der erste Fußball auf einem deutschen Spielfelde"

Die wahre Geschichte des Professor Konrad Koch, die 1868 am Martino-Katharineum in Braunschweig begann, ist nicht ganz so einfach zu erzählen. Sie handelt von einem Lehrer, der alte Sprachen unterrichtete und Deutsch. Der sich nur kurz in England aufhielt und Jahre für seinen Traum für ein kickendes Germania kämpfen musste. Und sie handelt auch von Mitstreitern, ohne die alle Bemühungen des Professors zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Ohne Oberlehrer Koch wäre die Geschichte des Fußballs in Deutschlands zwar ganz sicher anders verlaufen - aber schon den Ball brachte ein anderer ins Land.

"Es war im Herbst, da ich mir aus London einen Fußball kommen ließ und mit diesem in Gemeinschaft mit meinem Freunde Prof. Dr. Koch auf dem Spielplatze der Schüler […] das Fußballspiel einführte. Es wird wohl der erste Fußball auf einem deutschen Spielfelde gewesen sein", notierte August Hermann in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Hermann, Turnlehrer am Braunschweiger Katharineum und guter Freund von Koch, war der wichtigste Unterstützer des Fußballnarren. So wichtig, dass ihm Koch sogar die eigentliche Hauptrolle bei der Einführung des Spiels in Deutschland zuschrieb. "Das größte Verdienst kommt A. Hermann zu, der den ersten Fußball auf die Braunschweiger Fußballplätze warf und damit den Anfang zur Einführung des englischen Spiels erst möglich machte."

Der zweite Verbündete war Friedrich Reck. Er hatte als Militärarzt England besucht und saß als Vorstand in dem Braunschweiger Gymnasium, an dem Hermann und Koch unterrichteten. Reck, der Schwiegervater Kochs, hielt Fußball für besonders geeignet für die deutsche Jugend und gilt als Initiator der Fußballrevolution, die erst Braunschweig und dann ganz Deutschland erfasste. "Die Einführung des Fußballs […] erfolgte auf Anraten von Dr. Reck durch A. Hermann und mich", schrieb Koch in seinen Aufzeichnungen. Und weil auch noch der Schuldirektor Karl Gustav Gravenhorst den Mut besaß, die Drei gewähren zu lassen, konnte 1874 ein Experiment beginnen, das den deutschen Sport für immer verändern sollte.

Fußlümmelei - die englische Krankheit

An welchem Tag genau Koch und Hermann den ersten Ball warfen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Hätten die beiden gewusst, welche Bedeutung der Fußball später einmal haben würde, wäre möglicherweise jeder kleine Schritt protokolliert worden. So aber schreibt Koch nur von "Michaelis 1874" und manchmal auch vom Oktober. Gesichert ist immerhin, dass sich eine Klasse des Katharineums auf dem kleinen Exerzierplatz traf und Hermann den Ball einfach in die Menge warf. Zwischen zwei Toren, die Koch als "Male" bezeichnete, wogte das erste Fußballspiel hin und her. Ein Spiel mit wenigen Regeln zunächst, 15 gegen 15 - es wurde gegrätscht, getreten und der Ball auch mit der Hand aufgenommen.

Das Experiment, das als Geburtsstunde des Fußballs in Deutschland gilt, war ein Affront gegen die jede im Kaiserreich geltende Ethik. Den Sportunterricht bestimmte militärisches Exerzieren und das Turnen. So sollten Zucht, Ordnung und konservative Werte vermittelt werden. Sportspiele wurden verachtet - zumal wenn sie wie der Fußball auch noch aus dem verhassten England stammten. Dort war 1857 mit dem FC Sheffield der erste offizielle Fußballclub der Welt gegründet worden, seit 1863 gab es den englischen Ligaverband. Doch die knochenharten Traditionalisten in Deutschland schüttelten nur angewidert die Köpfe. "Fusslümmelei - Über Stauchballspiel und die englische Krankheit" nannte der Stuttgarter Lehrer Karl Planck seine Polemik gegen den Fußball.

Man konnte sich die Schienbeine verletzen! Man konnte schmutzig werden! Und wie anarchisch dieses Spiel ist! So lautete die Kritik, die sich auch Koch und Hermann am Braunschweiger Gymnasium von ihren Kollegen anhören mussten. Doch die beiden Lehrer ließen sich nicht beirren. Im Gegenteil: "Eine Erziehung, die sich mit vollem Bewusstsein auch der Pflege der ethischen Tugenden unterziehen will, muss ihre Wirksamkeit auf den Spielplatz ausdehnen", fand Koch. Er gründete 1875 den ersten Fußballverein für Schüler (und damit den allerersten Fußballclub in Deutschland) - und formulierte im selben Jahr auch verbindliche Regeln für das Spiel, das die Mehrheit noch belächelte.

Regel 23: Fußball-Kaiser heißt der Führer [der Mannschaft]; er allein hat sie zu vertreten und bei allen Streitigkeiten zu entscheiden.

Regel 24: Stürmer heißen die zehn Mann, welche die Aufgabe haben, sich immer dicht am Ball zu halten.

Regel 25: Markmänner heißen die 2 Spieler, die zu beiden Seiten etwa 5 Schritt zurück die Stürmer begleiten.

Regel 26: Malmänner heißen die 3 etwa 25 Schritt hinter den Stürmern spielenden.

Der "Fußball-Kaiser" war damals nicht nur der Kapitän des Teams, sondern gleichzeitig der Schiedsrichter. Er konnte Verwarnungen aussprechen oder Spieler des Feldes verweisen. Eine Reminiszenz an die Autorität des deutschen Kaisers, immerhin. Die Markmänner waren hingegen aus dem Englischen übersetzte schussgewaltige Halbstürmer ("marksmen"), die Malmänner für die Verteidigung verantwortlich. Der Rest stürmte.

Ähnlich klar geregelt waren in Kochs Buch auch die gesundheitlichen Voraussetzungen, die Schwiegervater Heck in einem Extrakapitel beisteuerte. So wurden schwächliche und kränkliche Schüler "nur mit ärztlicher Erlaubnis zugelassen". Bei der Einrichtung des Spielfeldes sei zudem "dafür Sorge zu tragen, dass kein Schüler gegen den Ostwind anzulaufen hat", forderte Heck. Und wie um den Kritikern der "Fußlümmelei" zu begegnen, wurden die Spieler zum vollen Einsatz aufgefordert: "Auf dem Platze darf niemand sich hinlegen oder müßig stehen." Die Regeln machten aus den zunächst Rugby ähnlichen Raufereien halbwegs geordnete Veranstaltungen. Ab 1882 durfte der Ball dann nicht mehr mit der Hand aufgenommen werden.

"Diese neue Sportmode"

Da hatte sich der Sport in Braunschweig bereits durchgesetzt. Am Katharineum war er seit 1879 fest im Stundenplan verankert. Und schon 1876 wurde in einer Hamburger Zeitung berichtet, dass sich das Fußballvirus auch an der traditionsreichsten Schule der Hansestadt ausbreite. "Aus Braunschweig wird gemeldet, dass Schüler, die seit zwei Jahren ein sogenanntes Fußballspiel betreiben, immer mehr Zulauf finden." Auch im "Johanneum" werde der Sport mittlerweile ausgeübt. "Diese neue Sportmode, bei der die jungen Leute mit Fußtritten einen Ball zu befördern trachten, wurde von dem Professor Koch anlässlich einer England-Reise nach Deutschland importiert."

Ein bisschen Verwunderung klang immer noch mit über dieses seltsame Spiel, das sich von Braunschweig aus über das Reich ausbreitete. Aufzuhalten war die Popularität des Fußballs aber nicht mehr. 1888 wurde der erste offizielle Fußballclub gegründet, Schulfreunde schlossen sich zum BFC Germania 1888 zusammen. 1895 gab es auch in Braunschweig einen Männerverein. Zunächst hieß er "Viktoria", doch im selben Jahr wurde er in "Eintracht" umbenannt. 72 Jahre später sollte Eintracht Braunschweig Deutscher Fußballmeister werden.

Als Konrad Koch 1894 seine "Geschichte des Fußballs" veröffentlichte, konnte er schon zufrieden Bilanz ziehen. "Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden", schrieb der Professor. August Hermann, Kochs Freund und Unterstützer beim Siegeszug des Fußballs, kümmerte sich da schon um sein nächstes Projekt: 1896 führte er Basketball in Deutschland ein.

Der Film "Der ganz große Traum" startet am 24. Februar 2011 in den deutschen Kinos.

Zum Weiterlesen:

Rainer Moritz: "Der ganz große Traum ... oder wie der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland brachte ". rororo Taschenbücher, Reinbek 2011, 256 Seiten.

Mehr über Konrad Koch und die "Wiege des deutschen Fußballs" erfahren Sie hier.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Marco Lindner 21.02.2011
In den DFB-Chroniken wird in der Tat Koch als Fußballerfinder angesehen. Wahrscheinlich hat aber Ferdinand Hueppe, erster Präsident des DFB, zeitgleich oder eher Fußball eingeführt. Er spielte bereits in seiner Jugend, das heißt frühe 1860er Jahre, mit englischen Schülern in der Lehranstalt seiner Heimatstadt Neuwied Fußball.
2.
Kersten Horn 22.02.2011
Na ja, was das Datum betrifft, kann man das wohl doch noch etwas enger eingrenzen. Das Michaelisfest wird am 29. September begangen, was 1874 auf einen Dienstag fiel. Sollte damit der darauffolgende Sonntag gemeint sein (worauf die Angabe "Oktober" hinweisen könnte), dann wäre es der 4. Oktober gewesen. Ich denke, dass eines dieser beiden Daten wohl am ehesten in Frage käme.
3.
Erdmann Linde 22.02.2011
Na da gibt es auch eine ganz andere Story: Als der irische Industrielle William T.Mulvanny(1891-1888) nach der Grossen Hungersnot Irland verliess und im späteren Ruhrgebiet mit englischen Ingieneuren und Miners seit 1855 die Zechen ERIN,HIBERNIA und SHAMROCK abteufte haben diese FUSSBALL ua. nach Gelsenkirchen,Herne,Castrop und DORTMUND gebracht und dort gespielt. Auch die Pferderennbahn in Castrop-Rauxel nahe Haus Goldschmieding dem Wohnsitz Mulvannys (und bis vor einigen Jahren noch im Gebrauch) zeugt von den Sportbegeisterten Itren die die Kohle machten...
4.
stefan heinz 23.02.2011
Also sauber recherchiert ist das alles nicht, so heisst es z.B. in der Historie des Dresdner Sportclubs,," Der früheste Vorgängerverein des DSC-Fußballs ist der am 18. März 1874 gegründete Dresden English Football Club, welcher der weltweit erste Sportverein außerhalb Großbritanniens war, der Fußball nach den noch heute gültigen Regeln spielte". Das passt wohl kaum zu dem im Text genannten, angeblich 1875 gegründeten..1. deutschen Fusballverein.
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