Fußballpop Beats, Balladen, Beckenbauer

Fußballpop: Beats, Balladen, Beckenbauer Fotos
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Kickerhymnen, Kult, Kommerz: In den Sechzigern machten deutsche Fußballprofis erste wackelige Gehversuche als Schlagersänger. Ihre musikalischen Kuriositäten sind heute längst einer hochglanzpolierten und millionenschweren Hitindustrie gewichen. einestages über Aufstieg und Fall des Fußballpop. Von

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"Das Herz hat einen Namen", sang Michael Schanze, während er den Kameras entgegentänzelte. Leidenschaftlich streckte er den Arm in die Höhe: "In Spanien nennt man es 'el corazon'." Die 20 jungen Männer, die in Strickpullovern mit frischgebügelten Hemdkragen hinter ihm aufgereiht waren, sahen dabei irgendwie gar nicht aus, als seien sie mit dem Herzen bei der Sache. Unruhig traten sie von einem Bein aufs andere, wussten nicht, wohin mit ihren Händen, sahen sich fragend um. Und stimmten dann doch brav rechtzeitig zum Playback des Refrains mit ein: "Olé olé olé ola!"

"Olé España", der offizielle Song der Nationalelf zur Fußball-WM 1982 in Spanien, war ein Hit: Er stieg bis auf Platz zehn der deutschen Charts - und wurde Michael Schanzes bestverkauftes Musikstück. Dabei war seine Vorgeschichte ähnlich leidenschaftslos wie der Auftritt der Nationalmannschaft als Backgroundsänger von Michael Schanze: Man hatte einfach beim Schlagerproduzenten Ralph Siegel, der gerade mit Nicoles "Ein bißchen Frieden" den Deutschen zu ihrem ersten Grand-Prix-Sieg verholfen hatte, einen Hit bestellt - und der hatte geliefert.

1982 war Fußballpop in Deutschland bereits ein Riesengeschäft, gehörte der Hit zur WM wie das Runde ins Eckige. Es war eine Geschäftsformel, die satten Gewinn versprach. Mit der Leidenschaft, die den Fußball von jeher umweht und von Spielern auf dem Platz immer eingefordert wird, hatte sie nicht das Geringste mehr zu tun.

"Dann macht es bumm!"

Dabei hatte alles so beschaulich angefangen: "Hoch auf dem gel-ben Wa-ha-gen / Sitz ich beim Schwager vorn!", johlten 22 Männer 1954 im Bus nach Bern voller Inbrunst. Vorn stand der musikbegeisterte Nationaltrainer Sepp Herberger und dirigierte. Stürmer Horst Eckel erinnert sich im Interview: "Der Herberger wollte immer, dass wir gemeinsam singen !" Und das taten sie. Vor dem Spiel, nach dem Spiel, im Bus. Und so brachte die deutsche Nationalmannschaft nach dem "Wunder von Bern" nicht nur den Titel, sondern auch den ersten WM-Gassenhauer mit nach Deutschland - das Lied vom gelben Wagen.

In den Sechzigern wagten dann die ersten Fußballer zaghafte Ausflüge in Tonstudios: Zum Beispiel Petar "Radi" Radenkovic, Torwart des TSV 1860 München und Sohn eines jugoslawischen Folkloresängers und Gitarristen. Er trug das Erbe seines Vaters weiter, indem er herzerweichend radebrechend Fußballsongs wie "Bin i Radi, bin i König" zum Besten gab. Oder der noch nicht zum Kaiser gekrönte junge Franz Beckenbauer, der 1966 zu Geigenklängen "Gute Freunde kann niemand trennen" mehr einmurmelte als einsang. Oder aber der torgefährliche Gerd "Bomber" Müller, der Schunkelgranaten wie "Dann macht es bumm" produzierte.

Glaubt man Michael Schäumer, ist so was heute undenkbar: "Die hatten damals keinen Imageberater. Will heute ein Fußballprofi eine Platte aufzunehmen, steht da immer sofort jemand und sagt: 'Ach ne, lass mal lieber!'" Schäumer muss es wissen. 2006 gründeten er und sein Kumpel Trevor Wilson die Site www.fc45.de - mit der Absicht, ein komplettes Archiv des deutschen Fußballpop zu erstellen. 2700 Einträge verzeichnet die Seite heute.

"Fußball ist unser Le-he-ben!"

Darunter ist natürlich auch jener, der 1974 das Ende des naiven, unbedarften Umgangs der Fußballer mit der Musik markiert - eine professionell durchgeplante Single, die die deutsche Fußballmusik für immer verändern sollte: Weil sich der DFB von einem offiziellen WM-Hit zusätzliche Einnahmen für die teure Turnier-Organisation im eigenen Land versprach, schickte der Verband die Nationalelf mit dem Schlagerproduzenten Jack White ins Studio, der bereits Tony Marshalls Hit "Schöne Maid" geschrieben hatte. Heraus kam die fröhlich rumpelnde Musikantenstadl-Polka "Fußball ist unser Leben", die bis heute zum Schlachtgesang-Repertoire in deutschen Stadien gehört.

"Einer für alle, alle für einen" singen die Nationalspieler darin. Doch der vermeintliche Teamgeist war, anders als 20 Jahre zuvor von Herberger musikalisch beschworen, bei der Aufnahme von 1974 nur Fassade. Denn hinter den Kulissen war der Umgang alles andere als gemeinschaftlich - noch unmittelbar vor dem Turnier war Trainer Helmut Schön kurz davor, wegen interner Streitigkeiten alles hinzuschmeißen.

Mit "Fußball ist unser Leben" machte der Fußballpop den Sprung vom Spaß an der Freud' hin zur kommerziellen Inszenierung. Für den DFB ging die Rechnung auf: Der Song stieg in die Hitparade ein und schrammte nur knapp an Gold vorbei. Und so entschied man, das Musik-Begleitprogramm zum festen Bestandteil einer WM zu machen: 1978 in Argentinien ließ man Udo Jürgens mit der Nationalelf "Buenos Dias Argentina" schmachten - und erspielte Platin. 1982 stieg dann Michael Schanze zur WM in Spanien mit "Olé España" in die Hitparaden ein. Und 1986 ließ Schlagertitan Ralph Siegel die Nationalspieler gemeinsam mit Peter Alexander in "Mexico mi amor" die Schönheit des WM-Gastgeberlandes anpreisen.

"Ich kann mit Bällen nichts anfangen."

1990 kam anlässlich der WM in Italien schließlich nach dem DFB auch der Fifa die Idee, dass man mit Musik zu großen Turnieren gutes Geld machen könnte. Der Weltverband beschloss, eine offizielle WM-Hymne zu veröffentlichen, denn, so Gunnar Leue, Autor der Fußballpop-Historie "Football's coming home": "Wenn Reibach winkt, ist die Firma Fifa die letzte, die still bleibt.". Dissonant mitbrummende Fußballer vermied man gleich völlig und ließ Italopop-Star Gianna Nannini "Un'estate Italiana" einsingen.

Es war der Startschuss für einen Hymnen-Hype, bei dem selbst eingefleischte Fans inzwischen längst den Überblick verloren haben: 1994 sang Daryl Hall in den USA die Fifa-WM-Hymne "Gloryland" ein. Der DFB-Hit hingegen war "Far Away in America", das die deutschen Kicker gemeinsam mit den leicht bekleideten Indianern, Polizisten und Bauarbeitern der Schwulen-Kultband Village People einspielten. "Für einen so homophoben Sport wie den Fußball schon eine sehr gewagte Idee", erinnert sich Michael Schäumer. Vielleicht bemühte der DFB genau deshalb gleich noch eine zweite Band: Die Scorpions spielten gemeinsam mit der Nationalelf "No Pain No Gain" ein - und floppten.

Immer mehr programmierte Hits erschienen, und ihre Sänger hatten immer weniger mit Fußball zu tun: So sang 1998 Latino-Popper Ricky Martin "La Copa de la Vida" als Fifa-Hit zur WM in Frankreich ein - und gestand wenig später im Interview: "Ich kann mit Bällen nichts anfangen." 2002 legte Anastacia, Sängerin des Fifa-Hits "Boom" der WM in Japan und Südkorea, noch einen drauf - nach ihrer Beziehung zum Fußball befragt, erklärte sie: "Meine Fingernägel sind mir ehrlich gesagt zu schade dafür."

Was sollen wir grölen - 30 Tage lang?

Mittlerweile waren sich auch die Fans zu schade für den Kommerz-Zirkus der Turnierveranstalter. Unter Führung des Journalisten Christian Seidl entstand die Website "Stop Anastacia - We Want a Decent Worldcup Song", auf der Tausende ihrem Frust Luft machten. Die Fifa zeigte sich unbeeindruckt - und ließ gleich noch einen zweiten, ebenfalls wenig mitgröltauglichen WM-Hit vom griechischen New-Age-Popper Vangelis produzieren.

2006 wurden die WM-Hits endgültig unüberschaubar: Mariah Carey weigerte sich, den offiziellen Fifa-WM-Hit zu singen, also nahm Toni Braxton "Time of Our Lives" mit Il Divo auf. Dann beschloss die Fifa, dass es zusätzlich eine offizielle WM-Hymne für jedes Land geben solle. Die deutsche lieferte Herbert Grönemeyer mit "Zeit, dass sich was dreht". Xavier Naidoo durfte mit "Dieser Weg" das offizielle Lieblingslied der deutschen Nationalmannschaft stellen, DJ Bob Sinclar veröffentlichte "Love Generation" als offizielles Lied des WM-Plüschmaskottchens Goleo, die "taz" arrangierte eine WM-CD des Musikerkollektivs Inter Deutschland, und auf den Fanfesten wurde sowieso nur "'54, '74, '90, 2010" der Sportfreunde Stiller gespielt. Kein Mensch blickte mehr durch, was er nun eigentlich mitjohlen sollte.

Eine Frage, die bei der aktuellen WM in Südafrika, nach über 50 Jahren Fußballpop, schwerer denn je ist: Was sollen wir grölen - 30 Tage lang? Wer hat unsere Fifa-Dollars verdient? Shakiras "Waka Waka"? "Waving Flag" von K'naan und David Bisbal? Oder doch Bushidos "Fackeln im Wind"? Vielleicht ist es Zeit, sich auf alte Werte zu besinnen. Mit etwas "Füünalööö - Wooohooo!" zum Beispiel. Mit ein wenig "Schürüü - wür wüssen wo dein Auto stöööht!". Oder ganz klassisch: "Oléee oléoléoléeeee!". Die schönsten Dinge im Leben sind schließlich immer noch umsonst. Gott sei Dank.

Zum Weiterlesen:

Gunnar Leue: "Football's coming home. Die großen Momente der Fußballpopgeschichte". Droemer Knaur, München 2010, 304 Seiten.

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1. Udo Jürgens 1978
Stefan Benninghaus 13.06.2014
Kleine Korrektur: die in der Bildergalerie abgebildete Platte "Udo Jürgens - der Man mit der Mütze" von 1978 war eine Single und Teil des 1978er Albums "Buenos Dias Argentina". Neues ist nicht schlecht - doch die FIFA Auswahl der offiziellen WM Songs ist schlicht lausig. Man nimmt den Interpreten nichts davon ab. Auch wenn ein "Fussball ist unser Leben" oder die Oliver Pocher Single "Schwarz und weiss" ebenso auf Profit aus sind wie die Sprtfreunde Nummer "54,74,90,2006" (später ...2010), nimmt man in DEN Fällen den Interpreten die Begeisterung für den Sport ab.
2.
Thomas Dette 15.11.2014
Bin i Radi bin i Depp......König bleibt der Maier Sepp
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