Fußfotograf Elmer Batters Wer ahhh sagt, muss auch Zeh sagen

Die heißeste Fußnote der Fotogeschichte: In den fünfziger Jahren knipste ein Fotograf aus L.A. gegen die allgemeine Brustfixierung in den USA an - und sorgte mit Erotikmagazinen wie "Leg-O-Rama" für Aufsehen. Einst von Polizei und "Playboy" geächtet, gilt Elmer Batters heute als Vater der Fußfotografie.

Elmer Batters / Taschen Verlag

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Das Callgirl war verwirrt, vielleicht sogar ein bisschen gekränkt. Warum hatte dieser Typ sie überhaupt in sein Motelzimmer kommen lassen, wenn er jetzt keinen Sex mit ihr haben wollte? Stattdessen hantierte Elmer Batters mit einer Kamera und bat sie um etwas, das sie noch schräger fand.

Elmer Batters war ein merkwürdiger Kerl. Genauer gesagt, ein merkwürdiger Kerl mit einer Kamera und einer ungewöhnlichen sexuellen Obsession, die ihn im Amerika der fünfziger Jahre zu einem Pionier der pikanten Fotografie machen sollte: Er hatte ein Faible für Füße, das er in seinem Werk so exzessiv auslebte wie kein Zweiter.

Was die Erotik anging, befand Amerika sich damals ganz im Bann der Brust. Hugh Hefner brachte den ersten "Playboy" auf den Markt. Die Sexbombe auf dem Cover war die üppige Marilyn Monroe - und wurde natürlich erst durch ihr unverschämt tief ausgeschnittenes Dekolleté so richtig scharf. Richard Burton nannte die Brüste seiner Frau Elizabeth Taylor unterdessen in aller Öffentlichkeit "atomar".

Flaschenkind mit Fußfetisch

"Ich hatte damals fast das Gefühl, dass manche Leute mich beinahe schon für unamerikanisch hielten, weil ich mich nicht für gigantische Brüste interessierte", schrieb er 1996 im Vorwort zu einem Fotoband. Dennoch zog es seinen Blick unweigerlich ins Erdgeschoss des weiblichen Körpers.

Sprach er über Füße und Beine, wurde Batters zum Poeten. Fotografierte er sie, drapierte er seine liebsten Körperteile mit dem Auge eines feinfühligen Architekten. Für Batters war ein Paar schöner Füße eine Sinfonie aus Ballen, Spann, Zehen, Knöcheln und Hacken, und ein Bein ein Kunstwerk aus geschwungenen Waden, hübschen Knien und üppigen Oberschenkeln. Leicht hatte er es damit nicht. Hugh Hefner ließ den Fußfotografen Batters in den fünfziger Jahren eiskalt abblitzen, um weiter im enormen Umfang der weiblichen Brust zu huldigen.

Seine Passion für Beine und Füße habe tiefe Wurzeln, analysierte Elmer Batters sich einmal selbst. Er sei ein Flaschenkind gewesen. Für Kinder, die so ernährt worden seien, so der Fotograf, seien die Beine der Mutter die Kuscheldecke. Er könne sich genau daran erinnern, wie er als Kind schutzsuchend die Arme um die Schenkel seiner Mutter geschlungen habe. Männer hingegen, die als Babys an der Mutterbrust ernährt würden, seien auch später auf Brüste fixiert. Batters arbeitete nie mit großbusigen Frauen, weil er fand, dass sie hässliche Füße haben.

In einer Reihe mit Ted Bundy, Elvis und Goethe

Mit seiner Begeisterung für den weiblichen Fuß befindet Batters sich in illustrer Gesellschaft. Der berüchtigte Serienmörder Ted Bundy soll ebenso eine Vorliebe für Füße gehabt haben wie Elvis Presley, Andy Warhol und Johann Wolfgang von Goethe. Der bayerische König Ludwig I. setzte seiner Leidenschaft im 19. Jahrhundert sogar ein Denkmal, indem er eine Marmorskulptur vom rechten Fuß einer Tänzerin anfertigen ließ, in die er sich verliebt hatte. Der berühmteste Fußfetischist unserer Zeit frönt seiner Leidenschaft gar im ganz großen Maßstab. In Filmen wie "Pulp Fiction", "Kill Bill" oder "Death Proof" lässt Quentin Tarantino die Füße seiner Darstellerinnen in gigantischer Größe über die Leinwand leuchten.

Batters lichtete keine Filmstars ab. Er rekrutierte seine Models auf unterschiedlichste Art. Zu Anfang hatte er eine Daueranzeige in der örtlichen Zeitung geschaltet. "Die Leute kamen einfach vorbei", so Batters, "60-jährige Frauen waren darunter oder Ehefrauen von Priestern, und die gingen nicht eher, bis sie mir alles zeigen konnten, was sie zu bieten hatten." Viele seiner Bilder entstanden so im Wohnzimmer des Fotografen. Kaum zu glauben: Manche Frauen sprach er auf der Straße an, andere sollen laut Batters gar von ihren Männern und Müttern vorbeigebracht worden sein.

Zwei Asse hatte Batters dabei im Ärmel: Nummer eins war sein Aussehen. Nein, der Fotograf war kein Adonis, dem sich die Damen reihenweise an den Hals warfen. Eher das Gegenteil. Batters sagte einmal, viele seiner Modelle hätten ihm mitgeteilt, er sähe aus wie ein Uni-Professor. Ein Bild von 1943 zeigt einen 24-Jährigen, dem man schon ansieht, dass es sein jungenhaftes Aussehen niemals ganz verlieren wird. Mit einem schmalem Gesicht, dessen Kinn fast so spitz zuläuft, wie seine mit Pomade in Form gebrachten Schnurrbartenden.

Das zweite Ass war seine Frau Anne. Denn sie war immer dabei, wenn Batters seine Modelle fotografierte. Nicht um ihn zu kontrollieren, sondern als seine Assistentin - und seine Zeugin, sollte eine Frau versuchen, ihn wegen sexueller Belästigung zu belangen. Aber Batters war kein Typ für Eskapaden. Seine Vita liest sich nicht wie die eines Künstlers, Hedonisten und Rebellen: Anne hatte er auf einer Zugfahrt kennengelernt. Sie war 17 Jahre alt, er Mitte 20, es war Liebe auf den ersten Blick, 19 Tage später heirateten sie. 1955 kauften sie ein kleines Häuschen, am Stadtrand von San Francisco - eine Kleinstausgabe des amerikanischen Traums.

"Einige meiner Modelle waren fast hässlich"

Umso schlimmer war es für Batters, als die Polizei anfing, ihn wegen seiner Bilder zu verfolgen. In den fünfziger und sechziger Jahren hatte der Fotograf mit mäßigem Erfolg diverse Magazine mit Titeln wie "Black Silk Stockings", "Leg-O-Rama" oder "Nylon Doubletake" herausgebracht. Während ihm die Gunst der Massen verwehrt blieb, wurden die Gesetzeshüter auf ihn aufmerksam. Batters und ein Verleger wurden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet, sein Haus wurde durchsucht, Fotos und sogar Kleidungsstücke seiner Frau konfisziert. Vor allem gegenüber seiner Nachbarschaft war Batters das alles furchtbar unangenehm. Aus Angst vor weiterer Verfolgung zerstörte er viele seiner frühen Fotografien. Ein Jahr später wurde die Anklage zwar fallengelassen, die Polizei hielt dies aber nicht davon ab, ihn weiter zu verfolgen und später noch einmal festzunehmen.

Dabei waren seine Fotos oft genug eher unschuldig als pornografisch. Schließlich war Batters an dem Ende des weiblichen Beines interessiert, dass das Gros der Männer völlig kalt ließ. Das aufregendste am weiblichen Körper war für ihn eine wohlgeformte Fußsohle. Deshalb mussten seine Modelle ihre Füße oft direkt in Richtung Kamera recken. Er fotografierte sie mit gestrecktem Spann, mit gespreizten Zehen, mit kompliziert drapierten Beinen.

Gerne lichtete er auch zwei Mädchen zusammen ab, während sie gegenseitig ihre Füße liebkosten. Dass es vielen der abgebildeten Frauen nicht gerade leichtfiel, mit lüsternem Blick die Füße der anderen zu taxieren oder gar an ihren Zehen zu saugen, sieht man manchen Bildern an. Batters machte das offenbar wenig aus. Beine drapierte er zwar mit dem Auge eines Bildhauers, liebte aber auch das Derbe und Ordinäre. "Oft sah ein Model süß aus, aber eine Schönheit musste sie gar nicht sein. Einige meiner Modelle waren fast hässlich." Und so präsentierte sich so manches mit einer Mischung aus Unsicherheit und Trotz auf Schaukeln, Autositzen, flusigen Flokatis und hässlich gemusterten Sofas.

Vater der Fußfotografie

Die Verlegern seiner Magazine forderten von Batters immer wieder, dass seine Bilder pornografischer sein sollten. Den Blick in den Schritt, der sich ergab, wenn er Fußsohlen fotografierte, nahm er in Kauf. Doch eigentlich interessierte er ihn nicht. "Bei meinem Casting-Agenten Hal haben sich Modelle beschwert", erinnert sich Batters Jahrzehnte später, "ich sei mehr an ihren Beinen als an ihren Brüsten oder ihrem Gesicht interessiert."

So blieb Batters lange Zeit ein Geheimtipp unter Fußfetischisten, während seine nicht immer geschmackvollen aber stets durchdacht komponierten Aufnahmen wegweisend für viele erotische Fotografen wurden. Gerade erschien ein neuer Bildband des Fotografen Ed Fox beim Taschen Verlag. Auf vielen Motiven ist deutlich erkennbar, dass Fox sein Auge an Batters Bildern geschult hat.

Dass Batters' Fotos heute nicht nur in zerfledderten Magazinen von einst, sondern in Kunstsammlungen zu finden sind, hat der Fußfotograf wohl Benedikt Taschen zu verdanken. Anfang der neunziger Jahre wurde der Verleger durch einen gemeinsamen Bekannten mit Batters bekannt gemacht. Taschen war sofort Feuer und Flamme von den Fotografien und kaufte einige Abzüge. 1995 brachte er eine Serie kleiner Fotobüchlein mit Motiven von Batters-Shootings heraus, 1996 dann produzierte der Verlag den aufwendigen Band mit dem Titel "Elmer Batters - From the Tip of the Toes to the Top of the Hose", etwa: Von der Zehenspitze bis zum Strumpfsaum.

Im Alter von 76 Jahren wurde der Überzeugungstäter Batters, der sich in den zwei Jahrzehnten zuvor mehr schlecht als recht mit seinen Fotos und dem Versand selbstgedrehter Erotikvideos über Wasser gehalten hat, zu einer Größe auf dem Kunstmarkt. Das Buch sollte sein Vermächtnis werden. Ein Jahr später starb Batters. Doch nicht ohne vorher dem "Playboy" eins auszuwischen. Nachdem Hefner den Leg-Man in den fünziger Jahren abgelehnt hatte, riefen sie nun bei ihm an und wollten ein Special mit seinen Bildern machen. Dieses Mal sagte Batters nein.

Zum Weiterlesen:

Dian Hanson (Hrsg.): "Ed Fox, Vol. 2". Taschen Verlag, Köln 2011, 280 Seiten + DVD. Das Buch erhalten Sie beim Taschen-Verlag .

Eric Kroll (Hrsg.): "Elmer Batters. From the Tip of the Toes to the Top of the Hose". Taschen Verlag, Köln 1996.



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Stephan Eichenberg, 13.10.2011
1.
Bild 6 wird wohl nicht 1943 in Hongkong aufgenommen worden sein. Da saßen damals die Japaner und Kriegsgefangene haben sich den Luxus eines Portraitphotos wohl kaum leisten können.
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