Futurismus damals Rückblick in die Welt von morgen

Futurismus damals: Rückblick in die Welt von morgen Fotos
Ralf Bülow/Klaus Bürgle

Revolution ja - aber anders: Nie waren Technikträume so radikal und visionär wie in den spätern Sechzigern. Ralf Bülow beleuchtet die andere, optimistische, zukunftsorientierte Seite von "1968".

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
    2.9 (717 Bewertungen)

Nie war die Zukunft futuristischer und die Träume visionärer als in der Bundesrepublik der späten 1960er Jahre. Weder der eskalierende Vietnamkrieg noch gelegentliche Konjunkturkrisen, erst recht nicht APO und Jugendproteste bremsten den Glauben an den technischen Fortschritt, dem die Mehrzahl der Menschen wie der Medien anhing.

In den Jahren 1967 und 1968 - heute eher als Revoluzzer-Ära eingestuft - erreichte die Zukunfts- und Technikeuphorie den Gipfel. Zwei Drittel des 20. Jahrhunderts waren geschafft, das letzte Drittel würde stetig aufwärts führen und im magischen Datum 2000 enden, das vollautomatisierte Haushalte, hochtechnologische Verkehrssysteme, himmelsstürmende Wohnkomplexe und Siedlungen unter dem Meer wie auf dem Mond brächte.

Falsch programmiert?

Schon in Heft 53/1966 feierte die SPIEGEL-Titelstory "Die Zukunft des Menschen wird geplant" die Wissenschaft der Futurologie und ihre durchgerechneten Schlaraffenländer. In der Folgezeit kamen eine Vielzahl Prognosebücher auf den Markt, meist aus den USA wie "Ihr werdet es erleben" von Anthony Wiener und Herman Kahn oder Olaf Helmers "50 Jahre Zukunft", aber auch deutsche Werke wie "Auf der Suche nach der Welt von morgen" des NDR-Reporters Rüdiger Proske.

Selbst das linke "Kursbuch" schloss sich dem Thema an: Heft 8 von 1967 behandelte neue Mathematik und Automatentheorie, Heft 13 aus 1968 lieferte eine "Kritik der Zukunft". Ein bürgerlicher Autor wie Karl Steinbuch versuchte derweil mit Streitschriften wie "Falsch programmiert" die westdeutschen Eliten für das Jahr 2000 fit zu machen.

Elektronenrechner zur Partnervermittlung

Unbestrittene Leit- und Zukunftstechnik war die bemannte Raumfahrt. Seit 1961 lief das Apollo-Programm der NASA, das bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond bringen sollte, und kaum jemand zweifelte, dass eine Landung auf dem Mars folgen würde. Elektronenrechner waren eine Selbstverständlichkeit, wurden aber weniger mit Wissenschaft oder Wirtschaft als mit Partnervermittlung assoziiert: 1968 besang France Gall im deutschen Schlagerwettbewerb den Computer Nr. 3, der für sie den richtigen Boy sucht.

Tröstlich immerhin, dass am Jahresende "Knaurs Buch der Denkmaschinen" die Bestsellerliste erklomm und unter vielen Weihnachtsbäumen der KOSMOS-Spielcomputer "Logikus" lag.

Planlos in die Zukunft?

Die Zukunftstrend setzte sich leicht abgeschwächt im Mondlandejahr 1969 fort, in dem die SPD mit dem Slogan "Wir schaffen das moderne Deutschland" in den Bundestagswahlkampf zog. Mit Beginn der neuen Dekade änderte sich jedoch das Meinungsklima. Schon in Heft 1/1970 fragte der SPIEGEL "Planlos in die Zukunft ?" und nach den Folgen einer unkontrollierten Technik, zwei Jahre später wurde angesichts der alarmierenden Visionen der Vordenker-Versammlung "Club of Rome" landauf, landab die "Grenzen des Wachstums" diskutiert.

Dann bescherte uns 1973 den Nahostkrieg und die erste Energiekrise, der Winter 1974/1975 den Absturz der Konjunktur und mehr als eine Million Arbeitslose. Zugleich wuchsen die Konflikte um den Ausbau der Atomkraft wie auch die ökologische Bewegung. Die Begeisterung für Wissenschaft, Technik und Zukunft war unwiederbringlich dahin und sollte nie wiederkehren.

Magischer Realismus

Was ist heute von den Visionen der Vergangenheit geblieben? Neben persönlichen Erinnerungen vor allem Bücher und Artikel, Wochenschauen und Fernsehberichte, dazu Bauten wie das Münchner Olympiastadion oder Fahrzeuge wie der Kreiskolbenwagen Ro 80. Das vielleicht schönste Erbe jener Zeit sind die perfekten Grafiken, die in Firmenprospekten, Technikmagazinen, Sachbüchern und Science-Fiction-Romanen die Welt des 21. Jahrhunderts ausmalten.

Hier finden wir die bunten Zukunftspanoramen des mittlerweile 81-jährigen Klaus Bürgle ebenso wie die schwarzweißen Raumfahrtbilder des 1986 verstorbenen Kurt Röschl mit ihrem magischen Realismus. Diese alten Visionen haben ihre Kraft nicht verloren und wecken Sehnsucht nach Utopie.

Future forever !

Artikel bewerten
2.9 (717 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
klaus dyba 29.10.2007
Ich habe vor Jahren mal einen Animationsfilm über dieses Thema gemacht. Passt ganz gut: http://video.google.de/videoplay?docid=-7171538171865173374&q=dyba&total=13&start=0&num=10&so=0&type=search&plindex=4
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH