Gadgets von gestern Überlebenskampf auf dem Pausenhof

Gadgets von gestern: Überlebenskampf auf dem Pausenhof Fotos

Wabbelspinnen, Leucht-Jojos und Elektro-Haustiere: Lange bevor Handys den Trend setzten, tobte auf den Schulhöfen ein wilder Konkurrenzkampf um die sinnlosesten Technikspielereien. Danny Kringiel wünschte sich Ende der achtziger Jahre nichts sehnlicher als giftgrünen Schleim - um endlich Freunde zu finden.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.6 (72 Bewertungen)

Über kein Weihnachtsgeschenk habe ich mich je wieder so gefreut wie über diese Mülltonne voll Schleim. Es war Ende der achtziger Jahre, und die Erwachsenen schenkten sich lauter Dinge, deren Reiz ich nicht verstand: VHS-Kassetten von "Miami Vice", einer Serie, in der Polizisten Designeranzüge anstatt Uniformen tragen. Ein Buch namens "1000 ganz legale Steuertricks", in dem sie fasziniert blätterten, obwohl es stinklangweilig war. Und die Maxi-Single von Madonnas "Material Girl", die den ganzen Abend rauf und runter dudelte.

Die Erwachsenen ihrerseits verstanden mich genauso wenig. Unendlich lange hatte ich mit meiner Mutter immer wieder um diesen Schleim gerungen: "Damit saust du dir nur die Klamotten ein!", "Das ist bestimmt giftig!" Und natürlich: "Was willst du denn damit überhaupt?" Sie hatte es nie verstanden. Dabei brauchte ich den Schleim dringend zum Überlebenskampf auf dem Pausenhof.

Früher war ich immer gern zur Schule gegangen. Doch mit dem Wechsel zum Gymnasium im Nachbarstädtchen war alles komplizierter geworden: Kinder aus allen möglichen Städten und Dörfern unserer Gegend wurden da wild zusammengepfercht. Aus meiner Kleinstadt war ich der einzige. Plötzlich wurden die Schulpausen entsetzlich lang, denn mit den anderen hatte ich nichts zu tun.

Wabbelige Gummispinnen und leuchtende Jojos

Besonders schlimm waren die Internatsschüler. Im Gegensatz zu uns Landeiern kamen sie aus Hamburg, Berlin oder Frankfurt. Sie trugen teurere Klamotten als wir, hörten coolere Musik und besaßen lauter Sachen, von denen wir nie zu träumen gewagt hätten: "Slinky"-Metallspiralen, die man die lange Treppe in der Eingangshalle runterlaufen lassen konnte. Leucht-Jojos mit freidrehenden Achsen, mit denen man Tricks machen konnte. Casio-Armbanduhren mit eingebauten Taschenrechnern - perfekt zum Schummeln bei der Mathe-Klausur. Gummispinnen, die man gegen die Fenster warf und die dann mit eklig wabbelnden Bewegungen daran herabkletterten. Kangaroos-Turnschuhe mit Reißverschlusstaschen, in denen man Dinge verstecken konnte.

Es war die Hochzeit sinnfreier Utensilien und sie machten Jan zum ungekrönten König in meiner Klasse. Er war ein Jahr älter, einen Kopf größer und tausendmal cooler als alle anderen. Sein Vater besaß ein Geschäft für Luxus-Limousinen in Frankfurt, fast täglich holte er betont gelangweilt irgendein sensationelles Gadget aus der Tasche, von dem wir noch nie gehört hatten: Einen "Hacky-Sack"-Ball, den man mit den Füßen jonglieren konnte. Oder ein "Springgummi" - eine konkave rote Gummischeibe, die er umgestülpt irgendwo ablegte, und die dann plötzlich in ihre Ausgangsform zurückploppte, hochgeschleudert wurde und alle erschreckte. Oder ein neonfarbenes Snap-Armband, das aussah wie ein Plastiklineal, sich aber blitzschnell um das Handgelenk wickelte, wenn man es dagegen schlug.

All diese unbekannten Dinge machten Jan wahnsinnig interessant. Die Mädchen steckten aufgeregt tuschelnd die Köpfe zusammen, sobald er nur vorbeischlenderte. Wir Jungs vom Land hassten solche Angeber erst abgrundtief - und lernten dann von ihnen: Um auf dem Pausenhof gesellschaftsfähig zu bleiben, blieb uns nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich die von ihnen gesetzten Trends nachzuäffen.

Eine Ursuppe des Schreckens

Fuhr jemand in die nächste große Stadt, war sein Einkaufszettel eine Liste der neuesten Gadgets am Internat: Swatch-Uhren in schrillen Neonfarben mit Plastik-Überrollbügeln in noch schrilleren Neonfarben. Headphone-Radios, die aussahen wie zwei an den Kopf geschnallte Walkie-Talkies, aber als todschick galten. Oder "Reebok Pump"-Basketballstiefel, deren Passform man per aufblasbarem Luftkissen angleichen konnte. Doch so sehr wir uns bemühten: Wir hinkten immer einen Schritt hinterher. Bis zu jenem Tag Anfang Dezember.

Da kam mittags mein alter Kumpel Till vorbei, der inzwischen in einer anderen Stadt wohnte. Merkwürdigerweise würdigte er das dampfende Brathähnchen auf dem Mittagstisch keines Blickes, stapfte sofort auf mich zu und zauberte eine kleine, grüne Plastikdose in Form eines Mülleimers hervor. "Mach mal die Augen zu!", sagte er mit erwartungsfrohem Grinsen. "Till, lass den Scheiß. Ich will essen und ..." "Komm, mach die Augen zu", wiederholte er und trat dabei unruhig auf der Stelle hin und her. "Was hast du denn da?" "Augen zu, dann zeig ich's dir! Nur ganz kurz!" Meine Eltern schauten halb verwundert, halb verärgert. Ich gab auf und schloss die Augen.

Ein Ploppen wie von einer Tupperdose. Dann die Stimme meiner Mutter: "Iiiihh, nimm das weg!" Sofort riss ich die Augen auf. Und sah: Schleim. Dicken, glibberigen, zähen Schleim. Wie das Ektoplasma, mit dem Bill Murray in "Ghostbusters" vollgeschmiert worden war. Nur viel grüner. Wie der eitrige Nasenschleim, den die großen Jungs an der Bushaltestelle immer auf den Boden spuckten. Nur viel mehr. Es sah aus, als hätte jemand monatelang alle Popel gesammelt, alle Taschentücher ausgewrungen, alle überfahrenen Nacktschnecken von der Straße gekratzt, die er finden konnte, und all das zu einer unappetitlichen Ursuppe des Schreckens verrührt. Durch deren glitschige Fäden hindurch grinste Till mich nun an: "Geil, oder?" Es war widerlich. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, nicht einmal an meiner Schule. Doch es war genial. Meine Weihnachtswunschliste in diesem Jahr wurde kurz, aber nachdrücklich.

Der Tag des Geschenkevergleichs

Selten vergingen die Weihnachtsferien so langsam wie in jenem Jahr. Und noch nie hatte ich mich so sehr auf den ersten Schultag nach den Ferien gefreut. Den Tag des Geschenkevergleichs. Am Abend vorher packte ich meine Schulsachen ordentlicher als sonst: Schreibblock, Federtasche, Hefter. Und die kleine, grüne Plastikmülltonne mit der Aufschrift "Slime". Mein Schatz. Wir würden es ihnen allen zeigen. Gleich morgen.

Das Aufstehen fiel leichter als sonst, obwohl ich schlecht geschlafen hatte. Und als ich mit federndem Schritt die Treppe zur Eingangshalle der Schule hinaufsprang, schienen auch die Gesichter der anderen viel freundlicher als gewöhnlich. Wie auf Kohlen saß ich in der ersten Doppelstunde, nahm kein einziges Wort aus dem Mund des Lehrers wahr, bis mich das Klingeln erlöste. Ich hängte mir die Tasche über, holte die unscheinbare kleine Mülltonne heraus, und ging damit langsam durch die Reihen. Rüber zu Jan.

"Na Kringiel, was haste denn da?" "Hi Jan. Mach erst die Augen zu, dann zeig ich's dir." "Was soll der Blödsinn? Was ist denn da drin?" "Augen zu, dann zeig ich's." "Wenn's dich glücklich macht." Und Jan schloss die Augen. Ich öffnete den winzigen Mülltonnendeckel und hob mit geübtem Griff den Inhalt als einen ganzen Schleimklumpen heraus. Vor Jans geschlossenen Augen zog ich den Schleim genüsslich zwischen meinen Händen zu langen Strängen. "Kannst gucken!" Jan zuckte zurück: "Bäh, Alter! Hau ab! Was ist das denn für'n Zeug?" "Das ist Slime. Hab ich zu Weihnachten bekommen. Geil, oder?" "Ist ja abgefahren. Hier schau mal." Jan fing an, in seiner Tasche zu kramen. Ich konnte es kaum glauben. Ich gehörte dazu! Sorgfältig verstaute ich meinen Schatz wieder in der Tonne. Eigentlich war Jan gar kein so übler Kerl.

Ein neuer Trendsetter

Er holte aus seiner Tasche einen hässlichen grauen Plastikquader hervor, etwa so groß wie ein Ziegelstein. "Hier. Hat mein Vater mir aus Amerika mitgebracht. Pass auf!" Jan drückte auf einen Schalter und seltsame Musik begann zu dudeln. Die Jungs von den Nachbarbänken beugten sich zu uns herüber. Auf einem kleinen grünen Bildschirm regneten winzige Bauklötze von oben herab. Ein paar Klassenkameraden hatten sich zu uns gestellt, um zu sehen, was da passierte. Immer schneller fielen die Steine, aber Jan sprach ganz ruhig, ohne vom Bildschirm aufzublicken: "Ist'n Gameboy. Das Spiel heißt Tetris."

Langsam hatte sich ein kleiner Halbkreis um uns gebildet. Einer zeigte auf die kleine grüne Mülltonne auf dem Tisch: "Was'n da drin?" Ich ließ sie schnell in meiner Tasche verschwinden. "Ach, nichts. Nur Müll."

Artikel bewerten
3.6 (72 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Melanie Brandenburg 06.01.2010
Ein herrlicher Artikel. Genauso haben es wohl alle Kinder der 80er erlebt. Diesen furchtbaren Schleim hatte ich damals auch-er brachte mir dank eine Missgeschicks eine Woche Hausarrest ein. IHHH Nostalgische Grüße Melanie Brandenburg
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH