Gagarin in der DDR Dem Star ganz nah

Gagarin in der DDR: Dem Star ganz nah Fotos
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Hoher Besuch in der DDR-Provinz: Als 1963 Juri Gagarin einen Kalibetrieb in Thüringen besuchte, gehörte die Schülerin Christine Thomas zum Begrüßungskomitee. Sie schüttelte dem Weltraumhelden die Hand - und stahl damit der Klassenbesten die Show. Von

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Am 12. April 1961 gelang es der Sowjetunion, den ersten Menschen mit einer Rakete auf eine Erdumlaufbahn zu schicken. Juri Gagarin leitete das Zeitalter des bemannten Raumfluges ein. In den darauf folgenden Jahren reiste Juri Gagarin durch die Welt und wurde überall stürmisch gefeiert.

Am 18. Oktober 1963 sollte der Weltraumpionier während einer DDR-Rundreise auch die kleine Bergarbeitergemeinde Merkers in der Rhön besuchen, einen der ehemals größten Kalibetriebe in der DDR. Das musste ein großer Tag für die gesamte Region werden - schließlich waren wir auf brüderliche Weise mit dem Land des ersten Kosmonauten der Welt verbunden.

Wie üblich bei Empfängen solcher Art galt es, dem hohen Gast und seinem Gefolge höchste Wertschätzung zu erweisen. Daher war es auch vorgesehen, dass einige Schüler unserer Merkerser Polytechnischen Oberschule den Kosmonauten und seine Delegation auf der Tribüne begrüßen.

Ob die Lehrer es sich mit der Auswahl der Schüler schwer oder leicht gemacht haben, ist nicht mehr zu sagen. Auf jeden Fall durfte die Ehre, Juri Gagarin persönlich Blumen zu überreichen, nur der besten Schülerin zuteil werden.

Ich war es nicht.

Unfreiwillige Ehre

Alle ausgesuchten Kinder feilten in Vorbereitung fleißig an ihrem Russisch, um beim Empfang die richtigen Worte anbringen zu können. Wir fieberten dem Ereignis entgegen und waren mächtig stolz, dabei sein zu dürfen. Als es endlich so weit war, stand vor dem Kaliwerk eine große Tribüne bereit und mit uns warteten ca. 15.000 Menschen, Kalikumpel und erwartungsfrohe Bürger aus Merkers und der Region.

Juri Gagarin und seine Begleiter fuhren im Fahrzeugkonvoi vor und betraten unter dem Jubel der Massen die Tribüne. Nachdem einige Reden gehalten worden waren, durften wir die Gäste mit Blumensträußen begrüßen. Dass ich mich schließlich vor Juri Gagarin wiederfand, ihm die Hand schüttelte, meinen russischen Text mehr schlecht als recht stammelte und ihm, statt einem seiner Begleiter, die Blumen übergab, war reiner Zufall. Jemand hatte mich in all der Aufregung einfach vorgeschoben!

Einerseits war ich stolz, dass unser Händedruck dann auf der Titelseite der Regionalzeitung erschien, gleichzeitig plagte mich das schlechte Gewissen. Zumal ich der besten Schülerin diese einmalige Gelegenheit gründlich vermasselt hatte. Ich konnte mich gar nicht so richtig über mein Konterfei auf dem Titelblatt freuen und hoffte inständig, dass die leer ausgegangene Schülerin nicht allzu wütend auf mich war und mir irgendwann verzeihen möge. Einem klärenden Gespräch sind wir beide aus dem Weg gegangen. Ich aus Scham - und sie sicher aus Ärger.

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