Gagarins Weltraumflug Planeten, Pech und Pannen

Er sollte die Überlegenheit der Sowjets beweisen - doch Jurij Gagarins Flug ins All ähnelte eher dem Balanceakt eines Zirkusartisten. Bislang geheime Dokumente zeigen seinen historischen Weltraumflug von 1961 als Pannenmission. Die Russen nahmen sogar den Tod des Kosmonauten in Kauf.

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Am Morgen des 12. April 1961 nimmt Jurij Borisowitsch Lewitan vor einem Mikrofon des sowjetischen Staatsradios Platz. Der Sender residiert im Herzen Moskaus an der Pjatnitskaja Uliza, und Lewitan ist sein vielleicht berühmtester Sprecher. "Stimme Stalins" wird er genannt, seit er im Zweiten Weltkrieg die Befehle und Anordnungen des Sowjetführers verlesen hatte. 1941 unterrichtete Lewitan die Sowjetbürger an den Radios über den Überfall der Wehrmacht, im Mai 1945 dann über die "bedingungslose Kapitulation" des nationalsozialistischen Deutschlands. Sein Timbre intoniert die Schicksalsstunden des roten Riesenreichs.

Drei Briefumschläge hat die Sowjetführung für eine geplante Sondersendung am 12. April vorbereitet. Nur wenige Eingeweihte wissen bereits im Voraus, dass der Kosmonaut Jurij Gagarin an diesem Tag den ersten Vorstoß des Menschen ins Weltall unternehmen soll. Die Umschläge enthalten die offiziellen Sprachregelungen - je nachdem, wie das Unternehmen ausgeht: für den Fall, dass Gagarin beim Start abstürzt, im Ausland oder im Ozean notlanden muss oder die Mission glückt. Für den Mann in der "Wostok"-Kapsel ist es der Unterschied zwischen Tod und Unsterblichkeit.

Bisher geheim gehaltene Dokumente, die der Kosmonaut und Autor Jurij Baturin nun aus Anlass des 50. Jahrestages des Gagarin-Flugs einsehen konnte, enthüllen neben einer Serie von Pannen vor allem die Bereitschaft der Sowjetführer, das Leben des ersten Kosmonauten zu riskieren. Die schnelle Abfolge geheimer Ministerratsbeschlüsse zeugt von der Dringlichkeit, den Wettlauf ins All gegen die Amerikaner zu gewinnen - auch um den Preis eines Menschenlebens.

Einfach, nicht optimal

"Um Zeit zu gewinnen wurden einfache und schnelle, aber nicht immer optimale technische Lösungen gefunden", schreibt der Moskauer Raumfahrtexperte Igor Marinin. So habe man bewusst darauf verzichtet, Rettungssysteme für den Fall eines Brands oder Fehlstarts zu entwickeln. Den Sowjets ging es darum, sichtbaren technischen Fortschritt zu demonstrieren - und damit die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems.

Am 3. August 1960 verabschiedete die Sowjetführung deshalb den Beschluss "über die Vorbereitung des Fluges eines Menschen in den kosmischen Raum". Schon acht Monate später bereitete sich Gagarin auf seinen Flug vor. Moskaus Raketenbauer um den genialen Sergej Koroljow hatten in den Jahren zuvor die Grundlagen für das Himmelfahrtskommando gelegt und mit der Geschwindigkeit ihrer Fortschritte den Westen ein ums andere Mal verblüfft.

Anders als die Kollegen der US-amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa verzichteten die Entwickler im Osten auf ausgeklügelte Technik. Ihre Konstruktionen waren wenig glamourös, dafür robust.

Abschiedsbrief

Auch mit Überlegungen zum aerodynamischen Design hielten sich die sowjetischen Konstrukteure nicht auf. Die "Wostok" glich einer großen Stahlkugel, die an der Spitze einer fast 300 Tonnen schweren und 38 Meter langen Rakete in den Himmel geschossen werden sollte.

Mit einem Testlauf am 9. März 1961 demonstrierten die Ingenieure, dass ein Überleben in der Kapsel möglich war: Neben einer Raumfahrer-Puppe, die der Volksmund "Iwan Iwanowitsch" nannte, befand sich die Hündin Tschernuschka an Bord. Das Tier kehrte wohlbehalten von seinem Ausflug zurück und überstand sogar die harte Landung der Kapsel auf der Erdoberfläche. Die "Wostok" schien bereit.

Am 10. April schrieb Gagarin einen Abschiedsbrief an seine Frau und die beiden gemeinsamen Töchter. Sie sollten ihn lesen, falls er von seiner Mission nicht zurückkehrte. Erhalten sollten sie ihn aber erst nach Gagarins Tod 1968. "Ich vertraue der Technik völlig", hatte er darin geschrieben, "sie wird mich nicht im Stich lassen."

Pannen - noch vor dem Start

Der Flug freilich verlief keineswegs frei von Pannen. Zwei Tage vor dem Start fiel den Ingenieuren auf, dass Raumanzug und Kosmonautensitz 14 Kilogramm zu schwer waren.

Um den Starttermin nicht zu gefährden, kappten sie eilig mehrere Kabel und entfernten einen Teil der Elektronik, darunter auch zwei Sensoren, die Druck und Temperatur messen sollten. Eine Stunde vor dem Start dann, als Gagarin bereits im Raumschiff saß, mussten die 32 Schrauben der Einstiegsluke noch einmal geöffnet werden, weil ein Sensor nicht die komplette Schließung anzeigte.

Ungleich schwerere Auswirkungen hatte eine andere Panne gleich nach dem Start: Weil die Stromversorgung eines Funkempfängers ausgefallen war, wurde der Antrieb erst 15 Sekunden später als geplant ausgeschaltet. Gagarins Rakete schoss den Kosmonauten deshalb viel weiter in die Umlaufbahn als geplant: Statt in 230 Kilometern Höhe kreiste er bei Kilometer 327 um die Erde.

Dann riss während des Flugs auch noch der Bleistift für Aufzeichnungen aus der Halterung. Festgebunden an seinen Sitz konnte Gagarin ihn nicht erreichen. "Ich habe das Bordbuch zusammengefaltet und in meine Tasche gesteckt, es taugt ja jetzt für nichts mehr", funkte der Kosmonaut.

Wie ein Zirkusartist aus einer Kanone

In 90 Minuten sauste er einmal um die Erde, dann setzte sich die Pannenserie fort. Unkontrolliert rotierte die "Wostok" beim Wiedereintritt in die Atmosphäre um die eigene Achse. Gagarin trudelte der Erde entgegen, weil sich ein Versorgungsmodul nicht gleich wie geplant von der Pilotenkapsel gelöst hatte.

Da die Sowjets noch keinen Mechanismus für eine weiche Landung gefunden hatten, katapultierte sich der Kosmonaut schließlich 7000 Meter über dem Boden mit einem Fallschirm aus der Pilotenkugel. Er brauchte sechs Minuten, um die Atemklappen seines Raumanzugs zu öffnen, die klemmten, weil sich eine Schnur verheddert hatte.

Wohlbehalten landete er dann doch auf einem Acker in der Nähe der Wolgastadt Engels - allerdings rund 600 Kilometer vom eigentlichen Zielpunkt entfernt. Gagarins Flug erinnere weniger an eine Pioniertat, als an einen "Zirkusartisten, der aus einer Kanone geschossen" worden sei, schreibt 50 Jahre später der Historiker Gerard De Groot im britischen "Daily Telegraph". Gagarin habe "kaum Kontrolle über sein Raumschiff" gehabt.

Abgehört

Die Sowjets hielt dies nicht davon ab, ihren Helden zu feiern. Gleich nach der Landung ließ sich Parteichef Nikita Chruschtschow mit ihm verbinden. "Genosse", sagte der Sowjetführer, "Sie haben sich unsterblich gemacht."

Mag sein, dass die Amerikaner mit der "Mercury" über das bessere Raumschiff verfügten. Gleiches vollbringen konnten sie zu dieser Zeit dennoch nicht: Alan Shepard vermochte lediglich einmal kurz am Kosmos zu kratzen, als ihn die Nasa 23 Tage später als ersten Amerikaner ins Weltall beförderte. Sein Flug dauerte lediglich eine Viertelstunde, und nur wenige Minuten genoss Amerikas erster Astronaut die Schwerelosigkeit.

Washington blieb nur ein schwacher Trost: Von Gagarins Mission hatten ihre Horchposten schon erfahren, noch bevor der Kreml die eigene Bevölkerung informierte. Um 9.27 Uhr fingen US-Abhörstationen am 12. April 1961 in Alaska Gespräche zwischen dem sowjetischen Raumschiff (Codename "Zeder") und der russischen Bodenkontrolle ("Morgenröte") auf, um 9.39 Uhr unterrichteten sie das Weiße Haus und US-Präsident John F. Kennedy von Moskaus neuerlichem Triumph.

Um 10.02 Uhr unterbricht das Moskauer Staatsradio sein Programm und Jurij Lewitans Stimme verkündet knarzend den Aufbruch des Menschen in den Kosmos.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Friedemann Weber, 11.04.2011
1.
Na und, was solls denn wieder? Rückblickend aus dem Schreibtischsessel wird der kalte Krieg fortgeführt. Was ändert es an den Tatsachen?
Michael Hartmann, 11.04.2011
2.
Nee das ist keine Fortführung des Kalten Krieges. Die Jungs und Mädels vom Spiegel wollten nur Sagen. :"Wenn wir das Gemacht hätten wäre es fiel besser geworden".
Joachim Holstein, 11.04.2011
3.
Zitat: »Die Russen nahmen sogar den Tod des Kosmonauten in Kauf.« Ich bin erschüttert. Diese bösen Russen! Im Gegensatz dazu haben die Amis nie den Tod von Astronauten in Kauf genommen - auch nicht den von Edward White, Roger Chaffee und Virgil Grisssom in Apollo 1, deren Sicherheitsstandards zuvor heftig bemängelt worden waren.
Manuel Hellamann, 11.04.2011
4.
Neuste, bisher unveröffentlichte Quellen enthüllen, dass der SPIEGEL schon 1573 einen Redakteur namens Knopp auf den Mond geschossen hat. Juri Gagarin war somit nur Zweiter und moralisch natürlich auch unterlegen, weil er für's falsche Team unterwegs war. Danke EINESTAGES für diesen unglaublich schlechten "Wir-gucken-im-Nachhinein-neidisch-auf-den-alten-Klassenfeind-und-machen-alles-schlecht-Artikel".
Siegfried Wittenburg, 11.04.2011
5.
Der Artikel erinnert mich an die mir jeweils zu einfach gestrickten James-Bond-Filme, die für viele Zuschauer die Welt in Gut und Böse einteilten. Ich fand mich jedes Mal in der Welt des Bösen wieder. Ich wurde dort als unschuldiges Kind hineingeboren. Als Juri Gagarin die Welt umkreiste, war ich 9 Jahre alt, ging zur Schule und konnte gar nicht böse sein. Als die Fähre von Apollo 11 auf dem Mond landete, ging ich immer noch zur Schule, sah es im unerwünschten Westfernsehen und freute mich über diesen Erfolg. Heute lese ich bei Wikipedia, dass das Apollo-Programm auch Todesopfer forderte und von lebensbedrohlichen Problemen begleitet war. Inzwischen ist die Einteilung der Welt in Gut und Böse aufgelöst. Ich bin sehr froh darüber und freue mich, wenn viele Völker gemeinsam am ISS-Programm beteiligt sind. Aber ohne Juri Gagarin wäre es so nicht Realität. Was soll dieser so formulierte Beitrag? Ich vermisse die Würdigung eines Menschen, der sich in Lebensgefahr befand, der in die Weltgeschichte eingegangen ist und irgendwie unter anderen mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Und wir Menschen aus West und Ost sind jetzt gleichmäßig gut und böse, jeder für sich, oder?
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