Bischofsprotest gegen NS-Euthanasie Brandpredigt des "Löwen von Münster"

NS-Größen waren entsetzt, die Alliierten druckten Flugblätter dazu, und Roosevelt bekam eine Mitschrift ins Weiße Haus: Mit einer Predigt gegen Nazi-Gräuel sorgte Bischof Clemens A. von Galen 1941 für Aufsehen.

Von Klaus Kühlwein


Am Sonntag, dem 3. August 1941, war die Marktkirche St. Lamberti in Münster zum Bersten voll. Bischof Galen hatte sich angesagt. Er wollte eine Predigt halten zu aktuellen Vorgängen in Westfalen und im ganzen Reich. Unter den Zuhörern befanden sich nicht nur Gläubige aus Münster; aus ganz Westfalen waren Katholiken, Protestanten und andere Neugierige gekommen. Auch die Gestapo fehlte nicht. Nicht wenige Gottesdienstbesucher hatten Stifte in der Hand und Zettel parat. Sie wollten mitschreiben und ihre Protokolle später konspirativ verbreiten.

Schon an den zwei letzten Sonntagen hatte Galen mit Protestpredigten Aufsehen erregt. In ihnen prangerte er staatliche Übergriffe auf Kircheneigentum und Willkür gegen Geistliche an. Zu anderweitigen Gewalttaten sagte er nichts. So war die Linie der deutschen Bischöfe seit 1933.

Nach der Machtübernahme Hitlers hatte man sich "in die Sakristei" zurückgezogen, wie es Kirchenhistoriker Hubert Wolf nannte. Man blieb dem Glauben treu und vermied es, politische Konsequenzen abzuleiten. Dem Führer war man gehorsam und der staatlichen Autorität untertan. Man war stolz auf die Stärke des Reichs in der Politik und auf dem Schlachtfeld. Gewalttaten im staatlichen Bereich gingen einen nicht unmittelbar an - erst, wenn der Staat in die geschützte Sakristei eindrang, war Protest angebracht. Die große Mehrheit der Katholiken im Reich folgte diesem Rückzug, auch Bischof Galen war als eifriger Vertreter dieser Linie bekannt. Bis heute bleibt er deshalb umstritten.

Von Rom aus agierte Papst Pius XII. (bürgerlich: Eugenio Pacelli) ähnlich wie die deutschen Bischöfe. Schon als Staatssekretär hatte Pacelli konsequent auf stille diplomatische Eingabepolitik gesetzt und nur die unmittelbaren Belange der Kirche verteidigt. Er sah sich nicht berufen, auch gegen die menschenverachtende und totalitäre Praxis des NS-Staates aufzustehen.

Menschen wie Vieh behandelt

Bei seiner Protestpredigt am 3. August verließ Bischof Galen zum ersten und letzten Mal die "Sakristei" und prangerte eine Gräueltat an, die sich jenseits des Kirchenraums ereignete. Ungeheures geschehe in Deutschland. Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" werde eklatant gebrochen:

"Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind (…...) zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden."

Es bestehe kein Zweifel, so Galen weiter, dass die Kranken umgebracht würden. Man folge dabei der furchtbaren Lehre, dass man "sogenanntes lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten" dürfe, "wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert."

Bischof Galen konnte den perfiden Bruch des elementaren Naturrechts nicht fassen. Im Fortgang der Predigt spürt man in jeder Zeile, wie erregt er gewesen sein muss. Er rückte das Wort "unproduktiv" ins Zentrum seiner Argumentation und schlussfolgerte Ungeheuerliches:

"Man urteilt: Sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist, sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem lahmen Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh?"

Tumultartige Szenen in der Kirche

Die Mehrheit der Zuhörer hatte von der Tötung Geisteskranker schon gehört. Doch es waren Gerüchte, verstohlen von Mund zu Mund weitergegeben. Der NS-Staat bekannte sich nicht offen zum angelaufenen Euthanasieprogramm. Jetzt machte Bischof Galen den Skandal öffentlich und verwandelte mit einem Satz das Gerücht zur grauenvollen Wahrheit. Mehr noch - unerbittlich buchstabierte er die NS-Denkart über den "unproduktiven Volksgenossen" durch:

"Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den 'unproduktiven' Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden (...…), dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben, … dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invaliden in die Heimat zurückkehren!"

Als der Bischof die entsetzliche Logik durchbuchstabierte, brachen tumultartige Szenen in der Kirche aus. Viele Zuhörer stießen Verwünschungen, gar Drohungen gegen den NS-Staat aus. Das Donnern des hünenartigen Bischofs mit seinen fast zwei Meter Größe auf der Kanzel dort oben tat sein Übriges.

Nach dem Gottesdienst ging Bischof Galen ins Palais zurück und wartete auf seine Verhaftung. Doch die Gestapo kam nicht. Auch in den nächsten Wochen herrschte um den Münsteraner Bischof eine geradezu unheimliche Stille, wie sein Sekretär schrieb.

Unterdessen brach der Sturm woanders los: bei der Gauleitung, bei Goebbels im Propagandaministerium, bei Bormann in der Partei-Reichskanzlei und im Führerhauptquartier, wo Hitler die Euthanasiefrage für sich reserviert hatte.

Inzwischen verbreitete sich die Predigt wie im Flug. Sogar an entfernten Frontlinien in Finnland oder Nordafrika tauchte sie auf. Freiwillige schrieben den Text wieder und wieder ab, andere stellten unter großen Vorsichtsmaßnahmen Drucke her. Der Text wurde von Hand zu Hand gereicht, anonym verschickt, fremden Leuten in die Tasche gesteckt oder in Briefkästen geworfen.

Schweigen zum Judenmord

Hitler entschied noch im August 1941, das Euthanasieprogramm einzustellen. Goebbels konnte ihn überzeugen, dass es einen Märtyrerbischof Galen in diesen Kriegszeiten nicht geben durfte. Schließlich stand die Loyalität zahlloser Katholiken überall im Reich auf dem Spiel. Nach dem Endsieg werde man abrechnen - und zwar mit der ganzen Kirche. Solange sollte gegen Galen nicht vorgegangen werden. Auch Privatklagen, die vielfach von getreuen Parteimitgliedern kamen, sollten niedergeschlagen werden. Auf keinen Fall durfte die Angelegenheit offen debattiert oder gar vor Gericht ausgetragen werden.

Nur inoffiziell wurde die Euthanasie in geringerem Umfang noch weitergeführt. Meist wählte man dafür den Hunger- oder Medikamententod. In der letzten Kriegsphase erhöhte sich deren Zahl, weil verstärkt Pflegeheime für Lazarette und Ausgebombte benötigt wurden. Doch bei KZ-Häftlingen kam es weiterhin zu Euthanasie-Tötungen.

Pius XII. wurde zeitnah über die "politische" Euthanasiepredigt Galens informiert. Er war äußerst angetan von den ebenso furchtlosen wie offenen Protesten und ließ Galen seinen Dank ausrichten - sowie Glückwünsche für sein "mannhaftes" Auftreten. Nach dem Krieg belohnte er den Münsteraner Bischof mit der Kardinalswürde. Es sollte allerdings ein sehr kurzes Kardinalat werden: Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Rom erkrankte der 68-jährige Galen am Blinddarm und starb zwei Tage darauf, am 22. März 1946.

Eine zentrale Frage bleibt: Warum predigte Galen nicht in gleicher Weise gegen den massenhaften Judenmord der Nazis? Warum trat er nach eigenem Bekunden im Namen des Naturrechtes, des Menschenrechtes, des Gebots Gottes auf dem Sinai für die wehrlosen Geisteskranken ein, aber nicht für die Juden? Selbst als sie aus seiner Bischofsstadt in mehreren Wellen von 1941 bis 1943 zur Ermordung deportiert wurden, blieb Galen stumm. Das hinderte Benedikt XVI. jedoch nicht, Graf Clemens von Galen am 9. Oktober 2005 entgegen aller Bedenken seligzusprechen.

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