Game-Crash 1984 Als E.T. die Videospiele killte

Game-Crash 1984: Als E.T. die Videospiele killte Fotos

Nagelneue Spiele, tonnenweise verklappt auf der Müllkippe: Anfang der achtziger Jahre implodierte die damals größte Boombranche der Unterhaltungsindustrie. Atari, der Marktführer für Konsolen-Videospiele, schrammte knapp an der Pleite vorbei - Schuld daran waren ausgerechnet Pac-Man und E.T. Von Stephan Freundorfer

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.3 (61 Bewertungen)

Es ist einer der größten Mythen der Videospielindustrie: In einer Nacht-und Nebelaktion soll der Videospielhersteller Atari Anfang der achtziger Jahre vier Millionen Module ihres Videospiels zum Film "E.T. - Der Außerirdische" in der Wüste verscharrt haben. Bis heute wird diese Legende in Internet-Communitys in allen Details diskutiert. Liegt der Schatz in Nevada oder New Mexiko? Wurde das Game-Grab mit Beton versiegelt oder sind die Spiele nur von einer dünnen Schicht Sand bedeckt? Und natürlich: Wenn man sie denn fände, würden die Module heute noch funktionieren oder hätten Sand und Wüstenklima sie längst unbrauchbar gemacht? So absurd diese Diskussionen scheinen und so wahnwitzig die Geschichte von der Entsorgungsaktion erst mal klingt: Ganz abwegig ist sie nicht.

Anfang der achtziger Jahre steckte die Boombranche Videogames in einer beispiellosen Krise. Innerhalb weniger Monate war aus der florierenden Industrie ein Milliardengrab geworden. Begonnen hatte alles am 7. Dezember 1982. Der weltweit größte Videospielhersteller Atari verkündete seine Umsatzerwartungen für das 4. Quartal des laufenden Jahres: ein Plus von zehn bis 15 Prozent - eine katastrophale Nachricht, die eine Schockwelle an der Wall Street auslöste.

Atari - das war immerhin die Firma, die von 1976 bis 1981 ihre Umsätze von 30 Millionen auf 1,1 Milliarden Dollar im Jahr gesteigert hatte. Atari war die Firma, die mit ihren Spielautomaten und der VCS-Heimkonsole Amerika zu einem Volk der Zocker gemacht hatte. Games waren einfach überall: Im Fernsehen gab es die Video-Game-Show "Starcade", im Kino lief Disneys "Tron" und in den Billboard-Charts parkte der Song "Pac-Man Fever" wochenlang in den Top Ten.

Videospiele vom Frühstücksflocken-Konzern

Vor allem aber hatten Ataris Führungskräfte bis zu diesem 7. Dezember eisern an ihrer Prognose von 50 Prozent Wachstum festgehalten und kein Wort von einem Verfehlen der Umsatzziele verlauten lassen. Als drei Tage nach der fatalen Ankündigung endlich die Börse zum Wochenende schloss, gab's reichlich Wunden zu lecken in einer der heißesten Branchen der vergangenen Jahre: Die Aktie von Warner Communications, seit 1976 im Besitz von Atari, rauschte von 54 auf 35 US-Dollar, was das Unterhaltungs-Konglomerat 1,3 Milliarden Dollar seines Marktwertes kostete. Die Aktien von Konkurrent Mattel, Produzent der Intellivision-Videospielkonsole, verloren 40 Prozent ihres Wertes, Spielehersteller Imagic sagte trotz dringenden Kapitalbedarfs seinen Börsengang ab.

Das vorweihnachtliche Beben war der Auftakt für ein Jahr des Schreckens in der nordamerikanischen Videospielindustrie, doch das Unglück hatte sich schon im Laufe des Jahres 1982 zusammengebraut. Die grandiosen Wachstumsraten der Branche hatten blind und gierig gemacht. Jeder wollte am Boom teilhaben, von traditionellen Brettspieleherstellern wie Parker Brothers, Milton Bradley oder Avalon Hill über den Entertainment-Giganten 20th Century Fox - selbst der Frühstücksflocken-Konzern Quaker Oats stellte eine eigene Konsole her.

left false custom left false custom

Auch die anderen produzierten eigene Videospielsysteme oder Spiele oder beides. So konkurrierten bald mehr als ein Dutzend Videospielsysteme und Hunderte neuer Spielmodule um das Taschengeld der amerikanischen Jugend. "Die Hersteller nehmen einander unter Feuer wie Raumschiffpiloten, die einem Ansturm von Alien-Schiffen gegenüberstehen", beschrieb "Newsweek" die Situation Ende Oktober 1982. Es stünde viel auf dem Spiel, so der Artikel: Die boomende Videospielindustrie sei fast so groß wie das Film-Business geworden, und ein einzelner Heimkonsolen-Bestseller könne sich bald schon besser verkaufen als Hollywoods größte Blockbuster.

Das "Pac-Man"-Debakel

Am gierigsten war Atari selbst geworden - schließlich warf die Videospieltochter Anfang der achtziger Jahre für Konzernmutter Warner ein Vielfaches dessen ab, was die Schallplatten- und Filmsparte erwirtschafteten. 70 Prozent der Warner-Gewinne gingen auf das Konto des Spielezweigs.

Zum Symbol für den grenzenlose Größenwahn der Atari-Manager im Jahr 1982 wurde die VCS-Version von "Pac-Man". Zwölf Millionen Module des Spiels ließen sie produzieren - obwohl es zu diesem Zeitpunkt gerade mal zehn Millionen Konsolen im Markt gab, auf denen man "Pac-Man" hätte spielen können. Dabei war die Überproduktion allein kein Problem. Zwei Jahre zuvor hatte man riesige Erfolge mit der Umsetzung der legendären japanischen Weltraumballerei "Space Invaders" gemacht. Die virtuelle Alienjagd war das, was man fortan einen "Systemseller" nennen würde: Ein Spiel, für das allein sich Menschen eine Spielekonsole kaufen.

Um diesen Erfolg zu toppen, lizenzierte Atari "Pac-Man", das beliebteste Videospiel der beginnenden Achtziger. Allerdings hatten die meisten fähigen Programmierer Atari zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen, um bei erfolgreichen Spiele-Start-Ups wie Activision oder Imagic anzuheuern. Einer der verbliebenen Entwickler, Tod Frye, wurde für die Umsetzung des Labyrinthspiels mit der gelben Ikone verpflichtet, dabei aber unter massiven Zeitdruck gesetzt - so wurde die VCS-Version von "Pac-Man" zu einem flackernden Zerrbild der Automatenvorlage. Am Ende blieb Atari trotz flächendeckender Marketingkampagne auf fünf Millionen nicht verkauften "Pac-Man"-Modulen sitzen und hatte Millionen Spieler enttäuscht - es war der Anfang vom Ende.

"E.T." - Das Unterirdische

Vor allem, weil Atari offenbar nicht aus dem Misserfolg lernen wollte - auch das nächste Debakel war hausgemacht. Warner-Chef Steve Ross höchstpersönlich handelte einen Deal mit Steven Spielberg aus, der Atari erlaubte, Spiele auf Basis von dessen jüngstem Blockbuster "E.T." zu produzieren. Der eher plumpe Versuch, Spielberg über den Games-Umweg auch für seine nächsten Filmprojekte zu Warner Bros. zu locken, kostete Atari nicht nur 25 Millionen US-Dollar Lizenzgebühren, in etwa das zweieinhalbfache des "E.T."-Filmbudgets. Schlimmer noch: die Verhandlungen zogen sich auch bis Ende Juli hin.

Dann erst konnte Atari mit der Versoftung des Außerirdischen beginnen. Dem Programmierer Howard Scott Warshaw blieben gerade mal fünf Wochen für Design und Programmierung - statt mindestens einem halben Jahr, wie er und seine Kollegen es gewohnt waren. Auch auf sonst übliche Fokusgruppentests wurde verzichtet, die Produktion von fünf Millionen Modulen im September 1982 stattdessen einfach gestartet. Schließlich sollte das VCS-Spiel um jeden Preis zum Weihnachtsgeschäft in den Läden stehen.

"Spielberg wollte aus 'E.T.' ein 'Pac-Man'-artiges Spiel machen, aber ich wollte mir lieber etwas eigenes ausdenken. Im Nachhinein war seine Idee vielleicht doch nicht so schlecht", gibt sich Warshaw heute geläutert. Vielfach als schlechtestes Spiel aller Zeiten gescholten, erschütterte "E.T." rund 1,5 Millionen Käufer, auf den übrigen 3,5 Millionen Modulen blieb Atari sitzen. Die "E.T."-Überproduktion trug neben immensen Lizenz- und Marketingkosten aber nicht nur in hohem Maß zu den Gesamtverlusten Ataris von 536 Millionen Dollar Ende 1983 bei, sondern schuf auch eben jenen größten Mythos der Videospielgeschichte. Und der ist tatsächlich wahr.

Das Wahrheit über das Videospielgrab

Am Donnerstag, den 22. September 1983, spielten sich groteske Szenen in Alamogordo, New Mexiko ab. Eine Karawane von acht Sattelschleppern fuhr auf das Gelände der städtischen Mülldeponie. Doch sie verklappten weder Hausmüll noch Bauschutt, sondern eine Ladung, die jedem Videospielfan heute leuchtende Augen und feuchte Hände beschert hätte: tonnenweise nagelneue Videospielmodule und Spielkonsolen. Wie die örtliche Tageszeitung aufgeregt berichtete, stammten diese aus einem texanischen Atari-Lager. Nur ob unter dem verklappten Spielzeug tatsächlich Millionen von "E.T."-Spielen waren, lässt sich heute nicht mehr herausfinden. Die abgeladenen Plastikmassen wurden umgehend zerstört und unter einer dicken Schicht Müll begraben.

Am 28. September schrieb die "New York Times" schadenfroh: "Wegen des strauchelnden Videospielgeschäfts haben einige Hersteller ihre überzähligen Spielmodule zu deprimierenden Preisen auf den Markt gekippt. Nun geht der führende Videospielhersteller Atari beim Abkippen einen Schritt weiter."

Atari kollabierte und riss die ganze Industrie mit sich. Als sich 1984 der Rauch legte, war nicht mehr viel übrig von der amerikanischen Videospielindustrie. Etliche Softwarehersteller hatten die Segel gestrichen, wer das Vorjahr überstanden hatte, tat das nur mit massiven Entlassungen. Coleco machte sein Geschäft nun hauptsächlich mit Puppen statt mit Konsolen, Mattel stoppte sämtliche neuen Hardware-Projekte, Activision entließ 75 Prozent der Belegschaft.

Und Atari? Nach Fabrikschließungen und der Kündigung von zwei Dritteln der US-Belegschaft gab Warner Mitte 1984 aller Versuche auf, die einst so strahlende Tochter wieder in Schwung zu bringen. Stattdessen verkaufte man Atari an Jack Tramiel, den Gründer von Commodore. Der hatte ironischerweise mit seinen Computern nicht nur seinen Teil zum Untergang Ataris beigetragen - der Commodore 64 sollte auch die VCS-Konsole als die wichtigste Spielemaschine der kommenden Jahre beerben.

Artikel bewerten
4.3 (61 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
sebastian stehlik 11.03.2009
...und auf den Trümmern des Crashs von 1984 begann der weltweite Siegeszug der japanischen Konsolenhersteller wie Sega und Nintendo, ein neues Zeitalter und mein persönlicher Einstieg in die damalige Daddelwelt:)
2.
Jochen Schilm 11.03.2009
Und gleichzeitig die Konkurrenz mit einem breiten Angebot an Home-Computern wie VC20, C64, ZX81, ZX Spectrum, Dragon32, Commodore Amiga.... Mein erster war ein VC20 (3,5Kb Hauptspeicher) mit Datasette als Speichermedium, einem einfachen Kassettenrecorder. Die Spiele haben wir damals als Listings aus Zeitschriften abgetippt. ...ich heul gleich....
3.
Orlando Brosowsky 11.03.2009
Das E.T.-Spiel/der Atari-Flop ist auch Thema eines sehr schönen Musikvideos der Band Wintergreen aus dem Jahre 2006. Name des Songs: When I Wake Up. Siehe bei YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=8Rt_3_bQVJU
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen