Gastarbeiterschicksal "Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Auf nach Deutschland! 1964 trat das deutsch-türkische Anwerbeabkommen in Kraft und ermöglichte Menschen wie Selahattin Biner eine neue Zukunft. Auf einestages erinnert er sich an die Neugierde auf eine fremde Kultur, das aufregende erste Jahr - und eine Postkarte vom Schloss Neuschwanstein, die sein Leben veränderte.

Selahattin und Güzin Biner

Seine Familie hatte es immer geahnt: Schon als er von den Anzeigen am Schwarzen Brett seiner Schule erzählte, schärften Vater und Bruder ihm ein: "Guter Junge, wir wissen ja, wie gerne du reist. Aber wenn du nach Deutschland gehst, dann musst du dort Geld verdienen. Und sparen, dass du dir ein schönes Haus auf einem schönen Grundstück in der Türkei leisten kannst!" "Ja, ja", erwiderte der Abenteuerlustige da, "wenn es sein muss, spare ich natürlich auch. Aber ich möchte auch das Land, Europa und noch viel mehr kennenlernen!" Nach Deutschland gehen, als Gastarbeiter - um die Welt zu sehen? Seine Familie fand das völlig verrückt. Dabei war es genau das, was er wollte, 1964, als er mit 20 Jahren die Aushänge deutscher Firmen studierte: Der junge Selahattin Biner war gut ausgebildet, mobil, unternehmungslustig.

Vor allem aber fühlte er sich als Europäer, als einer, dem das Leben im Westen schon deswegen nicht schwerfallen würde, weil seine ganze Umgebung dorthingeschaut hatte. In seiner Schule waren nicht nur Englisch und Französisch oder Deutsch Pflichtfächer; die Lehrer lasen auch den Rattenfänger von Hameln und die Bremer Stadtmusikanten. Und natürlich hatten sie vom Ruhrgebiet als der Herzschlagader des deutschen Wirtschaftswunders erzählt. In Kirklareli war das, einer kleinen Stadt nahe dem griechisch-bulgarisch-türkischen Dreiländereck. Und der junge Modellschreiner dachte sich: "Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

"Das war natürlich ein Abenteuer! Wir hatten noch nicht einmal unseren Militärdienst absolviert. Normalerweise hätten wir die Türkei gar nicht verlassen dürfen. Nur über die Anwerbung konnten wir überhaupt weg. Unser Arbeitgeber war ein Hersteller von Sitz- und Liegemöbeln in Duisburg. Vier Mark und 16 Pfennig in der Stunde haben wir bekommen, das war ein guter Stundenlohn. Aber wir hatten ja auch einen guten Beruf.

Mehr vom Leben

Aber auch wenn ich gut und gern gearbeitet habe: Ich wollte immer mehr vom Leben; Freunde haben, Sport treiben, meine neue Umgebung erobern. Ich war neugierig auf die deutsche Kultur, die deutsche Lebensart. Da war es ein Glück, dass ich sofort Kontakt bekommen habe. Im Lohnbüro habe ich den Franz kennengelernt. Er hat mir Deutsch beigebracht und ich ihm Türkisch. Wann immer wir Zeit hatten, sind der Franz und ich mit den Rädern los, den Rhein hinauf oder bis nach Belgien und Holland. Ach, dieses erste Jahr in Deutschland - es war eins der schönsten meines Lebens!"

Der junge Gastarbeiter wünscht sich nichts sehnlicher, als in Deutschland zu bleiben und eine Technische Universität zu besuchen. Erst bezahlt er aus eigener Tasche seine ersten Sprachkurse, dann nimmt er Kontakt zur Carl-Duisberg-Gesellschaft auf. Die Hoffnung auf das deutsche Studentendasein macht ihm allerdings das türkische Generalkonsulat zunichte: Es verlängert seinen Pass nicht. Als er am Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof in den Zug nach Istanbul einsteigt, laufen ihm Tränen übers Gesicht.

Erst in Izmir, dann in der Region um den Berg Ararat im äußersten Nordosten absolviert er seinen Militärdienst. Damit er in Deutschland nicht vergessen wird, schreibt er Briefe: "Wenn ich hier fertig bin, komme ich gerne wieder!" Als das Militär ihn nach zwei langen Jahren 1967 in die Freiheit entlässt, erhält er aus Duisburg ein Schreiben: "Herr Biner, wir werden Sie gerne holen, sobald wir können." Er möge sich gedulden, momentan habe man mit einer Rezession zu kämpfen. Er versucht einen anderen Weg: Sein Bruder lebt in München. Als der bei seinem Arbeitgeber anfragt, ob ein Modellschreiner gebraucht wird, erwidert man: "Spricht er so gut Deutsch wie Sie? Schicken Sie ihn her!"

Zum ersten Mal in den Alpen

"Wieder kam ich in ein Firmenwohnheim. Und wieder dachte ich sofort: Du musst die Gegend erkunden, neue Freunde finden! Und plötzlich stand ich am Tegernsee und schaute auf die Berge! Ich habe mich sofort verliebt! Und als mein alter Chef aus Duisburg schrieb 'Herr Biner, bitte kommen Sie!', musste ich leider erwidern: 'Es tut mir leid - ich möchte Bayern nicht mehr verlassen!' Die Alpen zu sehen, das hat mich begeistert wie kaum zuvor etwas in meinem Leben. Immer noch, wenn ich auf einem Gipfel stehe, kann ich mein Glück kaum fassen. Immer wieder spreche ich Leute an und frage sie: 'Sind Sie auch so begeistert?' Und die sind ganz überrascht: Türken findet man nicht viele dort droben.

Noch etwas trieb mich um: Ich war 24 und reifer geworden. Und ich dachte: Du willst eine Familie gründen! Eine deutsche Frau zu heiraten hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Außerdem gab es in der Türkei jemanden, der mir über die Jahre nicht aus dem Kopf gegangen war: die Tochter meines Schuldirektors. Immer wieder hatte ich sie auf Sommerfesten in der Schule gesehen, und immer wieder dachte ich: Die ist aber nett. Als ich hörte, dass sie noch nicht vergeben war, habe ich geschrieben - erst einen Brief an ihre Mutter, dann eine Postkarte an sie selbst, ich wusste ja, was sich gehört! Die Postkarte hatte ich mit Sorgfalt ausgewählt: Das Schloss Neuschwanstein war darauf, ich dachte, das gefällt ihr hoffentlich! In meinem nächsten Urlaub haben wir uns über unsere Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben unterhalten. Dann haben wir sehr schnell entschieden: Wir heiraten!"

Ende 1972 kommt ihre erste Tochter zur Welt. Mit vier Jahren fällt das kleine Mädchen als außergewöhnlich auf: Die kleine Göknil singt wie ein Engel. Als eine Erzieherin den Eltern rät, das erstaunliche Talent zu fördern, fragen die begeistert: "Wie? Was können wir tun?" Wenig später erhält Göknil Gesangs- und Instrumentalunterricht; das erste Klavier wird angeschafft. Als sie eingeschult wird, treffen die Eltern eine Entscheidung:

in Deutschland zum Musik-Talent

"An dem Tag, als Göknil in die erste Klasse kam, haben wir gesagt: Jetzt müssen wir entscheiden, was wir wollen: Nach Hause? Oder hierbleiben? Wir mochten ja die Türkei, keiner von uns hatte je daran gedacht, ein ganzes Leben hier zu verbringen. Aber plötzlich lagen die Dinge anders. Die Älteste kam zur Schule, die Jüngere war gerade geboren. Und als wir auf dem Sofa saßen und überlegten, wurden wir uns schnell einig, dass eine Rückkehr nicht mehr in Frage kommt. Die Ausbildung, die unseren Töchtern hier bevorstand, hätte ihnen die Türkei nie geboten, als Mädchen schon gar nicht. Also haben wir entschieden: Wir bleiben. Noch am selben Tag sind wir in den Keller und haben aufgeräumt: All die Kartons, in die wir den Kühlschrank oder den Fernseher wieder einpacken wollten bei einer Rückreise in die Türkei, flogen in den Müll. "

Beide Töchter meistern die Schule mit Bravour. Beide machen Abitur, beide starten eine musikalische Laufbahn: Göknil, die Ältere, lernt wenig später auf dem Münchner Konservatorium einen Pianisten aus Neuseeland kennen. Es dauert nicht lange, da nimmt der junge Neuseeländer seine Freundin mit in seine Heimat. Nach ihrer Rückkehr eröffnet Göknil ihren Eltern: "Papa, ich habe mich verliebt. Wir möchten heiraten und auswandern." Den Eltern fällt es nicht schwer, die Tochter ziehen zu lassen: "Mach, was du für richtig hältst", erwidern sie und besuchen sie, wann immer sie können. Reisen in die Türkei stehen bei den Biners nur noch selten auf dem Programm. Dass sie sich von Heimat und Herkunft entfremdet hätten, wollen sie aber keineswegs gelten lassen.

"Die eigene Identität vergisst man nie! Meine Frau und ich, wir sind auch noch Türken. Was uns aber von vielen anderen Türken unterschieden hat, ist unsere Haltung. Wir haben nie gesagt: 'Das ist eine andere Kultur. So wie die Menschen hier wollen wir nicht werden.' Die Umgebung prägt einen doch. Wenn du in Rom lebst, benimmst du dich, wie die Römer sich benehmen, dann wirst du auch ein bisschen Römer, das geht doch gar nicht anders! Und wir sind eben ein bisschen wie die Deutschen geworden."

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Zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens brachte das Kulturforum TürkeiDeutschland am Sonntag den 30. Oktober 2011 in München eine Erinnerungstafel für Gastarbeiterinnen aus Gastarbeiter aller Anwerbestaaten an. Am Gleis 11 des Hauptbahnhofs, dem zentralen Ankunftsort für Gastarbeiter aus Süd- und Südosteuropa, enthüllte Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) um 13 Uhr ein Kunstobjekt der Künstlerin Gülcan Turna.

Aufgezeichnet von Jeannette Goddar

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Ahmet Suley, 29.10.2011
1.
Die Golfstaaten machen es anders mit den Gastarbeitern. Aus Angst, das diese sich ansiedeln, gibt es nur zeitlich befristete Verträge, nach deren Auslaufen man in seine Heimat zurückgehen darf. Das hat man bei uns versäumt.
Deter Roosu, 30.10.2011
2.
Mit DIESER Art von Türken hatte ich beruflich auch niemals Probleme. Das waren die Türken der ersten Generation, die nicht wegen unsres Sozialsystems hierher kamen, sondern weil Sie Arbeit suchten - und diese auch verdammt gut machten! Erstmals Mitte der 70er Jahre erklärte mir eine Türkin (sie war Stewardess bei Turkish Airlines und sprach ein astreines Deutsch), dass die Türken, die um diese Zeit begannen, nach Deutschland zu strömen, zum Problem werden würden. Sie sagte wörtlich - ich habe es bis heute nicht vergessen -: "In der Türkei setzen wir uns mit diesen Leuten nicht an einen Tisch." Es liegt nämlich auch ein großes Problem darin, dass die gesellschaftlichen Unterschiede in der Türkei erheblich größer sind als in Europa. Und das überträgt sich natürlich und potenziert unsre aktuellen Probleme mit "den Türken". Politisch und leider auch journalistisch werden diese Probleme einfach "weggeguckt" - aber damit löst man so etwas nicht. Eine mir aus beruflicher Zeit noch bekannte junge Türkin (deutsche Staatbürgerin) erklärte mir vor einiger Zeit ganz selbstverständlich, dass ihr "zukünftiger Ehemann selbstverständlich aus der Türkei kommen wird". Nicht, dass sie schon irgendwie liiert wäre, oh nein! Aber mit Auswandern nach Neuseeland wäre in diesem Fall schon von der Geisteshaltung her bestimmt NIX drin! "Die Türken" gibt es nicht. Aber es gibt leider prozentual immer weniger Türken wie die, von denen der Bericht spricht. Und das ist schade.
Horst Weißmann, 30.10.2011
3.
Auch wenn es ursprünglich nicht beabsichtigt war, dass die "Gastarbeiter" hier Familien gründen und sich fest ansiedeln: Einwanderung ist gut für Deutschland, bereichert seine Gesellschaft und seine Kultur. Wenn dann von beiden Seiten auch noch auf eine erfolgreiche Integration hingearbeitet wird, bietet sich eine win-win-Situation...
Zeki Özdemir, 31.10.2011
4.
Ja, die deutsche Industrie war es irgendwann leid, immer wieder neue Arbeiter teuer anlernen zu müssen und drängte daher erfolgreich auf eine Abschaffung der Rückkehrpflicht. So wurde aus einer erweiterten Saison- bzw. Gastarbeit eine dauerhafte Arbeitsmigration. Dabei hätte man wissen müssen, dass die deutsche "Leitkultur" eine solche nur schwer tolerieren würde. Wie man sieht gibt es noch nach 50 Jahren viele Deutsche mit dem Wunsch, dass Gastarbeiter sich nach getaner Arbeit einfach wieder in Luft auflösen. Xenophobie und Demographie im Widerspruch...
Heike Lindenborn, 30.07.2012
5.
Ja, leider steckt noch in vielen, auch jungen, Köpfen die Mentalität "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen". Das betrifft aber nicht nur Deutschland!
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