Gauner-Legenden Kellerparty der Panzerknacker

Gauner-Legenden: Kellerparty der Panzerknacker Fotos
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Sie waren geniale Tresorknacker - und lieferten den Krimi zur Wirtschaftskrise. Die Berliner Brüder Sass machten Ende der zwanziger Jahre Furore. Während Deutschland ins Fiasko schlitterte, räumte das Ganovenduo reihenweise Banken aus. Und lud danach schon mal die Presse zum Sektfrühstück. Von Christian Habbe

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Wenn Panzerknacker einen Banksafe ausgeräumt haben, finden die Bankangestellten die Tresortür am Morgen danach meist weit offen. Anders im Keller der Diskonto-Bank am Berliner Wittenbergplatz am Morgen des 29. Januar 1929. Die 40-Zentner-Tür zu den Bankschließfächern ging einfach nicht auf und blieb auch zu, als der Direktor selbst es versuchte. So wurden zwei Maurer gerufen.

In vierzehnstündiger Arbeit stemmten sie durch die gewaltige Wandarmierung ein kleines Loch - groß genug allerdings, um den Blick auf ein Desaster ohnegleichen frei zu geben: Die dicke Tür war kunstgerecht von innen blockiert, dafür standen 179 der 181 Schließfächer offen. Rausgeräumt war alles, was betuchte Berliner im bestgesicherten Tresorraum der Stadt so vor Räubern und Gläubigern, Gattinnen oder Finanzämtern versteckt hatten. Es waren Schätze in umständehalber unbekannter, wahrscheinlich aber enormer Höhe. Jedenfalls hatten die Täter gleich vor Ort gefeiert: Zwischen Schmuckresten am Boden, zertretenen Wertpapieren sowie einer ramponierten Originalpartitur von Richard Wagner ("Tristan und Isolde") lagen auch zwei frisch geleerte Weinflaschen.

Ganoven hatten sich unter dem Pflaster am Wittenbergplatz zur Bank gewühlt und durch einen unterirdischen Luftschacht von 20 mal 50 Zentimetern Durchmesser an die Außenwand des Tresorraums herangerobbt, dann hindurchgearbeitet. Der Kripo, vor Ort vertreten durch Berlins Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel persönlich, kam das bekannt vor. Alles passte ins Bild - die Wahl des Objekts, die kaltschnäuzige Operation im Schutz der Stahltür: Das konnte nur die Arbeit der Brüder Sass sein.

Millionenbeute liegengelassen

Seit zwei Jahren bereits hatten die Brüder Franz (24) und Erich Sass (22) Berlin in Atem gehalten. Mehrere Bankeinbrüche zwischen April 1927 und Januar 1929 schrieb die Polizei dem Paar aus dem Arbeiterviertel Moabit zu. Stets waren ihre Zielobjekte prominent, die Methoden elegant bis kühn. Wandlöcher entstanden nicht durch brutales Stemmen sondern durch filigrane Millimeterarbeit, an Werkzeugen fand nur die neueste Technik Verwendung. Fingerabdrücke blieben eh nie zurück.

Zur Last gelegt wurden ihnen spektakuläre Raubzüge auf die Safes der Berliner Bank in Moabit, der Dresdner Bank in Charlottenburg und Tiergarten, der Reichsbahn-Zentrale am Schöneberger Ufer. Sogar an die Reichsfinanzkasse in der Straße Altmoabit wagten sich die Täter. Hier lagerten gerade neun Millionen Mark, die der französischen Regierung als Weltkriegsreparation zukommen sollten. Obwohl der Tresor schon aufgeschnitten war, blieben die Millionen unangetastet, weil das Durchtrennen eines Alarmkabels misslang. Die Täter entwischten, wie so oft. Mehrfach waren sie knapp entkommen, obwohl sie in Tatortnähe erkannt oder später identifiziert worden waren. Eine Sonderkommission recherchierte, observierte, kombinierte, mehrfach landeten die Brüder Sass in Untersuchungshaft, aber zum Prozess reichten die Indizien nie.

Ins Visier der Fahnder war das Geschwisterpaar durch ihren Perfektionsdrang geraten. Als erste Bankeinbrecher überhaupt setzten sie Schneidbrenner ein. Sie hatten das für die Branche revolutionäre Gerät im Spezialgeschäft Fernholtz gekauft und anschließend die Seriennummer weggefeilt - freilich nicht sorgsam genug: Die Kripo, die den Apparat an einem Tatort fand, konnte die Zahl rekonstruieren. Sie spürte das Geschäft auf, erfuhren dort den Käufernamen und verhaftete die Brüder - doch mangels exakterer Beweise kamen die schnell wieder frei. Vom auskunftsfreudigen Haus Fernholtz kauften Sass und Sass natürlich ihre Ausrüstung nicht noch einmal - das Werkzeug für ihren nächsten Coup stahlen sie dort lieber.

Sekt für die Journaille

Die Söhne eines aus Polen eingewanderten Schneiders lebten mit Eltern und drei anderen Brüdern im düsteren Arbeiterquartier Moabit auf 40 Quadratmetern. Ihr Zuhause war eine der zahllosen Berliner Wohnungen, mit denen man, wie der Milieu-Zeichner Heinrich Zille wusste, Menschen umbringen kann "wie mit einer Axt". Viele junge Bewohner scherten sich auf der Flucht aus diesem Elend nicht um Gesetze, so auch die beiden Sass-Brüder: Schon als Jungens lebten sie mit Kripobesuch, "Fürsorgeerziehung" und Polizeizellen. So war die Ganovenlaufbahn vorgezeichnet - bald übten sich die Brüder als Serieneinbrecher und zeigten schnell Klasse in ihrem Fach. Sogar die Polizei bescheinigte ihnen hohe Präzision bei Planung und Ausführung ihrer Aktionen.

So genossen die begnadeten Einbrecher bald Legendenstatus. Kurz vor Beginn der großen Depression - in Deutschland waren schon drei Millionen arbeitslos - begeisterten die pfiffigen Prolls aus Moabit das Volk mit ihren Raubzügen bei den Reichen. Angeblich profitierte sogar manchmal der kleine Mann. Jedenfalls wurde aus Moabit berichtet, Geldscheine in den Briefkästen armer Kiezbewohner stammten von den Brüdern Sass.

Auch die Medien waren begeistert - die Sassens lieferten den Krimi zur Krise. Die Blätter stilisierten die kreativen Brüder zu Helden des Alltags, etwas ruchlos vielleicht, aber doch mit Glamour und auf den Fotos schick in Schale. Als die Polizeiermittlungen nach dem Bruch in der Diskonto-Bank leerliefen und die Verhafteten einmal mehr freikamen, gaben sie eine rauschende Pressekonferenz - im Traditionslokal Lutter & Wegener brüsteten sich die Knackis, von ihrem Anwalt umsorgt, mit ersten Filmangeboten und kredenzten der Journaille Sekt. Zeitschriften, Bücher und Filmer sorgten dafür, dass die Kultganoven sprichwörtlich wurden. Noch nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933, den die Nazis zu einer Verfolgungswelle gegen ihre Gegner nutzten, tippten mutige Witzbolde auf "die Brüder SA-SS" als Brandstifter.

"Auf Befehl des Führers erschossen"

Da waren Franz und Erich Sass freilich schon dabei, ihr Tresorknackergeschäft nach Dänemark zu verlagern. Doch das wurde ihnen zum Verhängnis: In Kopenhagen flogen sie auf und mussten erstmals für vier Jahre ins Gefängnis. In Berlin ging derweil die Polizei die alten Sass-Fälle noch mal durch - und fand in der Moabiter Wohnung in Mauerverstecken Werkzeuge und Diebesgut von legendären Berliner Raubzügen. Zum ersten Mal hatten die deutschen Strafermittler harte Beweise gegen das legendäre Tersorknacker-Team.

Dänemark schob die Sass-Brüder nach Verbüßung der Strafe nach Deutschland ab. Dort unterstand die Kriminalpolizei inzwischen dem "Reichssicherheitshauptamt", der SS-Zentrale, und vor Gericht galt nun das "Gesetz zur Bekämpfung des Berufsverbrechertums", das brutale Strafen bis zur Einlieferung ins KZ erlaubte - die Brüder Sass landeten umgehend wieder im Zuchthaus. Ende März 1940 wurden sie in das KZ Sachsenhausen verlegt und dort sofort umgebracht; Lagerchef Rudolf Höss, später Kommandant des KZ Auschwitz, leitete die Mordaktion persönlich. In das Sterbebuch des zuständigen Standesamts Oranienburg wurde als Todesursache eingetragen: "Auf Befehl des Führers erschossen".

Der Mythos der Brüder Sass allerdings überlebte die Nazis: Gleich drei Mal wurde ihr Ganovenleben nach dem Krieg verfilmt, zuletzt 2001 mit Ben Becker und Jürgen Vogel in den Hauptrollen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Bruch in der Diskonto-Bank. Von der Beute des dreisten Coups fehlt bis heute jede Spur.


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