Geburt des Staates Bangladesch Bengalisches Trauma

Blutige Geburtsstunde einer Nation: 1971 begann in Pakistan ein Kampf um Selbstbestimmung. Am Ende gewannen die Bengalen im Osten gegen die westpakistanischen Herrscher. Der Staat Bangladesch war entstanden - nach einem der schlimmsten Kriegsverbrechen des vergangenen Jahrhunderts.

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Razaul Ahmad kramt einen Ordner voller vergilbter Papiere aus einer Kiste. Er blättert ein wenig darin, Staub wirbelt aus dem Bündel, er verharrt, betrachtet manche Dokumente etwas länger, blättert dann weiter. Endlich findet er, was er sucht: einen Artikel, herausgerissen aus einer Zeitung, das Papier ist inzwischen gelb, die Schrift verblichen.

"Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden die Menschen, über die ich hier schreibe, tot sein." Mit diesen dramatischen Worten beginnt der britische Reporter und spätere Thriller-Bestsellerautor Brian Freemantle im Sommer 1971 seinen Artikel von der indisch-ostpakistanischen Grenze. Die Geschichte erschien ein paar Tage später in der britischen Zeitung "Daily Mail" und berichtet von der dramatischen Lage der Menschen. Razaul Ahmad sagt, er war dabei, dort in den elenden Lagern voller Verletzter und Verhungernder. Hunderte Menschen seien vor seinen Augen verreckt.

Ahmad, 73, ist Veteran, er hat in diesem vergessenen Krieg von 1971 gekämpft, auf der Seite der Ostpakistaner, ethnisch Bengalen. Er war Mitglied der Mukti Bahini, der bengalischen Befreiungsarmee. "Wir haben gesiegt", sagt er mit leiser Stimme, "aber zu welchem Preis?" Heute lebt er in einer engen Wohnung am Stadtrand von Dhaka. Viele seiner einstigen Kameraden wohnen unter noch ärmlicheren Bedingungen in Siedlungen, die von der Regierung des damals neuen Staates Bangladesch für sie eingerichtet wurden und aus denen sie es nie herausgeschafft haben.

Widerstand gegen die Vorherrschaft

Ahmad sagt, es habe alles schon schlecht angefangen. Gut zwei Jahrzehnte zuvor hatten die britischen Kolonialherren den indischen Subkontinent verlassen und dem Drängen des muslimischen Politikers Mohammed Ali Jinnah nach einem eigenen islamischen Staat zugestimmt. Im August 1947 feierten Indien und der neue Staat Pakistan die Unabhängigkeit. Doch Pakistan war zweigeteilt: West- und Ostpakistan trennten rund 2000 Kilometer. Dazwischen lag Indien.

"Allein das war zum Scheitern verurteilt", sagt Ahmad. "Wie kann ein Staat überleben, dessen zwei Teile so weit auseinander liegen?" Der Islam sollte die Brücke bilden, doch kulturell und ethnisch verband die beiden Teile nichts: Der Westen Pakistans war ein Vielvölkerstaat mit mehreren Sprachen, im Ostteil des Staates lebten die Bengalen und sprachen Bengali. "Aber die wurde nicht als offizielle Amtssprache anerkannt, obwohl in Ostpakistan mehr Menschen lebten als in Westpakistan", sagt Ahmad. "Der Westen dominierte uns, dort lag die Hauptstadt. Wir waren nur die lästigen Bengalen."

An der Entscheidung gegen Bengali als Amtssprache entzündete sich der Widerstand gegen die westpakistanische Vorherrschaft. Die Unabhängigkeitsbewegung in Ostpakistan bekam Auftrieb - und der ehemalige Studentenführer Mujibur Rahman wurde ihre führende Stimme. Mitte der sechziger Jahre wurde er mehrmals verhaftet, doch die Proteste im Osten ließen nicht nach. Pakistan war geschwächt, nachdem es 1965 einen Krieg gegen Indien um die Provinz Kaschmir geführt hatte, der im Patt endete. Vier Jahre später gab General Ayub Khan entnervt auf.

Ein Frauenheld und Trunkenbold an der Spitze

"Und dann kam dieser Idiot Yahya Khan", sagt Veteran Ahmad. General Yahya Khan gilt den Bengalen noch heute als der Inbegriff des Bösen. Gerne erzählt man sich Geschichten darüber, was für ein Frauenheld und Trunkenbold er war. Es wird kolportiert, dass er es einmal versäumte, den Schah von Persien von einem Staatsbesuch in Pakistan zu verabschieden. Ein Bediensteter bat Khans Frau, ihn aus dem Schlafzimmer zu holen - wo sie ihn mit einer Schauspielerin erwischte.

Aber auch General Khan gelang es nicht, die Situation zu beruhigen, so dass er Wahlen versprach. Mujibur Rahman und Yahya Khan wurden zu Gegenspielern. Bei dem landesweiten Urnengang gewann Rahmans Partei, die Awami Liga, eine überwältigende Mehrheit im Ostteil: 160 von 162 ostpakistanischen Sitzen. Zweitgrößte Kraft wurde, weit abgeschlagen, die westpakistanische Volkspartei PPP, angeführt von Außenminister Zulfikar Ali Bhutto, dem späteren Präsidenten und Premierminister. Sie erlangte 81 der 140 Mandate, die dem Westen zustanden. Rahman hätte also eine gesamtpakistanische Regierung bilden können.

Doch Yahya Khan und Bhutto wollten das auf keinen Fall zulassen. Sie schlugen Rahman eine Machtteilung vor, die der ablehnte. Daraufhin sagte General Khan die konstituierende Parlamentssitzung Anfang März 1971 ab und flog mit seinem Außenminister zu Gesprächen nach Dhaka, der größten Stadt Ostpakistans - wohl wissend, dass es angesichts des klaren Wählervotums nichts zu besprechen gab. Gleichzeitig befahl er dem Militär, sich auf einen Krieg vorzubereiten, sollte Rahman nicht einlenken. Der beharrte auf seinen Wahlsieg und rief die Bengalen auf, für ein unabhängiges Bengalen zu kämpfen.

Kampf ums Überleben

"Es kam, wie es kommen musste", sagt Ahmad. "Rahman wurde verhaftet und das pakistanische Militär begann am 25. März 1971 einen Kampf, den wir Überlebenden nie mehr vergessen werden." Eine Regierungskommission sollte später feststellen: "Es war, als habe man ein grausames Biest plötzlich losgelassen, das vorher angekettet und völlig ausgehungert war." Der Unabhängigkeitskrieg hatte begonnen.

Tausende von Menschen wurden erschossen und niedergemetzelt, die pakistanische Armee nahm mehr als 20.000 Frauen als Kriegsgefangene und zwang sie, in Bordellen den Soldaten gefügig zu sein. "Es gab einen berühmten Freiheitskämpfer, auf den die Armee ein riesiges Kopfgeld ausgesetzt hatte. Beim Sturm auf sein Haus fand man nur seine vier Monate alte Tochter", erzählt Ahmad. "Ein Soldat schleuderte das Kind auf den Boden und trat es zu Tode."

Angesichts dieser Gräuel bildete sich ein schnell anschwellender Flüchtlingsstrom in Richtung Indien. Etwa zehn Millionen Menschen flüchteten dorthin. Premierministerin Indira Gandhi machte sofort deutlich, dass Indien nicht bereit wäre, die Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen. Für Neu-Delhi, ohnehin von der Sowjetunion unter Druck gesetzt, militärisch einzugreifen, war der Exodus ein Anlass zum Einschreiten. Die "New York Times" kritisierte, das "Schweigen Washingtons angesichts der aktuellen Ereignisse in Pakistan" sei "zunehmend unverständlich". Doch Pakistan war Partner sowohl der USA als auch Chinas, und Yahya Khan bot sich als Vermittler zwischen den beiden Mächten an. Es war Pakistan, das den Weg zu dem historischen Treffen zwischen Richard Nixon und Mao Zedong ebnete, dem ersten Staatsbesuch eines US-Präsidenten in China überhaupt. Entsprechend zurückhaltend war Nixon in der Kritik an Pakistan bei dem brutalen Vorgehen in Ostpakistan.

Blutiger Feldzug gegen die Elite

Umso heftiger war die Kritik aus den Reihen von Künstlern. George Harrison von den Beatles organisierte im August ein "Concert for Bangladesh" in New Yorks Madison Square Garden. In Deutschland hörte man später im Lied "Bangla-Desh" der jungen Schlagersängerin Juliane Werding vom Schicksal der Bengalen.

Nach offiziellen Angaben der pakistanischen Regierung starben während dieses Krieges 26.000 Menschen - eine offensichtlich geschönte Zahl. Neuere Schätzungen reichen bis zu drei Millionen Todesopfer.

Die militärische Hilfe Indiens rettete die bengalische Befreiungsarmee vor einer Niederlage. Als klar war, dass Pakistan diesen Krieg verlieren und Ostpakistan ein unabhängiger Staat werden würde, entschloss sich die pakistanische Armee zu einem grauenvollen Schritt: Dieser neue Staat sollte wenigstens seiner Elite beraubt werden. Am 14. Dezember zogen pakistanische Soldaten durch die Städte, trieben Wissenschaftler, Lehrer, Anwälte, Richter, Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Studenten zusammen und erschossen sie. Tausende Intellektuelle wurden bei einem der grausamsten Kriegsverbrechen des vergangenen Jahrhunderts ermordet.

Zwei Tage später unterschrieb Pakistan die Kapitulationserklärung.



insgesamt 3 Beiträge
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Gabi Feiertag, 24.03.2011
1.
Erstaunlich...und bedrückend zugleich! Ich war 13 zu dieser Zeit, in der DDR, durchaus schon politisch interessiert. Aber davon war nichts zu hören oder lesen. Absicht? Sind diese Hintergründe seinerzeit im Westen publik gemacht wurden?? Geht es diesem Staat vielleicht auch heute so mies, weil damals die Eliten vernichtet wurden? Ulli Feiertag, Chemnitz
Vittorio Ferretti, 24.03.2011
2.
Leider ist es auch auf ostpakistanischer Seite zu kollektiven Verbrechen gekommen; so wurde anschließend die ethnische Minderheit der Biharis massakriert (ca. 50.000 Tote), die mit der Zentralregierung solidaristert hatten. Zudem ist es bis 1993 wiederholt zu Massakern gegen die Jumma gekommen (ca. 10.000 Tote), die bengalischen Landnehmern im Wege standen.
sajib chaudhury, 31.03.2011
3.
Wissen sie meine Damen und Herren, wo wir 3000000 Leute verlieren haben, viele unsere Mutter und Schwester geschändet wurden. Und was ist mehr peinlich für uns dass, die pakistaner dafür bei uns noch nicht entschuldigt haben.
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