Geheime Atomforschergruppe Todeswarnungen für die Ewigkeit

Die einen wollten ein zweites Stonehenge, die anderen allwissende Atompriester: Auf der Suche nach einem Atommüll-Endlager beauftragte die US-Regierung in den Achtzigern einen Geheimzirkel damit, ein Warnsystem für 10.000 Jahre zu entwickeln. Die Ergebnisse waren vor allem eins - kurios.

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Thomas Sebeok hatte es sich gerade in seinem Garten in North Carolina gemütlich gemacht, als ihn plötzlich sein Land rief. Eigentlich wollte der Wissenschaftler an diesem Tag an einem seiner Bücher schreiben, doch jetzt störte ihn das Klingeln seines Telefons, so erinnerte sich Sebeok Jahre später in einer Fernsehdokumentation.

Ein bisschen angesäuert stand der Forscher auf und nahm den Hörer ab. Am anderen Ende meldete sich die Vizepräsidentin der Bechtel Corporation, der größten Baufirma der USA. Freundlich erklärte die Frauenstimme Sebeok, sie wolle mit ihm über ein vertrauliches Projekt sprechen, das sie bei Bechtel koordiniere. Es gehe um radioaktiven Abfall, die US-Regierung sei ebenfalls in die Sache involviert. Viel mehr könne man ihm am Telefon nicht sagen. Nur eine Bitte: Er solle so schnell wie möglich nach San Francisco kommen.

Sebeok war Professor für Semiotik an der Indiana University in Bloomington. Ein Zeichentheoretiker, darauf spezialisiert, die Verständlichkeit von Schildern, Hinweistafeln und anderen nonverbalen Botschaften zu erforschen. Noch nie in seinem Leben hatte er sich mit Atommüll beschäftigt. Doch das sollte sich bald ändern.

Endlagersuche in den USA

Es war das Jahr 1981, Ronald Reagan war frisch zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt worden - und mit einem wichtigen innenpolitischen Ziel in seine erste Amtszeit gestartet: ein atomares Endlager finden.

Bis dahin hatte man sich in den USA wenig Gedanken darüber gemacht, wo man die Tonnen strahlenden Mülls aus ziviler und militärischer Kernenergie dauerhaft deponieren konnte. Damals war es noch üblich, den todbringenden Abfall, der durch das Wettrüsten des Kalten Kriegs anfiel, von der US-Marine in Kanistern im Meer versenken zu lassen. Einige Experten hatten außerdem überlegt, den Atommüll einfach per Rakete in Richtung Sonne zu schießen. Aus Angst vor einem möglichen Fehlstart der strahlenden Fracht wurden die Pläne aber nie realisiert.

Anfang der Achtziger einigten sich Experten und Regierungsvertreter in den USA letztendlich darauf, die atomaren Abfälle unterirdisch zu lagern. Neun Standorte in sechs Bundesstaaten standen 1982 offiziell auf der Endlager-Checkliste der USA. Tatsächlich hatte man sich - ähnlich wie die Bundesregierung es in den Siebzigern mit Gorleben tat - längst einen Favoriten ausgeguckt: Yucca Mountain, ein riesiges Felsplateau in der Wüste von Nevada. Um den Vorschlag aber durchzubringen, musste das steinerne Atomgrab für die Bevölkerung einen möglichst sicheren Eindruck machen. Und hier kam Thomas Sebeok ins Spiel.

In San Francisco angekommen, erwartete eine Gruppe Wissenschaftler den Zeichentheoretiker in einem Raum mit einem Tisch. Darum saßen: Physiker, Ingenieure, Geologen und Anthropologen, zwölf Leute insgesamt - der Name des geheimniskrämerischen Zirkels: "Human Interference Task Force".

Der Bechtel-Konzern, dessen Funktionäre bis heute der politischen Elite in Washington sehr nahestehen, hatte den Expertentrupp bereits 1980 zusammen mit der US-Regierung gegründet. Bis dahin kannten atomare Warnungen vor allem ein Zeichen: das bekannte rotorförmige Strahlenwarnzeichen. Aufgabe der Experten war es, die bestehende atomare Zeichensprache so weiterzuentwickeln, dass die Warnsysteme auch noch in fernster Zukunft Bestand haben würden - eine Art Strahlenwarnzeichen 2.0 sozusagen.

Dafür brauchten sie einen, der sich mit Symbolen auskannte - und Sebeok war der beste auf seinem Gebiet.

Er fragte: "Wie weit müssen wir vorausdenken?"

"Die Anweisung der Behörde in Washington lautet, dass wir von 10.000 Jahren ausgehen sollen", grummelte es ihm entgegen.

Strahlengefahr über Millionen Jahre

10.000 Jahre - das war so lange wie von der Jungsteinzeit bis zu dem Tag, an dem Sebeok den Anruf der Bechtel-Vizepräsidentin erhalten hatte. Die Sprachen, die die Menschheit seit ein paar hundert Jahren kannte, dürften in den nächsten 10.000 Jahren bis zur Unverständlichkeit mutiert sein, dachte der Forscher.

Für den strahlenden Atommüll, den es von der Menschheit zu isolieren galt, war die Zeitspanne hingegen ein rein willkürlicher Zeitwert: Das Isotop Strontium-90 etwa baut nach 29 Jahren die Hälfte seiner tödlichen Strahlung ab, bei Plutonium-239 sind es 24.100 Jahre, die Halbwertzeit für Jod-129 liegt bei 15,7 Millionen Jahren.

Schnell war der Forschergruppe klar: Um dem Zukunftsmenschen aus dem Jahr 11981 klarzumachen, dass sich unter ihm ein atomares Endlager befindet (und man dort auf keinen Fall zu buddeln beginnen sollte!), musste man mehrere Botschaften miteinander kombinieren. Sie entwickelten eine Idee gigantischen Ausmaßes: einen Bauplan für ein atomares Stonehenge.

Übelkeit, Haarausfall - und schließlich: der Tod

Das Zentrum dieser seltsam sakralen Anlage sollte laut Abschlussbericht der Task Force aus drei jeweils sieben Meter hohen Obelisken bestehen, die mögliche Eindringlinge schon von Weitem mit Hinweisen wie "Vorsicht, Giftmüll!" oder "Hier nicht graben!" warnen sollten. Jeder der Texte auf den riesigen Steinstelen würde in die sechs Weltsprachen der Uno übersetzt: Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch und Chinesisch.

Für den Fall, dass in 10.000 Jahren keine dieser Sprachen mehr existieren würde, sollten ein paar makabre Zeichnungen die unheilvollen Folgen einer Plünderung des Atomfriedhofs beschreiben: Wer in das Endlager einbreche, so die Bildfolge, den ereile Übelkeit, Haarausfall - und schließlich: der Tod.

Für ihren kuriosen Vorschlag ernteten die Experten in der breiten Öffentlichkeit mehr Lächeln als Lob. So zitierte das "Time"-Magazin in einer seiner Novemberausgaben 1984 einen Mitarbeiter des US-Kongresses mit den großväterlichen Worten: "Das nächste Mal müssen sie sich schon ein bisschen mehr bemühen."

Neuer Forschungszweig gegründet

In Wissenschaftskreisen spornten die Erkenntnisse der Task Force hingegen Nachahmer an, ein völlig neuer Forschungszweig entstand: die "Atomsemiotik". In Deutschland machte sich der Berliner Professor Roland Posner um diese neue Denkschule verdient. In seinem Buch "Warnungen an die ferne Zukunft" veröffentlichte Posner 1990 allerlei Vorschläge für ein atomares Warnsystem der Zukunft, die ihm seine Kollegen zusandten.

Der Berliner Sozialwissenschaftler Philipp Sonntag etwa wollte sämtliche Atommüll-Infos wie Karten, Stoffe, und Strahlenwerte am liebsten auf einem "künstlichen Mond" im Weltraum speichern. Da der kluge Zukunftsmensch das All vermutlich ohnehin problemlos bereisen könnte, seien die Informationen dort zumindest an einem sicheren Ort - so die Überlegung. Zusätzlich sollten die Datensätze aber auch im Endlager verfügbar sein, weil sie so im Ernstfall nun einmal schneller abzurufen wären als im All.

Strahlenkatzen und Atompriester

Das französisch-italienische Forscherduo Françoise Bastide und Paolo Fabbri ging noch einen Schritt weiter: Sie schlugen vor, eine spezielle "Strahlenkatze" zu züchten, die in der Nähe von radioaktivem Abfall ihre Fellfarbe ändern würde - und so als eine Art lebender Detektor dienen sollte.

Der wohl abenteuerlichste Beitrag in dem Buch kam aber von einem bekannten Mitglied der "Human Interference Task Force": von Thomas Sebeok. Nach dem Willen des Sprachwissenschaftlers sollte eine regierungsunabhängige "Atompriesterschaft" alles Wissen über die Kernkraft und ihre Gefahren kontrollieren. Die Geheimpriesterschaft sollte aus einer Elite von Physikern, Strahlenkrankheitsexperten, Verwaltungsforschern - und natürlich Semiotikern, wie Sebeok selbst einer war - bestehen und ihr Wissen ausschließlich an kommende Elite-Generationen weitergeben dürfen.

Für das normale Volk - die Jünger des Kults - stellte sich Sebeok ein "jährlich erneuertes Ritual" vor, das bewusst eine "falsche Spur" legen, und so die Menschen von der gefährlichen Atommüllhalde fernhalten sollte. So würde das gemeine Zukunftsvolk mehr aus Aberglauben denn aus wissenschaftlichem Know-how die Anlage meiden - so zumindest der Gedanke, den Sebeok auch im Abschlussbericht der "Human Interference Task Force" niederschrieb.

Kein Ende der Endlagersuche in Sicht

Bis heute fehlt der Welt ein funktionierendes Endlager für hochradioaktiven Atommüll. 2011 hat die Regierung von US-Präsident Barack Obama die Förderung des Yucca-Mountain-Projekts vorerst für beendet erklärt, die Suche dürfte sich damit um weitere zwei Jahrzehnte verzögern, schätzen Experten. Der Müll lagert derweil weiterhin in Zwischendepots.

Dennoch könnte eine der Ideen der "Human Interference Task Force" bald in Amerika ein Revival erleben: Die "Waste Isolation Pilot Plant" in New Mexico, Amerikas Müllhalde für militärischen Strahlenabfall, plant das Stonehenge-Konzept in die Tat umzusetzen. Nach Versieglung der Anlage im Jahr 2033 sollen 32 Obelisken ein mit Warnhinweisen übersätes Gelände zieren. Sämtliches Wissen über das strahlende Erbe soll außerdem in einem museenartigen Infozentrum konserviert werden. Kostenpunkt für die nächsten Jahrzehnte: eine Milliarde US-Dollar.

Zum Weiterlesen:

Roland Posner: "Warnungen an die ferne Zukunft. Atommüll als Kommunikationsproblem", Raben Verlag, 1990, 314 Seiten.

Zum Weiterschauen:

"Countdown für die Ewigkeit", Dokumentation, Reinhard Schneider Filmproduktion im Auftrag des SFB, 1997.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Florian Sprenger, 04.11.2013
1.
Wenn Sie sich schon von Formulierungen, Argumenten und Aufbau anderer Texten inspirieren lassen, sollten Sie wenigstens die Quellen angeben: Florian Sprenger, Gefährdungen der Zukunft. In: Engell, Lorenz/Siegert, Bernhard/Vogl, Joseph (Hrsg.; 2009): Gefahrensinn. Archiv für Mediengeschichte 9. Fink, München. S. 79-91. Einsehbar unter http://www.academia.edu/1207202/Gefahrdungen_der_Zukunft Kurzfassung u.a. http://www.faz.net/aktuell/wissen/atomium-culture/ewige-warnzeichen-kommunikation-mit-der-zukunft-1968406.html Abgesehen davon würde man sich als Leser doch eine bessere Recherche wünschen: Die am Ende angesprochene Umsetzung der Obelisken ist keine Idee der Human Interference Task Force, sondern eines späteren Projekts des Departments of Energy.
David Hermanns, 04.11.2013
2.
Was mich unweigerlich zu der Frage bringt: Ist Stonehenge dann vielleicht auch ein Warnhinweis auf abgelagerten Atommüll (oder sonstiges gefährliches Gut) aus Urzeiten? Es kann ja nicht nur die heutige Generation des Menschen auf diese hervorragende Idee gekommen sein.
Bart Kissner, 04.11.2013
3.
1. in 10000 Jahren, werden die bestimmt auch Geigerzähler haben 2. oje, 1 Mrd. Dollar? Ist die saubere, günstige Atomkraft nun doch nicht so sauber und günstig wie propagiert? Das sollte für uns in D ein Alarmsignal sein... ist es aber nicht, im Land der ehemaligen Dichter und Denker. Danke, Herr Springer.
Rals Chapman, 04.11.2013
4.
Schaut man sich die diskutierten Vorschläge an, kann man einen eindeutig eurozentrischen Blickwinkel erkennen. Wenn eine Schriftsprache sich seit etwa 1000 vor Christus bis heute mit leichten Änderungen bewährt hat, wird es sie auch noch in naher und ferner Zukunft geben. Und Sinologen, die sie schreiben und lesen können.
Philipp Börker, 04.11.2013
5.
Die gängigen Ansätze zur Atommüllendlagerung gehen von den falschen Annahmen aus. So soll der Atommüll wegen seiner Gefährlichkeit irgendwie ganz weit weg und unzugänglich aufbewahrt werden. Dort will man ihn dann vergessen können und lediglich vor der zufälligen Entdeckung durch zukünftige Menschen schützen. Das führt dann aufgrund der ausweglosen Kugelform der Erde immer zu der Idee unterirdischer Atommülllager. Die Realität lehrt: schon in den sehr kurzen Zeitspannen, in denen die Asse II als Atommülllager missbraucht wurde, entstehen durch die unterirdische Lagerung enorme Probleme. Richtig wäre, Atommüll leicht zugänglich zu lagern, so dass bei Zerfall der Behälter oder der Lagergebäude diese leicht erneuert werden können. Dies würde auch eine fortdauernde Kenntnis der Gefährlichkeit der Stoffe garantieren. Dieser Gedankengang unterstreicht aber das eigentliche Problem des Atommülls: für ein bisschen wirtschaftlichen Nutzen heute muss für Ewigkeiten Aufwand zur Sicherung des Atommülls betrieben werden. Das rechnet sich schlicht nur für die heute lebenden Profiteure, denen nachfolgende Generationen egal sind. Doch wenn man auf nachfolgende Generationen pfeift, wieso sich dann gar Gedanken über Zeitspannen von 10.000 Jahren machen?
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