Geheime Kriegstaktik Aufmarsch der Gummiarmee

Geheime Kriegstaktik: Aufmarsch der Gummiarmee Fotos

Mit aufblasbaren Panzern und Trucks zog nach dem D-Day eine streng geheime US-Spezialeinheit schutzlos in den Krieg, um der Wehrmacht Fallen zu stellen. Noch heute wirft diese unbekannte "Geisterarmee" Rätsel auf: Rettete sie Zehntausenden das Leben - oder täuschte sie eher die eigenen Truppen? Von

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Die zwei französischen Zivilisten trauten ihren Augen nicht. Im September 1944 waren sie in der Grenzregion zu Luxemburg von US-Soldaten angehalten worden. Die GIs fragten misstrauisch, was sie hier wollten, doch die Franzosen hörten kaum zu. Denn was sie hinter der Patrouille erspähten, verschlug ihnen den Atem: Dort liefen vier Soldaten zu einem Sherman-Panzer, bückten sich, hoben den Panzer mühelos hoch, drehten ihn in die andere Richtung - und stellten ihn wieder hin.

Die Amerikaner waren weder in Zaubertrank gefallen, noch hatten sie übermenschliche Kräfte - der Panzer wog tatsächlich nur gut 40 Kilogramm. Denn der vermeintliche Stahlkoloss bestand aus Gummi. Ohne es zu wissen, hatten die Zivilisten eine streng geheime US-Einheit bei der Arbeit beobachtet - die "23. Headquarters Special Troops".

Intern hieß diese ungewöhnliche Einheit nur "The Ghost Army" ("Geisterarmee") oder "The Rubber Army" ("Gummi-Armee"), schließlich war fast alles aufblasbar: Artillerie, Flugzeuge, Panzer, Jeeps, Trucks. Die "Geisterarmee" sollte die Deutschen in die Irre führen und mit ihren nur 1100 Soldaten eine gigantische Truppenstärke von bis zu 30.000 Mann vorgaukeln. Es war der bis heute nahezu unbekannte Versuch, Operationen zu entscheiden, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern.

Stundenlanges Panzer-Aufpusten

"Niemals, unter keinen Umständen durften wir den Panzer hochheben und über eine Straße tragen", erzählt Jack Masey lachend. "Das hätte uns verraten können." Der heute 85-jährige Veteran aus New York war damals für die Wartung des Gummi-Arsenals zuständig - und weiß, dass diese Vorschrift oft ignoriert wurde. "Bei jedem kleinen Manöver mussten wir die Luft rauslassen, alles in Rucksäcke packen und an anderer Stelle wieder aufblasen." Zu mühsam, zu zeitraubend - zumal nicht immer ein Kompressor zur Verfügung stand. Manchmal, so berichtet Masey, mussten die Soldaten Fahrradpumpen nehmen. Oder die Panzer stundenlang mit dem Mund aufpusten.

Was nach Hollywood klingt, entsprach der Logik des Zweiten Weltkrieges, der auch ein Schlachtfeld der Geheimdienste war. Irreführende Meldungen, falsche Fährten und manipulierte Dokumente wurden von allen Seiten massiv eingesetzt. So verschleierten die Deutschen im Mai 1940 erfolgreich den Schwerpunkt ihres Angriffs auf Frankreich - und entschieden so nach wenigen Tagen den Feldzug, als sie die Front bei Sedan durchbrachen.

Die Briten wiederum düpierten in Nordafrika Wüstengeneral Erwin Rommel, selbst ein Meister der Finten. Sie tarnten Panzer als Lastwagen und Lastwagen als Panzer oder täuschten die Luftaufklärung mit Attrappen von Flugplätzen. Und vor dem D-Day 1944 simulierten die Briten mit regem Funkverkehr gar ganze Divisionen, die überhaupt nicht existierten. Diese legendäre "Operation Fortitude" war ein Grund, warum die Wehrmacht glaubte, die Invasion finde am Pas-de-Calais statt - und nicht in der Normandie. Im Krieg brauche die Wahrheit eben immer "eine Leibwache von Lügen", bemerkte Winston Churchill nach diesem Coup stolz.

Bis heute ist aber kaum bekannt, dass auch die US-Armee mit solchen Methoden operierte - und zwar noch Monate nach dem D-Day. Die "Geisterarmee" war so geheim, dass viele Veteranen jahrzehntelang nicht über ihren Einsatz sprechen wollten. Offizielle US-Dokumente wurden erst Mitte der Neunziger freigegeben, und Literatur zu dem Thema gibt es kaum.

Armee der Künstler

Fasziniert von der unglaublichen Geschichte dieser vergessenen Truppe fahndet der Amerikaner Rick Beyer seit zwei Jahren nach Zeitzeugen und Unterlagen. Er möchte einen Dokumentarfilm über jene Armee machen, die mit friedlichen Methoden erfolgreich kämpfte - und möglicherweise 40.000 Soldaten das Leben rettete, indem sie die Wehrmacht täuschte und vor Angriffen abhielt. Das zumindest schätzt der US-Journalist Jack Kneece in seinem Buch "Ghost Army of World War II".

Historiker John Zimmermann vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam hat daran erhebliche Zweifel: "In den deutschen Lageberichten finden sich keine Hinweise, dass die Wehrmacht etwas von einer solchen Armee wusste oder sie Einfluss auf die deutsche Kriegsführung hatte." War die Tarnung also einfach zu perfekt? Oder die Manöver letztendlich doch wirkungslos? Es bleiben Rätsel: Die Deutschen hatten Ende 1944 kaum noch die Kapazität, Luftaufklärung zu fliegen, argumentiert Zimmermann. Der Einsatz von Attrappen mache daher eigentlich wenig Sinn.

Für Jack Masey wurde diese surreale Armee jedenfalls ziemlich schnell Wirklichkeit, als die Armee ihn 1943 einzog. Gerade erst war der 18-Jährige an der renommierten High School for Music and Art in New York aufgenommen worden. Jetzt wollte das Militär von seiner Kreativität profitieren.

Für die "Geisterarmee" wurden Tontechniker, Illustratoren, Fotografen, Schauspieler und andere Kreative rekrutiert. Einige wurden später weltberühmt. Der Maler Ellsworth Kelly etwa. Oder Modedesigner Bill Blass, mit dem sich Masey in seiner Einheit, dem "603D Engineer Camouflage Battalion", schnell anfreundete. Auch Masey machte nach dem Krieg Karriere: Er entwarf Museen und koordinierte für die US-Regierung den Aufbau der Pavillons auf der Weltausstellung Expo.

Schutzlos in den Krieg

Die USA bildete ihre Künstlerkrieger zunächst auch konventionell aus. Dann kamen die Rekruten nach England. Die Briten hatten Erfahrung mit dem Einsatz von falschen Kriegswaffen und gaben der Schulung den letzten Feinschliff. Wochenlang robbten die Soldaten nicht nur durch Gräben oder übten Sturmangriffe - sondern drapierten so lange harmlose Attrappen, bis sie auch aus 100 Metern täuschend echt aussahen.

Wenige Wochen nach dem D-Day setzten die meisten Kompanien der "Geisterarmee" per Schiff nach Frankreich über. "Es war alles ziemlich ruhig", berichtet Masey von seiner Ankunft am legendären Omaha Beach, an dem die Alliierten am 6. Juni 1944 gelandet waren. "Aber ich hatte dennoch Angst. Wir waren mitten im Krieg - mit aufblasbaren Waffen. Und unsere Aufgabe bestand eben darin, feindliches Feuer auf uns zu ziehen."

Denn in ihren insgesamt 21 Operationen verfuhr die "Geisterarmee" stets nach dem gleichen Muster. Sie nahm die Rolle von verschiedenen Divisionen der 12. US-Army-Group ein, die wirklich existierten. Auf diese Weise ergaben sich Spielräume für Überraschungsangriffe. Die falschen Armee-Einheiten sollten deutsche Kräfte beschäftigen und vom wahren Schwerpunkt eines Manövers ablenken.

Kein ungefährliches Unterfangen: Flog der Schwindel auf, würde die Pseudo-Armee sofort besiegt sein. Sie verfügten zwar über etliche Trucks und hatte manchmal auch einen echten Panzer dabei - der dann möglichst auffällig herumfuhr und Spuren hinterließ. Doch die Soldaten waren weder kampferprobt, noch für den Krieg ausgerüstet. "Zur Verteidigung hatten wir nur unser Standardgewehr", erzählt Jack Masey. "Das war alles."

Eine zu gute Täuschung

Die Attrappen-Armee setzte ganz auf ihre eigenen, intelligenten Waffen, die sie mit Einbruch der Dunkelheit anwendete. Aus riesigen Lautsprechern dröhnten dann Geräusche, die hektische Aktivitäten vortäuschten: fahrende Panzer, bremsende Lastwagen, Stimmengewirr. Mit Licht- und Soundeffekten wurde Artilleriefeuer simuliert. Halbkettenfahrzeuge hinterließen mächtig viele Panzerspuren im Staub. Reger Funkverkehr, oft unverschlüsselt, sollte auf kampfstarke Divisionen hinweisen.

Wie gut Manöver wirkten, ist schwer zu beurteilen. Zumindest feuerten die Deutschen immer wieder in Richtung Lautsprecher und Attrappen oder verstärkten ihre Truppen zur Abwehr. Die Täuschung funktionierte so gut, dass sie selbst US-Einheiten verwirrte, die nicht über die "Geisterarmee" informiert waren. Ein US-Major fragte die Soldaten einmal wutentbrannt nach all den lebenswichtigen Panzer, deren Geräusche er nachts noch gehört hatte - und die er jetzt nicht auffand.

Jack Masey hingegen traute der eigenen Tarnung nicht uneingeschränkt. Bei einem seiner ersten Einsätze in der Nähe der Küstenstadt Brest wurde seine Kompanie beschossen. Aber längst nicht so stark, wie er erwartet hätte. "Es wirkte so, als ob die Deutschen alles durchschaut hätten, uns aber nicht ernst nahmen."

Auch aus einem anderen Grund wurde "Operation Brest" kein Erfolg. Die Täuschung sei zwar "hervorragend" gewesen, lobte ein interner Bericht später. Doch "unglücklicherweise" habe eine Einheit der "Geisterarmee" die Deutschen in der Meinung bestärkt, dass der US-Angriff genau dort stattfinden würde, wo die "echten" Divisionen dann tatsächlich attackierten. Die Amerikaner verloren beim Sturm auf die Festung fast zehntausend Mann.

Finte am Rhein

Für Jack Masey wurde es hingegen ein bizarrer, unblutiger Krieg. Insgesamt starben nur zwei Soldaten der "Geisterarmee" durch deutsche Angriffe, schreibt auch Journalist Kneece. Keine Einheit lebte sicherer, schließlich war ein direkter Fronteinsatz unmöglich. Die meiste Zeit spielten die GIs daher professionell Theater. Sie versuchten, mögliche NS-Kollaborateure und Spione zu überlisten. Dazu fuhren sie in die Städte, sprachen mit Einheimischen, gingen in Bars, streuten Gerüchte - und trugen die ganze Zeit genau die Abzeichen der Einheit, deren Anwesenheit sie gerade simulieren sollten. Auch die Kennzeichen der Jeeps wurden entsprechend geändert.

Man sei deshalb in einer ständigen Identitätskrise gewesen, scherzten die Soldaten über ihre falschen Abzeichen. Einige Künstler entwarfen daher zum Spaß ein eigenes Logo, das natürlich niemals eingesetzt werden durfte: Es zeigte einen Geist, dem Blitze aus der Hand schießen, darunter prangte das Motto: "Lass uns diejenigen vortäuschen, die nicht existierten."

Am erfolgreichsten war die Truppe damit wohl bei ihrer letzten Operation. Im Raum Viersen am Rhein setzte sie im März 1945 fast das ganze Arsenal an aufblasbaren Attrappen gleichzeitig ein. Eine Armee aus 600 Gummipanzern und Artilleriegeschützen täuschte den Sturm über den Rhein vor. Sogar Baugeräusche von Pontonbrücken wurden imitiert. Tatsächlich fand die Rhein-Attacke am 23. März aber weiter nördlich bei Wesel statt. Womöglich stießen die Alliierten dabei auf so wenig Widerstand, weil die "Geisterarmee" zuvor deutsche Einheiten gebunden hatte.

Erst nach dieser letzten Operation erlebte Jack Masey den wahren Schrecken des Krieges. In Deutschland traf er auf ausgemergelte Zivilisten, Zwangsarbeiter und Flüchtlinge. Ein Bild brannte sich in seine Erinnerung, das er als Symbol für die Kulturlosigkeit des Krieges empfand: Im völlig zerstörten Aachen sah er Hunderte zerfetzte Bücher einer ausgebombten Bibliothek im Schlamm verrotten.

Relikte eines Krieges, der für ihn lange nur ein unwirkliches Rollenspiel gewesen war.

Zum Weiterlesen: Jack Kneece: Ghost Army of World war II", Pelican Publishing Company 2001.

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1.
karl wirth 21.04.2010
Wie der Artikel erwähnt hatten die Deutschen keine Luftaufklärung mehr und deshalb haben die Gummipanzer nichts gebracht. Interessanter aber als die Geschichte aus 1944 ist der Jugoslawiekrieg. Die US-Aufklärer mußten - um nicht von SAM-Reketen abgeschossen zu werden - 15.000 m hoch fliegen und bei dieser Entfernung funktionierten die Tarn-und Täuschungsmanover der Jugoslwen hervorragend. Gummipanzer wurden nicht verwendet. Es ging alles viel einfacher. Man täuschte Flüsse durch Staniolstreifen vor, verbrannte Gras in den Umrissen einer Brücke über den "Fluß" und diese Brücke wurde dann als wichtiges Infrastrukturziel von den Amerikanern "zerstört". Panzeransammlungen und Artilleriestellungen wurden nach der gleichen Brand-Methode simuliert. Es werden Zahlen gehandelt, daß bis zu 85 % der Luftwaffenziele der Amerikaner solche Attrappen waren - eine sensationelle Zahl. Anmerkung nebenbei: genützt hat es den Jugos trotzdem nichts, die übrigen 15% der Ziele waren echt und die haben ausgereicht, um sie in die Kniee zu zwingen.
2.
Andreas Kleemann 21.04.2010
Mich wuerde interessieren, ob irgendwo noch Exemplare dieser Panzer-Ballons existieren? Hat jemand Informationen dazu? Und: Wird sowas womoeglich auch noch heute verwendet, bzw. lagert in aktuellen Armee-Bestaenden?
3.
René Marquardt 22.04.2010
> 85 % der Luftwaffenziele der Amerikaner solche Attrappen waren Ja, das war damals leicht erheiternd während des Jugoslawien-Krieges. Ich bekam damals die neuesten Erfolgsmeldungen der USAF in meine e-Mail-Box, "Fernsehsender Belgrad zerstört!", "Waffenfabrik zerstört!" etc. Fernseher angemacht, nö, der Belgrader Sender sendet noch und zeigt die zerstörte "Waffenfabrik": ein Produktionsstätte für elektrische Waffeleisen. Interessant war auch, wie die jugoslawische Armee den Stealth-Bomber, der 98% üblichen Radar-Reflektionen verschluckt, runterholte. Die drehten einfach am Rädchen und suchten den Himmel mit _un_-üblichen Radarfrequenzen ab.
4.
Frank Passau 11.02.2014
Ja die Amis waren die wahren Helden. Ohne eine Übermacht von 20:1 lief gegen Rommel nichts. Der hatte 8.8 Geschütze aus Holz und große Ventilatoren zum Staub aufwirbeln. Die Briten waren da beeindruckt.
5.
Wilfried Huthmacher 11.02.2014
Im Zweiten Weltkrieg hatten auch die Deutschen Scheinanlagen gebaut, um allierte Bomberverbände irre zu leiten. Durch die Scheinanlage Brasilien (http://de.wikipedia.org/wiki/Brasilien_%28Scheinanlage%29), welche den Hauptbahnhof Stuttgart imitierte, wurde die Stadt Lauffen 37mal im Krieg bombardiert.
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