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Geheime Menschenversuche Pazifisten im Kriegsfieber

Geheime Menschenversuche: Pazifisten im Kriegsfieber Fotos
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Die Angst vor sowjetischen Biowaffen rechtfertigte jedes Mittel. In der Zeit des Kalten Krieges handelte die US-Armee mit Anhängern einer Freikirche ein zynisches Abkommen aus. Die Adventisten mussten nicht in den Kriegsdienst- dafür riskierten sie ihr Leben in den bizarren Selbstversuchen des Projekt "Whitecoat". Von

Die Sonne war schon fast untergegangen, als Cesar Vega in der Wüste saß und auf die Wolke wartete. Ein Affe streckte seine Hand durch das Gitter seines Käfigs, als wollte er ihn grüßen, aber man erlaubte Vega nicht, das Tier zu berühren. Als die Brise an jenem 12. Juli 1955 stärker wurde, wussten Vega und die anderen neun Männer, dass es so weit war. 40 Minuten lang blieben sie auf den groben Holzbänken unter dem Himmel Utahs sitzen und atmeten die Erreger ein. Dann fuhren sie zurück in die Baracken von Fort Dugway.

Nach ein paar Tagen kam das Fieber, es stieg auf mehr als 40 Grad. Cesar Vega verlor das Bewusstein. Als er zwei Tage später wieder aufwachte, hatten Mediziner seinen Körper mit Eis bedeckt, um das Fieber zu senken. Der Versuchsaffe habe nicht überlebt, er selbst habe Wochen gebraucht, bis er sich vollständig erholt hatte, sagte Vega später. Er hatte sich freiwillig mit den Erregern des Q-Fiebers infizieren lassen, die die USA als biologischen Kampfstoff testeten, um dagegen Impfstoffe zu entwickeln. Zur Verteidigung - so jedenfalls die offizielle Darstellung.

Der Feldversuch in Dugway, an dem auch Cesar Vega teilnahm, war der Auftakt eines geheimen Forschungsprogramms, in dem die US-Armee in der Folge fast 20 Jahre lang unter anderem mit Hasenpest, Typhus, Gelbfieber und Milzbrand experimentierte. Und dafür Menschen als freiwillige Versuchskaninchen nutzte. Der Name des Programms: "Projekt Whitecoat".

Experimente über Experimente

Als die USA das Projekt Weißkittel 1955 starteten, war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und Korea noch frisch, der Kalte Krieg in vollem Gang und Vietnam bereits am Horizont zu erahnen. Die Erforschung biologischer Kampfstoffe war nicht neu – bereits seit 1943 arbeiteten die USA an einem Arsenal von Impfstoffen und Bakterien. Für die meist geheimen Tests gab es kaum Tabus. So wurden laut einem Kongressreport allein zwischen 1944 und 1994 Hunderttausende Soldaten als Testpersonen missbraucht – die meisten ohne ihr Wissen oder gegen ihren Willen. So mussten Männer etwa während der "Operation Desert Shield" im zweiten Golfkrieg Impfstoffe testen. Widersetzten sie sich, drohte man ihnen mit Gefängnis.

Als sich der oberste Arzt der US-Armee, George E. Armstrong, 1954 auf die Suche nach Probanden für biologische Kampfstoffe machte, war das eine kleine Revolution: Die Soldaten sollten freiwillig teilnehmen. Diese Doktrin kam freilich nicht von ungefähr: Sie war, auch wenn die USA sie oft missachteten, im Nürnberger Code der Alliierten festgeschrieben. Das Papier regelte als Antwort auf die barbarischen Nazi-Experimente den Umgang mit Testpersonen bei medizinischen Versuchen.

Offenbar informierte das Militär die jungen Männer aber nicht ganz so ausführlich über "Whitecoat", wie diese es sich gewünscht hätten. Denn laut dem erst 1994 freigegebenen Kongressreport protestierten sie mit einem Sitzstreik für mehr Informationen. Daraufhin begann Armstrong mit der Suche nach einer anderen Gruppe, die weniger Fragen stellen würde. Fündig wurde er in einer Freikirche - bei den jungen Gläubigen der Siebenten-Tags-Adventisten.

Die Gemeinschaft war bekannt für ihren gesunden Lebensstil: Viele rauchten nicht, tranken nicht und ernährten sich fleischlos. Für die absichtliche Infektion mit Krankheitserregern waren sie die perfekte homogene Gruppe junger gesunder Rekruten. Und: Sie befolgten den Willen der leitenden Kirchenmänner meist, ohne ihn zu hinterfragen. Cesar Vega gab später zu Protokoll: "Warum ich das tat, weiß ich bis heute nicht. Ich bin sicher, es war vor allem der reine Druck und die gute alte Überzeugungskunst der Adventisten."

Lieber Laborratte als Fronteinsatz

In Theodore R. Flaiz, dem Geschäftsführer der medizinischen Abteilung innerhalb der adventistischen Weltkirchenleitung, fand Armstrong einen willigen Verbündeten. Flaiz schrieb mit Blick auf die angepriesene defensive Erforschung von biologischen Kampfstoffen: "Es sollte als Privileg betrachtet werden, einen so entscheidenden Beitrag zu einem erheblichen medizinischen Fortschritt leisten zu können." Man ließ ein Pamphlet drucken, um die jungen Gläubigen für "Whitecoat" zu begeistern. Laut einem Artikel des Adventisten-Magazins "Spectrum" wurden darin negative Aspekte beschönigt und die Experimente in "leuchtenden Farben" dargestellt. Genauso leuchtend beschrieb auch der Adventist Frank Damazo fast fünfzig Jahre später das Engagement seiner Glaubensbrüder: "Alle zusammen waren sie Helden."

Die Helden hatten freilich zum Teil ganz andere Gründe für ihre Teilnahme. Denn für ihren Einsatz im Labor blieben ihnen die US-Kriegsfronten erspart. Adventisten hatten ohnehin eine Sonderstellung innerhalb aller Wehrpflichtigen, weil sie aus Gewissensgründen den Kriegsdienst an der Waffe verweigerten. Stattdessen bildete man sie zu Sanitätern aus. Damit mussten sie zwar nicht mit dem Maschinengewehr im Anschlag etwa durch den vietnamesischen Dschungel rennen, konnten aber durchaus mit dem medizinischen Dienst an die Front geschickt werden. Wer sich dagegen freiwillig mit einem biologischen Kampfstoff infizieren ließ, durfte zu Hause bleiben. Für viele schien das eindeutig die Variante mit den höheren Überlebenschancen zu sein.

Den wenigsten Freiwilligen dürfte klar gewesen sein, dass auch bei "Whitecoat" Lebensgefahr drohte - wenn man einigen Aussagen Glauben schenkt. Der Veteran George Shores erzählte der BBC von einem Versuch mit Hasenpest: "Sogar mein Zahnfleisch schmerzte. Ich bin niemals so krank gewesen wie damals… Ich versuchte nur ganz flach und selten zu atmen und so lange wie möglich die Luft anzuhalten, weil es so sehr schmerzte."

Ein Stahlkoloss als Infektionsquelle

Shores war nur einer von rund 2300 Freiwilligen. Sie wurden bis auf einige Ausnahmen im Zentrum aller US-amerikanischen Tests für biologische und chemische Kampfstoffe infiziert und geheilt: in dem riesigen Forschungskomplex von Fort Detrick im Bundesstaat Maryland. Nicht alle Freiwilligen wurden letztlich für die Experimente ausgewählt, andere dagegen bis zu sechs Mal. Wer gerade nicht todkrank im Bett lag, verbrachte seinen Alltag zum Beispiel mit der Pflege der Versuchstiere oder der kranken Kameraden.

Abgesehen von Feldversuchen gab es drei Methoden, die Freiwilligen zu infizieren: Oral, mit einer Injektion oder per Luft mit Hilfe eines riesigen Stahlkolosses. Dieser "Eight Ball" war eigens für die Biowaffenforschung entwickelt worden. Die runde, mehrere Stockwerke hohe Apparatur erlaubte es den Forschern, darin sowohl mit kleineren Versuchstieren wie Affen als auch mit größeren wie Schafen zu experimentieren. Auch die Testkandidaten inhalierten ihre Erregerdosis in der hermetisch abgeriegelten Kugel. Dabei saßen sie zumeist an der Außenseite des Gerätes. Gasmasken verbanden sie mit dem Luftsystem, in das die Wissenschaftler dann individuell dosierte Erreger entließen.

Unbestritten ist, dass der schmerzhafte Einsatz von Männern wie Shores dazu beitrug, Gegenmittel für potentielle biologische Kampfstoffe zu entwickeln oder zu verbessern. Für viele Kritiker aber hatte das Engagement der Adventisten eine unethische Doppelmoral. Denn sie beriefen sich bei der Kriegsdienstverweigerung vor allem auf das fünfte testamentarische Gebot – "du sollst nicht töten". Während der aktive Kampfeinsatz für Adventisten schier undenkbar war, galt das aber nicht für die Mitarbeit an der Erforschung biologischer Kampfstoffe. Die Frage war nur: Wer konnte ausschließen, dass die Erkenntnisse aus den Tests nicht auch der Entwicklung von Kampfstoffen für den Angriff dienten?

Forschung für den Angriff?

Bis heute sind leitende Adventisten in den USA sicher, dass dem nicht so war. Der frühere Militärkaplan und heutige Direktor der adventistischen Kaplane, Gary Councell, sagt: "Die gesamte Forschung diente den Zwecken der Verteidigung und nicht dem Angriff, wie einige Leute irrigerweise angenommen haben."

Allerdings gibt es Quellen, die das Gegenteil behaupten: 1969 berichtete der Kommandant des Medizinischen Forschungsinstituts für ansteckende Krankheiten der US-Armee, Oberst Dan Crozier, dass die Testergebnisse an das Labor der US-Armee für offensive Forschung weitergegeben worden seien. Crozier zeichnete auch für das "Projekt Whitecoat" verantwortlich. Im selben Jahr sagte Richard McCarthy, Mitglied im US-Kongress: "Das Zivilschutzministerium hat biologische Waffen nie als eine erste Bedrohung für die USA anerkannt. Meines Wissens – und ich sage das aufgrund von Aussagen federführender Leute – ist das Projekt für den Angriffsfall und nicht den Verteidigungsfall ausgelegt. Man hat die Adventisten ausgetrickst."

Ehemalige Adventisten berichten immer wieder von gravierenden Spätfolgen der Experimente. Ob diese tatsächlich auf "Whitecoat" zurückzuführen sind, lässt sich nicht nachweisen. Ein Beispiel ist Gene Crosby, der von 1964 bis 1966 an dem Projekt teilnahm. Er sagte in einer US-Fernsehsendung: "Als ich das Zeug trank, fragte ich Major Dangerfield, ob es länger als zwei Wochen dauern würde. Er sagte, 'Oh nein, es wird in zwei Wochen vorbei sein.' Bis heute ist es das nicht." Laut dem Lokalblatt "Bitterroot Star" hatte Crosby mehrere Herzattacken und Schlaganfälle und litt unter der Bechterewschen Krankheit, einer chronischen Entzündung der Wirbelsäule. Er kehrte den Adventisten den Rücken.

Drei Jahre nach seinem Einsatz verordnete der damalige US-Präsident Richard Nixon unter dem Eindruck von Vietnam und dem stärker werdenden Druck der Öffentlichkeit den Verzicht auf biologische und chemische Kriegswaffen. Das aber schloss nicht die Forschung zu Verteidigungszwecken ein. Und so liefen die Versuche in Fort Detrick noch vier Jahre weiter – bis Nixon die Wehrpflicht abschaffte. Und dem Projekt Whitecoat die Versuchskaninchen ausgingen.

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Georg Scheffczyk, 04.11.2012
Gewiß wurden die "Forschungsergebnisse" auch für die Planung von möglichen Angriffen verwendet, so rücksichtslos war man natürlich. Man schickte ja auch uninformierte Soldaten in die Nähe von Atomexplosionen, um die Auswirkungen am (noch) lebenden Objekt (=Soldat) zu testen. Man scheute sich auch nicht, "Forschungsarbeiten" von Nazi-Ärzten (wie Dr.Mengele) zu benützen. Man kam ja auch weiter, "Waterboarding" ist mittlerweile in den USA keine Folter mehr. Und der Großversuch in Hiroshima und Nagasaki war auch ein voller Erfolg, die Russen waren beeindruckt, wollten auch so was Tolles haben. Weder die Verbrecher von "MkUltra" noch die der Atombombenversuche, die teilweise bekannt waren, noch die der japanischen Atombomben wurden verhaftet, obwohl jeder Staatsanwalt (leider weisungsgebunden?) sie kannte. Sagte nicht Dr.Goebbels, daß die Leute an einer kleinen Lüge zweifeln, eine große jedoch gern glauben. So bleiben die größten Verbrechen regelmäßig ungesühnt, weil staatliche Diener in höheren Gehaltsklassen Lizenzen zum töten haben, die der kleine Bürger nicht bekommt, höchstens durch staatlichen Auftrag in einem Krieg, gerecht oder ungerecht, ist dabei wurscht. Allerdings bleibt das Dilemma, daß auch in einem Krieg das Strafgesetzbuch gilt und Töten verboten ist. Zum Glück haben wir zu allem fähige Juristen und eine Kanzlerin, die feststellen, daß Frieden den Krieg braucht und (christliche) Waffen dem Frieden dienen.
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