Geheime Notfallwährung Die Mark, die nie in Umlauf kam

Scheine für den Ernstfall: Während die Bundesbürger in den Sechzigern die D-Mark mit vollen Händen ausgaben, druckte die Bundesbank eine geheime Ersatzwährung. Rund 30 Milliarden Mark lagerten jahrzehntelang versteckt. einestages zeigt die Banknoten - von denen heute nur noch wenige existieren.

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Sie steckten in Reih und Glied in Portemonnaies oder zerknüllt in Hosentaschen. Sie lagerten geordnet in Registrierkassen oder knisterten als besondere Schätze zwischen dem Münzgeld in Kinderspardosen. Sie wurden zur Bank gebracht oder stolz in Schwarzweißfernseher, türkisfarbene Sofagarnituren, in Beatles-Platten investiert. 1963 kursierten in Deutschland mehr als 25 Milliarden D-Mark in Scheinen, 25.426.593.695 Mark um genau zu sein. Die Bundesbank nannte diese Banknotenserie, die von 1961 bis in die neunziger Jahre das Geld der Deutschen war, intern "BBk I".

Was kaum jemand wusste: Im Haupttresor der Bundesbank in Frankfurt am Main und in einer geheimen Bunkeranlage in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Cochem lagerte seit den sechziger Jahren noch einmal beinahe dieselbe Menge an Banknoten, rund 25,3 Milliarden Mark in 5-, 10-, 20-, 50- und 100-Mark-Scheinen. Eine geheime Notfallwährung, von der kaum jemand wusste und mit der niemals jemand bezahlen würde. Sie wurde "BBk II" genannt.

Auf den ersten Blick ähneln diese Scheine der Währung, die damals in Umlauf war. Sie hatten die gleiche Größe und auch die Farben stimmten überein, der Zehner etwa war blau und der Fünfziger braun. Selbst die historischen Porträts auf den Scheinen waren dieselben. Die Patrizierin Elsbeth Tucher schaute auch hier ein wenig missgünstig vom Zwanziger herab. Der Kosmograf Sebastian Münster war auf dem Hunderter zu sehen. Doch es gab auch einige Unterschiede: So zeigten die Rückseiten der Scheine nur geschwungene, abstrakte Formen statt etwa das Holstentor auf dem 50-Mark-Schein oder den Bundesadler auf dem Hunderter.

Doch wofür brauchte Deutschland eine geheime Zweitwährung? Wieso wurden Millionen investiert, um Tonnen von Geld zu drucken, mit dem niemals jemand bezahlte?

Notgeld nach dem Atomkrieg?

Dr. Reinhold Walburg ist diesen Fragen nachgegangen. Der Leiter der Münz- und Geldscheinsammlung der Bundesbank hat Tausende Dokumente gesichtet und alle Fakten zu den Ersatzbanknoten in seinem Aufsatz "'…für alle Fälle…' - Die geheimnisvollen Banknoten aus der Zeit der deutschen Mark" zusammengetragen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum steckt bei der Arbeit allerdings bereits im Titel. 1959 heißt es in einem internen Statement eines Bundesbankmitarbeiters nur: "Meines Wissens haben einige Notenbanken für alle Fälle Ersatzplatten zur Hand, mit denen sofort der Druck neuer Ausgaben aufgenommen werden kann." Doch was könnten das für Fälle sein?

In seinem Aufsatz legt er zwei mögliche Bedrohungen der Währung nahe: Zum einen die Überschwemmung Deutschlands mit Falschgeld durch die Ostblockstaaten. Schließlich stamme aus diesem Lager auch das Lenin zugeschriebene Zitat: "Wer eine Gesellschaft zerstören will, muss ihre Währung ruinieren." Die Kriegsführung durch das Einschleusen großer Mengen von Falschgeld war keine neue Idee. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Nazis versucht, mit falschen Pfundnoten die Volkswirtschaft Großbritanniens aus dem Gleichgewicht zu bringen.


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Die andere Möglichkeit wäre laut Walburg, dass organisierte Banden im großen Stil Blüten unter das Volk bringen.

Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich hingegen kann sich kaum vorstellen, dass kriminelle Vereinigungen den Druck so gigantischer Mengen von überzeugendem Falschgeld organisieren könnten, dass diese den Staat dazu zwingen, seine gesamte Währung auszutauschen. Zumal bereits die D-Mark von damals über viele Sicherheitsmerkmale verfügte, die schwierig zu fälschen waren. "Wahrscheinlicher ist es", so Holtfrerich, "dass der Druck der Ersatzwährung als Vorbereitung auf einem möglichen Angriff der Ostblockstaaten geschah."

Es gibt allerdings noch ein weiteres Szenario, bei dem das Geld zum Einsatz hätte kommen können. Nämlich dann, wenn der Kalte Krieg zum atomaren Weltkrieg eskaliert wäre.

Das Mysterium der "B-Serie"

Warum sonst lag der Bunker in Cochem, der sich unter einem Schulungs- und Freizeitheim der Bundesbank versteckte und in dem etwa die Hälfte der Ersatzwährung für Westdeutschland lagerte, 30 Meter unter der Erde? Im Falle eines Atomschlags hätten hinter den bis zu vier Meter dicken Wänden 175 Menschen 14 Tage überleben können. Zudem liegt Cochem in einem Tal. Die Druckwelle einer nuklearen Explosion wäre vermutlich über den Ort hinweggefegt. Warum sollte man so viel Aufwand betreiben? Doch nur, wenn das eingelagerte Geld als Notfallreserve dienen sollte, nachdem Großteile der eigentlichen Währung nach einem Atomschlag verbrannt wären.

Ein zweiter Hinweis ist die Ersatzwährung, die damals für West-Berlin gedruckt wurde. Der Gegenwert von fast vier Milliarden Mark wurde von den bundesbankintern "B-Serie" genannten Banknoten produziert. Sie unterscheidet sich von der Notfallwährung für Westdeutschland und wurde in der Landeszentralbank von West-Berlin eingelagert. Warum eine eigene Notfallwährung für die Stadt gedruckt wurde, ist heute ein Mysterium. Reinhold Walburg von der Bundesbank konnte trotz jahrelanger Recherche nichts zu den Gründen finden. "Nach meinem Stand sind keine Akten, Beschlüsse oder sonstige Unterlagen erhalten."

Wirtschaftshistoriker Holtfrerich formuliert vorsichtig eine Theorie für die Existenz dieser Serie: "Im Falle eines Atomkriegs wäre Berlin der sicherste Ort gewesen, denn keine Seite hätte eine Atombombe auf die Stadt geworfen." So sei es wahrscheinlich, dass im Falle eines Atomkriegs Westdeutschland weitgehend verwüstet wäre, während die Versorgungslage in West-Berlin viel besser gewesen wäre. "Deshalb könnte es in diesem Fall wichtig gewesen sein, eine eigene Währung zu haben, damit Berlin nicht von dem notleidenden Westdeutschland leer gekauft wird."

Gebraucht wurde die geheime Scheinreserve zum Glück nie. Erst 1988 verließen die Banknoten ihre Lagerstätten. Tonnenweise wurden sie auf Laster geladen und schließlich von darauf spezialisierten Unternehmen geschreddert und verbrannt. Walburgs Erklärung für das Vorgehen ist einleuchtend: "Ab 1990 wurde sukzessive die neue Banknotenserie ausgegeben. Diese war schlicht so fälschungssicher, dass man keine Ersatzwährung mehr brauchte."

So wurde die geheime Mark vernichtet, ohne dass jemals etwas mit ihr bezahlt wurde. In Umlauf kamen dennoch einige Scheine: "Aus irgendwelchen Gründen sind sie der Vernichtung entgangen", erklärt Walburg. Vielleicht seien sie durchs Mahlwerk gerutscht oder ein Karton sei aufgegangen. "Fakt ist", so der Bundesbankangestellte, "es kursieren noch immer etwa fünf bis zehn dieser Scheine." Taucht eine dieser seltenen D-Mark-Banknoten auf einer Versteigerung auf, wird sie sofort von der Bundesbank eingezogen. Gerade deshalb sind sie zu einem Mythos unter Sammlern geworden. Und so sind die Scheine der legendären "BBk II"-Serie am Ende doch noch etwas wert.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Gunnar Münchow, 01.03.2012
1.
Der Haupttresor der Bundesbank stand in Frankfurt an der Oder? Wow! ;-D
Redaktion einestages, 01.03.2012
2.
Wir bitten um Verzeihung: In einer vorherigen Fassung stand, dass der Haupttresor in Frankfurt an der Oder steht. Richtig ist natürlich: Frankfurt am Main. Wir haben den Fehler mittlerweile korrigiert und danken für die zahlreichen Hinweise! Redaktion einestages
Jörg B, 01.03.2012
3.
Für einen Einsatz nach einem atomaren Schlag würde auch sprechen das man keine Bauwerke oder andere zerstörbare Objekte mehr auf die Rückseite gedruckt hat.
Eckhard Schmidt, 01.03.2012
4.
Der Autor verwechselt leider "Währung" mit "Zahlungsmittel". Die Währung ist ein- und dieselbe: D-Mark. Deutschland hat diese Währung bekanntlich von von 1948 bis 2001 beibehalten nicht geändert. Worum es hier geht, sind die auf diese Währung lautenden Zahlungsmittel, nämlich Geldscheine (amtlich: Banknoten). Dass es sich um dieselbe Währung handelt, geht schon daraus hervor, dass es keinerlei Umtauschkurs zwischen regulärem und Norfall-Geld gegeben hätte - oder genauer gesagt: keinen Umtauschkurs, der anders als 1:1 gelautet hätte.
Jens Habermann, 01.03.2012
5.
Dieses wunderbare ZAHLUNGSMITTEL (wie ich ja gelernt habe)! Das sind doch mal wirklich schöne Banknoten. Haben wir nicht gerade einen Notfall mit dem Euro??? ;-)
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