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Geheime Polizeiprotokolle Swingerclub im Grunewald

Geheime Polizeiprotokolle: Swingerclub im Grunewald Fotos
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Es begann 1891 mit einer Sexparty und endete mit blutigen Duellen: Ein Historiker hat einen schlüpfrigen Skandal am deutschen Kaiserhof recherchiert. Die Arbeit gibt Einblick in das bizarre Intimleben der Hohenzollern. Von

Es dunkelte bereits, als die illustre Gesellschaft mit Pferdeschlitten am Jagdschloss Grunewald vorfuhr. Leute, die sonst feinste Tüllkleider oder Gardeuniformen mit Helmbüschen trugen, stapften privatim mit Reitpeitschen durch den Schnee.

Vornehme Angehörige der Hofgesellschaft gehörten der Gruppe an, darunter ein Schwager des Kaisers sowie die älteste Schwester seiner Majestät. Es folgten mehrere Freiherren, adlige Damen, der galante Prinz Friedrich Karl von Hessen und natürlich Zeremonienmeister Leberecht von Kotze, verschrien als "fatzkenhafter Kleidernarr".

Schnell waren die Pelze abgelegt. Man tanzte und trank, die Stimmung stieg, bis sich die Blaublüter, heillos ineinander verschlungen, wollüstigen Handlungen hingaben.

Gräfin von Hohenau, eine anmutige Frau, übte sich - unter Hirschgeweihen - gleich mit mehreren Männern in verschiedensten sexuellen Stellungen.

Bis nach Mitternacht währte die Orgie, bei der auch Männer Männer und Frauen Frauen liebten. Dann verschwanden die Swinger in der Nacht.

So schilderte ein Anonymus den Gruppensex im Grunewald. Schon am nächsten Morgen erhielten einige der Beteiligten peinliche Post von ihm: Zur Illustration legte er seinen Botschaften Pornobilder und Zeichnungen von Genitalien bei.

Nun hat der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann ein Buch zu dem Thema vorgelegt. Er entwirft ein Sittengemälde, das ein erstaunliches Licht auf die erotischen Gepflogenheiten im Haus der Hohenzollern wirft.

Seinerzeit sorgten die schlüpfrigen Rundschreiben zunächst nur intern für Aufregung. "Schmutzige Geschichten" belasteten die Krone, klagte ein hoher Militär.

Doch bald kam es schlimmer. Der Unbekannte begann, seine Nachrichten auch an andere Vertreter des preußischen Hochadels zu verschicken, und lästerte darin über Hofkabalen und Sexspiele.

Das sickerte bald auch an die Öffentlichkeit durch. Hämische Presseberichte und eine erregte Debatte im Reichstag befassten sich mit den schockierenden Enthüllungen.

Erstaunlicherweise geriet all das in Vergessenheit. Erst im Jahr 1996 stieß der Forscher Tobias Bringmann durch Zufall im Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin auf Polizeiakten, in denen Ermittlungsberichte zur "Kotze-Affäre" abgelegt sind. Die deftigsten Passagen mochte er "aus Anstand" allerdings nicht zitieren.

Wippermann geht nun mutiger vor. Insgesamt 246 Briefe konnte er ausfindig machen, in denen ungeschminkt von "vögeln", "69-Stellung" und Oralsex unter Höflingen die Rede ist.

Zugleich arbeitet der Forscher heraus, welch absurde Dynamik der Skandal bekam: Befeuert vom starren Ehr- und Männlichkeitsbegriff der Zeit, endeten die fünf Jahre andauernden Querelen in einem blutigen Finale: Mehrere Duellanten schossen sich Kugeln in den Leib.

Die Quellenlage ist allerdings verworren. Die Akten in Berlin-Dahlem sind gefleddert. Fast alle Pornobilder (auf die der Unbekannte Köpfe der Beteiligten geklebt hatte) sind verschwunden. Nur eines konnte Wippermann retten.

Unklar bleibt auch, wer die "Giftkröte" (Wippermann) war, die in den Briefen so kundig vom Lotterleben des Hofes schreibt. Grafologische Untersuchungen aus dem Jahr 1894 sprechen dafür, dass es sich bei dem Anonymus um eine Frau handelte.

Und auch ein Motiv des Schreibteufels schält sich heraus: Eifersucht.

Mit besonderer Inbrunst wird in den Schmähbriefen immer wieder die Gräfin von Hohenau bloßgestellt. Die hochgewachsene Kunstreiterin war mit dem schwulen Hohenzollern-Sprössling Friedrich von Hohenau verheiratet.

Während dieser sich mit Männern vergnügte, stürzte sie sich in Abenteuer mit Fürsten und Grafen. Zu ihren Liebhabern gehörte angeblich der spätere Reichskanzler Max von Baden ebenso wie Herbert von Bismarck, Staatssekretär im Auswärtigen Amt.

In den Briefen des Anonymus erscheint die Frau als "geiles" Luder, das mit wiegenden Hüften, mal stöhnend, mal seufzend, auch um die Gunst des Kaisers buhle.

Die Hohenau, heißt es, sei eine "notorische Gans", die "unaufgefordert die Röcke hochhebt" und "nicht eher ruht, bis sie mit sämtlichen Prinzen auf Du und Du und, wenn irgend möglich, in geschlechtliche Berührung gekommen ist".

Aber auch andere Adlige gerieten unter Beschuss. Alide von Schrader, Gattin eines Zeremonienmeisters, wurde der lesbischen Liebe bezichtigt. Prinz Aribert von Anhalt, ein Funktionär der ersten Olympischen Spiele, musste sich Spaß am Analsex mit Männern vorhalten lassen.

Das Schlimmste: Das meiste davon war die Wahrheit. Der Intrigant kannte das Boudoir, er war mit der Welt hinter der Fassade aus Pomp und edler Helmzier bestens vertraut.

Damit geriet der Kaiser selbst in Gefahr. Die Denunzierten gehörten seinem Hofstaat an - jenem mächtigen Apparat, den Wilhelm II. gezielt zu einer Art Gegenregierung umgebaut hatte.

3.500 Personen, davon 2.320 Beamte, dienten ihm. Er erkor seine eigenen Minister und mischte sich ständig polternd und gefährlich naiv ins politische Tagesgeschehen ein.

Im Oberhofmarschallamt liefen die Stränge zusammen. Doch auch dessen späterer Amtsträger, Freiherr von Reischach, kam nun ins Gerede. Der Anonymus schwärzte ihn als Fremdgänger an. Bald begann die Presse, sich über den Sittenverfall zu beschweren.

Die Forscherzunft erstaunt das wenig. Längst hat sie ermittelt, dass die feine Gesellschaft Berlins sich nur nach außen prüde gab. Kanzlersohn Herbert von Bismarck etwa scharte um sich einen Kreis adliger Damen. Bei den Treffen, die oft bis in die Morgenstunden dauerten, ging es Beobachtern zufolge zu wie im "Bordell".

Der Kaiserschwager Ernst Günther (Spitzname "Herzog Rammler") war ein passionierter Puffgänger. Wilhelms Schwester Victoria "hielt man in weiten Kreisen für mannstoll", schreibt der Wilhelm-II.-Biograf John C. G. Röhl.

Auch die Amouren des Throninhabers sind gut belegt. Die Beziehung zu einer "Miss Love" aus Straßburg spitzte sich 1889 gefährlich zu. Die Frau besaß Liebesbriefe, in denen Wilhelm seine "ganz eigenthümlichen Neigungen zur Komplikation des gewöhnlichen Koitus bekundet, wie z. B. Zusammenbinden der Arme", so die Kokotte.

Nur mit Mühe gelang es, der Erpresserin die intime Post für 25.000 Mark abzukaufen.

Ebenso unter den Teppich kehrte man eine "Wiener Schwängerungssache, welche mit der Zahlung von 5.000 Thalern todtgemacht ist", wie es in einer Notiz des Staatssekretärs Bismarck heißt.

Angeblich strebte der Kaiser auch zum anderen Ufer und näherte sich als junger Prinz lustvoll einem Fischerjungen vom Starnberger See. Sein Flügeladjutant Kuno von Moltke war wohl ebenso schwul wie sein engster Freund Philipp zu Eulenburg.

Der Chefberater flog im Jahr 1906 auf, als man dessen Neigung der Presse steckte. Es kam zu mehreren Sensationsprozessen, im Raum stand ein sittliches Vergehen nach Paragraf 175 Strafgesetzbuch. Eulenburg durchlitt sie als gebrochener Mann.

Ähnliches Unheil bahnte sich bereits beim Kotze-Skandal an. Der Nestbeschmutzer plauderte "entnervende Laster ärgster Art" über den Hofstaat aus, wie ein Beteiligter notierte. Selbst heimliche "Schäferstündchen" des Kaisers erwähnte er.

Als die Gerüchte zunahmen, gingen - 1892 - einige der Betroffenen zur Polizei. Die vulgärsten Briefstellen hatten sie vorher mit Schwarzstift unkenntlich gemacht.

Die Fahnder überwachten Postkästen in Berlin und ermittelten im Umfeld des Hofes - ohne Erfolg.

Die 15 Gäste der Swingerparty beschuldigten sich derweil gegenseitig. Einer von ihnen musste der feige Verräter sein. Nur wer?

Schließlich geriet Leberecht von Kotze in Verdacht, ein Meister des Putzes, der am Hof die Bälle und großen Empfänge ausstattete. Der Kaiser besuchte ihn oft in seinem Palais in der Drakestraße, um sich mit neuestem Tratsch zu versorgen.

Als die Geheimpolizei im Schreibtisch des Zeremonienmeisters angeblich verdächtige Löschblätter entdeckte, ließ Wilhelm ihn 1894 festnehmen und ins Gefängnis sperren.

Aus der Schnurre war damit nun ein politischer Skandal geworden. Der Monarch hatte den Mann verhaften lassen, ohne dass überhaupt ein Strafantrag auf Beleidigung vorlag - "schiere Rechtsbeugung", so Wippermann. Wenige Tage später war der Beschuldigte zudem wieder auf freiem Fuß. Alle Verdächtigungen gegen ihn erwiesen sich als haltlos.

Doch der Kaiser blieb störrisch. Nun beauftragte er ein Militärgericht mit dem Fall. Ein "Auditeur" nahm die gesamte Hofgesellschaft ins Verhör. Rund tausend Aktenseiten kamen zusammen - nur nichts Belastendes gegen Kotze.

Doch der Mann fühlte sich immer noch gekränkt und entehrt. Er forderte Genugtuung von jenen Partygängern, die ihn beschuldigt hatten. Ein erstes Duell ging 1895 noch glimpflich aus.

Dann forderte Kotze den Oberhofmarschall von Reischach heraus. Im Morgengrauen trafen sich die Paukanten am Bahnhof Halensee. Beim achten Schusswechsel erwischte es den als "weibisch" geltenden Kleiderfatzken am Oberschenkel.

Wilhelm II. schickte ihm ein Osterei ans Krankenbett. Dabei hätte man es bewenden lassen sollen.

Doch nun fühlte sich Freiherr von Schrader beleidigt, ein weiterer Gast der Swingerparty. Man einigte sich auf ein Barriereduell (wobei die Schützen aufeinander zugehen, während sie beliebig feuern dürfen).

Kotze traf tödlich. Der Schuss zerfetzte dem Gegner den Darm.

Längst war die Affäre Stadtgespräch. An den bekannten Duellplätzen Berlins fanden sich frühmorgens die Gaffer ein - in der Hoffnung auf neue Schießereien.

Nun blieb auch der Kaiser nicht mehr von dem Skandal verschont. In seiner unbedachten Art hatte er die Affäre geradezu geschürt und die - rechtswidrigen - Duelle gefördert.

Entsprechend verheerend war das Medienecho. Die Monarchie, hieß es, trage den "Stempel der Fäulnis". Selbst der konservative "Reichsbote" jammerte, der Fall Kotze habe "an Royalismus im Lande mehr zertrümmert", als "jahrelange Ideenarbeit treuer Monarchieanhänger wieder aufbauen" könne.

Der SPD-Führer August Bebel hämte im Reichstag: "Je mehr sie das Selbstvernichtungsgeschäft gegenseitig besorgen, umso besser für uns."

Der tintenklecksende Heckenschütze indes, der all das losgetreten hatte, wurde nie enttarnt. War es, wie Wippermann argwöhnt, Charlotte, die Schwester des Kaisers?

Sie hatte die Sexparty im Grunewald veranstaltet. Also eine Falle?

Zuzutrauen wäre es dieser Frau. Zu Lebzeiten eilte der Kettenraucherin ein miserabler Ruf voraus. Die eigene Mutter hielt sie für böswillig. Ihre "Klatsch- und Skandalsucht" sei "sprichwörtlich" gewesen, urteilt der Geschichtsprofessor Röhl. Nach langer psychiatrischer Behandlung starb die Dame im Jahr 1919 im Kurort Baden-Baden.

"Ich bin ziemlich sicher, dass Charlotte die Urheberin dieses Ränkespiels war", meint auch der Experte Bringmann. Er glaubt, dass man die Täterin sogar noch heute überführen könnte: "Nötig wäre dafür nur ein grafologischer Vergleich ihrer originalen Korrespondenz mit den alten Schmähbriefen."

Geschehen ist dies bislang nicht. Noch sind längst nicht alle Winkel der Affäre ausgeleuchtet. Eine vollständige Erforschung steht noch aus.

Zum Weiterlesen:

Wolfgang Wippermann: "Skandal im Jagdschloss Grunewald". Primus Verlag, Darmstadt 2010, 160 Seiten.

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Eli Elster, 03.09.2010
Im Jahre 1891 war die Photographie erst 52 Jahre alt. Die Filme waren sehr gering lichtempfindlich, die Objektive lichtschwach. Es musste also ziemlich lange belichtet werden. Es kann sich auf keinen Fall um ein so genanntes Schlüssellochfoto handeln, das sich in Händen des Absenders befand, vielmehr musste es eine mit Stativ gefertigte Aufnahme gewesen sein. Die abgelichteten Personen mussten folglich davon Kenntnis gehabt haben. Erst in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts konnte man mit der neu entwickelten Minox-Kleinstbild-Camera solche Schlüssellochaufnahmen machen. Zuvor hatte man in aller Regel Filmformate von 6x6cm, 6x9cm, 9x12cm, 13x18cm, und 18x24cm. Erst durch die Leica kam im Jahre 1925 das Kleinbildformat 24x36mm auf den Markt, aber mit der Leica waren knstruktionsbedingt keine Schlüssellochaufnahmen möglich.
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