Geheimoperation "Mongoose" Todesgrüße aus Washington

Verseuchte Taschentücher und Sprengstoff in Zigarren: Mit Methoden à la James Bond versuchte die CIA Anfang der sechziger Jahre ihren ärgsten Feind umzubringen. Das perfide Mordkomplott gegen den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro wurde vom US-Präsidenten persönlich abgenickt - und scheiterte trotzdem.

AP

Die Tagesordnung im Kabinettszimmer des Weißen Hauses klang nach Routine, lediglich das "Projekt Kuba" stand auf dem Programm. Doch der Schein täuschte: Tatsächlich wurde im November 1961 dort nicht weniger verhandelt als eines der perfidesten Mordkomplotte in der Geschichte der USA. Robert Kennedy, Justizminister und Präsidentenbruder, war mit Offiziellen aus Pentagon, CIA und Außenministerium zusammengekommen. Ziel des "Projekt Kuba": die Ermordung Fidel Castros - nebst gewaltsamer Beseitigung seines Regimes.

Bereits ein Jahr zuvor hatte die USA versucht, die Revolutionsregierung in Havanna zu stürzen: Mit Hilfe von U.S. Army und CIA waren exilkubanische Truppen in der Schweinebucht gelandet. Sie sollten einen Flughafen dort so lange besetzt halten, bis die in Miami gebildete Exilregierung gelandet war und einen Hilferuf um Unterstützung gesendet hatte - die Legitimation für das Eingreifen der US-Armee. Doch soweit kam es nie: Der Umsturzversuch scheiterte, bereits nach kurzer Zeit waren die Invasionstruppen aufgerieben - eine Blamage für die USA.

Seit 1958 war der Karibikstaat für Washington zunehmend zum Problem geworden: Revolutionär Fidel Castro hatte den Diktator Batista verjagt, der als getreuer Verbündeter der USA seine Zuckerinsel zuvor zu einem Dorado für Kapitalanleger, Casinobarone und Mafiapaten gemacht hatte. Castro jedoch berührte mit seinen Zwangsenteignungen, Verstaatlichungen und Reformen ganz empfindlich die US-Interessen und wurde zum Vorbild für Oppositionelle in ganz Mittel- und Südamerika.

Castro musste weg - nur wie?

Spätestens, als Havanna Anstalten machte, seine Revolution mit Agitation und Waffenhilfe zu exportieren, um die US-nahen Kleptokraten und Putschgeneräle an der Spitze anderer südamerikanischer Staaten zu stürzen, herrschte Alarm beim großen Nachbarn. Castro musste weg - nur wie?

Nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht entschied sich Washington für eine andere Gangart: raffiniert, ruchlos, wirksam sollte das "Projekt Kuba" sein, in dessen Zentrum die Operation "Mongoose" stand. Ein großangelegtes Mordkomplott gegen den kubanischen Revolutionsführer, das im US-Kabinettssaal mit Billigung durch den Präsidenten John F. Kennedy beschlossen wurde.

Die Führung des Projektes "Mongoose" übernahm der Luftwaffengeneral Edward Lonsdale, als Guerilla-Bekämpfer in Ostasien profiliert. An seiner Seite stand Bill Harvey, ein hartgesottener Spezialist für Haudrauf-Kommandos der CIA. 400 Beamte, Offiziere und Geheimdienstler arbeiteten ihnen zu, ihre Planungsunterlagen gingen regelmäßig an die beteiligten Ministerien und die "Joint Chiefs of Staffs", die oberste Militärinstanz der USA. "Mongoose" war eine Staatsaktion.

Mordkomplott mit grotesken Auswüchsen

Was Harvey und seine Mannen erdachten, roch nach Stoff für einen Agententhriller in bester Kalter-Krieg-Manier. Wo das KGB seine Agenten Giftkugeln verschießen oder mit tödlichen Spritzen, die in Regenschirmspitzen versteckt waren, zustechen ließ, wollten sich auch die "Mongoose"-Regisseure nicht lumpen lassen. Im Kampf gegen Castro sollten Pistolen, Sprengstoff und tödliche Chemikalien eingesetzt werden, es ging um geheimnisvolle Schussgeräte, etwa in Füllfederhaltern versteckt, dazu vergiftete Medikamente oder bakterienverseuchte Taschentücher.

Doch damit nicht genug - die Pläne zur Ermordung des Máximo Líder trieben teilweise groteske Blüten. Weil Castro begeisterter Taucher war, wurde die tödliche Kontaminierung von Tauchanzügen erprobt. Experten bastelten an einer Prachtmuschel, die bunt genug war, um die Aufmerksamkeit des Máximo Líder zu erregen, und groß genug, um eine gehörige Sprengladung darin unterzubringen. Kein Wunder, dass in so einer Atmosphäre auch erwogen wurde, Castro, der gern dicke Havannas genoss, mittels einer explodierenden Zigarre umzubringen. Eine Idee, die von den CIA-Technikern begeistert aufgenommen und sofort ausgetestet wurde.

Auch für die Frage, wie die Mordinstrumente nach Kuba gelangen sollten, fanden die US-Geheimdienstler eine kreative Antwort: Amerikanische Mafiosi sollten helfen, sie vor Ort in Stellung zu bringen. Einige Gangster boten sich als Castro-Geschädigte für rüde Hilfsdienste an, andere wegen ihrer guten Kontakte zu den besseren Kreisen in Washington - Berührungsängste zwischen Halbwelt-Größen und Regierung in der Bundeshauptstadt gab es offenbar kaum.

Mafia-Bosse als amerikanische Agenten

Ein Senatskomitee enthüllte Jahre später, dass die CIA sogar Sam Giancana für "Mongoose" eingeschaltet hatte, den damals wahrscheinlich einflussreichsten Mobster der USA. Er war dem Establishment durch manche Freundschaft verpflichtet, wohl auch zu Joseph Kennedy Sr., dem Patriarchen des Kennedy-Clans, der während der Prohibitionszeit in den zwanziger Jahren mit geschmuggeltem Alkohol Millionen gemacht haben soll. Auch eine Nähe zum Präsidenten selbst wurde Giancana nachgesagt, als Spender bei John F. Kennedys Wahlkampagne 1960, wie auch durch das gemeinsame Faible für die Schauspielerin Marilyn Monroe.

Besonders viel Phantasie verwandten die Anti-Castro-Krieger auf die Suche nach "adäquater Rechtfertigung für eine US-Militärinvasion" auf. Das geht aus mehreren Papieren hervor, die Anfang 1962 für die Vereinten Stabschefs verfasst wurden. Da Castro dem großen Nachbarn keinen Kriegsgrund bot, galt es, einen zu konstruieren. Am besten einen, der auch vor der Weltöffentlichkeit Bestand haben würde, ein Szenario also, mit dem sich "kubanische Bösartigkeit und Verantwortungslosigkeit den USA und anderen Ländern gegenüber" augenfällig machen ließ (Memo an die Stabschefs vom 12. März 1962).

Unter dem Decknamen "Northwood" listete die geheime US-Denkfabrik deswegen bizarre Einfälle auf, meist vorgetäuschte Sabotageakte im Umkreis der US-Basis Guantanamo. Die Sprengung eines US-Kriegsschiffs vor dem Stützpunkt wurde durchgespielt, sogar die Versenkung eines Boots voller Castro-Flüchtlinge vor Kuba in Erwägung gezogen, wobei das Stabspapier ausdrücklich offen lässt, ob "simuliert oder real".

Eine abgeschossene Passagiermaschine als Meisterstück

Liebevoll bastelten die Planer zudem an fingierten Luftzwischenfällen - US-Jagdbomber mit kubanischem Anstrich, die Brandsätze mit Zündern aus Ostblock-Produktion auf Zuckerrohrfelder in mittelamerikanischen Anrainerstaaten abwerfen sollten; oder aber US-Piloten in akribisch zu kubanischen MiGs umgebauten US-Jäger, die den zivilen Flugverkehr belästigen sollten.

Ihr Meisterstück lieferten die Trick-Erfinder mit dem Plan zum simulierten Abschuss einer amerikanischen Verkehrsmaschine durch Castros Düsenjäger. Zwei identisch gestaltete Passagiermaschinen sollten sich auf den Weg nach Kuba machen, die eine hatte lediglich Technik zur Fernsteuerung des Flugzeugs, die andere eine Ladung vermeintlicher College-Studenten an Bord. Über der karibischen See sollten sie den Kurs kreuzen - fremde Radarbeobachter wären in diesem Moment blind und könnten nicht mehr sehen, welche Maschine welche ist. Während die vollbesetzte Kopie in Tiefflug gehen und im Radarschatten wieder nach Florida enteilen sollte, würde das leere Flugzeug deren Kurs und Flughöhe übernehmen. Kurz vor dem kubanischen Luftraum wäre per Notfunkspruch eine Attacke kubanischer MiGs gemeldet und kurz darauf die Maschine per Fernzündung gesprengt worden. So ein grausames Ende eines Studentenausflugs hätte wohl auch in den Augen der Weltgemeinschaft nach Vergeltung geschrien.

Dabei kamen die meisten der aberwitzigen Szenarien nicht über die Panzerschränke der Stabschefs hinaus. Teils erübrigten sie sich unerwartet - etwa, weil Castro eines Tages das Zigarrenrauchen praktisch aufgab. Viel öfter aber wurden US-Agenten schlicht von den Kubanern abgefangen.

So hanebüchen sich die Phantasien der "Mongoose"-Macher ausnehmen, die Morddrohung gegen den roten Kubaner war stets real. Geheimdienstler aus Havanna behaupten, auf Fidel Castro seien 638 Attentate verübt worden, zu immerhin acht Mordversuchen hat sich die CIA bekannt. Erst Präsident Lyndon Johnson, Nachfolger des Ende 1963 ermordeten John F. Kennedy, fing die Alptraumtänzer vom Geheimdienst wieder ein. Eine Order Johnsons stoppte den Gespensterkrieg, im Frühsommer 1964 wurde das Projekt "Mongoose" abgewickelt.



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Thomas Sylten, 27.10.2017
1. Kennedy und die
Kennedy hatte bei seiner Wahl 1961 die Vorbereitungen zur "Schweinebucht"-Aktion (Playa Girón) - noch unter Eisenhower veranlasst - in einem fortgeschrittenen Stadium vorgefunden und nicht mehr stoppen können/wollen. Er sagte logistische Unterstützung zu unter der Bedingung, dass die USA nicht in den Konflikt verwickelt würden, BEVOR die Exilregierung stand und man "rechtmäßig" "zu Hilfe eilen" konnte. Die Aktion am Strand verlief jedoch katastrophal, da die Cubaner - gewarnt durch getarnte US-Bombenangriffe auf cubanische Flughäfen, um die cubanische Luftwaffe auszuschalten - die Legionäre bereits erwarteten und regelrecht versenkten. Diese funkten um Entsatz durch amerikanische Luftunterstützung, die Kennedy verweigerte, getreu seiner Bedingung, nicht zur Unzeit in die Aktion verwickelt zu werden. Der Hass der überlebenden Legionäre und ihrer amerikanischen Unterstützer auf Kennedy, der sie angeblich "im Stich" gelassen hatte, war groß genug, um eine Rolle in den vielfältigen Verschwörungstheorien um den späteren Kennedy-Mord zu spielen: Kennedy hatte - in den Augen amerikanischer Falken - den Sowjets an allen Fronten zu wenig entgegengesetzt, ja stand im Verdacht, im Interesse des Weltfriedens einen Ausgleich mit Chruschtchow zu suchen; er war auch an einer Ausweitung des Vietnamkriegs nicht interessiert, dafür an einer Verstaatlichung der FED - damit war er seiner Zeit wohl zu weit voraus, um der Gesundheit zuträglich zu sein. Sein Nachfolger Johnson änderte diese Poitik umgehend auf allen Feldern um 180 Grad und vertrat artig jeweils das Gegenteil..
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