Geheimprojekt Bachem "Natter" Höllenritt auf der Holzrakete

Letzter Ausweg Wegwerfflieger: Noch bis 1945 werkelten die Nazis fieberhaft an Geheimprojekten für die Wende im Weltkrieg. Eines davon war die "Natter", eine bemannte Einwegrakete aus Sperrholz, die alliierte Bomber vom Himmel holen sollte. Tödlich war sie am Ende nur für einen.

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Als Juri Gagarin am 12. April 1961 in die Kapsel eines Raumschiffs kletterte, war er nicht der erste Mensch, der mit einer Rakete in den Himmel geschossen wurde. Schon 16 Jahre zuvor, am 1. März 1945, bestieg Leutnant Lothar Sieber eine Rakete - doch der erste bemannte Raketenstart der Geschichte endete in einer Tragödie.

Heute werden höchstens noch Wohnwagen-Nostalgiker beim Namen Erich Bachem hellhörig. Unter dem Namen "Eriba" baute der Ingenieur ab den späten fünfziger Jahren leichte, preisgünstige Wohnanhänger. An welchen Projekten Bachem während des Zweiten Weltkriegs gearbeitet hat, weiß kaum einer.

Zu Beginn der dreißiger Jahre absolvierte Bachem in Berlin eine Ausbildung zum Flugzeugbaumeister. Nachdem er mit einigen Publikationen über die Luftfahrt wie dem Buch "Über das Problem des Schnellstfluges" das Interesse der Fachwelt erregt hatte, bekam er 1933 den Posten des Technischen Direktors der Fieseler Flugzeugwerke in Kassel. 1938 übernahm er dort die Entwicklungsabteilung.

Kugelhagel aus dem Presslufthammer

Vier Jahre später, mitten im Krieg, machte er sich selbständig und gründete in Waldsee ein eigenes Unternehmen. Anfangs wegen der starken Nachfrage in der Luftfahrtindustrie als reiner Zulieferbetrieb tätig, erhielt Erich Bachem bereits im Herbst 1942 den Auftrag zur Entwicklung des Raketenflugzeugs BP-20 Natter.

Das Konzept der Natter wurde von Heinrich Himmler als kriegswichtig und streng geheim eingestuft. Nach einem Senkrechtstart, bei dem vier zusätzliche Startraketen, auch Booster genannt, für den nötige Schub sorgten, sollte die Natter, nun nur noch angetrieben von ihrem Raketentriebwerk im Heck in mehreren Kilometern Höhe in Horizontallage übergehen und feindliche Bombergeschwader abschießen.

Als Tests mit einer Maschinenkanone des Typs MK 108 (im Landserjargon "Presslufthammer" genannt) nicht das gewünschte Ergebnis brachten, wurde in die Spitze der Natter eine wabenförmige Abschussvorrichtung für Bordraketen eingebaut. Ein einziger Treffer mit einem solchen Geschoss, so die Berechnungen der Ballistiker, könnte ausreichen, um einen viermotorigen Bomber vom Himmel zu holen. Vorgesehen war der Abschuss aller Geschosse innerhalb weniger Sekunden, womit ein Streueffekt ähnlich dem von Schrotkugeln erreicht werden sollte. Gezielt wurde mit einer simplen, auf der Bugnase montierten Kimme und Kornvorrichtung.

Eine Rakete aus Sperrholz

Die Natter-Konstrukteure wollten ein möglichst einfach konstruiertes Fluggerät bauen, das auch von unerfahrenen Piloten bedient werden konnte. Durch die simple Ausführung - ein großer Teil der Natter bestand aus Sperrholz - entstand ein extrem preiswertes Fluggerät für den Einmal-Einsatz.

Eine Landung im herkömmlichen Sinn war nicht vorgesehen. Nach Start und Einsatz stürzte die Maschine zum Boden zurück. Der Bug trennte sich vom Heck und der Pilot sollte in etwa 800 bis 1000 Metern Höhe mit seinem Fallschirm aussteigen, während das Heck mit dem Raketentriebwerk an einem weiteren Fallschirm zu Boden glitt.

Ab Herbst 1944 waren die Entwicklungsarbeiten im Bachem-Werk auch auf Druck der auftraggebenden SS soweit abgeschlossen, dass erste Starversuche auf dem Truppenübungsplatz Heuberg unternommen werden konnten. Die erste Versuchsrakete brannte allerdings am 18. Dezember 1944 wegen einer defekten Arretierung auf der Startrampe aus, ohne sich einen Millimeter bewegt zu haben.

Keine Zeit für weitere Tests

Doch schon der zweite Start verlief zufriedenstellend. Obwohl die Booster einen unregelmäßigen Schub erzeugten, stieg die Mustermaschine 16, kurz M16, auf etwa 750 Meter Höhe. Vorher hatten sich die Startraketen wie vorgesehen gelöst, das Abtrennen der Bugsektion funktionierte einwandfrei und auch der Bergungsfallschirm öffnete sich wie geplant. Die Maschine konnte nahezu unbeschädigt geborgen werden.

Erst am 25. Februar 1945 konnte das eigentliche Raketentriebwerk der Firma Walter während eines Steilstarts erprobt werden. Als Testpilot kam eine lebensgroße Puppe zum Einsatz. Die M22 legte einen Bilderbuchstart hin, und auch bei diesem Versuch funktionierte alles einwandfrei. Puppe und Natter schwebten sanft und sicher zu Boden.

Die Freude über diesen Erfolg wurde durch den immensen Druck getrübt, den die SS auf Bachem und seine Mitarbeiter ausübte. Die Wunderwaffe sollte endlich zum Einsatz kommen - in Berlin bestand man auf einem bemannten Start. Alle Einwände, dass die Maschine noch nicht ausreichend erprobt sei, wurden beiseite geschoben.

Ein Ausnahmeflieger als Versuchskaninchen

Seit Dezember 1944 gehörte der 1922 in Dresden geborene, erfolgreiche Kampfflieger und Testpilot Lothar Sieber zum Beobachterteam. Sieber war ein Ausnahmepilot: Er war in der Lage, jeden damals üblichen Flugzeugtyp, egal ob es sich um erbeutete Feindmaschinen oder eigene Geräte handelte, zu fliegen.

Am Abend des 28. Februar 1945 eröffnete Sieber dem Ingenieur Erich Bachem trotz aller offenkundiger Risiken, dass er am kommenden Tag einen ersten bemannten Testflug mit der Natter unternehmen wollte: "Ich habe im Laufe des Krieges schon riskantere Sachen gemacht und ich glaube fest an einen Erfolg."

Am 1. März kletterte Lothar Sieber an der Startrampe hoch und zwängte sich in die enge Pilotenkabine. Die Haube wurde geschlossen und die letzten Monteure verließen den Startplatz. Eine Leuchtpistole gab das Startsignal.

Heulend durch die Wolkendecke

Das Walter-Triebwerk röhrte. Die Startbooster wurden gezündet. Eine gewaltige Rauchwolke umhüllte die Rakete, während aufgewühlter Dreck und Steine herumflogen. Dann schoss die Natter senkrecht nach oben. Nach einigen hundert Metern lösten sich die Startraketen vom Rumpf und fielen zu Boden - allerdings nicht, wie geplant, alle vier. Einer der Booster blieb an der Maschine. Die Crew am Boden war beunruhigt.

Die Natter neigte sich und kippte in eine leichte Rückenlage. In diesem Moment löste sich ein weiterer Gegenstand und stürzte herab. Erst später stellte sich heraus: Es war die Kabinenhaube der Natter. Doch die Rakete stieg normal weiter, verschwand in einer Wolke, tauchte für einen Moment wieder auf, um wenig später ganz in der Wolkendecke zu verschwinden. Jetzt war nur noch das Röhren der Triebwerke zu hören.

Nach kurzer Zeit sahen die Beobachter des ersten bemannten Raketenstarts der Luftfahrtgeschichte jedoch, wie in einigen Kilometern Entfernung die Natter aus der Wolkendecke herabstürzte. Mit laufendem Triebwerk raste sie senkrecht nach unten und zerschellte mit einem ungeheuren Aufschlag, der kilometerweit zu hören war.

Makabre Szenen an der Absturzstelle

Die Techniker erlebten bange Minuten. Sie hofften, irgendwo einen Fallschirm niedergehen zu sehen. Vergeblich. Erst eine Stunde später fand die Bodenmannschaft die Absturzstelle. Die Maschine hatte es in zahllose Einzelteile zerrissen. Der Oberkörper des Piloten hing samt seines Fallschirms, der sich nicht geöffnet hatte, in einem Baum, andere Leichenteile lagen über die ganze Absturzstelle verstreut.

Karl Mielenhausen, einer von Bachems Technikern, schilderte minutiös den Ablauf der Katastrophe. Er sparte dabei auch keine makabren Details aus. Einer der SS-Offiziere hatte einen Hund dabei. "Uns gefror fast das Blut in den Adern, als der Dackel einige kleinere Leichenteile aufstöberte und begann, diese aufzufressen." Sieber wurde posthum zum Oberleutnant befördert.

Nach offizieller Darstellung des Reichsluftfahrtministeriums war die Ursache des tödlichen Unfalls das Kabinendach, das sich während des Starts gelöst hatte. Der heftige Gegenwind habe Sieber das Genick gebrochen. Diese Darstellung gehört zu den vielen Versuchen, den tatsächlichen Ablauf und damit die Ursache des Absturzes zu verschleiern.

Vertuschungsversuche durch die SS

Tatsächlich wollte sich Sieber per Fallschirm retten, weil sich die vierte Startrakete nicht von der Natter gelöst hatte. Ein SS-Offizier, der mit ihm in Funkkontakt stand, untersagte ihm jedoch auszusteigen. Sieber, der Sekunden später in den Wolken im wörtlichen Sinn nicht mehr wusste, wo oben und unten war, lenkte die Rakete in die falsche Richtung. Nach unten.

Nach diesem tragischen Zwischenfall gab es noch einige unbemannte Probestarts von Nattern, für einen Kampfeinsatz war es jedoch längst zu spät. Vier komplett montierte Nattern fielen nach Kriegsende in die Hände der Alliierten.

1948 ging Erich Bachem für einige Jahre nach Argentinien, um nicht wie Wernher von Braun und viele seiner Mitarbeiter in dem von den amerikanischen Streitkräften initiierten Raketenprogramm mitarbeiten zu müssen. In Südamerika beschäftigte sich Bachem mit ausgesprochen zivilen Projekten wie dem Geigenbau. Nachdem er 1952 nach Deutschland zurückgekehrt war, baute er Caravans. Nach seinem Tod im Jahr 1960, er wurde 53 Jahre alt, kann nur noch darüber spekuliert werden, ob er selber der Nachwelt lieber als Luftfahrtpionier oder als Wohnwagen-Konstrukteur in Erinnerung bleiben wollte.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Bernd Liedke, 01.03.2010
1.
Was ist mit der ME 163? Die hatte doch auch ein Raketentriebwerk und flog schon Jahre früher. Militärisch war die ebenfalls erfolglos und gefährlich hauptsächlich für die Piloten, wenn auch nicht eine derart abenteuerliche Konstruktion. http://de.wikipedia.org/wiki/Messerschmitt_Me_163
Steffen Rau, 02.03.2010
2.
Ja, das mit dem "ersten bemannten Raketenstart" ist ein kleiner Fehler vom Autor. Ob die Me 163 militärisch generell erfolglos war kann ich nicht beurteilen. Nowarra bezeichnet sie z.B. als "gelungene Konstruktion, die sich als Objektschutzjäger glänzend bewährte". (wenn der Pilot die Landung überlebte...) Das wirklich interessante an der "Natter" war meiner Meinung nach die Waffenbestückung. Bei der Me163 bestand sie ja aus 2x MK108, bei der "Natter" aus 34x 55mm Raketen oder 24x73mm Raketen. @ Autor: Das der Flieger ursprünglich mit Kanonen ausgestattet war, wusste ich bisher nicht. Gibt es denn irgendwelche Belege (Fotos, Zeichnungen) dafür? Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Entwurf von vorneherein zum Scheitern verurteilt war, weil die Konstruktion den Kräften beim Start der ungelenkten Raketen nicht standhalten konnte. Ist diese Info korrekt? Wenn ja, gibt es Nachweise dafür (Versuchsberichte o.ä.)?
Ralph Seidl, 02.03.2010
3.
>Was ist mit der ME 163? Die hatte doch auch ein Raketentriebwerk und flog schon Jahre früher. Militärisch war die ebenfalls erfolglos und gefährlich hauptsächlich für die Piloten, wenn auch nicht eine derart abenteuerliche Konstruktion. > >http://de.wikipedia.org/wiki/Messerschmitt_Me_163 Die Me 163 war sehr gut . Noch nicht ganz ausgereift(keine Zeit) und die Piloten zu schnell im Einsatz . Aber da war nichts vergleichbares oder Abwehr . Die Natter wurde einmal , zusammen mit einigen dutzend ME 262 und wenigen ME163 eingesetzt. An diesem Tag schossen die Jetz ueber 350 B17 vom Himmel . Und die Amis flogen fuer 14 Tage keine Einsaetze mehr . Spaeter fast nur noch mit Kanadiern. Das war ende 1944 . Die wenigen Natter waren dabei sehr erfolgreich ! Die ME 262 kamen vom unterirdischen Stuetzpunkt Mueldorf/Mettenwald und Thueringen . Die Bunker waren Startschutz und Fabrik zugleich . Als Kind war ich dort unten (Muehldorf) und habe eine Halle gefunden mit 20, 30 oder mehr, ready to go ME262 . Aber sie wurden nie mehr in so grosser Zahl und konzentriet eingesetzt . Der Bullshit mit dem "nur Experiment" is alles nicht war . Mein Vater war bei der SS und hat einiges erlebt was es offiziell gar nicht gab............die SS war nicht mehr mit Adolf nach der "Pleite" Ende 1944 in den Ardennen. Die SS war auch nicht in Berlin um den "Fuehrer" zu verteitigen.....genauso wie die Jetz nicht mehr aufstiegen . Und das nicht weil kein Sprit da war ! Thanks God !! Ralph
Joerg Fiebelkorn, 02.03.2010
4.
@ Ralph Seidel: Die Natter hat keinen einzigen Einsatz erlebt, sie konnte also keineswegs "sehr erfolgreich" sein. Es ist der Luftwaffe auch in ihren besten Zeiten nie gelungen, bei einem Einsatz 350 B17 abzuschiessen, schon gar nicht Ende '44 - die höchsten Verluste erlitten die US-Bomber beim Einsatz gegen Schweinfurt 1942 mit ca. 70 abgeschossenen Maschinen und gegen Ploesti, wobei von ca. 170 US-Bombern fast 100 verloren gingen. Auch die "Erfolge" der (30 überhaupt eingesetzten) Me 163 waren eher zweifelhaft: Es gingen mehr Maschinen durch technische Fehler und Bruchlandungen verloren, als dass sie Gegner abschiessen konnten. Die Luftwaffe blieb- soweit sie überhaupt noch über Maschinen verfügte - gegen Ende des Krieges unzweifelhaft mangels Sprit (und Piloten) am Boden. Ihre Bemerkungen zur SS halte ich für sehr merkwürdig!
Roland Boss, 03.03.2010
5.
In der Gemeinde Stetten a.k.M. (am kalten Markt), direkt am Rand des berüchtigten Truppenübungsplatzes Heuberg, auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Sigmaringen gelegen, haben Ortsansässige ein kleines "Natter"-Museum eingerichtet, das viele interessante Informationen bereithält, u.a. auch den Hinweis, dass Leutnant Sieber strafversetzt war. An der Absturzstelle wurde ein Gedenkstein errichtet. Immerhin dürfte es sich um den ersten bemannten Raketenstart der Geschichte gehandelt haben.
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