Geiseldrama von Gladbeck "Sie hat mir das Leben gerettet"

Ihre Freundin starb, sie überlebte: Zusammen mit Silke Bischoff saß Ines Falk als Geisel im Fluchtfahrzeug der Gladbeck-Gangster. Beim Shootout mit der Polizei wurde Bischoff durch die Kugel eines Geiselnehmers getötet. Auf einestages erinnert sich Falk an die dramatischen Stunden - und erzählt, wie sie ihr Leben verändert haben.

DPA

einestages: Frau Falk*, in welchen Momenten spüren Sie heute noch die Folgen des Geiseldramas?

Falk: Ich bekomme immer noch Platzangst, richtig Panik, wenn ich tiefer sitze als andere. Das kommt davon, dass wir damals in Köln mit dem Auto in der Fußgängerzone standen und um uns herum Hunderte Menschen.

einestages: Was waren für Sie persönlich die schlimmsten Momente?

Falk: Die Tötung meiner Freundin Silke Bischoff auf der Autobahn, und vorher als wir noch im Bus waren, die des kleinen Italienerjungen Emanuele. Beide wurden in meiner unmittelbaren Nähe erschossen. Den blutüberströmten Jungen, der noch lebte, musste ich ja selber durch den Bus tragen. Ich hatte ständig Angst, ihm dabei weh zu tun.

einestages: Wie sehr hat die Geiselnahme Ihr Leben verändert? Was wäre anders gelaufen?

Falk: Ich glaube, ich wäre glücklicher geworden. Ich bekam Depressionen, habe mehrere Klinikaufenthalte hinter mir, meine Ehe ging kaputt. Zunächst versuchte ich, so weiterzuleben wie bisher, fröhlich zu sein, mir nichts anmerken zu lassen. Ich machte meine Verkäuferinnenlehre in einem Zoogeschäft weiter, erzählte jedem, der es hören wollte, von der Geiselnahme. Aber dann ging es mir immer schlechter.

einestages: Wie zeigte sich das?

Falk: Es fiel mir ständig schwerer, andere Menschen zu ertragen. Ich habe selbst den Kontakt zu meinen besten Freunden abgebrochen, oft stundenlang allein vor mich hingestarrt. Ich fing auch an, immer mehr zu essen. In kurzer Zeit habe ich 70 Kilo zugelegt. Und ich bekam Alpträume.

einestages: Was waren das für Träume?

Falk: Ich saß immer wieder in diesem Bus mit all den Leuten drumherum, hörte Schreie und Schüsse. Und ich träumte, ich sei mit meiner Freundin Silke auf einer Feier. Plötzlich war sie weg. Ich suchte sie, und sie kam mir auf einem dunklen Waldweg entgegen. Sie gab mir eine Rose und war dann wieder verschwunden.

einestages: Fühlen Sie sich für den Tod von Silke Bischoff verantwortlich?

Falk: Jedenfalls habe ich heute noch Schuldgefühle, weil ich ihr nicht helfen konnte. Dabei hat sie mir das Leben gerettet. Wenn sie bei der Schießerei auf der Autobahn nicht "raus, raus" gerufen hätte, wäre ich nicht aus dem Auto gesprungen und wahrscheinlich auch erschossen worden.

einestages: Wann haben Sie erfahren, dass sie tot war?

Falk: Erst am nächsten Tag. Anfangs hatten die Polizisten mir ständig versichert, es gehe ihr gut. Der Beamte, der mich morgens zur Vernehmung abholte, sagte mir die Wahrheit, und zwar auf ziemlich brutale Art. Da bin ich zum ersten Mal zusammengebrochen.

einestages: Wurden Sie nicht psychologisch betreut?

Falk: Überhaupt nicht. So etwas gab es damals nicht. Am schlimmsten war es ein Jahr später beim Prozess. Ich sollte einen Anwalt bekommen, aber der kostete Geld, und das konnte ich mir nicht leisten. So saß ich den Tätern und ihren Anwälten ganz allein gegenüber. Ich wurde von den Verteidigern so fertig gemacht, so in die Mangel genommen, als hätte ich das Verbrechen selbst begangen. Ich weinte nur noch.

einestages: Haben Sie je eine Entschädigung bekommen?

Falk: Nur vom Weißen Ring, ich glaube, 800 Mark.

einestages: Sie haben drei Jahre nach dem Geiseldrama geheiratet und 1991 eine Tochter bekommen. Warum ist die Ehe gescheitert?

Falk: Mein Mann, der lange zu mir gehalten hat, konnte meine ständigen Depressionen nicht mehr ertragen. Zeitweise war ich auch nicht in der Lage, die Wohnung in Ordnung zu halten und den Haushalt zu führen.

einestages: Wie kommen Sie heute als Alleinerziehende mit einer 16-jährigen Tochter finanziell zurecht?

Falk: Schlecht. Als Verkäuferin in einer Tierhandlung verdiene ich monatlich 760 Euro netto, dazu kommt noch Unterhalt von 220 Euro und Kindergeld von 154 Euro. Die Warmmiete beträgt 465 Euro, meine Monatskarte 43 Euro. Da bleibt nicht sehr viel übrig.

* Ines Falk, geborene Voitle

Das Interview führte Bruno Schrep



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Stephan Heinig, 18.08.2016
1. Hoffentlich hat einestages...
der Ins Fall das Interview ordentlich bezahlt. Die Fragen sind schon ziemlich direkt und privat.
Stephan Heinig, 19.08.2016
2. Automatische Rechtschreibung
Pardon, ich meinte natürlich die Ines Falk.
aleksandar mihailov, 10.10.2017
3. Was für eine schande
Das solche Menschen mit traumatischen Erlebnissen sogar öffentlich bestätigt ist das ihr Leid erfahren ist, und trotzdem nicht anständig Unterstützung erhalten. Sozialstaat heisst für mich anders. Hauptsache die Diäten werden erhöht...
Frank Hübner, 16.08.2018
4. Täterfürsorge vor Opferfürsorge
Leider ist es noch heute so, dass die Täter einen oder mehrere Anwäte gestellt bekommen (auf Steuerkosten natürlich), und die Opfer müssen sehen, wie sie gute Anmwälte bekommen. Fast unerträglich ist es, dass Degowski (ich verwehre ihm jedweden Vornamen oder ein "Herr") wieder frei ist und (wieder auf Steuerkosten) sein Leben führen kann, mit Therapie, psychologischer Hilfe etc., während sein Opfer in einer solch dramatischen Lage ist.Von mir aus soll Degowski 12 Stunden am Tag auf dem Feld Erbeeren pflücken und den Verdienst sein Opfer geben. Aber halt. Geht ja nicht. Seine Schuld ist ja verbüßt mit der Haftstrafe. Ein Hohn wäre es jetzt noch, wenn Rösner rauskommen würde. Eine harte Kindheit wird es schon möglch machen.
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