Geiseldrama von Gladbeck "Für mich waren das zwei Dumpfbacken"

Geiseldrama von Gladbeck: "Für mich waren das zwei Dumpfbacken" Fotos
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Er war dichter dran als alle anderen - und bereute es: Der Reporter Udo Röbel schrieb Geschichte, als er 1988 während des Geiseldramas von Gladbeck zu den Entführern ins Auto stieg. Auf einestages erinnert sich der spätere "Bild"-Chefredakteur an die dramatischen Stunden und an seinen größten Fehler. Von

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einestages: Wann und wie haben Sie erfahren, dass in Gladbeck ein Banküberfall aus dem Ruder gelaufen war und in ein bizarres Roadmovie mit redseligen Gangstern, abgetauchte Polizisten, einer hemmungslosen Journalistenmeute und Geiseln in Todesangst ausartete?

Röbel: Ich war wohl einer der ganz wenigen Menschen, die Gladbeck erstmal verschlafen hatten. Wahrscheinlich sogar der einzige Journalist in Deutschland. Am ersten Tag des Geiseldramas verließ ich die Redaktion des "Express" in Köln am frühen Nachmittag. Da war mein Wissensstand, dass seit dem Morgen eine Geiselnahme in Gladbeck läuft und der Ausgang noch ungewiss ist. Am nächsten Tag hatte ich frei, sah kein Fernsehen, hörte kein Radio und las keine Zeitung - dass die Gangster Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner aus der Bank mit dem Auto nach Bremen flohen, einen Linienbus kaperten und an der Raststätte Grundbergsee den kleinen Emanuele di Giorgi erschossen hatten - all das fehlte mir.

einestages: Der stellvertretende Chefredakteur des "Express" war völlig ahnungslos?

Röbel: Bei mir setzt Gladbeck erst wieder am dritten Tag ein. Ich war frühmorgens Tennis spielen gegangen, völlig unbeleckt von dem, was passiert war. Als ich fertig war, geduscht hatte und einen Kaffee trank, sah ich auf einem kleinen Fernseher in der Cafeteria im Frühstücksfernsehen, was inzwischen passiert war. Da bin ich nichts wie los in die Redaktion.

einestages: Was haben Sie denn gedacht, als Sie im Fernsehen sahen, wie die Geiselgangster aus dem gekaperten Bus heraus eine Art Pressekonferenz veranstalteten und sich Rösner vor laufender Kamera den Pistolenlauf in den Mund schob?

Röbel: Ich habe gedacht, dass ich mir um die Schlagzeile heute keine Sorgen mehr machen muss. Das war ein rein journalistischer Reflex. Mein Gedanke war: "Ist ja irre, so etwas hat es noch nie gegeben!" Da war noch überhaupt kein Nachdenken dabei, wie diese Bilder denn entstanden sind. Als ich in der Redaktion ankam, war noch kein Mensch da. Ich habe alles, was über Nacht an Agenturmeldungen aufgelaufen war, sortiert und nachgelesen, was ich da eben im Fernsehen gesehen hatte. Ich stand knietief in Meldungen, damals lief das ja noch alles über Fernschreiben. Da kam dann der Redaktionsbote rein, der normalerweise die Agenturmeldungen abreißt und ich sagte zu ihm: "Das ist ja ein irres Ding mit Gladbeck." Und da antwortet er: "Ja, die stehen da unten." Ich zu ihm: "Wie, die stehen da unten?" Er: "Ich bin gerade eben die Breite Straße hoch, die sind gerade gekommen, die parken da unten, direkt vor dem Haus."

einestages: Was taten Sie als erstes?

Röbel: Meine erste Reaktion war natürlich: Wo ist ein Reporter, wo ist ein Fotograf? Und dann bin ich selber runtergegangen, denn ich war zwar damals stellvertretender Chefredakteur, aber ich bin ja nicht Journalist geworden, um Chef zu sein, sondern Reporter. Also bin ich runter, und dann sah ich sie 50 Meter entfernt.

einestages: Die Gangster parkten direkt am Pressehaus und wurden im Nu von Schaulustigen und Reportern umringt. Wie haben Sie die Atmosphäre erlebt?

Röbel: Als ich kam, war das eigentlich noch ein ganz friedliches Bild, normaler Straßenbetrieb. Die Geschäfte machten ja gerade auf. Das einzige, was nicht passte, war, dass mitten in der Fußgängerzone ein großer BMW stand. Ich näherte mich, und da war so eine Imbissbude, eine Bäckerei mit Kaffeeausschank, da holten sich Rösner und Degowski gerade Kaffee. Da bin ich dann so ganz langsam ran, während die wieder ins Auto stiegen. Ein stiller, friedlicher Morgen.

einestages: Und wie entwickelte sich die Szenerie dann?

Röbel: Innerhalb von drei, vier Minuten kamen natürlich die ersten Fotografen, dann wenig später auch Fernsehteams. Nach zehn Minuten hatte sich dann ein erster Pulk von Reportern um das Auto gebildet.

einestages: War Ihnen in diesem Moment nicht bewusst, dass das Geiselnehmer und Mörder waren, schwerbewaffnete Verbrecher? Wenn man die Bilder heute so sieht, würde man denken, dass Paris Hilton in dem Wagen saß, nicht Gangster, die kurz zuvor einen Fünfzehnjährigen exekutiert hatten.

Röbel: Das ist genau das, was so schwierig zu beschreiben ist. Ich war in einer unglaublichen Spannungssituation. Natürlich waren das Verbrecher. Ich sah ja auch die angsterfüllten Gesichter der Geiseln, sah die Waffen. Trotzdem blieb ich dran. So etwas hatte noch nie einer erlebt, auf so etwas war kein Reporter vorbereitet worden. Jetzt konnte man aber auf Zentimeter an solche Täter herankommen und von Angesicht zu Angesicht mit denen sprechen. Was man jetzt im Abstand von zwanzig Jahren darüber reflektiert, war damals noch nicht Teil meiner Überlegungen.

einestages: In der Menge waren auch Polizisten in Zivil. Haben Sie einen Zugriff befürchtet?

Röbel: Ich habe nicht mitgekriegt, dass da welche waren. Geschweige denn mitbekommen, dass da vielleicht sogar ein Zugriff vorbereitet wurde. Die Polizei hatte ja die ganzen Tage vorher nicht aktiv eingegriffen. Für uns Journalisten war das, so zynisch es klingt, mittlerweile schon so etwas wie Normalzustand. Offenbar war das einfach so bei diesem Geiseldrama. Also ging es nur darum, den besten Platz zu ergattern und zu verteidigen.

einestages: Dann kam der Moment, der sie berühmt machte - Sie haben sich zu Tätern und Geiseln in das Fluchtauto gezwängt, sind mit ihnen schließlich davongefahren. Wie kam es dazu?

Röbel: Das war eine fließende Entwicklung. Was ich gemacht habe, ist ein Lehrbeispiel dafür, was passieren kann, wenn man als Journalist die Distanz verliert und die Grenzen überschreitet: Man wird dann plötzlich nämlich selbst zum Akteur und zum Bestandteil des Geschehens. Die Entscheidung einzusteigen oder nicht ist nicht von einer Sekunde zur anderen gekommen, sie war die logische Fortsetzung dieser Fehlentwicklung.

einestages: Und wie lief diese Entwicklung ab?

Röbel: Irgendwann hatte ich alle meine Fragen gestellt, und die nächsten Reporter stellten dieselben Fragen. Wie in einer Endlosschleife. Ich hatte plötzlich Zeit und Luft und Raum im Kopf, um über die Situation der Geiseln nachzudenken. Da habe ich Rösner einfach gefragt "Mensch, würdet ihr nicht auch eine Austauschgeisel akzeptieren?" Rösner sagte: "Ja. Wen?" Mir ist spontan der Kardinal Hengsbach eingefallen, von dem hatte ich Hinterkopf, dass er mal in einer Entführung vermittelt hatte. Das wurde von Kollegen an die Einsatzleitung der Polizei weitergegeben - es gab ja noch keine Handys - und so nach fünf oder zehn Minuten kam einer zurück und sagte, wir kämen Bescheid. Der Bescheid ist aber nie gekommen. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet.

einestages: Das war der erste Schritt vom Journalisten zum Akteur. Was kam dann?

Röbel: Mittlerweile war die Situation für die Geiselnehmer völlig unübersichtlich geworden, weil sich um den BMW eine Menschenmasse drängte. Rösner stieg aus und zielte mit der Pistole auf die Schaulustigen. Die Menge wich zurück, und Rösner sah, dass die Poller auf der Zufahrt zu Fußgängerzone hochgefahren worden waren. Der Fluchtweg war also versperrt. Rösners Stimme wurde etwas panisch, er herrschte mich an: "Mach, dass die Poller runterkommen". In den Filmaufnahmen von damals kann man sehen wie ich in die Menge gestikuliere und schreie "Macht die Poller runter, macht die Poller runter!"

einestages: Das geschah dann auch.

Röbel: Jemand machte die Poller runter, und dann kam der dritte Schritt. Rösner sagte zu mir: 'Wir müssen hier weg, der Degowksi dreht gleich durch. Kannst Du uns zur Autobahn bringen?' Unter diesem Eindruck habe ich dann die Entscheidung getroffen einzusteigen. Warum? Natürlich war ich heiß auf die Story. Gleichzeitig bekam ich plötzlich Mitverantwortung für die Situation. Es schießen einem Gedanken durch den Kopf: Was passiert, wenn ich jetzt nein sage? Dreht der Degowski wirklich durch? Dann bin ich eingestiegen.

einestages: Wie haben Sie Rösner und Degowski erlebt?

Röbel: Im Nachhinein war das eine gefährliche Selbstüberschätzung, aber für mich waren das zwei Dumpfbacken, die man handhaben konnte - zwei Ganoven, die nun ihren großen Auftritt genossen, aber keinen Plan hatten oder groß nachdachten. Die waren mit der Situation genauso überfordert wie alle anderen.

einestages: Und wie haben die beiden Geiseln, die 18-jährige Silke Bischoff und ihre gleichaltrige Freundin Ines Voitle auf die gespenstische Situation reagiert?

Röbel: Die saßen hinten, zwischen Ihnen der Degowski. Meistens hatten sie seine Pistole am Kopf oder unterm Kinn. Die beiden waren natürlich vollkommen paralysiert und im Ausnahmezustand. Teilweise versuchten sie, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Da wurden sie dann von Journalisten gefragt, wie es Ihnen ginge, und sie antworteten "Ganz gut", versuchten sogar zu lächeln. Das war vollkommen bizarr. Aber was soll man in so einer Situation tun? Die waren auf das Äußerste angespannt.

einestages: Was spielte sich in dem BMW ab? Welche Rolle übernahmen Sie in dieser Situation?

Röbel: Was ich mir am meisten vorwerfe ist, dass ich hinterher versucht habe, in einem Artikel die letzten Minuten, die letzte Fahrt der Silke Bischoff exklusiv und voyeuristisch auszuschlachten. Deswegen sage ich zu dieser Fahrt nichts mehr. Nachdem ich diesen, in meinen Augen, schwersten Fehler gemacht habe, spreche ich darüber nicht mehr.

einestages: An der Raststätte Siegburg durften Sie aussteigen. Wie lief das ab? Welche Worte fielen?

Röbel: Das war ja vereinbart, dass ich ihnen nur den Weg zeige.

einestages: Und dieser Vereinbarung haben Sie getraut? Hatten Sie keine Angst, dass Sie vom Reporter über den Akteur doch noch selbst zur Geisel werden könnten?

Röbel: Das gehört mit zu dieser gefährlichen Selbstüberschätzung. Für mich war das auf dieser Dumpfbacken-Ebene eine Art Ganovenehrenwort. In der Aufregung habe ich sie sogar noch auf einem Umweg zur Autobahn gelotst. Als wir die Rheinbrücke erreicht hatten, fragte Rösner: "Wo ist denn die nächste Tankstelle?" Da fiel mir nur die Raststätte Siegburg ein, dann hieß es "Gut, dann bring uns nach Siegburg und da lassen wir dich dann 'raus". Da haben wir dann getankt, die Geiseln gingen noch mal aufs Klo, jemand sagte noch "'Mach's gut". So war das. Kurz darauf hielt bei mir ein Wagen der Einsatzleitung der Polizei, jemand sprang 'raus, fragte ob es irgendetwas Besonderes gäbe, ich sagte nein, und er fuhr gleich weiter.

einestages: Wenige Minuten später kam es zur Tragödie - Fahrzeuge eines Sondereinsatzkommandos der Polizei rammten den Fluchtwagen. Es kam zu einem Schusswechsel, die Geisel Silke Bischoff starb durch eine Kugel aus der Waffe von Jürgen Rösner.

Röbel: Ich habe davon nichts mitbekommen. Ein Polizeiwagen brachte mich zu irgendeiner Provinzwache, dort erfuhr ich dann von der gewaltsamen Befreiungsaktion. Da war aber noch nicht klar, dass Silke Bischoff tot ist, das habe ich erst Stunden später erfahren. Ich war sehr betroffen.

einestages: Heute gilt das Geiseldrama von Gladbeck als Lehrstück für das Versagen der Polizei, aber auch der Medien - und Ihre Aktion als Paradebeispiel für skrupellosen Journalismus. Was ist ihr Fazit zwanzig Jahre danach?

Röbel: Man soll nichts entschuldigen, aber Gladbeck war vollkommen neu, alle waren absolut unvorbereitet auf so eine Situation. Inzwischen haben beide, Polizei und Medien, ihre Lektion gelernt. Deshalb glaube ich, dass es so etwas in Deutschland in dieser Form nicht mehr geben wird. Schon, weil die Polizei es nie wieder zulassen würde, dass so ein Freiraum für Journalisten entsteht. Mit Recht.

einestages: Beschäftigt Sie Gladbeck noch?

Röbel: Die Wochen und Monate danach waren wirklich sehr schmerzhaft. Diese massive Kritik setzte ja mit ein, zwei Tagen Verspätung ein. Erst einmal war ich der Starreporter mit Interviewanfragen aus Amerika und von sonstwo her. Plötzlich drehte sich der Wind, ich war der Böse und wurde stellvertretend für die ganzen Medien durch die Mangel gedreht. Die Erkenntnis, dass man da etwas falsch gemacht hat, kam nicht so von heute auf morgen, das war ein langsamer Reife- und Erkenntnisprozess.

einestages: Wenn Sie heute an das tödliche Geiseldrama denken, was empfinden Sie?

Röbel: Es war eine schmerzhafte aber auch heilsame Erfahrung.

Das Interview führten Michail Hengstenberg und Hans Michael Kloth

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1.
Andreas Auer 14.08.2008
Die Geiselnehmer sind brutale Verbrecher, die ihre Strafe zu Recht absitzen. Menschen wie Herr Röbel, die maßgeblich zum Tod der Geiseln beigetragen haben, indem sie den Geiselnehmern eine Plattform geboten und die zu Fernsehstars gemacht haben, die die Arbeit der Polizei behindert und das Leiden der Geiseln nach Kräften verstärkt haben, laufen heute leider frei herum und können über ihre tollen Erlebnisse schwadronieren. Silke Bischof, auf dem Foto grade 18 Jahre alt, ist hier zwischen ihren beiden Mördern zu sehen.
2.
k ynik 14.08.2008
bei allem verständnis für ihren berufskollegen. ich glaube ihm kein wort. ich erinnere mich lebhaft, dass er in unverschämt kurzer frist nach seinem auftritt (wieder) zur zeitung mit den vier buchstaben wechselte. ich glaube fest, der wusste was er tut. es ist immer wieder niedlich wie sich die profis in bestimmten situationen auf irgendwelche mentalen ausnahmen berufen.
3.
Michael Karalus 14.08.2008
Verzeihung Herr Röbel, aber die Selbstzerknirschung nehme ich Ihnen nicht ab. Ihr Wechsel auf den Chefredakteursposten der BILD spricht doch Bände.
4.
Roland Leffler 14.08.2008
Diese Person ist nicht glaubwürdig. Die Tatsache, dass der Spiegel einem solchen Schmierfink auch noch 20 Jahre später eine Plattform bietet, wirft m.E. kein gutes Licht auf die Redaktion.
5.
Werner von Schleiden 14.08.2008
Für mich waren das drei Dumpfbacken. Und werden es immer bleiben.
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