Geiselnahme in Moskauer Theater "Dann kommt das Gas"

Geiselnahme in Moskauer Theater: "Dann kommt das Gas" Fotos
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Gewehre, Granaten, 100 Kilo Sprengstoff: Vor zehn Jahren nahmen tschetschenische Terroristen in einem Moskauer Theater mehr als 800 Geiseln. Eine davon war Sergej Budnizkij. Auf einestages erinnert er sich an drei Tage voller Angst - und einen verhängnisvollen Fehler, der viele Menschenleben kostete. Von Benjamin Bidder

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Sergej Budnizkij ist ein drahtiger Mann, nur 66 Kilogramm leicht. Aber als er am 23. Oktober 2002 im Moskauer Dubrowka-Theater Platz nimmt, ahnt er nicht, dass ihm genau das helfen wird, zu überleben.

Auf dem Programm steht das Musical "Nord Ost", Russlands Antwort auf "Cats" und das "Phantom der Oper". "Eine sehr effektvolle Inszenierung. Zum Bühnenbild gehörte eine echte Straßenbahn, einmal bekam ich den Kunstschnee ab, den sich einer der Darsteller vom Hut wischte", erzählt Sergej Budnizkij.

Das Musical ist der Bühnenhit der Saison, eine Liebes-Schmonzette, basierend auf einem schon zu Sowjetzeiten beliebten Jugendroman. Die Vorstellungen sind ausverkauft, Tickets kosten zwischen 10 und 20 Euro. Viel Geld für den Druckereiarbeiter Sergej, der im Monat 10.000 Rubel nach Hause bringt, umgerechnet 325 Euro. Doch seine Frau Galina hat Freikarten bekommen, für ihr Engagement während Russlands Volkszählung im gleichen Jahr.

Sie selbst aber muss arbeiten an diesem Oktoberabend, und so nehmen neben Sergej seine 13-jährige Tochter Irina und die 14 Jahre alte Ksjuscha Platz, die Schwester des Schwiegersohns. Erste Reihe mit bester Sicht. Und weil sich die Rettungskräfte rund 58 Stunden später von vorn durch den Saal mit mehr als 800 Zuschauern durcharbeiten werden, auch mit höheren Überlebenschancen.

Zweiter Akt, erste Szene nach der Pause: Auf der Bühne tanzen die Kampfflieger, ein Dutzend Jungs in Uniform. In dem Moment springt von links ein Mann in schwarzer Maske auf die Bühne, reißt die Kalaschnikow hoch und schießt in die Luft. Marat, einer der Tänzer, springt in den Zuschauerraum, er landet vor mir, packt mich am Knie.

"Kinder Kinder", sage ich zu ihm, "Ihr habt ein tolles Drehbuch!"

"Das gehört nicht zur Inszenierung", sagt Marat. "Das ist ernst."

Um 21:05 Uhr stürmen 40 Terroristen das Dubrowka-Theater darunter 16 sogenannte Schachidinnen, maskierte Frauen mit Sprengstoffgürteln. Sie fordern vom Kreml den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Russland führt in der Teilrepublik seit Jahren einen blutigen Feldzug gegen Separatisten und Islamisten. Einen Krieg, den Wladimir Putin 1999 noch als Premierminister begonnen hat. Seit dem Jahr 2000 sitzt er im Kreml - und hat geschworen, Terroristen zur Not auch "auf der Latrine abzumurksen". So spricht niemand, der mit Geiselnehmern verhandelt.

Ein junger Tschetschene führt das Kommando, er ist der Neffe des grausamen Feldkommandeurs Arbi Barajew, eines Entführers und Mörders. Um Lösegeld zu erpressen, kidnappte dieser Barajew in Tschetschenien auch Ingenieure aus dem Ausland. Weil deren Arbeitgeber nicht zahlten, ließ er vier Briten und Australier vor laufenden Kameras köpfen.

"Sie sind doch noch Kinder"

Neffe Mowsar Barajew, ein 23-Jähriger mit Fusselbart und jungenhaftem Gesicht, wirkt weniger hartgesotten, aber er ist nicht weniger entschlossen. Der Sänger Josif Kobson will ihn als Unterhändler zum Aufgeben bewegen, ohne Erfolg.

"Du wirst noch leben", sagt Kobson. "Du wirst Kinder großziehen und du wirst noch Frauen lieben." "Nein", antwortet Barajew: "Unser Wunsch zu sterben ist stärker als euer Wunsch zu leben."

Auch Sergej Budnizkij in Reihe eins redet auf die Geiselnehmer ein.

Mir war klar, meine Tochter Irina wird ihnen nicht gefallen. Sie hatte sich zum ersten Mal die Haare blondiert und trug ein Kleid in leuchtendem Rot. Ich bat den Anführer Mowsar, die beiden Mädchen gehen zu lassen.

"Sie sind doch noch Kinder", habe ich gesagt. Er hat sie sich angeschaut und geantwortet, dass sie in Tschetschenien schon als erwachsen gelten.

Per Handy mussten wir Verwandte anrufen, sie sollten mit Plakaten vor den Kreml ziehen und ein Ende des Kriegs fordern. Ich habe einen Bekannten angerufen, einen Milizionär. Hör zu, habe ich gesagt, ich habe wenig Zeit, uns haben Tschetschenen als Geiseln genommen. "Bist Du besoffen?" hat er gefragt.

Vor dem Theater treffen vereinzelte Polizeiwagen ein, ihnen entsteigen Beamte, die kaum ein Bild von der wahren Lage im Theater haben. Es ist ein Desaster für Russlands Geheimdienste und Polizei: Die 40 Attentäter sind bereits vor Tagen in Moskau eingesickert. Völlig unbehelligt brachten sie zwei Transporter voller Waffen über 1500 Kilometer aus dem Kaukasus in die russische Hauptstadt: 18 Kalaschnikow-Gewehre, 20 Pistolen, mehr als 100 Granaten und über hundert Kilogramm Sprengstoff. Genug für einen kleinen Krieg.

Nie werde ich das Ratschen des Klebebands vergessen. Das Geräusch, als sie ihre Bomben an die Sessel klebten, Plastiktüten mit Sprengstoff und kleinen Kugeln aus Eisen. Einen riesigen Sprengsatz platzierten sie in der Mitte des Saals, obendrauf setzten sie eine Selbstmordattentäterin, die den Zünder bedienen sollte. Wir mussten uns auf den Boden legen. Dann feuerten sie über unsere Köpfe hinweg auf die Balkone.

Die Absperrung um das Theater ist dilettantisch. Am frühen Morgen durchquert eine junge Moskauerin ungehindert die Linien der Sicherheitskräfte und läuft ins Gebäude. Gegen 5:30 Uhr steht Olga Romanowa, 26, dann im Zuschauersaal und diskutiert mit den Geiselnehmern.

Sie schrie herum: "Was macht ihr hier, lasst alle frei!" Barajew gab einen Befehl. Man führte sie ins Foyer, wir hörten mehrere Schüsse. Die Terroristen sagten, sie sei betrunken gewesen und eine Agentin des Geheimdienstes. "Wir aber kennen die Kniffe der Russen", sagte einer.

"Es war nicht unsere Schuld"

Die Versorgung der mehr als 900 Geiseln ist schwierig. Manchmal gibt es Wasser, manchmal Saft für die Gefangenen. Einmal teilt sich Sergej ein Wurstbrot mit Irina und Ksjuscha.

Ich kann nicht sagen, dass übermäßige Boshaftigkeit von den Geiselnehmern ausging. Aber wer die Regeln verletzte, wurde bestraft. Ein Junge sprang auf und wollte fliehen, er bekam eins mit einer Pistole übergezogen. Ein anderer drehte durch, hat sich eine Flasche gegriffen und ging auf einen Geiselnehmer los. Der schoss, traf einen Mann in den Kopf und eine Frau. Die Tschetschenen haben sich entschuldigt, sie sagten: "Ihr habt gesehen, es war nicht unsere Schuld." Die verletzte Frau ließen sie frei, sie hat überlebt. Mann und Tochter blieben im Saal. Sie sind gestorben.

Unterhändler wie der Arzt Leonid Roschal mühen sich um die Freilassung von Kindern, Verletzten und Alten. Doch der Spielraum, den sie haben, um eine Katastrophe zu verhindern, ist winzig. Präsident Wladimir Putin hüllt sich in Schweigen. Das Staatsfernsehen strahlt zwar eine Videoansprache von Geiselnehmer Barajew aus, aber ohne Ton. Eine breite Debatte über einen möglichen Rückzug aus dem verlustreichen Krieg will Russlands Führung vermeiden, der Kreml ist nicht minder entschlossen als die Terroristen.

Die Geiselnehmer sprachen mit uns Russisch, unter sich aber Tschetschenisch. Am 25. Oktober, der Nacht vor dem Sturm, machten Gerüchte die Runde. Putin verhandle nicht, hieß es. Die Geiselnehmer würden deshalb mit Geiselerschießungen beginnen, in Reihe Nummer fünf. Einer der Bewaffneten postierte sich dort.

Barajew war verschwunden. Den ganzen Nachmittag bekamen wir den Anführer nicht zu Gesicht. Als er wieder auftauchte, rief er: "Alles hat geklappt." Der Kreml sei auf ihre Bedingungen eingegangen: "Alle unsere Fragen werden gelöst."

Die ganz in Schwarz gewandeten Frauen des Terrorkommandos jubeln. Sie preisen ihren Anführer. Irina und Ksjuscha, die beiden Mädchen, vertreiben sich die Zeit mit Kreuzworträtseln und Witzen.

"Wenn ich gewusst hätte, dass wir hier so lange festsitzen", hat Irina gescherzt, "dann hätte ich mir Turgenjews Roman 'Vater und Kinder' mitgenommen." Das Buch war damals Schullektüre. Da habe ich gedacht: Na, hoffentlich geht das hier nicht doch noch so aus, dass am Ende weder Väter noch Kinder übrig bleiben.

Anti-Terror-Einheiten des russischen Geheimdienstes trainieren unterdessen den Sturm an einem baugleichen Gebäudekomplex.

Mir war klar: Wenn sie stürmen, dann nur nach einem Einsatz von Gas. Eine andere Möglichkeit gab es nicht angesichts der Anzahl von Geiselnehmern und Geiseln. Ich hatte eine Wasserflasche und drei Stück Stoff vorbereitet, feuchte Tücher für den Fall des Falles.

Am Morgen des 26. Oktober sehe ich auf der Bühne nur zwei Tschetschenen. Sie laden die Magazine ihrer Waffen. Dann kommt das Gas, man sieht es als kleine, weiße Wolke. Die beiden Terroristen springen auf, einer reißt sich die Maske vom Kopf und drückt sie auf den Mund. Sie schießen auf die Lüftungsschächte, aus denen das Gas strömt, eine Blendgranate explodiert, wir halten die nassen Tücher vor die Gesichter. Ich stürze in traumloses Schwarz.

Männer der Spezialeinheiten "Wimpel" und "Alfa" des russischen Geheimdienstes FSB stürmen das Theater. Die Evakuierung der Geiseln beginnt in der letzten und in der ersten Reihe, dort, wo Sergej, Irina und Ksjuscha sitzen. Die Anzahl der Geiseln überfordert die Rettungskräfte, es fehlt an Krankenwagen und Tragbahren. Wer zu schwer ist, wird über den Boden geschleift. Sergej schleppen sie hingegen schnell ins Freie, er wiegt nur 66 Kilogramm.

"Großartigste Operation der Geschichte"

Die Geiselnehmer werden "erfolgreich vernichtet", wie es im Jargon der russischen Sicherheitskräfte heißt. Kein einziger wird später über Vorbereitung des Geiseldramas berichten können. Noch bevor sie das Bewusstsein wieder erlangen, werden sie mit Kopfschüssen getötet. Der Produzent des Musicals verkündet nach der Erstürmung: "Die Geiseln schlafen einen friedlichen Schlaf, die Terroristen den - wie ich hoffe - ewigen Schlaf."

In Linienbussen werden die Theaterbesucher in Krankenhäuser geschafft, die meisten bewusstlos. Viele liegen auf dem Rücken, sie ersticken am eigenen Erbrochenen. Die Ärzte rätseln über die richtige Behandlung, weil die Behörden geheim halten, welches Gas zum Einsatz kam. Aus dem "friedlichen Schlaf" wachen viele nie wieder auf. 130 Zivilisten kommen bei dem Geiseldrama ums Leben, aber nur fünf davon durch Schusswunden.

Ein halbes Jahr nach der Erstürmung wird "Nord Ost" zum ersten Mal wieder aufgeführt. Die Sitze im renovierten Dubrowka-Theater sind jetzt nicht mehr bordeauxrot, sondern blau. Auf den Sesseln nehmen auch viele Überlebende Platz, darunter Sergej. Die Melodien pfeift er heute mit: "Nord Ost" ist sein Lieblingsmusical geworden.

Zum zehnten Jahrestag feiert das Staatsfernsehen die Erstürmung: als "großartigste Operation der Geschichte". Die Zusammensetzung des eingesetzten Kampfstoffes ist bis heute ein Geheimnis.

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1.
Cord-Michael Becker 25.10.2012
Das Gas war in Wirklichkeit ein Aerosol aus der Reihe der Morphinagonisten, zu denen auch das Heroin gehört, und Fentanyl-Derivate, vermutlich Carfentanyl. Die Geiseln starben vermutlich, weil Carfentanyl eine längere Halbwertszeit besitzt als das Gegengift Naloxon, mit dem wahrscheinlich die russische Sonderpolizei behandelt worden war. So trat bei den Geiseln der Tod letztlich mit den Symptomen des "Goldenen Schusses", der Heroinvergiftung, ein.
2.
Valentin Bulinger 25.10.2012
Das war wirklich die Großatigste Operation der Geschichte, besonders im Vergleich mit Handlungen bei Geiselnahme am 05.09.1972 von München, Olympia-Attentat.
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