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Geisterbilder Fotogrüße aus dem Jenseits

Geisterbilder: Tote vor der Kamera Fotos

Tote vor der Kamera: Mit simplen Tricks ließen selbsternannte Geisterfotografen seit Mitte des 19. Jahrhunderts Verstorbene auf Bildern auferstehen und zockten so Gutgläubige ab. einestages erzählt die Geschichte eines gespenstisch gut laufenden Geschäfts - und zeigt die unheimlich witzigen Bilder. Von

Die Aufnahme von Sir Arthur Conan Doyle hätte ein hübsches Porträtfoto werden können: Sinnierend blickt der schnauzbärtige Schriftsteller in die Ferne, aus dem Revers seines Sonntagsanzuges baumelt, etwa in Bauchnabelhöhe, ein imposanter Zwicker. Nur ein wesentliches Detail macht den würdigen Anblick zunichte: Über der linken Schulter des Sherlock-Holmes-Erfinders schwebt das Konterfei einer entrückt lächelnden, seltsamen Gestalt. Körperlos, wie von Nebelschwaden umhüllt, unwirklich.

Sir Arthur Conan Doyle zweifelte keine Sekunde lang: Bei der Erscheinung, die auf dem Foto erschienen war, konnte es sich nur um seinen Sohn Kingsley handeln. Aber wie war das möglich? Der Junge war im Ersten Weltkrieg gefallen - und zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits seit etwa zwei Jahren tot. Doyle glaubte fest daran, dass der Fotograf es möglich gemacht hatte: Urheber der Aufnahme war der Brite William Hope, in Großbritannien bekannt als Lichtbildner, der auf seinen Bildern Verstorbene sichtbar machen konnte.

Sir Arthur Conan Doyle war außer sich vor Freude - und Hope hatte schon wieder einen neuen Fan. Diesmal sogar einen besonders prominenten. Ausgerechnet Doyle, der mit seinen Sherlock-Holmes-Romanen der Überlegenheit messerscharfer Logik ein literarisches Denkmal geschaffen hatte, fiel auf den Mumpitz William Hopes rein. Der berühmte Geisterfotograf beherrschte die Kunst der Täuschung nahezu perfekt - und war darin so effektiv wie kaum ein anderer.

Bilder lügen nicht

In zwei Dekaden, rühmte sich Hope einmal, gelangen ihm mehr als 2500 Aufnahmen, auf denen angeblich das Jenseits seine fotografischen Grüße entsandte. Die Bilder, die Hope, von Haus aus gelernter Schreiner, seit 1905 knipste, weisen starke Ähnlichkeit auf: Stets schwebt der angebliche Geist hinter oder über den ernst in die Kamera blickenden Porträtierten, mal wabert eine Art weiße Watte um die verblichenen Gestalten, mal scheint sie von einem Tuch verhüllt. Und nie ist mehr als ein äußerst unscharfes, schemenhaftes Gesicht zu erkennen. Das die Menschen, die sich von William Hope fotografieren ließen, kraft ihrer Suggestion als bereits verstorbene Verwandten identifizierten.

Denn Hope, der in seinem Heimatort Crewe gar einen esoterischen Zirkel zur Erforschung paranormaler Bilder gegründet hatte, war mitnichten in der Lage, Gespenster auf Fotopapier zu bannen, sondern arbeitete mit einem simplen Trick: Er benutzte eine Fotoplatte, auf der das ominöse Phantom bereits aufbelichtet war. Die Menschen glaubten dem Scharlatan dennoch - weil sie sich einfach nicht vorstellen konnten, dass Bilder lügen. Zumal das Medium Fotografie in jener Zeit noch stark mit dem Nimbus des Übernatürlichen behaftet war.

Die fotografische Linse, so die metaphysische Hoffnung, würde in der Lage sein, mehr zu sehen und zu speichern, als es der in seiner Ratio gefangene Mensch vermochte. Befeuert wurden solcherlei Gedanken von den Anhängern des Spiritismus, jener Affinität zum Hokuspokus, die von den USA aus zur weltumspannenden Massenbewegung mutierte. In dem Maß, in dem die Wissenschaften im 19. Jahrhundert rasante Fortschritte machten, wuchs die Sehnsucht nach der Erklärung des Unerklärlichen - und damit die Anhängerschar der Spiritisten.

Geisterfoto durch technische Panne

Die Geisterfotografie wurde geboren, als William H. Mumler, ein Graveur aus Boston, sich im Jahr 1861 selbst porträtierte und auf dem Foto neben dem eigenen Konterfei eine weitere, nur unscharf zu erkennende Person, entdeckte.

Mumler, bis dato kein großer Esoteriker, erkannte in der Traumgestalt seine zwölf Jahre zuvor verblichene Cousine und war sich sicher: Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu. Zwar hatte der zerstreute Amateurfotograf lediglich eine bereits benutzte, nicht ordentlich gereinigte Platte verwendet und war sein Geisterfoto das Produkt einer technischen Panne - doch die Sensation war perfekt. Als Mumler seinen Fehler bemerkte, hängte er bald darauf seinen alten Beruf an den Nagel, gab sich als "Medium" aus und perfektionierte den Trick mit der Doppelbelichtung.

1869 zog er nach New York und eröffnete dort ein Geisterfotostudio, das zu einer sprudelnden Geldquelle wurde. Bis zu zehn Dollar, das entspricht heute rund 130 Euro, knöpfte Mumler jedem Kunden ab, der zu ihm kam. Scharenweise liefen die Menschen in sein Studio und ließen sich ablichten. Je stärker sich das Jahrhundert seinem Ende zuneigte, desto populärer wurde die Geisterfotografie. Als Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895 die Röntgenstrahlen entdeckte, gab es kein Halten mehr.

Verkleidete Gespenster

Für die Fans des Übernatürlichen stand fest: Technologischer Fortschritt macht das Unsichtbare sichtbar. Wenn man in der Lage war, die im Inneren des Körpers versteckten Knochen abzulichten - warum sollte es nicht auch möglich sein, die Seelen der Verstorbenen auf Fotopapier zu bannen?

Geisterfotografen wie Willliam Hope, die Amerikaner Mumler, Edward Wyllie und Alex Martin, aber auch der Franzose Jean Buguet arbeiteten mit allen Tricks und Kniffen: Die meisten griffen auf die Methode der Mehrfachbelichtung zurück oder setzten nachträglich sogenannte Geisterstempel, also auf das Negativ belichtete Köpfe oder Körper, ein. Andere fotografierten einfach den als Gespenst verkleideten Foto-Assistenten mit.

In Zeiten, in denen die Belichtung bis zu einer Minute dauern konnte, war es für den Gehilfen des Fotografen kein Problem, sich ein weißes Tuch überzuwerfen und lautlos hinter den gerade im Fokus der Kamera verharrenden Kunden zu gleiten. Selbst Wissenschaftler gingen dem Hokuspokus aus der Dunkelkammer auf den Leim. 1911 befand etwa der schottische Forscher James Coates: "Es ist unmöglich, daran zu zweifeln, dass solche Fotografien auf ehrliche Weise hergestellt wurden."

Leichentücher im Fotostudio

Sein Kompendium "Photographing the Invisible", in dem Coates Dutzende Fälle von Geisterfotografie dokumentierte, verhalf der Branche zu enormer Reputation. Der Erste Weltkrieg tat sein Übriges, um die Kassen der Geisterfotografen zu füllen: Millionen Angehörige trauerten um die in den Schützengräben gefallenen Männer und gaben alles darum, noch einmal den Liebsten zu treffen - sei es auch nur auf einem Foto.

Trotz ihrer Popularität wurden die meisten Geisterfotografen früher oder später als Betrüger enttarnt. So identifizierten etwa William Mumlers Kritiker die angeblichen Geister auf dessen Fotos als quicklebendige Bewohner Bostons. Als zudem der Verdacht aufkam, dass Mumler in Häuser einbrach und dort Bilder von Verstorbenen stahl, um sie sodann auf seine Fotoplatten zu belichten, wurde der Urvater der Geisterfotografie im Frühjahr 1869 vor Gericht gestellt.

Während die US-Justiz ihm keine Fälschung nachweisen konnte, standen die Dinge im Fall des französischen Geisterfotografen Buguet anders: Als Ordnungskräfte im Jahr 1875 sein Atelier stürmten, fanden sie zwei in Leichentücher eingehüllte Puppen, eine Totenkopfmaske, falsche Bärte und zwei Kisten mit Hunderten Geisterschablonen: Gesichter unterschiedlichster Altersklassen, die auf Karton aufgeklebt worden waren - um bei Bedarf einfach mit fotografiert zu werden. Die Beweislast war erdrückend, ein Gericht verurteilte Buguet zu einem Jahr Gefängnis.

"Komplizierter als jeder Holmes-Krimi"

Um den britischen Meister-Trickser William Hope zu entlarven, musste erst ein versierter Geisterjäger anrücken: Am 4. Februar 1922, um 10.30 Uhr morgens, traf sich der Forscher Harry Price im British College of Psychic Science in London zu einer Séance mit dem Geisterfotografen Hope. Geschickt worden war Price von der Society for Psychical Resarch: einem Verein zur Erforschung parapsychologischer Phänomene. Mit dem Ziel, Hope des Betrugs zu überführen, drückte Price ihm mehrere, heimlich mit Röntgenstrahlen markierte Fotoplatten in die Hand.

Die Falle funktionierte: Auf der Platte, die das Geisterfoto (diesmal eine wunderschöne, weiblich-wabernde Figur) enthielt, fehlte die unsichtbare Markierung. Zudem bemerkte Price, der Hope selbst in der Dunkelkammer nicht aus den Augen ließ, dass der angebliche Geisterfotograf die Platten in dem Moment vertauschte, in dem er sich unbeobachtet wähnte. Schließlich waren die Platten, die Hope nach der Sitzung hervorzauberte, von anderer Dicke und Farbe als jene, die Price ihm zuvor gegeben hatte.

Der Scharlatan schien entzaubert - dingfest gemacht werden konnte er jedoch nie. Vielmehr brach bei den Geisterfotogläubigen eine Welle der Empörung los, an deren Spitze sich Sherlock-Holmes-Vater Arthur Conan Doyle stellte. "Der Fall William Hope ist komplizierter als jeder Holmes-Krimi, den ich bisher erfunden habe. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Ermittler getrickst haben", schrieb er seinem Freund, dem Zauberkünstler Harry Houdini, und verfasste gar eine eigene Schrift zur Verteidigung der Geisterfotografie.

Zeit seines Lebens hielt Conan Doyle unerschütterlich an dem Glauben fest, dass es möglich sei, die Verstorbenen auf Fotopapier zu bannen. Als er am 7. Juli 1930 starb, warteten seine spiritistischen Freunde ungeduldig auf ein Zeichen aus dem Jenseits. Sie erhielten es in Form eines Geisterfotos. Auf dem Bild schwebt Doyles Gesicht wie der Mann im Mond über einem Paar - als hätte ein Kind ihn mit einer Nagelschere ausgeschnitten und hineingeklebt.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Moles Harding, 27.12.2011
Sehr amüsant, nurb itte nicht daraus den Rückschluss ziehen dass ALLES nur fauler Zauber ist was da auf Bildern zu sehen ist und was um uns herum passiert. Ich bin Skeptiker par excellence und habe nun schon Jahre der Forschung auf dem Buckel, war auf Seancen, bei Readings und habe 1000erte Bücher gelesen und mit Insidern gesprochen. Das Meiste ist Betrug schändlichster Art der "GRIED INDUSTRY", manches aber ist umunstößlich wahr und belegbar unergründlich. In einer Welt in der uns täglich aufs neue gezeigt wird, dass eben doch alles was wir wissen nur eine Momentaufnahme ist, sollte das nicht verwundern. Was bedeutet denn widernatürlich schon, diese Dinge sind schon immer Teil der Natur, nur weil wir diesen Teil nicht / noch nicht erfasst haben ist dieser deswegen nicht weniger natürlich. Interessenten blicken mal in die Vorträge von Klaus Volkamer, aber selbst Dinge wie THE SCOLE EXPERIMENT haben mehr als im Ansatz verdient beachtet zu werden. Wer es ganz wild mag kann sich den Felix Zirkel und dessen Blog anschauen, hierzu ginbt es aber schon wieder arg widersprüchliche Meinungen von Menschen die sich das angeschaut haben.
2.
Sylvia Götting, 28.12.2011
Siehe dazu auch den Film "Fairytale - A True Story" mit Peter O'Toole als Sir Arthur Conan Doyle und Harvey Keitel as Harry Houdini. Auch auf http://www.imdb.com/title/tt0119095/
3.
Oliver Hering, 28.12.2011
unumstösslich wahr und belegbar unergründlich? ja ist klar...
4. unumstösslich wahr und belegbar unergründlich
Sandor Odor, 06.11.2014
... ist, dass es selbst heute noch Menschen gibt, die an Dinge wie Geister, ein Jenseits oder dergleichen glauben. Wenn dies auch noch mit unerklärlichen Naturphänomenen, welche es ja durchaus gibt, begründet wird, muss man sich wirklich fragen, wo Spiritismus aufhört und Dummheit anfängt.
5. Seltsam?
Heiko Wittke, 03.08.2015
Aber so steht es geschrieben...
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