Geisterort in Argentinien Endstation Deutschland

Geisterort in Argentinien: Endstation Deutschland Fotos
Luis Ponce by Estepario

Wer hier sein Glück suchte, konnte über Nacht reich werden, hieß es: Das Dorf Alemanía in Argentinien zog Abenteurer, Bergleute, Händler an - nach dem Ersten Weltkrieg brach alles zusammen. Heinrich Sassenfeld fand nur noch ein Geisterstädtchen und löste das Rätsel um den Ortsnamen "Deutschland". Von

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Barbarita Lamas hatte einen Traum: Eines Tages sollten in ihrem Dorf wieder Züge rollen. Sie wünschte sich die Zeiten des Wohlstands zurück, die der Schienenverkehr ihrem Heimatort gebracht hatte und die abrupt endeten, als die Regierung 1920 den Weiterbau der Bahnlinien ad acta legte. In einer Nacht döste Barbarita vor ihrem Haus, als sie plötzlich eine Lokomotive pfeifen hörte. Im Traum sah sie Reisende mit viel Gepäck aussteigen, dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung - in Richtung Süden, dorthin, wo es gar keine Gleise gab. Die Waggons verschwanden in der Dunkelheit, das Schnauben des Dampfwagens verklang.

Die Señora deutete ihre Vision vom Zug, der auf einer Strecke ohne Schienen fuhr, als ein Zeichen. Ihr war nun klar, dass die Bahn den Betrieb in ihrem Heimatort nicht wieder aufnehmen würde. Es war Zeit, zu gehen. Barbarita zog in die nahe gelegene Siedlung Osma und kehrte bis zu ihrem Tod nie mehr nach Alemanía zurück.

Als ich im November 2002 Alemanía, das kleine Dorf im Nordwesten Argentiniens in der Provinz Salta, besuchte, erzählten mir Einheimische die Geschichte von Doña Barbarita und dem Geister-Treck. Die Züge fuhren dort tatsächlich längst nicht mehr - 1971 war der Bahnhof stillgelegt worden. Als Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte ich ein Vierteljahrhundert in Argentinien, Chile, Peru, Uruguay und Venezuela gearbeitet, und von allen Regionen, durch die ich auf meinen Reisen gekommen war, zählte Salta zu den bezauberndsten Landschaften. Das trockene Rot, Ocker und Braun der Berge bildet einen spektakulären Kontrast zu den saftigen Grüntönen der Busch-Flora in reich bewässerten Tälern. An einem Flussbett auf 1175 Metern Höhe liegt Alemanía - beinahe wäre ich an dem Dorf vorbeigefahren.

Staub, Spinnen und Totenstille

Es war im Sommer 2002. Meine Frau und ich waren mit einem Mietwagen unterwegs. Unsere Tour führte uns durch das Valle de la Lerma - vorbei an Tabakplantagen, deren Pflanzen in prächtigem Rosa und Weiß blühten. In einer Woche wollten wir das Dreieck Salta-Cachi-Cafayate-Salta erkunden. Wir starteten von der Provinzhauptstadt Salta aus in Richtung Süden, entlang der Nationalstraße 68. Nach knapp hundert Kilometern fiel mir ein kleines, hölzernes Schild am Straßenrand auf. "Alemanía" stand darauf - der spanische Name für Deutschland. Was hat es wohl mit dem kleinen Ort in dieser Gegend auf sich? Wie kam er zu seinem Namen? Ich war neugierig und nahm den Abzweig. Eine rostige Brücke führte uns über den Rio de las Conchas direkt in das Dorf, in das sich offenbar nur ganz selten Reisende verirrten.

Wir parkten den Wagen gleich hinter der Brücke und gingen zu Fuß weiter. Das Zuschlagen der Autotür war das letzte Geräusch, das wir hörten. Es herrschte Totenstille. Selbst der Fluss, der zu dieser Jahreszeit nur ein kleines Rinnsal war, ließ kein Rauschen vernehmen. Über eine sandige Straße näherten wir uns dem Ort. Uns begegneten keine Menschen, auch keine Tiere - nicht einmal der berühmte streunende Dorfhund.

Anders als in den meisten Orten Lateinamerikas waren die Häuser in Alemanía nicht um einen zentralen Platz gruppiert. Stattdessen gab es nur eine lange Zeile mit einstöckigen Stein- oder Lehmhütten, davor einen kleinen Bürgersteig. Die Straße war kaum zu erkennen, so sehr war sie mit Unkraut und kleinen Büschen überwuchert. Parallel zu dem Weg verliefen drei Paare Eisenbahnschienen. Der Großteil der Gleise war offensichtlich bei Überschwemmungen zerstört worden.

Auf der anderen Seite der Brücke befand sich der Bahnhof - ein Natursteingebäude mit zwei grünen Holztüren und ebenso grün gestrichenen Sprossenfenstern. Das Wellblechvordach war mit einer türkisfarbenen Holzbordüre umrandet, die Gesimse und Pilastern leuchtend gelb angemalt. An einem kleinen Giebel prangte ein Schild mit der Aufschrift "FCCN 1916" - die Abkürzung der staatlichen Eisenbahngesellschaft "Ferrocarril Central del Norte" und das Jahr, in dem die Station eröffnet worden war.

Ist hier jemand?

Wir umrundeten das Gebäude: Alle Türen waren verschlossen, keine Menschenseele weit und breit. Der Schuppen neben dem Bahnhof war ebenso verriegelt: Ein rostiges Schloss hing an der vom Regen graugewaschenen Holztür. Auch die meisten anderen Häuser waren gesichert und erlaubten keinen Zugang.

Eine Hütte allerdings war nicht abgesperrt. Wir gingen hinein. Innen roch es nach Lehm und vermodertem Holz. In jeder Ecke hingen Spinnennetze mit einigen lebenden Exemplaren. Die kleinen Fenster ließen nur wenig Licht hinein, es war dämmrig. Nur langsam gewöhnten sich unsere Augen an die Dunkelheit. Im Hauptzimmer standen ein wackliger Tisch und zwei kaputte Holzstühle. Alles war zentimeterhoch mit Staub bedeckt. Der zweite Raum hatte früher offenbar als Küche und Schlafzimmer gedient. Wir fanden auch eine kleine Toilette, deren Porzellansitz zerschlagen war.

Plötzlich hörten wir das Quietschen einer Eingangstür. War da jemand? Nein, nur der Wind, der die Tür bewegt hatte. Die Bewohner, so erfuhren wir später, hatten das Dorf schon vor Jahrzehnten verlassen. Zurückgeblieben war eine Geistersiedlung. Dabei war Alemanía einst ein florierendes Provinzstädtchen, in dem fröhliche Feste gefeiert wurden. Es sei einfacher gewesen, so erzählte man, in dem Ort Wein zu bekommen als frisches Wasser. Wer hier sein Glück suchte, habe über Nacht reich werden können.

Ausbau des Eisenbahnnetzes

Die argentinische Regierung hatte 1855 beschlossen, mit englischem Kapital ein nationales Eisenbahnsystem aufzubauen. Es sollte den Transport landwirtschaftlicher Produkte, vor allem von Rindfleisch und Weizen, zu den Exporthäfen erleichtern. Ende des 19. Jahrhunderts existierten bereits 16.500 Streckenkilometer, und in den dreißiger Jahren verfügte Argentinien sogar über 43.000 Kilometer Schiene - ein größeres Netz als die meisten Länder Europas.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts plante die staatliche Eisenbahngesellschaft FCCN südlich von Salta zwei Zweiglinien. Die eine, die C-14, sollte über den Altiplano, eine Hochebene zwischen den Anden, bis nach Chile führen. Touristen ist sie heute als "Tren a las Nubes" ("Zug zu den Wolken") bekannt. Sie führt über abenteuerliche Brücken und Tunnel auf einer Höhe von 4200 Metern. Die zweite Linie, die C-13, sollte in Richtung Süden die reichen Weinanbaugebiete von Cafayate mit Salta verbinden.

Als das Vorhaben bekannt wurde, jubelten die Menschen in der Region: Sie freuten sich auf neue Arbeitsplätze. 1912 begann der Bau, und Alemanía, gut 120 Kilometer von Salta entfernt, wuchs als die wichtigste Zwischenstation auf dem Weg nach Cafayate schnell zu einem dynamischen Ort mit mehr als 200 Familien heran. Etliche Abenteurer und Bergleute aus den bolivianischen Gold- und Silberminen kamen hierher und halfen beim Bahnbau. Sie verdienten gut.

Endstation Alemanía

Die Eisenbahn machte das Örtchen reich, eine Polizeiwache sowie eine Krankenstation, eine Post und eine Grundschule wurden errichtet. Aus allen Orten der Umgebung strömten Menschen nach Alemanía, um mit dem neuen Transportmittel in die Provinzhauptstadt Salta zu reisen.

Doch gegen Ende des Ersten Weltkriegs stoppte der Bau: Die notwendigen Lieferungen von Schienen und anderen Baumaterialien aus Europa, insbesondere aus Deutschland, blieben aus. 1920 gab die Regierung das Projekt mit der Verlängerung bis nach Cafayate auf, es blieb bei der Strecke Salta-Alemanía.

Alemanía war nun im wahrsten Sinne des Wortes Endstation. Wein, Paprika, Chilis und andere Erzeugnisse des Südens mussten auf der Straße transportiert werden. Der Zug zwischen Salta und Alemanía verkehrte zwar noch bis Anfang der siebziger Jahre, und die Städter unternahmen gern ihren Sonntagsausflug im modernen Dieseltriebwagen. Die Zukunft des Ortes aber war schon Vergangenheit. Die jungen Leute von Alemanía kehrten der Siedlung als erste den Rücken. Doch auch die Älteren hielten es nicht mehr lange aus. Barbarita Lamas, so erzählt man, war eine der letzten, die das Dorf verließen.

Des Rätsels Lösung

Heute leben in Alemanía immerhin wieder etwa zehn Familien. Sie verkaufen Handwerksarbeiten an Touristen und Hobby-Fotografen, die das nicht mehr ganz so verlassene Geisterstädtchen besuchen. An das öffentliche Stromnetz ist der Ort noch immer nicht angebunden, auch Telefonleitungen gibt es nicht. Die Kommunikation funktioniert, wie überall in Argentinien, per Handy. Für Besorgungen müssen die Bewohner in das 21 Kilometer entfernte Dorf La Viña fahren.

Noch immer trauern die Einheimischen den alten Zeiten nach, als in Alemanía noch das Leben pulsierte. In jüngster Zeit hatten sie Grund zur Hoffnung: Im Rahmen der Modernisierung des argentinischen Eisenbahnnetzes wurde auch der Norden wieder erwähnt. Doch bisher ist nur von einer urbanen Zugverbindung um Salta die Rede; Alemanías Bahnhof bliebe ungenutzt - und weiterhin nur ein schönes Fotomotiv.

Ach, und wer erklärt mir nun den Namen "Alemanía"? Im deutschen Honorarkonsulat in Salta erhielt ich die Antwort. Demnach gaben deutsche Arbeiter und Ingenieure, die am Streckenausbau beteiligt waren, dem Ort seinen Namen. Sprachforscher können nur vermuten, was es mit dem Akzent auf dem í auf sich hat und warum das argentinische Dorf also anders geschrieben wird als das spanische Wort für "Deutschland". So birgt der kleine Ort weiterhin ein kleines Geheimnis.

Mitarbeit: Philine Gebhardt

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1.
Till Neumann 11.01.2011
Sehr interessanter Artikel. Der Ort ist auch noch auf Google Maps/Earth zu finden, allerdings etwas südöstlich von der Stelle, wo der Name angegeben ist. Die Eingabe "-25.6242 -65.6133" weist beim Heranzoomen direkt auf das Bahnhofsgebäude. Die Gebäude und Brücken auf den Fotos zum Artikel lassen sich gut wiedererkennen. Auch den Verlauf der Bahnstrecke nach Salta kann man nachverfolgen.
2.
Matthias Bergmann 12.01.2011
Auf der Reise mit dem Bus von Córdoba nach Salta ist tatsächlich das kleine Dörfchen zu sehen. Faszinierend ist, wie sich die Landschaft innerhalb weniger Kilometer ändert: Glaubt man sich auf Höhe von Alemanía fast im Dschungel, herrscht nur wenige dutzend Kilometer weiter ein trockenes Klima.
3.
Ben Heit 12.01.2011
Sehr nette und Interesante Artikel. Es wird immer noch in Salta Diskutiert woher der Name kommt. Es gibt hinweise dass der Name Alemania (mit akzent "í") schon in dieser gegend für den 17. Jahrhundert. Alemanía soll damals einen art Kaplan oder Vikar zugeordnet gewessen sein. In der 16 Jahrhundert gab es schon eine Estancia Alemania. Also beide hinweise sind vor der Eisenbahn Zeit) Ich kann mich aber erinnern vor vielen Jahren gelessen zu haben dass der Name Alemanía für diese gegen Diaguita wurzeln hat. Ich hatte darueber lange mit Prof. R. Alonso diskutiert der sich mit ähnlichen Themen in Salta beschaeftigt. Die diskussion sollte man mit ein glass Torrontes Wein in Alemanía zu ende bringen Salut (Unten auf Spanisch) Al parecer se llama Alemania por Alemania, con la diferencia que los nativos de allí la pronuncian con acento en la "i", o sea Alemanía. De todos modos José Vicente Solá en su diccionario de regionalismos dice que para Vergara el nombre se remonta a una capellanía en el 1700 que se llamaba Alemanía y Romero Sosa lo estira más atrás, hacia 1600 a una estancia que llevaba el nombre "Estancia de la Alemania". J.V. Sola, no tiene dudas en que se refiere a la nación europea de igual nombre. Pero alguna vez tuve en mis manos que decìa que era una voz local de los habitantes originarios. Los Diaguita fueron parcialidad indígena de esa región.
4.
Heinrich Sassenfeld 12.01.2011
Waehrend meines Aufenthalts 2002 gab es und auch jetzt gibt es viele Texte mit dem Akzent. Auch die damalige Ausgabe des wichtigen Reisefuehrers YPF setzte ihn. Bei meiner Nachfrage im deutschen Konsultat hatte ich ebenfalls auf diesen Punkt verwiesen, aber keinen Widerspruch zu meiner Schreibweise bekommen. Dagegen schreibt die offizielle Website von Salta den Namen ohne Akzent. Aus redaktionellen Gruenden wurden im veroeffentlichten Text meine Ueberlegungen zu der Aussprache/Schreibweise gestrichen. Ich hatte folgende Moeglichkeiten gesehen: 1. Vielleicht war es nur eine falsche Betonung der deutschen Eisenbahnarbeiter bei der Aussprache des Heimatlandes, die die Argentinier übernommen haben? 2. Der Geschichtsprofessor Sergio Flores von der Universität Salta hat eine andere linguistische Interpretation: die Bewohner der Region Salta verwenden häufig nicht die Originalbetonungen des Spanischen. So kann man in dieser Provinz die Aussprache ?Cachalquí? oder ?Cachalqui? hören oder ?Guaymás? an Stelle von ?Guaymas?. 3. Die verstorbene Forscherin Teresa Cadena de Hesling ihrerseits hat angeblich ein Dokument aus der Kolonialzeit aufgefunden. Danach baten Jesuiten schon 1635 den Gouverneur der benachbarten Provinz Tucumán darum, ihnen auf der Finca Alemanía* *eine Parzelle zur Verfügung zu stellen, um eine kleine Missionsstation aufzubauen. Woher der Name in diesem Fall stammen sollte, ist unklar. Aber von einer solchen Bebauung auf dem heutigen Dorfgelände sind auch keine Reste erkennbar. Die Jesuiten haben stattdessen nachweislich in La Viña, was ja ebenso wie Alemanía zur Provinz Salta und nicht zu Tucumán gehört, im 17. Jahrhundert die ersten Weinberge gepflanzt. Ansonsten bin ich mit dem Vorschlag zur Diskussion beim Torrontés sehr einverstanden.
5.
Ben Heit 12.01.2011
Genau Herr Sassenfeld, die Estancia Alemanía war schon anfang der 17 Jahrhundert an dieser stelle. In Salta sagt man auf jeden fall Alemanía und nicht Alemania. Sie haben keinen Fehler gemacht, ich wollte nur sagen das der Name viel früher auftauchte und musste deswegen nicht in verbindung zur Eisenbahnarbeiter gebracht werden. Damals (ca. 1600) gab schon sicherlich die Alemannen.... aber für mich ist unklar warum die Spanier oder die Jesuiten die Alemannen ehren wollten...oder ist es tatsächlich Diaguita sprache gewessen. Ich tendiere zu Diaguita.
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