Geisterstadt in den USA Heißes Pflaster

1962 brach im US-Bergbaustädtchen Centralia ein unterirdischer Schwelbrand aus. 20 Jahre lang lebten die Menschen dort wie im Vorhof zur Hölle, dann wurde der Ort evakuiert. Seitdem ist die Geisterstadt ein Paradies für Fotografen.

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AFP

Todd Domboski war erst zwölf Jahre alt, als sich vor ihm ein Abgrund auftat. Der Schüler verbrachte den Valentinstag 1981 zusammen mit seinem Cousin Eric. In Centralia im US-Bundesstaat Pennsylvania schraubten die Zwei an jenem sonnigen Samstagvormittag in der Garage ihrer Großmutter an einem Motorrad, als Todd durch das offene Tor Rauch hinter dem Haus entdeckte.

Hatte jemand eine Zigarette in die Büsche geschnippt? Der Junge ging in den Garten, um nachzusehen, woher der Qualm kam. Plötzlich brach der Boden unter seinen Füßen ein: Todd rutschte in eine mehr als einen Meter breite Spalte. Bis zur Hüfte im Schlamm versuchte er, sich am Rand festzukrallen, doch immer wieder glitten seine Hände ab, er fand keinen Halt. "Ich werde sterben", dachte der Siebtklässler. Mit letzter Kraft gelang es ihm, sich an einer Baumwurzel festzuklammern.

Inmitten giftiger Dämpfe, bei 170 Grad Hitze, bangte Todd Domboski um sein Leben. Eric, der Todds Schreie gehört hatte, kam herbeigeeilt und zog seinen Cousin heraus. "Es war wahnsinnig heiß, es stank und es klang dort unten so, als würde der Wind heulen", erinnerte sich Todd später an die Minuten, in denen er einem unterirdischen Inferno gefährlich nah gekommen war.

Fast zwei Jahrzehnte lang kokelte damals schon ein Minenfeuer unter Centralia, der Kleinstadt im östlichen Kohlerevier Pennsylvanias. Doch bis zu jenem 14. Februar waren sich die Bewohner der Gefahr offenbar nicht bewusst, die unter ihnen schwelte. Sie hatten das drohende Unheil zunächst mit Gelassenheit und Humor genommen. Im Dorf witzelten sie darüber, dass man Heizkosten spare, weil die Feuerwärme über die Keller in die Räume steige; im Winter müsse man keinen Schnee schippen und zu Weihnachten könne man im Garten Tomaten ernten. Erst Todds Unfall setzte der naiven Sorglosigkeit schlagartig ein Ende. Dabei hatte es in den Jahren zuvor schon genügend Vorfälle gegeben, die das drohende Unglück ankündigten.

Kanarienvögel als Frühwarnsysteme

Ausgebrochen war das Feuer 1962 auf einer Mülldeponie am südöstlichen Stadtrand, in der Nähe des Veteranenfriedhofs. Es sollen Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr gewesen sein, die den Brand entfachten - als sie Centralia für den Memorial Day am 30. Mai herausputzten und den Unrat auf einer Halde verbrannten. Die Männer schütteten Wasser auf die glimmende Asche, aber die Glut erlosch nicht: Das Feuer kroch in die riesigen, verlassenen Anthrazitkohleminen und drang bis zur gewaltigen Buck-Mountain-Ader durch. Von dort griff es auf drei weitere Flöze über.

Sieben Jahre später zogen die ersten Familien weg aus Centralia. Ihre Häuser standen in unmittelbarer Nähe des Brandherdes, wo eine hohe Konzentration von Kohlenmonoxid festgestellt worden war. Das geruchslose, giftige Gas drohte in die Wohnungen einzudringen. Als lebendes Frühwarnsystem hatten sich einige Bewohner einen Kanarienvogel gekauft: Solange der Vogel sang, war alles in Ordnung. Eines Tages war das Tier von der Stange gefallen, der unsichtbare Tod lag förmlich in der Luft.

Das Feuer breitete sich rasch aus. 1979 musste der Tankwart im Ort seine Zapfsäule dichtmachen - wegen Explosionsgefahr. Er hatte unter seinem Benzintank eine Temperatur von 78 Grad Celsius gemessen. Zwei Jahre später registrierten städtische Mitarbeiter unter der Route 61 sogar 410 Grad. Der Asphalt wölbte sich aufgrund der Hitze nach oben. Es entstanden Risse, die schließlich zu einem 300 Meter langen Schlund aufbrachen - groß genug, um Autos zu verschlingen. Die Gemeinde ließ die Schnellstraße sperren.

"Es ist ein Alptraum", schilderte eine Frau 1981 der "New York Times". "Wir fühlen uns nicht mehr sicher." Todds Absturz in jenem Jahr hatte die Leute aus Centralia aufgebracht. Einige von ihnen organisierten sich in Bürgerbewegungen. Sie demonstrierten auf der Straße, hingen in der ganzen Stadt Protestschilder auf und erzählten Journalisten ihr Schicksal. Die erzürnten Bürger warfen den Behörden vor, versagt und zu langsam gehandelt zu haben. "Es muss erst jemand sterben, damit wir die Hilfe kriegen, die wir brauchen", beschwerte sich eine Bewohnerin.

Von der Landkarte gestrichen

Wie ein gieriges Tier mit vier Armen hatte sich das Feuer unter Tage durchgefressen. Es gedieh in den stillgelegten Stollen, den Versorgungstunneln, mäanderte durch Luftschächte und wuchs zum gewaltigsten Minenfeuer Amerikas heran. Und es verzerte bis heute eine Fläche von rund 35 Fußballfeldern - ohne dass es jemand stoppen konnte.

Das erste Angebot, es zu versuchen, hatte eine Firma der Stadt bereits 1962 gemacht und vorgeschlagen, den Brandherd für 175 Dollar auszugraben. Doch die Stadtherren lehnten ab, sie wollten den Untergrund erst genauer untersuchen: Sie ließen Löcher bohren und die Temperaturen im Boden messen. Es vergingen drei Jahre, bis sie schließlich versuchten, die Glut auszugraben. Insgesamt dreimal. Ohne Erfolg. Sie errichteten unterirdische Barrieren, pumpten Tausende Lastwagenladungen Sand, Schaum und Asche in den Untergrund. Und sie bauten einen Lehmwall, um den Brand aufzuhalten. Rund 70 Millionen Dollar stellte die US-Regierung für alle diese Maßnahmen bereit. Doch nichts half.

1983 schätzt eine Firma, dass die endgültige Beseitigung des Feuers weitere 663 Millionen Dollar kosten würde. Zu teuer, zu ungewiss die Erfolgschancen, befand der Kongress. Er empfahl die Evakuierung Centralias. Für die Umsiedlung der verbliebenen 1100 Bewohner stellte er 42 Millionen Dollar zur Verfügung.

Bulldozer rücken an

Die Ankündigung spaltete die Stadt in zwei Lager: Auf der einen Seite standen diejenigen, die bereitwillig wegziehen, auf der anderen jene, die bleiben wollten. Die Verängstigten unter ihnen stimmten in einem Referendum im August 1983 dann aber doch zu, ihre Häuser an den Staat zu verkaufen. Nur einige Ruheständler lehnten das Angebot weiterhin ab: Sie wollten Centralia nicht mehr verlassen - es war ihre Heimat, der Ort, wo sie zur Schule gegangen waren, Arbeit fanden, heirateten und ihre Kinder großzogen. Sie blieben.

Wenige Monate nach der Abstimmung, kurz vor Weihnachten, rückten die ersten Bulldozer an. Die nun leerstehenden Holzhäuser wurden zertrümmert, selbst die Kirchen dem Erdboden gleichgemacht. Auch das Haus von Todds Großmutter walzten die Abrisstrupps nieder.

Heute führen die einstigen Auffahrten der Grundstücke auf leere Wiesen, in den Dehnungsfugen der Straßen wuchert das Unkraut, wo einst Häuser waren, stehen nur noch Mauerreste: Die wenigen verbliebenen Einwohner leben wie in einer Art Geisterstadt, seit Januar 1992 gilt ihr Aufenthalt dort als illegal. Die Regierung ließ die letzten Hausbesitzer enteignen und machte sie zu Besetzern ihrer eigenen Häuser. 2003 verlor der Ort überdies seine Postleitzahl, das Gebiet wurde dem nahe gelegenen Ashland zugeschlagen.

Heiße Erde

Auf neueren Landkarten wird Centralia oft gar nicht mehr eingezeichnet. Abenteuerlustige Touristen finden den Weg dorthin dennoch. Sie fahren in die ehemalige Minenstadt, um die gespenstische Szenerie mit der Kamera festzuhalten.

Das erschreckende Ausmaß der Katastrophe zeigt sich vor allem auf einem Hügel hinter dem Friedhof. "Durchgang verboten" steht auf einem gelben Schild. Aus Erdlöchern, Spalten, Überwachungsrohren steigt weiß-gräulicher Qualm und Dampf empor, der in dichten Schwaden über das Brachland wabert. Ein leises Zischen ist zu hören: Gas, das nach oben entweicht. Es riecht nach fauligen Eiern: Schwefel, der in der Nase und in den Augen brennt, und sich als schmieriger Film auf das lauwarme Wasser in den Pfützen legt.

Wo noch Gras wächst, ist es braun verkohlt. Die verkokelten Äste der abgestorbenen Bäume ragen gen Himmel, die Stämme junger Ahornbäumchen sind von Rauch und Regen weiß gebleicht. Im Wald hat der Brand eine Spur der Verwüstung hinterlassen, er schlug eine knapp 200 Meter breite Schneise ins Gehölz.

Manchmal noch brechen Flammen durch die modrig-warme Erde. Dort, wo sie sich ihren Weg nach oben bahnen, gewähren sie den Besuchern einen Blick auf einen rot glühenden Untergrund: Noch bis zu 300 Jahre, schätzen Experten, könne das Feuer weiterlodern, bevor es von allein verlischt. Genügend Nahrung hätte der Brand jedoch für ein weiteres Jahrtausend.



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Frank Kyriakakis, 14.02.2011
1.
Erwähnenswert ist auch, das die Ortschaft reales Vorbild für die Videospieleserie "Silent Hill" und insbesondere den gleichnamigen Kinofilm war.
Andre Hess, 14.02.2011
2.
Stellt sich die Frage warum die Wärme nicht zur Energiegewinnung genutzt wird.Es sollte doch kein großes Problem sein das Feuer im Untergrund zur Dampfgewinnung und damit zur Stromerzeugung zu nutzen.
Peter Dittrich, 14.02.2011
3.
Es ist schon interessant, dass die Kohlendioxidemissionen aus brennenden Kohlelagern niemanden interessieren. Dabei tragen beispielsweise die Brände der chinesischen Lager etwa 60% zu den globalen Emissionen bei. Eine merkwürdige Klimapolitik, oder ist es leichter die Autoemissionen zu verfolgen ?
Markus Döring, 14.02.2011
4.
>Es ist schon interessant, dass die Kohlendioxidemissionen aus brennenden Kohlelagern niemanden interessieren. Dabei tragen beispielsweise die Brände der chinesischen Lager etwa 60% zu den globalen Emissionen bei. Eine merkwürdige Klimapolitik, oder ist es leichter die Autoemissionen zu verfolgen ? Können Sie für diese Zahlen eine Quelle nennen?
Thomas Wündrich, 15.02.2011
5.
>> ...chinesischen Lager etwa 60% zu den globalen Emissionen bei. >Können Sie für diese Zahlen eine Quelle nennen? Diese Zahl stimmt leider (oder besser Gott sei Dank) nicht. In der autonomen Region Xinjiang brennen ca. 40 Brände unterschiedlichen Ausmaßes, in Gesamtchina laut verlässlicher Quellen zusammengerechnet ca. 150 (inklusive Xinjiang), mit betroffenen Flächen von wenigen tausend m², bis hin zu knapp 2 km². Den Beitrag der chinesischen Kohlebrände zu berechnen ist nicht gerade einfach. Neuere Berechnungen gehen allein bei den Bränden in Xinjiang von ca. 10 Mio. Tonnen verbrannter Kohle/Jahr aus, es wird eine Emmission von 35 Mio. Tonnen CO2 geschätzt. Also in der Summe um ein Vielfaches geringer als z.B. der deutsche Transportverkehr. In den vergangenen Jahren gab es ein BMBF-gefördertes interdisziplinäres deutsch-chinesisches Projekt namens "Coal Fire Research", dass sich mit dieser Problematik befasste: www.coalfire.caf.dlr.de - auch, um zu ermitteln, wie viel CO2 tatsächlich emmitiert wird. Dieses Team hat im vergangenen Jahr auch eine Konferenz zu diesem Thema iniitiert, bei dem sich Forscher aus aller Welt trafen: www.iccfr2.de . Wie der Artikel schon durchblicken lässt, sind Brände solcher Kategorie durchaus löschbar, die Frage ist nur, mit welchem Aufwand und welchen finanziellen Mitteln gearbeitet werden muss und ob es überhaupt rentabel ist. Der Brand in Centralia ist der berühmt-berüchtigte und gern zitierte unter den weltweiten Bränden. Betrachtet man jedoch die Situation im indischen Jharia, wird man feststellen, dass dort an die 400.000 Menschen (!) umgesiedelt werden müssen. Grüße, Thomas Wündrich (ehemaliges Mitglied des Projketes "Coal Fire Research")
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