Geldfälscher-Affäre Blüten fürs Vaterland

Mit gefälschten französischen Francs wollte Ungarns Elite 1925 eine Kampagne gegen schmachvolle Gebietsverluste bezahlen - und ganz nebenbei das verhasste Frankreich ruinieren. Bekannt wurden die hochrangigen Verschwörer aber vor allem als erstklassige Nichtskönner.

Von Sebastian Garthoff


Leicht ergrautes Haar, die selbstbewusste Haltung eines Offiziers, ein gut sitzender Anzug – der Ungar, der am 14. Dezember 1925 den Schalterraum der kleinen Bankfiliale in Amsterdam betritt, wirkt äußerst seriös. Dennoch beäugt ihn der Bankbeamte misstrauisch, als ihm der Herr eine 1000-Franc-Note unter dem Schalterfenster zum Wechseln durchschiebt. Der Schein fühlt sich komisch an. Sein Gefühl sagt ihm, dass hier etwas nicht stimmt. Er bittet um einen Moment Geduld und zieht sich in die hinteren Räumlichkeiten zurück. Wenige Minuten später stehen zwei Männer neben dem Ungarn und bitten ihn, sie zu begleiten.

Erschrocken starrt Arisztid Jankovich die beiden Polizisten in Zivil an. Er zückt seinen Diplomatenpass und verweist auf seine Immunität. Als das nicht hilft, droht er lautstark mit politischen Konsequenzen. Doch die Beamten bleiben hart. Auf dem Revier entdecken sie in seiner Brieftasche eine weitere Blüte. Nichts kann Jankovich nun mehr retten. Er muss sich bis auf die Unterhose ausziehen und entblößt dabei zwei weitere Blüten, die in seinen Strumpfbändern stecken. Es sind die wohl peinlichsten Minuten im Leben des inzwischen pensionierten ungarischen Offiziers.

In seinem Hotelzimmer entdecken die Polizisten einen ganzen Koffer voller gefälschter 1000-Franc-Noten. Wenig später fällt ihnen Jankovichs Tagebuch in die Hände, das brisante Details enthüllt: Jankovich ist kein gewöhnlicher Gauner. Seine Mission ist vielmehr politischer Natur. Im Auftrag des Landeschefs der ungarischen Polizei, Imre Nádosy und des ehemaligen Ernährungsministers Fürst Lajos Windischgrätz soll er die gefälschten Banknoten in Umlauf bringen. Die Aktion ist hoch geheim. Offiziell weiß niemand davon. Es ist Ungarns Rache für die "Schande von Trianon".

Der Drahtzieher

Der 1920 im Lustschloss Trianon geschlossene Friedensvertrag zur Beendigung des Ersten Weltkriegs war für die Ungarn das, was Versailles für die Deutschen war: Ein schmachvoller Diktatfrieden, der ihren Nationalstolz bis ins Mark erschütterte. Das Land verlor mehr als zwei Drittel seines Territoriums und über die Hälfte seiner Einwohner an Rumänien, die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Österreich. Massive innenpolitische Unruhen waren die Folge, aus denen schließlich das autoritäre Regime des rechtskonservativen Miklós Horthy als Sieger hervorging. Gestützt wurde die neue Regierung von einer nationalkonservativen Clique aus Adel und Großbürgertum, die offen für die Wiederherstellung "Großungarns" eintrat. Zu ihren einflussreichsten Vertretern zählten Premierminister István Bethlen und sein Vorgänger Pál Teleki.

Gleichzeitig entstanden in Siebenbürgen, der Slowakei, Galizien und den anderen abgetrennten, ehemals ungarischen Gebieten (Irredenta) zahlreiche sogenannte Irredenta-Organisationen, die dasselbe Ziel verfolgten: die Revision des Schmachfriedens, der sie zu Staatsbürgern fremder Nationen gemacht hatte. Um die öffentliche Meinung im Ausland für ihre Sache zu gewinnen, investierten sie Unsummen in gezielte Propaganda. Sie druckten Flugblätter, lancierten Presseartikel und infiltrierten ausländische Gäste mit nationalistischen, großungarischen Parolen. Wegen ihrer regen Aktivitäten waren diese Organisationen ständig in Geldnot und baten in Budapest um Finanzspritzen.

Ermutigt von Bethlen und Teleki schwang sich Windischgrätz schließlich 1923 zum Geldbeschaffer der Irrendenta-Bewegung auf. Der Fürst hatte schon so manches politisches Abenteuer durchlebt, erst als Ernährungsminister im Kriegskabinett, später als "freischaffender Politiker". Unter anderem war er 1920 an dem eher dilettantischen Versuch beteiligt, den letzten habsburgischen Kaiser Karl IV. wieder auf den ungarischen Thron zu heben. Nun wurde er zum Drahtzieher der Falschgeldaffäre. Unter seiner Federführung nahm der windige Plan Gestalt an.

Fälscherwerkstatt im Keller

Bei einem Abendessen im Haus des Präsidenten der ungarischen Postbank, Gabriel Barross, lernte Windischgrätz 1923 den Druckereifachmann Arthur Schulze kennen, der sich bereits als Windikus und Geldfälscher einen Namen gemacht hatte. Bald kam das Gespräch auf das Thema Falschgeld und die Pläne von Windischgrätz. Schulze empfahl, sich auf französische Francs-Noten zu konzentrieren, weil daran in einer Fälscherwerkstatt in der Nähe von Köln bereits gearbeitet werde und man sich dadurch eine Menge mühseliger Vorarbeit sparen könne. Er erbot sich den Kontakt zu den Falsch-Geldexperten herzustellen und die nötige Ausrüstung zu beschaffen.

Windischgrätz war begeistert und nahm Schulzes Angebot an. Alles passte bestens zusammen. Schließlich machten die Ungarn vor allem Frankreich für den Schandfrieden verantwortlich. Mit gefälschten Franc-Noten ließen sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens Geld beschaffen, zweitens dem verhassten französischen Staat Schaden zufügen. Im Keller des Budapester Karthografischen Instituts wurde schließlich 1923 die hochgeheime Fälscherwerkstatt eingerichtet. Polizeichef Nádosy hatte das möglich gemacht. Das Brisante daran: Das Institut unterstand zu diesem Zeitpunkt dem vormaligen Premierminister Teleki, der wusste und billigte, was in seinem Haus vorging.

Anfang 1925 lagen schließlich die ersten 30.000 fertigen Banknoten vor. Doch das Ergebnis blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Denn am Papier waren die Noten auf Anhieb als Fälschungen zu erkennen. Kurzentschlossen disponierte Windischgrätz um: Statt die Blüten in Frankreich abzusetzen, wollte er es nun woanders versuchen. Er heuerte dafür eine Reihe von jungen Männern aus dem rechtsextremen Milieu an.

"Hirnverbrannte Dummheit"

Der deutlich ältere Jankovich fiel in diesem Kreis junger Abenteurer ganz offensichtlich aus dem Rahmen. Deshalb kam ihm auch eine Leitungsfunktion zu: Er sollte in Den Haag eine Art Verteilerorganisation für die 30.000 Blüten aufbauen. Doch er hielt sich nicht an die Vorgaben aus Budapest und machte gleich zu Beginn seiner Mission den entscheidenden Fehler. Er testete die Banknoten in der Amsterdamer Bankfiliale. Zum massiven Ärger von Windischgrätz: "So eine hirnverbrannte Dummheit, das Geld ausgerechnet einer Bank anzubieten", wetterte er. Darüber hinaus ging ein weiterer folgenschwerer Fehler auf sein Konto: Jankovich notierte jedes Detail über die Aktion in seinem Tagebuch. Diesen Aufzeichnungen konnten die Ermittler schnell entnehmen, dass Polizeichef Nádosy aktiv mitgemischt hatte und Polit-Größen wie Teleki und Premierminister Bethlen über die Aktion informiert gewesen sein mussten.

Die Affäre sorgte anfangs für wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Doch innerhalb weniger Tage tauchten gefälschte Franc-Noten auch in Hamburg, Kopenhagen und Mailand auf. Überall hatten die Mittler ihr Glück versucht. Bald war die Polizei von Frankreich, Holland und Deutschland mit dem Fall beschäftigt. Zur Aufklärung benötigte sie nur wenige Tage. Am 4. Januar wurde Windischgrätz in Budapest verhaftet. Die deutschen und französischen Medien ließen keine Gelegenheit aus, das "Falschgeld produzierende Kabinett" durch den Kakao zu ziehen. Die Welt lachte über die stümpferhaften Geldfälscher.

In letzter Instanz allerdings konnte der Regierung Bethlen keine aktive Beteiligung an der Falschgeldaffäre nachgewiesen werden. Der Premierminister überlebte die Krise daher unbeschadet. Zu verdanken hatte er das in erster Linie Fürst Windischgrätz, der alle Schuld auf sich nahm. Er hätte aus rein patriotischer Gesinnung gehandelt, insistierte er während des Prozesses im Mai 1926 mehrfach. Angeblich hatte ihm die Regierung zugesagt, dass sich sein Entgegenkommen positiv auf das Strafmaß auswirken würde. Er wurde schließlich zu vier Jahren Haft verurteilt, wovon er nur einen Teil tatsächlich absitzen musste. Trotzdem sah er sich Jahre später noch als Bauernopfer, wie er in seinen Memoiren "Helden und Halunken", die in den sechziger Jahren in Wien erschien, schrieb. Nádosy bekam dreieinhalb Jahre.

Was damals hohe Wogen schlug, erscheint heute aus der Distanz betrachtet eher als "dilettantischer Komplottversuch einiger hochrangiger Verschwörer", wie es der ungarische Historiker Balázs Ablonczy formuliert. Zu naiv war von Anfang an der Ansatz, den revisionistischen Kampf durch Falschgeld zu finanzieren und damit gleichzeitig die französische Wirtschaft zu sabotieren. Dem Ansehen Ungarns schadeten die Verschwörer damit immens – auch wenn die Affäre keine konkreten politischen Konsequenzen nach sich zog.



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Matthias Bergmann, 11.07.2011
1.
An solchen Kleinigkeiten zeigt sich mal wieder, was für eine 'Spitzenidee' die Aufsplitterung Mittel- und Osteuropas nach dem 1. Weltkrieg war.
Carsten Heinisch, 11.07.2011
2.
Ich habe noch einen Hinweis gefunden, dass Ungarn auch an einer Fälschungsaktion zulasten der Tschechoslowakei beteiligt waren (www.redaktor.de/texte/1937-12-12-Trebitsch-Lincoln.html). Wer weiß genaueres?
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