Geliebter Minirock Triumph der Ultraknappen

Aussehen wie Mama, nur schärfer? Modebewusste Mädchen der wilden Sechziger wussten genau, wie man das hinbekommt: Ein Hauch Barbarella, ein Touch Twiggy - und untenrum unbedingt ein Nichts namens Mini. Corina Kolbe erinnert sich an den Look, der bis heute nicht nur London zum Swingen bringt.

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Wie die Jeans gehört der Minirock zu den Kleidungsstücken, die einfach nicht totzukriegen sind. Er hat die ideale Länge, um die schier endlosen Beine von Topmodels auf dem Laufsteg zur Geltung zu bringen. Auch wer einen weniger spektakulären Körper hat, lässt im Alltag gelegentlich mal den Saum nach oben rutschen. Sein Schock-Potenzial von einst hat der Mini zwar verloren, Aufmerksamkeit ist ihm aber nach wie vor sicher. Frauen, die ihn tragen, sind so selbstbewusst, dass sie sich keine Gedanken über ihr Alter machen. Oder besser: Sie erlauben sich, nicht ohne Selbstironie, kleine Fluchten in Kinder- und Teenagertage.

Ich selbst entdeckte den Mini in Modemagazinen, als er in den sechziger Jahren seinen ersten großen Boom erlebte. Im Swinging London verkaufte die Pop-Designerin Mary Quant schlichte, gerade geschnittene Kleider und Röcke, die mindestens zehn Zentimeter über dem Knie endeten. Gestärkte Petticoats, Korsagen und die dazu gehörigen Benimmregeln der Fünfziger waren passé - der Mini stand für ganz neue Freiheiten. Mit Kollektionen namens "Lolita", "School Girl" und "Good Girl" gestattete Quant erwachsenen Frauen den Ausbruch aus starren Konventionen, die für jede Tageszeit das passende Kleid und Rollenverhalten diktierten. Mary Quants Logo bestand aus einer unschuldigen Margerite, die mit der Hippieästhetik der Blumenkinder noch nichts zu tun hatte.

Aussehen wie Mama - nur schärfer

Die Erwachsenenmode näherte sich damals der Kindheit an - und ein modebewusstes Kind brauchte weder Sanduhr-Silhouette noch Stiletto-Absätze, um auszusehen wie seine Mutter. Meine Großmutter war Schneiderin und kopierte jedes gewünschte Modell, Farbe und Material konnten wir frei wählen. Als ich etwa vier Jahre alt war, faszinierte mich ein neues Kleid meiner Mutter mit geometrischem Design: gelb, mit einem vertikalen schwarzen Streifen, auch der runde Ausschnitt war schwarz eingefasst. Ich quengelte so lange, bis ich genau das gleiche Kleid bekam, en miniature und in einer noch schärferen Miniversion.

Mein großes Vorbild war das britische Magermodell Twiggy, das ebenso zierlich und flachbrüstig war wie ich - die Identifikation gelang also perfekt. Zu dem neuen Outfit passte auch mein flotter Kurzhaarschnitt im Stil von Jean Seberg. In einem gestreiften Minikleid wollte ich einmal während eines Spanien-Urlaubs in der Hotelbar Eindruck schinden. Als ich den Reißverschluss rutschen ließ, um mein Dekolleté zu betonen, fanden das alle komisch. Nur ich nicht.

Mode für Mondlandung

Der Mini entsprach einer neuen minimalistischen Ästhetik, die mit dem damals noch ungebrochenen Vertrauen in technischen Fortschritt einherging. Zu den prägenden Eindrücken in meiner Kindheit gehört die erste bemannte Mondlandung, die 1969 über das Fernsehen in die Wohnzimmer übertragen wurde. Bereits einige Jahre früher entwarf der französische Couturier Pierre Cardin kurze Shiftkleider, die für Roboter bestimmt zu sein schienen. Neben Leder verwendete er dafür auch Kunststoffe wie Vinyl. Seine Kollegen André Courrèges und Paco Rabanne kreierten ebenfalls Minimode, die, mit flachen Schuhen und Stiefeln kombiniert, nicht nur im Weltall maximale Bewegungsfreiheit garantierte.

In dem Science-Fiction-Film "Barbarella" von 1968 trug Jane Fonda von Paco Rabanne entworfene Kostüme - außer dem legendären hautengen Catsuit auch ein ultraknappes Minikleid mit Metallplättchen. Wesentlich kindlicher wirkten die kurzen Kleider bei Courrèges, wenn seine Models dazu unter dem Kinn geknotete Babyhüte trugen. Die 1966 lancierte Pop-Art-Kollektion von Yves Saint Laurent erinnerte mich dagegen stark an die Vorhänge und Tapeten, die in vielen Wohnungen zu finden waren. Mode ist eben kein isoliertes Phänomen, sondern wie Kunst und Design ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen.

Teenie forever

Nach diversen Experimenten mit Hot Pants, Indienblusen, Schlaghosen und Militärlook kehrte ich Anfang der achtziger Jahre wieder zum Mini zurück. Mitten in der wilden Punk-Zeit machte ich eine Klassenreise nach London und entdeckte in einer Boutique in Chelsea einen hautengen, lila-schwarz-gestreiften Minirock. Kombiniert mit einer Lederjacke und trapezförmigen Ohrringen vom Flohmarkt an der Portobello Road wurde der Rock vorübergehend zu meinem Lieblingsoutfit. Meine Freundinnen fanden das mutig. Dabei war mein Auftreten durchaus moderat - ich trug weder mit Ketten und Reißverschlüssen besetzte Lederminis noch andere schrille Kreationen im Stil von Vivienne Westwood, die mit ihrer Punkmode weit über London hinaus Furore gemacht hatte.

Das Lebensgefühl der Sechziger mag uns heute naiv vorkommen, doch die Entwürfe von Quant und Co. sind seither immer wieder in die Mode eingegangen. In den neunziger Jahren wurde die italienische Designerin Miuccia Prada mit schlichten Kleidern im Sixties-Stil international bekannt. Protziger Luxus und maskuline Karrierefrauen mit Schulterpolstern hatten ausgedient, stattdessen war dezentes Understatement angesagt. Mit der Girlie-Mode erlebte der Mini dann sogar wieder einen richtigen Boom: Auch Frauen jenseits des Teenageralters zeigten sich nun spielerisch und unbekümmert in pokurzen Röcken und engen Tops.

In Zeiten, in denen viele verschiedene Stile nebeneinander existieren und prinzipiell alles erlaubt ist, wird der Mini wohl auch weiterhin eine Rolle spielen. Frauen sind emanzipiert genug, um für Rocklängen keine Altersgrenzen zu akzeptieren. Ob der Mini-Look für einen selbst der richtige ist, sollte im Zweifel der eigene kritische Blick in den Spiegel entscheiden.



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