Generation Opel Rentner auf Europatour

Eine Ehe für die Ewigkeit: Nur der Rost und der Verlust seines Führerscheins konnten einen 82-jährigen Rentner von seinem letzten Opel trennen. Bis dahin hatte der Nürnberger mehr als eine halbe Million Kilometer zurückgelegt. Seine "Auto"-Biografie hinterließ er in 90 akribisch beschrifteten Alben.

testimon-Fotoarchiv

Das Bild in dem roten kunstledernen Fotoalbum ist knapp aber treffend beschriftet. Es zeigt ein altes Auto am Straßenrand. "Mein braver Opel", steht darunter zu lesen. Lakonisch beschreibt die Bildunterschrift eine zwanzigjährige Symbiose zwischen Mensch und Maschine, zusammengeschweißt aus Zuverlässigkeit und Treue.

Im April 1962, kurz vor seiner Frühverrentung, kaufte sich R.F. (Name der Red. bekannt) einen hellgrauen Opel Rekord P2, 1700 Kubikzentimeter, Baujahr 1961, mit 55 PS. Die Lebensgeschichte des 1900 Geborenen war bis dahin parallel zur Motorisierung Deutschlands verlaufen: Als passabel verdienender Kaufmann hatte sich der Nürnberger 1932 sein erstes Auto gekauft. Es war ein gebrauchter Opel 4, Baujahr 1928, mit 16 Pferdestärken. 1940 musste der Wagen kriegsbedingt stillgelegt werden. 1954 dann erlebte F. sein persönliches Wirtschaftswunder: Erneut leistete er sich ein Rüsselsheimer Fabrikat, diesmal aus dem Jahre 1937 - ein Quantensprung auf 1300 Kubikzentimeter und 40 PS. Sein dritter Opel schließlich war nun (fast) ein Neuwagen. Eine typisch deutsche "Auto"-Biografie.

Über Jahrzehnte hielt in Deutschland eine Generation von Autofahrern unverbrüchlich zu einer Automarke, die trotz ihrer Zugehörigkeit zum US-Konzern General Motors und ständiger Versuche, sich ein anderes Image zuzulegen, nach wie vor für ebenso unverwüstliche wie biedere Ingenieurskunst "Made in Germany" steht. F. lebte seine Opel-Liebe in besonderer Weise: Nicht nur, dass er dem Fabrikat über Jahrzehnte die Treue hielt, er dokumentierte seine Fahrten auch noch in 90 akribisch beschrifteten Foto- und Postkartenalben, deren Inhalte er durch ein dickes, handgeschriebenes Register erschloss.

"550.000 Autokilometer selbst gefahren"

Die Dokumente zeigen: Vor dem manisch motorisierten Ruheständler in wechselnder Begleitung von Gattin und befreundeten Ehepaaren war keine alte Kirche, keine Burg und kein Fachwerkhaus in (West-)Deutschland sicher. Zwischen Lüneburger Heide und Bayerischem Wald fuhr der Opel-Kapitän alles an, was die deutsche Seele rührte. Hildesheim, Niederwalddenkmal, Rüdesheim, Heidelberg, die Fränkische Schweiz und Neuschwanstein tauchen als Fotomotive über die Jahrzehnte immer wieder in den Alben auf. Ergänzt wurden die Fotos um Angaben über die zurückgelegten Distanzen. Stolz vermerkt das Register: "550.000 Autokilometer selbst gefahren", davon allein 231.471 Kilometer mit dem dritten Opel. Detailliert aufgeführt werden zudem sämtliche Pannen sowie alle Unterkünfte, die der Nürnberger ansteuerte.

Der seit der Völkerwanderung manifeste teutonische Drang nach Süden fand in den Reisezielen seinen Niederschlag: Kein befahrbares österreichisches oder Schweizer Alpental (vorzugsweise mit fotografisch festgehaltener Minigolfanlage) wurde ausgelassen, um über die anschließende Passstraße (obligatorische Aufnahme auf dem Scheitelpunkt mit Vermerk über die Höhenmeter) nach Italien oder das damalige Jugoslawien in den Mittelmeerraum vorzustoßen.

Allerdings wäre es zu billig, diese Expeditionen aus der spießigen Stadtrandsiedlung in der fränkischen Provinz und ihre Teilnehmer auf das Niveau der sprichwörtlichen behäkelten Klopapierrolle auf der Heckablage zu reduzieren. Vor allem hatte F. ein deutlich gesünderes Verhältnis zu seinem fahrbaren Untersatz als diejenigen, die heute glauben, sich mit überbreiten Sechs-Zylinder-Turbo-Allrad-SUVs im ersten Gang durch die Innenstädte quetschen zu müssen.

Reisen fürs Gemüt

Der Nürnberger musste über den Autokauf nichts kompensieren; er brauchte einzig ein verlässliches Werkzeug für seine Fluchten aus dem Alltag. Wirkliches Reisen war für ihn die Summe aus Weg und Ziel, an die spätere Möglichkeit, mittels Flugzeug binnen Stunden von einem Kulturkreis in einen anderen zu hüpfen und zurück, war noch nicht zu denken, ebenso wenig an den Verkehr auf vierspurig ausgebauten, schnurgeraden deutschen Autobahnen.

Rentner F. suchte, fand und verarbeitete auf seinen Touren Eindrücke: fürs Gemüt den Schwarzwald und die Dolomiten, für die Bildung Florenz, Rom und Neapel, aber auch die KZ-Gedenkstätten in Bergen-Belsen, Dachau und Mauthausen und für die eigene Lebensfahrt schließlich Stationen wie das Fort Douaumont bei Verdun. Dessen Anblick kommentierte F., der auf den letzten Drücker 1917/18 selbst noch an der Westfront als Artillerist eingesetzt und verwundet worden war, in seinem Fotoalbum so: "Je 500.000 Mann starben 1916-18 - hüben und drüben!!! Wofür?"

Das irdische Band zwischen Mann und Fortbewegungsmittel zerriss jäh 1982, als der Motor des letzteren unrettbar durchgerostet war. Bald darauf wurde bei seinem Fahrer beidseitiger grauer Star diagnostiziert und er musste seine "Pappe" abgeben; sein Leben als Automobilist war damit beendet. Zu wünschen ist beiden, dass sie mittlerweile auf dem ewigen Rastplatz im Paradies wieder zueinander gefunden haben und dort mit Gleichgesinnten ausleben können, was "Die Toten Hosen" in "Im Wendekreis des Opels" so definierten:

"Mit Vollgas im Auftrag des Herrn.

Wenn er uns zu sich ruft,

wir kommen gern.

Eine Spannung liegt deutlich in der Luft,

die jeder spüren kann.

Es ist das Zeichen zum Aufbruch

für alle aus der Opel-Gang.

Die Himmelsrichtung ist uns egal

auf der Suche nach einem bisschen Spaß.

Die Landkarte ist unsere heilige Schrift

und jede Straße ein Kapitel für sich.

Wohin wir auch fahr'n,

es ist jetzt schon klar,

wir sind als erste da."

Anmerkung des Autors: Die Fotos von R.F. sind jetzt Teil des testimon-Fotoarchivs. Eine Beschreibung dieses Bestandes finden Sie unter: www.testimon.de

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Beda Gygli, 19.11.2008
1.
Das Foto von Douaumont zeigt laut Wikipedia nicht die Festung, sondern das Beinhaus, ein Gedenkort. Es währe auch seltsam, dass ein solch hoher Turm den Krieg überstanden hätte, war es doch ein perfektes Artillerieziel.
Dirk Winkelbach, 19.11.2008
2.
Mit Verlaub gehört der Hinweis auf überbreite SUVs nicht in diese Geschichte. Mit der Flucht aus dem Alltag wird ja auch etwas kompensiert, nämlich der langweilige Alltag. Manch einer hat diese Flucht auch mit Kaninchenzüchterei oder einem Kleingarten hinbekommen. War übrigens deutlich umweltschonender, wenn man schon diesen Aspekt traktieren möchte.
Marcus Kummerer, 19.11.2008
3.
Nicht, dass es wirklich entscheidend wäre, doch Bild 3 zeigt den Opel am Südausgang (also in der Tat auf der jugoslawischen Seite) des Loibltunnels, nicht des Karawankentunels. Grüße aus Hamburg Excelsior
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