Luxusgüter-Versand Genex Gibt's ja gar nicht!

Jacht, Fertighaus, West-Auto? Alles sofort lieferbar. 1956 gründete die DDR einen skurrilen Versandhandel: BRD-Bürger shoppten bei Genex für ihre armen Ost-Verwandten - und verschärften den Mangel.

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Zum Beispiel der Artikel 23.720 im Versandkatalog von 1986 mit dem schönen Namen "Geschenke in die DDR". Das wäre doch ein sehr schöne Überraschung für den armen Verwandten in Ostdeutschland: ein Commodore C64, laut Katalog nicht nur "bedienerfreundlich, leistungsstark und enorm vielseitig" - sondern "mit 16 Farben" wohl auch bunter als der DDR-Alltag.

Oder lieber eine Kategorie größer denken: Warum nicht zu Weihnachten ein Auto verschenken? Einen VW Passat, BMW 318i oder Ford Orion, direkt aus den Werken des Klassenfeinds?

Ach, was soll der Geiz! Lieber gleich für 128.000 D-Mark das "FHE 108", ein 150-Quadratmeter-Fertighaus mit "edelholzfurnierten Türen". Dazu passen auch perfekt der Swimmingpool (1650 Mark) und die Sauna ("vollflächig verleimt", 3210 Mark).

"Diese Abstaubertruppe!"

Gibt's doch gar nicht? Gab's in der DDR doch! Im oft als marode verspotteten Mangelstaat fand sich überraschend viel Luxus. Zumindest für all jene mit kaufwütigen Verwandten im Westen. Der Genex-Versandkatalog machte schon in der Vorweihnachtszeit vor 60 Jahren allerhand möglich.

Shoppen für die unterversorgten DDR-Verwandten - das wurde ab dem 20. Dezember 1956 viel einfacher. Zuvor durften nur wenige Westwaren legal per Paket in den Osten geschickt werden, oft kassierte sie einfach der Zoll ein. Doch nun nahm ein neues DDR-Unternehmen seine Arbeit auf: die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH, kurz Genex.

Der Name sprach sich schnell herum in einer nach Konsum hungernden Gesellschaft - und spaltete sie zugleich weiter: Die Privilegierten mit Westverwandtschaft besaßen plötzlich Genex-Farbfernseher, Genex-Kühlschränke, Genex-Rasenmäher. Sie mussten nur vier Wochen statt zehn Jahre auf ihren Trabi warten und konnten ihn noch mit Lenkradbezügen aus Nappa-Leder aufhübschen. Dagegen fühlten sich die Verlierer ohne Spender noch weiter abgehängt. Manche beschimpften Genex nach der Wende als "Abstaubertruppe", die mit "Mangelwaren Geschäfte gemacht" habe.

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Luxuswaren in der DDR: Bestellen, was eigentlich nicht gab

Traumhafte Gewinne

In der Tat war das Genex-Geschäftsmodell so verdruckst und verlogen wie insgesamt der Umgang des SED-Staats mit dem verteufelten Kapitalismus. So gab es die Kataloge allein im Westen; in der DDR konnte man sie nur in drei amtlichen Büros einsehen. Und weil direkter Versandhandel zwischen BRD und DDR juristisch wie ideologisch unmöglich war, wurden zwei Firmen in Dänemark und der Schweiz zwischengeschaltet. Sie nahmen die Bestellungen aus der BRD an, natürlich nur gegen harte D-Mark. Schließlich wollte die DDR ihren Staatshaushalt mit Millionen an West-Devisen sanieren.

Das Absonderlichste: Es gab zwar auch Westwaren in den Katalogen. Aber die allermeisten Genex-Artikel waren seltene, hochwertige DDR-Produkte, die man sonst gar nicht oder erst nach Jahren des Wartens bekam. Genex bot also an, was es eigentlich nicht gab - und lieferte das dann binnen Wochen.

So entstand ein ökonomisch einmalig paradoxes Gebilde: Genex exportierte seine Waren ins eigene Land - und profitierte davon enorm. Denn die Waren wurden günstig in der DDR hergestellt, die Arbeiter mit Ostmark entlohnt. Gekauft aber wurden die Artikel zu saftigen D-Mark-Preisen. Steuern und Zoll fielen auch noch weg, weil die meisten Produkte ja schon in der DDR lagerten.

Verzweifelte Anrufe

So erwirtschaftete Genex traumhafte Gewinnmargen: Ein Wartburg de Luxe kostete 1966 in der DDR gut 17.000 Ostmark, was umgerechnet höchstens etwa 4200 D-Mark entsprach. Genex aber verkaufte den Wartburg für stattliche 7315 D-Mark.

Wie beliebt der neue Staatsbetrieb bald war, verdeutlichten verbreitete Witze wie dieser:

Honecker besucht eine Rentnerin. Zufrieden erzählt sie, wie gut es ihr im Alter gehe: Sie habe ein schönes Haus, einen Farbfernseher, einen Lada. Honecker erwidert geschmeichelt, das habe sie alles seiner unermüdlichen Arbeit zu verdanken. Darauf die alte Dame freundlich: "Schön, Sie endlich kennenzulernen, Herr Genex."

"Was ist DDR-Sex?" - "Nackte Regale."

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Der Kalauer spiegelte ein Lebensgefühl wider. Eine Zeitzeugin erinnert sich in einer Studie der Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel voller Rührung an ihre Waschmaschine: "Wir hatten vorher einen Halbautomaten, das war damals schon ein Akt, den zu kriegen. Dann hatten wir Besuch aus dem Westen, und die haben gesagt: Was habt ihr denn da für eine Maschine! Da muss ein Vollautomat her." Genex erfüllte den Traum: "Als Normalbürger bist du da ja gar nicht rangekommen."

Beate Hagen, 64, kennt solche Geschichten. Von 1982 bis 1985 hat sie in Dänemark für die Jauerfood AG gearbeitet, eine der beiden Genex-Zwischenfirmen. "Das ganze Geschäftsmodell war wirklich eine wahnwitzige Dreiecks-Konstruktion, die absurder nicht hätte sein können", sagt die gebürtige Hamburgerin. "Die große Bedeutung von Genex als Devisenbeschaffer habe ich anfangs nicht geahnt. Vielleicht bin ich damals auch zu naiv an die Sache rangegangen."

Eigentlich wollte sie ja nur aus privaten Gründen schnell weg aus Hamburg nach Kopenhagen und hörte zufällig, dass Jauerfood nach Angestellten mit Deutschkenntnissen suchte. Hagen sagte zu und beantwortete fortan im Kundenservice eingehende Bestellungen. Schnell merkte sie aber, dass sie in keinem normalen Versandhandel arbeitete: Da gab es etwa das Verbot, mit DDR-Bürgern zu sprechen; umgekehrt war es DDR-Bürgern streng untersagt, Jauerfood zu kontaktieren.

Genex führte Familien zusammen

Trotzdem wagten einige es. Ein Anruf berührte Beate Hagen besonders: Eine Frau aus Thüringen erzählte verzweifelt von ihrer verstorbener Mutter. Nun brauche sie dringend Blattgold für den Namen auf dem Grabstein - und Blattgold gab es nicht in der DDR. "Ich habe ihr herzlich mein Beileid ausgesprochen, konnte ihr aber nicht helfen. Wir hatten sehr viele Luxusartikel, aber leider kein Blattgold."

Hagen und ihre Jauerfood-Kollegen fühlten, wenn man so will, den Puls der DDR-Gesellschaft. Wie ging es den Menschen, wovon träumten sie? Das konnten sie täglich an den Bestellungen ablesen. "72 Prozent der Aufträge waren Autos", sagt Hagen. Allein zwischen 1981 und 1988 wurden 81.000 Trabis und Wartburgs sowie 13.000 VW Golfs bestellt. "Auch Kühlschränke, Transistorradios, Staubsauger und Waschmaschinen liefen sehr gut".

Immer vor Weihnachten schnürten die West-Verwandten Lebensmittelpakete mit begehrten Produkten: Milka-Schokolade, Bahlsen-Kekse, Jacobs-Kaffee, Ferrero Küsschen - und für die Kinder einen Satz Legosteine. Manche schenkten gleich eine gemeinsame Reise, etwa "Das große Orient-Erlebnis", 19 Tage durch Mittelasien für 1396 D-Mark. Solche Reisen waren in der DDR rar, so führte Genex Familien zusammen.

Es waren solche Momente, die aufkeimende Zweifel bei Beate Hagen und ihren Kollegen zerstreuten: "Wir haben darüber diskutiert, ob wir mit unserer Arbeit das Überleben der DDR künstlich verlängerten. Andererseits glaubten wir, dass wir den Menschen geholfen und sie vielleicht ein wenig glücklicher gemacht haben."

Oder aber zorniger, weil Genex den Mangel noch verschärfte: Um die Aufträge erfüllen zu können, mussten viele Hersteller große Warenkontingente für Genex zurückstellen. 1966 etwa waren das 7000 Autos; jeder fünfte Wartburg war für den Genex-Handel reserviert. Und so ärgerten sich DDR-Bürger, die Jahren warten mussten, wenn sie brandneue Trabis bei Händlern stehen sahen, diese Autos aber nicht kaufen konnten.

Selbst im Staatsapparat war Genex anfangs umstritten. Das Handelsministerium beklagte eine Minderung der Kaufkraft und forderte noch 1958: "Die Empfänger Schulze, Lehmann und Müller müssen ihre Wagen selbst bezahlen und sich diese nicht vom Ausland schenken lassen."

Bloß keine Autos für die Kirche!

Als im selben Jahr die katholische West-Kirche ihren ostdeutschen Gemeinden via Genex 50 Autos schenken wollte, reagierten einige Beamte alarmiert: Es sei nicht erwünscht, "die Kirche so zu motorisieren, dass sie auch abgelegene Ortschaften sehr schnell erreichen kann". Dies könne "eventuell ihren Einfluss auf die Landbevölkerung vergrößern".

Ab 1962 ließ die Stasi daher alle Auftraggeber und Empfänger von Genex-Waren überprüfen. Am Ende aber war das Geschäft zu lukrativ für Bedenkenträgerei: Allein zwischen 1971 bis 1981 wurden Genex-Waren im Wert von 1,4 Milliarden D-Mark bestellt.

Als auch die sorgsam angehäuften Devisen den Untergang der DDR nicht aufhalten konnten, schien das bei Genex niemand wahrhaben zu wollen. Fast trotzig titelte man ein Jahr nach dem Mauerfall auf dem Cover des letzten Katalogs: "Geschenke in die DDR: Jetzt erst recht, zu Super-Preisen."



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Ronald Vopel, 20.12.2016
1. So war's
Meine Familie hat der ostdeutschen Verwandtschaft damals aus zwei Autos gekauft. Das eine war ein echtes Montagsauto und selbst für DDR-Verhältnisse Schrott. Für das andere hat sich der Empfänger sogar scheiden lassen, denn er hatte den Namen der Frau angenommen und es der Familie nicht mitgeteilt. Die Pakete nach Osten wurden übrigens von den Mitarbeitern der DDR-Behörden regelmässig geplündert. So haben sich Stasi, Zoll und Post selbst ein schönes Weihnachten beschert.
Hartmut Braun, 20.12.2016
2.
Zitat: "umgekehrt war es DDR-Bürgern streng untersagt, Jauerfood zu kontaktieren. ... Trotzdem wagten einige es. Ein Anruf berührte Beate Hagen besonders: Eine Frau aus Thüringen erzählte verzweifelt von ihrer verstorbener Mutter." Das dürfte interessant gewesen sein, wie die Dame aus Thüringen das Telefongespräch nach Dänemark zur Firma Jauerfood angemeldet (für die Jüngeren unter uns: Selbstwählen aus der DDR ins Ausland war nicht - jedenfalls nicht ins kapitalistische (Ausnahme: Ost-Berlin nach Westberlin - wenn man denn eine der viel zu wenigen freien Leitungen bekam), und die wenigsten Leute hatten überhaupt zu Hause ein Telefon, mussten bei solchen Versuchen zur Post dackeln), und dann nach 3 Stunden Wartezeit (mit "Nebenhörer") ihr Blattgold bestellen wollte. Und wie wollte sie es bezahlen? Mit DDR-Mark? Genex war natürlich auch DDR-Bürgern ein Begriff, aber Jauerfood und Palatinus - geschweige denn deren Telefonnummern - wohl kaum.
Del Brueck, 20.12.2016
3. Es gab nie eine BRD.
Warum bedient sich der SPON nach wie vor der Kampfsprache der SED? Zwar gab es eine DDR (Kürzel selbst gewählt) aber keine BRD. Bundesrepublik Deutschland - ist doch gar nicht so schwer? Bei internationalen Wettbewerben wurde auch das Kürzel GER und GDR respektive benutzt.
Ulrich Hartmann, 20.12.2016
4.
Die Pfarrer der - evangelischen - Kirche in der DDR bekamen ihre Dienstwagen über Genex; von ihrem Gehalt hätten sie sie sich kaum leisten können, von der Wartezeit ganz abgesehen. Weil Kirche oder Diakonie nicht als Spender in Erscheinung treten durften, lief das Geschäft über Strohmänner. Auf diese Weise habe ich in den Achtzigern als Student ohne Einkommen ein Auto (und eine Waschmaschine) "verschenkt". Der DDR-Staat wußte über diese Vorgänge sicher Bescheid, drückte aber beide Augen zu, weil es Devisen zu verdienen gab.
Michael S, 20.12.2016
5. Nicht ganz korrekt
Auch DDR-Bürger, die ein sog. Valutaanrechtkonto (da könnte man u.a. DM einzahlen und Forumschecks abheben) konnten aus dem Katalog bestellen. Den Katalog konnte man dafür (unter Aufsicht....) in der jeweiligen Filiale der Staatsbank einsehen. Das waren mehr als drei Stellen...
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