Geniale Nomaden Die Spuren der Nabatäer

Geniale Nomaden: Die Spuren der Nabatäer Fotos
Otto L. Lange

Er entkam der Judenvernichtung und verhalf seiner neuen Heimat Palästina zum Blühen: Nach seiner Auswanderung aus Deutschland 1933 machte der jüdische Botaniker Michael Evenari in der Wüste Negev eine bahnbrechende Entdeckung - und prägt damit Israel bis auf den heutigen Tag. Von Jürgen Voigt

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Mächtig ist der staubige Negev. Als 12.000 Quadratkilometer großer Keil, dessen Südspitze das Rote Meer bei Eilath am Golf von Akaba erreicht, nimmt er fast zwei Drittel des Staates Israel ein. Nur etwa zehn Prozent der Israelis bewohnen seine in weiten Teilen unwirtliche Landschaft. Ein paar Städte gibt es. Das biblische Beersheba im Norden, Dimona, Mizpeh Ramon und Arad. Die Weiten des Negevs bergen so manches Jahrtausende alte Geheimnis. Eines hat der deutschstämmige, jüdische Botaniker Michael Evenari gelüftet.

Geboren wurde Evenari 1904 als Walter Schwarz in Deutschland. Das Mikroskop, das er als Kind geschenkt bekam und die Welt der Algen, die er mit dessen Hilfe entdeckte, weckten in ihm den Wunsch, Botaniker zu werden. Während des Studiums, das er 1923 an der Universität in Frankfurt am Main begann, erschütterte ihn die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" und die orgiastische Begeisterung, die viele Deutsche überkam, wenn der zukünftige Führer ein Podium betrat. Im Rückblick, sagte Michael Evenari, als ich ihn 1969 für Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm besuchte, sei es bedauerlich, dass nicht mehr Juden Hitlers Kampfschrift gelesen hätten. Vielleicht, vermutete er, wäre die Zukunft anders verlaufen.

Nachdem Walter Schwarz 1933 als Jude nicht mehr in Deutschland studieren durfte, wanderte er nach Palästina aus. Dort gab er sich einen neuen Namen und erforschte die geniale Technik der antiken Agraringenieure vom Nomadenvolk der Nabatäer, die 300 v. Chr. das Land im wasserarmen Negev besiedelt und fruchtbar gemacht hatten. Ihre raffinierte Wasserbaukunst sorgte dafür, dass im Negev sprichwörtlich Honig und Wasser zu fließen begannen. Mit dem Untergang ihres Reichs war das Wissen um ihre Bewässerungskünste verloren gegangen. Die unermüdliche Arbeit von Michael Evenari und seinen Kollegen trug wesentlich zur Rekonstruktion und Renaissance der uralten Bewässerungstechnik bei. Bis heute prägt sie die israelische Landwirtschaft.

Mit der Waffe in der neuen Heimat

Bei meinem Besuch wanderten ich mit Michael Evenari durch die Reihen zarter Apfel- und Mandelbäume in seiner botanischen Forschungsstation. "Heute kennen die Ingenieure nur große Technik", sagte er. "Aber man kann auch mit den bescheidenen Mitteln der Vergangenheit Gutes ausrichten." Dass sich Michael Evenari nicht mit bescheidenen, sondern handfesten Mitteln sein Leben in Palästina erstritt, ist vor dem Hintergrund seines persönlichen Schicksals und des Schicksals vieler europäischen Juden, die den Nazis nicht wie Evenari entkommen konnten, kaum verwunderlich. Wer einmal zum Gehen gezwungen wurde, der möchte bleiben dürfen, wo er sich seine neue Heimat auserkoren hat.

Das Leben in Palästina Anfang der dreißiger Jahre war entbehrungsreich. Es herrschte Armut, Wassermangel und es gab keine Elektrizität. Da die britischen Mandatsträger die jüdischen Siedler nicht vor den Angriffen der Araber ausreichend zu schützen imstande waren, trat Evenari der jüdischen Widerstandsbewegung Haganah bei, lernte den Einsatz von Waffen und kämpfte bis 1948 auch gegen die Briten, deren strenge Einwanderungsquoten jüdische Flüchtlinge daran hinderten, in das rettende Land einzureisen und so den Gräueln der Judenvernichtung, die auf dem europäischen Kontinent tobte, zu entkommen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges suchte Evenari nach den Überlebenden in seiner Familie. 13 Mitglieder seiner Familie waren aus Deutschland, Holland und Frankreich deportiert und in Auschwitz vergast worden. Er suchte vergeblich nach alten Freunden. Seine Mutter und seine Schwester hatten überlebt, sie waren in die USA geflohen, wo er sie besuchte und seine zukünftige Frau, Lieselotte Wolf, kennenlernte. Ihr sollte er später einen wesentlichen Impuls für seine wissenschaftliche Laufbahn verdanken.

Ein einfaches und geniales System

Am Morgen des 15. Mai 1948 war es soweit. Ben Gurion rief den jüdischen Staat Israel aus. Evenari und viele andere Juden waren tief bewegt und dankbar, dieses Wunder erleben zu dürfen. Schon am nächsten Tag erklärten Jordanien, Ägypten und Syrien dem neuen jüdischen Staat den Krieg. Trotz der allgegenwärtigen Bedrohung kamen mehr und mehr Menschen jüdischen Glaubens nach Israel. Sie brauchten Arbeit, Wohnungen und Nahrung. Es wurde eisern rationiert. Evenari erlebte eine Zeit der Entbehrungen, vor deren Hintergrund die Entdeckung, die er und seine Kollegen machten, umso bemerkenswerter ist.

An einem warmen Frühlingstag des Jahres 1954 machte ein Doktorand Evenari auf uralte Terrassen und Steinwälle aufmerksam, die er im Arm eines Wadis in der Wüste Negev bei der antiken Stadt Sadat gefunden hatte. Wann immer der Forscher und seine Kollegen in den nächsten Jahren die Gelegenheit hatten, ging es in den Negev, mit dem Jeep oder einem kleinen Flugzeug - und nie ohne Waffen. Tagsüber untersuchten sie die Überreste einer bemerkenswerten Bewässerungstechnik, in der Nacht verließen sie auf Befehl der Armee die Wüste und verbrachten die Nacht in Beersheba.

Schnell wurde den Männern klar, dass es Regenwassersturzfluten gewesen sein mussten, die als Wasserquelle gedient hatten. Sie entdeckten, dass die Sturzwasserlandwirtschaft der Nabatäer begrenzt war auf die Negev-Hochländer zwischen 300 und 1000 Meter über dem Meeresspiegel, wo ein jährlicher Niederschlag von bis zu 150 Millimeter pro Quadratmeter herrschte. Die Nabatäer bauten in viele kleine Wadis Terrassen mit Steinwällen. Das Regenwasser konnte über verschiedene Treppenstufen in Kaskaden von den Hügeln die Wadis hinunterfließen und bewässerte so eine sehr viel größere Bodenoberfläche und versickerte nicht einfach an Ort und Stelle im trockenen Boden. Auf jeder Stufe blieb etwas Wasser übrig und drang in den Boden - genug für Gemüse und Getreide. Das überschüssige Wasser strömte weiter zur nächsten Terrasse. Dieses einfache und geniale System erfüllte zwei Funktionen: Es hielt Regenwasser zurück und schützte die Böden der Wadis vor Erosion.

Aus der Theorie wurde ein blühender Garten

1956 schließlich sagte Evenaris Ehefrau Lieselotte: "Nun hört doch auf mit dem Theoretisieren und beweist eure Theorien!" Keiner der Männer hätte daran gedacht, eine antike Bewässerungsfarm zu rekonstruieren. Aber im Sommer 1959 ging es los. Einwanderer aus Tunesien, Marokko, Indien und Persien wurden angeheuert. Man beschloss, als erstes Gerste zu säen. Ein örtlicher Beduinenstamm brachte Männer, die pflügen und säen konnten. Zwei Wochen später brachen die ersten Sprossen durch die Erde, und im Frühjahr 1960 erntete man über eine Tonne Gerste pro Hektar. Nicht schlecht für den Anfang.

Die Forscher fragten sich, ob die Technik praktischen Wert haben konnte und wurden versuchsweise Bauern. Die Männer pflanzten Aprikosen, Äpfel, Pistazien, Oliven, Wein, Kirschen, Mandeln. Besonders ertragreiche Ernten erzielten sie mit Aprikosen und Pfirsichen. Die Früchte waren süßer und saftiger als jene, die man mit der herkömmlichen Bewässerungsmethode im Norden erzielte. Sie fanden außerdem heraus, dass Pistazien an Wüstenbedingungen vortrefflich angepasst waren. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Technik der Sturzwasser-Landwirtschaft gut geeignet wäre, den Hunger in Wüstengebieten der Entwicklungsländer zu bekämpfen.

Im Hinblick auf den weltweiten Wassermangel, den immer stärker eingeschränkten Zugang zu Wasserressourcen und den Kriegen, die sie provozieren, war das eine große Entdeckung. Leider ist die Sturzwasserlandwirtschaft trotz ihrer ökonomischen und ökologischen Effizienz in Trockengebieten kaum verbreitet. Während die israelische Landwirtschaft ohne die Sturzwasserlandwirtschaft nicht denkbar ist, konnte sie nur regional begrenzt auf einige wenige Entwicklungsländer übertragen werden. Michael Evenari, der 1989 starb, würde das sicher bedauern.

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