Hitler-Attentäter Georg Elser Es fehlten nur dreizehn Minuten

Er hat es versucht, der Anschlag im Bürgerbräukeller scheiterte. Kurz vor Kriegsende 1945 befahl Hitler die Hinrichtung des Mannes, der ihn einst töten wollte: Georg Elser. Sein Neffe Franz Hirth erinnert sich.


Zum Autor
    Der Journalist Tim Pröse hat für sein Buch "Jahrhundertzeugen" 18 Gegner des NS-Regimes getroffen und porträtiert: Widerstandskämpfer, Lebensretter, Holocaust-Überlebende. Einer von ihnen stand Georg Elser sehr nahe.

Dreizehn Minuten zwischen Leben und Tod. Zwischen Rettung und Untergang. Diese dreizehn Minuten bloß fehlten Georg Elser, um die Welt zu verändern. Wäre seine Bombe nur etwas früher explodiert, hätte sie Hitler getötet.

Man glaubt diese Minuten in der Stille des Wohnzimmers spüren zu können. Wie sie sich nach all den Jahrzehnten immer noch dehnen zu einer kleinen Ewigkeit. In seinem Wohnzimmer sitzt Franz Hirth, denkt lange nach, schweigt und erinnert sich schließlich. "Er war wie ein Vater für mich", sagt er in einem leisen Schwäbisch, als ich ihn besuche in seinem Stuttgarter Haus. Hirth ist der letzte lebende Verwandte, der Elser noch persönlich nahestand.

Im Herbst 1939 hatte Hirths Onkel Georg Elser seine "Höllenmaschine" im Münchner Bürgerbräukeller versteckt. So nannte er seine selbst gebaute Bombe. Damit hätte dieser einfache Mann aus dem schwäbischen Königsbronn vielleicht 50 Millionen Menschenleben retten können. Nur ein Wimpernschlag der Weltgeschichte fehlte dem Schreiner, um Hitler samt dessen engstem Zirkel am 8. November 1939 in die Luft zu sprengen. Dann wäre es wohl nicht zu diesem Kriegsverlauf gekommen. Nicht zum Holocaust. Und nicht zu dieser Apokalypse.

Vorbereitungen auf den Tod

Wenn Hirth, inzwischen 88 Jahre alt, von seinem Onkel erzählt, liegt Ehrfurcht in seinen Zügen, aber manchmal blitzt das Strahlen des kleinen Jungen wieder in ihm auf. So angestrahlt hatte er auch seinen Onkel, den er von klein auf bewunderte und der ihn zärtlich "Franzerle" nannte. Auf alten Fotos, die er mir zeigt, ist das zu sehen.

Diese Bilder versetzen den feinen Herrn mit der Stimme, in der so viel Wärme liegt, zurück in seine Kindheit. Er verbrachte viele Jahre in Elsers Elternhaus in Königsbronn. "Damals gab es noch schneereiche Winter bei uns. Da hat er mir ein riesiges Schneehaus gebaut, das so geschickt konstruiert war, dass es noch wochenlang hielt, selbst als es schon taute."

Der elfährige Franz wunderte sich eines Tages sehr, dass sein liebevoller Onkel ihm seinen teuren Fotoapparat überließ. Anderen in der Familie schenkte Elser seine Möbel, weil er angeblich wieder auf Wanderschaft gehen wollte. Dabei bereitete sich Elser vor auf sein Verschwinden, vielleicht auch auf seinen nahen Tod.

Hirth wird den Tag im November 1939 nie vergessen, als zwei Gestapo-Männer die elterliche Wohnung durchsuchten und ihn und seinen Vater mitnahmen ins Hotel "Silber", den Stuttgarter Gestapo-Hauptsitz. Hirths Mutter wurde zur gleichen Zeit an ihrer Arbeitsstelle verhaftet. Monatelang steckten die Behörden den Jungen in ein Waisenhaus.

Zum Schweigen verdammt

Die damals aufkeimenden Zweifel beherrschten ihn noch Jahre nach dem Attentat seines Onkels. "Ich konnte mit niemandem darüber reden", erinnert sich Hirth, denn die gesamte Familie verlor kein Wort über Elser. Mit diesem Tabu wuchs der Junge auf. Es rührte aus der Angst, etwas Falsches über Georg Elser zu sagen, was die Familie abermals in Gefahr hätte bringen können.

Franz Hirth
Foto: Haus der Geschichte Baden-Würtembeg

Franz Hirth

Das Schweigen über die Tat sollte nicht nur in seiner Familie, sondern im ganzen Land fast 50 Jahre anhalten. Die junge Bundesrepublik tat sich schwer mit der Erinnerung an die Diktatur, sie litt unter ihr, und sie verschwieg vieles ganz. "Das war eine Belastung für mich und meine Familie. Wir wussten nicht, wo stand unser Georg?", sagt Franz Hirth heute.

Wenn er in seinem Wohnzimmer eines der alten Bilder heraussucht, streicht er mit dem Rücken des Zeigefingers über das Foto und lächelt seinen Onkel an. Wäre Elser alt geworden, hätte er vielleicht so ausgesehen wie sein Neffe. Hirth sagt: "Jetzt ist die Erinnerung an meinen Onkel befreiend." Hirth schweigt wieder lange und ist sehr gerührt: "Heute ist er für mich ein ganz Großer. Ein großer Mann aus dem Volk. Ich bin stolz, ein Elser zu sein!"

Ich habe mich auch auf eine Spurensuche nach Georg Elser begeben. Sie beginnt bereits kurz vor meiner Haustür. Wenn ich meine Wohnung im Münchner Stadtteil Haidhausen verlasse, sind es zehn Minuten zu Fuß bis zum Prinzregentenplatz 16. Dort war Hitlers Privatwohnung. Laufe ich 20 Minuten in die andere Richtung, stehe ich vor Hans und Sophie Scholls letzter Bleibe in Schwabing. Und gehe ich von meiner Wohnung fünf Minuten um ein paar Ecken, komme ich zu dem Ort, an dem Georg Elser beinahe den Weltenlauf gedreht hätte. Zum einstigen Bürgerbräukeller.

Der Nebel rettete den Diktator

Es gibt nur wenige Fotos von Elser, und auf denen, die die SS und Gestapo aufgenommen haben, sieht er nach tagelangem Folterverhör ausgemergelt, misshandelt und verwahrlost aus. Ein gezeichnetes Gesicht, mit dem seine Peiniger Propaganda machen wollten.

Fotostrecke

13  Bilder
Hitler-Attentat 1939: Die Höllenmaschine - so wollte Georg Elser den Diktator töten

Dabei war Elser ein selbstbewusster Mensch mit klarem Blick und verschmitztem Lächeln. Etwas Unternehmungslustiges und Unabhängiges lag in seinen Zügen. Der Mut eines Alleingängers, der so fest war, dass er selbst die Nazis verwirrte. Niemanden hatte Elser von seinem Vorhaben erzählt. Allein Gott im Gebet vertraute sich der gläubige Katholik an, so steht es in seinen Verhörprotokollen.

30 Abende ging Georg Elser in den Bürgerbräukeller, bestellte immer das einfachste Gericht für 60 Pfennige und wartete, bis er unbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte. Dort harrte er aus, bis das Lokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor eine der tragenden Säulen.

Es war die, die direkt hinter dem Pult stand, an dem Hitler jedes Jahr am 8. November, dem Abend vor dem Jahrestag seines gescheiterten Putschversuchs, redete. Stück für Stück höhlte Elser sie aus, um darin seine Bombe zu deponieren. Nacht um Nacht lag er davor auf den längst zerschundenen Knien.

Elsers Bombe detonierte zwar genau zum von ihm berechneten Zeitpunkt um 21.20 Uhr, doch weil Hitler und sein Gefolge das von Nebel verhangene München nicht per Flugzeug verlassen konnten und auf den Zug ausweichen mussten, dauerte sein Auftritt kürzer als all die Jahre davor. Und so ging die Bombe hoch, als der Saal fast leer war. Acht Menschen tötete sie.

Bürgerbräukeller nach dem Attentat

Bürgerbräukeller nach dem Attentat

In Berlin steht seit 2011 das größte Elser-Denkmal, 17 Meter hoch, nicht weit entfernt vom einstigen Führerbunker. Auch in Elsers Heimatort Königsbronn steht ein Elser-Denkmal, direkt am Bahnsteig. So als wolle der echte Elser gleich nach München abfahren. Seinen Rumpf und seinen Kopf hat der Künstler Friedrich Frankowitsch aus einfachem Stahl gefertigt, der heute von Rost überzogen ist. Seine Hände, mit denen er so geschickt seine "Höllenmaschine" erbaute, sind dagegen aus Edelstahl und deswegen bis heute glänzend silbern.

In Haft spielte Elser Zither

Mehrmals vergriffen sich Unbekannte an der Statue. Einer verschmierte Elsers Gesicht mit Bauschaum. Ich sehe, dass der Figur der kleine Finger an der linken Hand fehlt. Jemand sägte ihn allem Anschein nach mit einer Metallfräse ab und wusste offenbar, dass er auch dem echten Elser fehlte.

Ein paar Schritte weiter steht das Haus, in dem der Georg-Elser-Arbeitskreis eine Gedenkstätte eingerichtet hat. Elsers Standuhr tickt dort, und auch seine Zither und sein Werkzeug liegen hier, als habe der Schreiner nur mal eben den Raum verlassen.

Verwandte Artikel

Mehr an seine Tat als an seine Person erinnert die Kunst, die in München ganz in der Nähe seiner Hinterhofwerkstatt in der Türkenstraße an eine Häuserwand geschraubt ist. Das Projekt von Silke Wagner stellt den Moment der Explosion heraus. Jeden Abend um 21.20 Uhr flackert ihre Fassadeninstallation aus Neonröhren in Form einer explodierenden Bombe feuerrot auf. Der Platz in Schwabing trägt Elsers Namen.

Von hier fahre ich 20 Minuten mit dem Auto bis zur KZ-Gedenkstätte Dachau, wo man bis heute Elsers Zelle besuchen kann. Man läuft einen dunklen Gang entlang zu seinem klammen Kerker, den ein winziges Fenster kaum erhellt. Durch die Gitterstäbe konnten die Wachen ihn rund um die Uhr beobachten. Sie erlaubten ihrem Häftling zu musizieren und sich selbst eine Zither zu schreinern. Wie es wohl geklungen haben mag in diesem Gang, wenn Elser spielte?

Der vertuschte Mord

Hinter den Krematorien des einstigen Lagers liegt bis heute ein Wäldchen. Der Hinrichtungsplatz des KZ. Am 9. April 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers, tötete ein SS-Oberscharführer Georg Elser, den "Sonderhäftling des Führers", durch einen Genickschuss.

Hitler persönlich hatte den Mordbefehl erteilt, den Gestapo-Chef Heinrich Müller per Schnellbrief an den Kommandanten des KZ Dachau übermittelte. Darin wurde dargelegt, wie der feige Mord vertuscht und den Alliierten angelastet werden sollte. Müller wies an, "Eller" - so Elsers Deckname - solle bei einem der nächsten "Terrorangriffe" der Alliierten auf die Umgebung Dachaus "angeblich" tödlich verletzt werden. "Ich bitte, zu diesem Zweck 'Eller' nach Eintritt einer solchen Situation in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren."

ANZEIGE
Tim Pröse:
Jahrhundertzeugen

Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen.

Heyne Verlag, 320 Seiten; 19,99 Euro

Es sollten Jahrzehnte vergehen, bis Elser endlich als derjenige anerkannt wurde, der er war: ein Mann mit großem Gewissen und ebenso großem Mut, der Beweis, dass auch der "kleine Mann" schon früh das Unrecht des Nazi-Regimes durchschauen konnte, wenn er denn wollte. Und auch als Einzelner etwas dagegen unternehmen konnte.

Elser begründete sein Tun schlicht so: "Ich wollte den Krieg verhindern." Und dann gab er in drei knappen Sätzen eine zeitlose Botschaft zu Protokoll: "Ich bin ein freier Mensch gewesen ... Man muss machen, was richtig ist. Wenn der Mensch nicht frei ist, stirbt alles ab."

"Auch heute werde ich von ihm träumen", sagt Franz Hirth gegen Ende unseres Treffens. Die Erinnerung verfolgt ihn zuverlässig, wenn er über Elser gesprochen hat. Deswegen will er von nun an nicht mehr erzählen über seinen geliebten Onkel. Zu viele Schmerzen kostet es seiner Seele. Und so ist dieses Interview hier sein letztes gewesen, einem französischen Fernsehteam sagt er kurz danach ab. "Ich muss damit abschließen."

Zum Abschied zeigt mir Hirth noch sein liebstes Erinnerungsstück an seinen Onkel. Ein Tablett, in das Georg Elser feine Intarsien eingearbeitet hat. Franz Hirth hält es stolz vor seine Brust und fragt: "Hat er das nicht schön gemacht?"

Dies ist ein gekürzter und geänderter Auszug aus Tim Pröses Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler", Heyne-Verlag. Daraus liest Pröse am 7. April 2017 um 19.30 Uhr in Braunschweig ( "Vita-Mine" , Karl-Marx-Straße 6 ).

insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eDELBERT hACKENBERG, 07.04.2017
1. Elser hat meine uneingeschränkte Hochachtung im Gegensatz zu den
.... des 20.Juli nebst ihrer Unterstützer aus dem Groß--Bürgertum die zum Teil ursprünglich Hitler erst möglich gemacht haben. Ob in den USA evtl. auch demnächst ein Elser in Erscheinung tritt der versucht den Wahnsinnigen im Weißen Haus zu stoppen? Der aktuelle militärische Angriff dieser alternden Barbiepuppe Ken auf Syrien macht mir Angst - trotz Beifall von Merkel und Konsorten!
Frank Widi, 07.04.2017
2. Ein ganz Großer der deutschen Geschichte!
Elser wurde viel zu lange verschwiegen und blieb lange ungewürdigt, dabei war er einer der ganz wenigen deutschen Helden dieser Zeit! Man muss sich die Weitsicht und den Mut dieses einfachen Mannes nur mal vor Augen führen. Ich jedenfalls bewundere ihn seit ich das erste mal von seiner Tat gehört habe und verdamme diejenigen die absolut nichts unternommen haben um diese Monster zu stoppen! Da Hitler leider allen versuchen ihn zu ermorden entging kann man hier wohl von Schiksal sprechen, anders kann ich mir sein Glück nicht erklären.
Ulrich Hartmann, 07.04.2017
3.
Daß man fünfzig Jahre lang über Elser geschwiegen hätte, stimmt nicht. Bereits 1969 gab es einen vielbeachteten Fernsehfilm über ihn. Die Verhörprotokolle wurden in den siebziger Jahren veröffentlicht. Daß man sich in der Nachkriegszeit nicht mit ihm beschäftigte, lag nicht zuletzt daran, daß er aufgrund von Aussagen von Mithäftlingen selbst Historikern als SS-Agent galt. Daß solche Gerüchte aufkamen, ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß Elser seine Haft nicht, wie der Artikel vermuten läßt, in einem "klammen Kerker" in Dachau verbracht hat, sondern als Sonderhäftling mit bevorzugter Behandlung. Elser war übrigens Protestant, kein Katholik, und wenn er betete, dann das Vaterunser - seiner Aussage nach. Der Eindruck besonderer Religiosität entstand wahrscheinlich dadurch, daß er im Verhör oft danach gefragt wurde. Die Beamten suchten nach Verbindungen zur Bekennenden Kirche (die Kontakte nach Großbritannien hatte). Seine tatsächlich bestehenden kommunistischen Neigungen (er trug bei der Festnahme das Abzeichen des Rotfrontkämpferbundes an sich) interessierten sie wenig, denn das Dritte Reich war damals mit der Sowjetunion verbündet.
Stefan Baldar, 07.04.2017
4.
Das Abstruse an dem alternativen Szenario, in dem Georg Elser mit seinem Attentat Erfolg gehabt hätte, wäre, dass er in diesem Fall bis heute als gemeiner Krimineller und/oder Terrorist gelten würde. In dem Fall hätte niemand von Hitlers ungeheuerlichen Gräueltaten erfahren, wäre als schräger Politiker in die Geschichte eingegangen, der von einem irren Georg Elser umgebracht wurde. Die tragischen Helden, sind die, die durch ihre Taten ein schreckliches Ereignis verhindern, aber dadurch, die eigentliche Heldentat nicht bekannt wird. Meistens auch für die Helden selbst nicht, da die Alternative, ohne die Heldentat, nicht Realität wird.
Frank Widi, 07.04.2017
5. Stefan Baldar
Das stimmt wohl, aber auf seinen Heldenstatus hätte Elser sicherlich auch gerne verzichtet!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.