Multi-Champion George Alan Thomas Sir Supertalent

Dieser Brite übertraf sich unentwegt selbst. Er hatte Zeit, er hatte Geld und noch mehr Talent - George Alan Thomas verblüffte am Schachbrett ebenso wie beim Tennis und Badminton, schon als Kind und bis ins Alter.

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Emanuel Lasker wurde 1894 der zweite offizielle Schachweltmeister, bis heute der einzige aus Deutschland. Zwei Jahre später begab er sich auf Simultantournee in England und trat am 17. April im luxuriösen Criterion Restaurant am Londoner Piccadilly Circus gegen 28 Gegner zugleich an.

Es sollte ein weiterer Beweis seines Könnens werden. Tatsächlich gewann Lasker an diesem Abend 20 Partien und spielte sechsmal Remis, musste sich aber auch zweimal geschlagen geben - und einer der Gewinner war sogar erst 14 Jahre alt: George Alan Thomas.

Unter Laskers Gegnern bei der Simultanveranstaltung waren auch die Eltern des Jungen, Sir George Sidney Thomas und Lady Edith Margaret Thomas. Als sehr aktive und begeisterte Spielerin war sie Mitbegründerin des Londoner Lady's Chess Club von 1895 und gewann im selben Jahr in Hastings das erste Damenturnier der Welt überhaupt. Ihre Liebe zum Schach gab sie an ihren Sohn weiter.

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Schach, Tennis, Badminton: Der Dreikampf von George Alan Thomas

Nach der Heirat hatte das Ehepaar die ersten Jahre bei Lady Thomas' Vater verbracht, der im britischen diplomatischen Dienst in der Türkei tätig war. So kamen die vier Kinder des Paares nahe Istanbul zur Welt, ihr Sohn George am 14. Juni 1881.

Nachdem die Familie nach London umzog, muss Lady Thomas ihrem Sohn George spätestens 1894 Schach beigebracht haben, denn schon da tauchte sein Name in einigen Problemlösewettbewerben auf. Zwei Jahre darauf trat er dem Portsmouth Chess Club bei und gewann auf Anhieb die Klubmeisterschaft.

Allein im Badminton 21 englische Titel

Es war der Beginn einer großen Karriere. George Alan Thomas wurde einer der besten britischen Spieler und blieb es bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Vielleicht hätte er noch steiler aufsteigen können, doch Schach war nicht seine einzige Leidenschaft. Von seiner Mutter, auch eine starken Tennisspielerin, erbte Sir Thomas junior ebenso dieses Interesse - und nahm an dem Tennisturnier teil.

Zwischen 1906 bis 1926 spielte er bei allen Einzelturnieren der Wimbledon Championships mit, dazu im Herrendoppel sowie ab 1913 achtmal im Mixed, allerdings mit weniger Erfolg. Sein größter Einzelerfolg war das Viertelfinale 1911, ein Jahr später erreichte er im Herrendoppel sogar das Halbfinale.

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Im Schach und im Tennis zählte George Alan Thomas zu den Besten seines Landes, wirklich Weltklasse war er aber in einer weiteren Sportart: im Badminton. Zwischen 1903 und 1924 sammelte er im Herrendoppel, Mixed und Einzel satte 21 Titel bei den All England Badminton Championships. Im Mixed war Thomas für zwei Jahrzehnte ein Topspieler und holte seinen letzten Badminton-Titel bei den Irish Open - mit schon 48 Jahren.

Thomas war zudem Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Badminton-Weltverbandes IBF. Finanzielle Sorgen kannte er offenbar nicht, sonst hätte er 1939 kaum den "Thomas Cup" stiften können - allein die Anfertigung des Pokals kostete ihn 40.000 US-Dollar. Hockey spielte er auch noch, nicht ganz so überragend, aber 1907 reichte es zur Auswahl des County Hampshire.

Gerade im frühen 20. Jahrhundert gab es recht häufig Athletinnen und Athleten, die sich höchst erfolgreich in gleich mehreren Sparten austobten. Jim Thorpe zum Beispiel war ein herausragender Fünf- und Zehnkämpfer, danach Profi-Baseballer. Lottie Dodd spielte Tennis, Golf, Hockey und war Bogenschützin. Das Guinnessbuch der Rekorde führt sie als die vielseitigste Athletin aller Zeiten - neben Babe Zaharias, die in mehreren Leichtathletik-Disziplinen von Hochsprung bis Speerwurf ebenso brillierte wie im Boxen, Tennis, Baseball und im Golf. Mit gelegentlichen Ausflügen zum Basketball und Poolbillard.

Ein ganz besonderer Dreikampf

Auch die jüngere Sportgeschichte kennt Doppelsportler wie Eric Heiden, den US-Eisschnellläufer und Radrennfahrer. Oder Bo Jackson, Topathlet im Football wie im Baseball. Oder Dirk Nowitzki, der in seiner Jugend unterfränkischer Tennismeister war, bevor er NBA-Basketballstar wurde.

Verblüffende Vielseitigkeit ist also nicht ganz selten in der Sportwelt (mehr Multitalente finden Sie hier). Aber Schach einerseits, Tennis und Badminton andererseits - das ist auch unter den Besonderen etwas Besonderes.

Trotz seiner vielen sportlichen Verpflichtungen mochte George Alan Thomas das Turnierschach nicht aufgeben - im Gegenteil. 1910 gehörte er erstmals zur englischen Auswahl bei den regelmäßigen Länderkämpfen, die Großbritannien mit den USA per Telex austrug (Cable Matches). Ein Jahr später gewann er die Londoner Stadtmeisterschaft. Und 1912 spielte Thomas ein paar freie Blitzpartien mit Edward Lasker, der in einer Londoner Außenstelle der AEG arbeitete. Dabei war er an der berühmten "Magnetmatt"-Kombination beteiligt, wenn auch auf der Verliererseite.

Den Ersten Weltkrieg überlebte er als Leutnant und diente in Mesopotamien (Irak). Nach dem Tod seines Vaters 1918 erhielt er dessen Adelstitel und war fortan "Sir" George Alan Thomas, der 7. Baronet of Yapton. Baronet ist ein vererbbarer Adelstitel zwischen Ritter und Baron und fällt beim Tod des Trägers auf dessen ältesten Sohn.

Siege gegen Schachweltmeister

Im Schach häufte Sir Thomas Erfolge in Serie an und wurde zweimal britischer Vizemeister, bevor er 1923 und noch einmal 1934 den Titel gewann. Zu dieser Zeit konnte er auch den früheren Weltmeister José Raúl Capablanca bei einem Turnier in Hastings ebenso schlagen wie den späteren Weltmeister Michail Botwinnik.

Sein Land vertrat Thomas bei allen Schacholympiaden, einer Art Mannschaftsweltmeisterschaft, zwischen 1927 und 1939, zuletzt als Teamkapitän. Mitten im Turnier in Buenos Aires begann der Zweite Weltkrieg. Die englische Mannschaft reiste sofort zurück in die Heimat. Einige der Schachspieler heuerten beim Geheimdienst an und leisteten, mit ihren besonderen Fähigkeiten in der Mustererkennung, als "Codebreaker" wertvolle Dienste bei der Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma.

Thomas war zum Ende des Krieges schon 64 Jahre alt. Er organisierte 1946 noch einmal die Meisterschaft von London und außerdem einen Länderwettkampf gegen die Sowjetunion, der über Funk gespielt wurde (Radio Match). Auch als er das Wettkampfschach aufgab, blieb er als internationaler Schiedsrichter dabei.

Sir George Alan Thomas starb am 23. Juli 1972 in London im Alter von 91 Jahren. Er blieb unverheiratet und kinderlos - einen 8. Baronet of Yapton gab es nicht mehr.

Mitarbeit: Jochen Leffers

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