Extrem-Fotograf George Lawrence Der Mann mit der Riesenknipse

Extrem-Fotograf George Lawrence: Der Mann mit der Riesenknipse Fotos
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Kameras mit den Abmessungen eines Autos, Negative mit dem Gewicht eines Motorrads: Auf dem Weg zum größten Fotografen der Welt war George Lawrence Anfang des 20. Jahrhunderts jedes Mittel recht. Mit seinen Apparaturen schuf er einzigartige Bilder - und riskierte dafür sein Leben. Von Sven Stillich

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Es ist ein heller Frühlingsmorgen im Jahr 1900, das Licht ist gut auf dem Feld ein paar Meilen vor Chicago. Alles ist bereits an Ort und Stelle: der riesige Zug. Der Fotograf George Lawrence, der ihn in einem einzigen Bild ablichten soll. Und die monströse Schöpfung, die er eigens für diese Aufnahme geschaffen hat: die größte Kamera der Welt.

Lawrence verschwindet förmlich hinter der Kamera, in die gerade einer seiner Männer hinein geklettert ist, um sie mit einem Wedel aus Kamelhaar zu reinigen. Mehr als sechs Meter ist die enorme Konstruktion lang, ein 635 Kilogramm schweres Monstrum aus Kirschholz, Gummi, Tuch und Stahl. 220 Kilo wiegt alleine das Negativ: eine Glasplatte, fast zweieinhalb Meter lang und 1,30 Meter hoch. Ein irrwitziger Aufbau, ersonnen zu nur einem Zweck: um das größte Foto aufzunehmen, das die Welt je gesehen hat.

Das Foto, das Lawrence zum größten Fotografen der Welt machen wird.

Eine fotografische Revolution

Niemand hätte diese Karriere voraussehen können: In jungen Jahren hatte Lawrence, 1868 in Ottawa, Illinois, als Sohn eines Schreiners geboren, sich zunächst mit dem Bau von Kutschen durchgeschlagen. Doch dann entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie und eröffnete 1891 ein kleines Fotostudio in Chicago.

Hier revolutioniert er zum ersten Mal die Fotografie: Für das Blitzlicht wird damals noch Magnesiumpulver verwendet. Doch das verursacht viel Rauch und damit viele Unfälle. Und so gilt ein generelles Verbot, größere Menschenmassen in Innenräumen zu fotografieren. Lawrence beginnt zu experimentieren - obwohl er nicht die geringste Ahnung von Chemie hat. Er brennt sich die Haare weg. Er verliert Augenbrauen und Schnurrbart. Sein Trommelfell reißt. Schließlich wird selbst sein kleiner Sohn von einer Explosion durch ein Fenster geschleudert. Doch am Ende gelingt der Durchbruch: Er schafft ein Pulver, das helleres Licht abgibt und weniger Rauch verursacht als Magnesium. Seine Kollegen taufen ihn ehrfürchtig "Flashlight Lawrence" - und dürfen von nun an auch in Innenräumen mit Blitz fotografieren.

In den folgenden Jahren schäumte Lawrences fotografischer Erfindergeist förmlich über: Er entwickelte eine selbstgebaute Panoramakamera, mit der er beeindruckende Aufnahmen der Börse in Chicago, von politischen Veranstaltungen und Banketten schoss. Er zog mit einem mobilen Turm durchs Land, von dem aus er Aufnahmen aus der Vogelperspektive machen konnte. Und er experimentierte mit Ballons, an denen er fliegende Kameras befestigte. "Das bislang Unmögliche zu fotografieren ist unsere Spezialität", warb seine Firma. Ein Ehrgeiz, für den er jedes Risiko einging: Einmal stürzt er während eines Fotoshootings ab und kam dabei fast ums Leben.

Das "Mammut" wird geboren

Der entscheidende Durchbruch aber kommt erst im Jahr 1900 - mit dem Auftrag einer Eisenbahngesellschaft. Die Chicago & Alton Railway will mit einer spektakulären Aufnahme ihren neuen Zug "The Alton Limited" werbewirksam in Szene setzen. Das Unternehmen gibt sich mit nichts Geringerem als absoluten Superlativen zufrieden: Lawrences erste Idee, den fast 160 Meter langen "Alton Limited" in Abschnitten zu fotografieren und das Foto zusammenzusetzen, hatten sie abgelehnt. Die Begründung: Ihr Zug sei perfekt - und so solle auch sein Abbild sein. Ein Schuss, keine Vergrößerung, keine Retusche.

Also beginnt Lawrence die Arbeit an einer riesigen Kamera, mit der er den gesamten Zug in einem Bild einfangen kann. Zweieinhalb Monate schuftet er mit einem Kamerabauer an seinem "Mammut", wie er die Rekordkamera liebevoll nennt. Sie entwickeln alles von Grund auf neu. Selbst die Zeiss-Linsen sind die größten, die es bis dahin gegeben hat. 15 Männer sind nötig, um die Einzelteile der Kamera in Chicago abzuholen und sie auf dem Feld in Brighton Park vor der Stadt wieder zusammenzusetzen. Eine Viertelmeile müssen sie die gewaltigen Bauteile sogar von Hand tragen.

Doch an jenem schicksalhaften Frühlingstag 1900 geht schließlich alles ganz schnell: Ein starker Wind weht über das Feld, als endlich der große Moment gekommen ist. Lawrence lässt die Vorhänge an der Kamera öffnen. Nur zweieinhalb Minuten bleiben die Vorhänge offen und Licht kann auf das Negativ fallen. Dann fällt der Vorhang wieder. Sofort machen die Männer sich daran abzubauen. Aber die Anspannung, die ihnen allen in den Gliedern sitzt, löst sich erst viel später, als das Negativ endlich entwickelt ist und die erlösende Nachricht umgeht: Es ist geschafft - das überdimensionale Foto ist tatsächlich gelungen! Der "Alton Limited" ist in Gänze darauf zu sehen.

Fliegende Kamera über Ruinen

Nun kann die Vermarktungsmaschinerie anrollen. Schließlich hat die Firma in Lawrence investiert, um ihren Zug weltweit bekannt zu machen. Und so lassen sie ihn seine Aufnahme in Paris zur Weltausstellung einreichen, die noch im selben Jahr stattfindet. Ihren Zug hätte die Firma niemals nach Frankreich verschiffen können, aber das Riesenfoto ist fast ebenso imposant.

Doch die Veranstalter zeigen sich skeptisch angesichts Lawrences Bewerbung: In Paris kann sich niemand vorstellen, dass es tatsächlich eine so große Kamera geben kann, wie der Amerikaner behauptet. Also wird der französische Konsul von New York nach Chicago beordert, um die Sache persönlich in Augenschein zu nehmen. Er bestätigt den ungläubigen Organisatoren: Die begehbare 635-Kilo-Kamera des Mr. Lawrence existiert tatsächlich, genau wie das riesige Lichtbild des "Limited". George Lawrence darf seine Arbeit einreichen. Prompt gewinnt er für das größte Foto der Welt den "Grand Prize of the World for Excellence in Photography". Über Nacht wird Lawrence zum Star-Fotografen.

Sechs Jahre später wird er sein berühmtestes Foto machen - ausgerechnet von einem Panorama grauenvoller Zerstörung: Am 18. April 1906 sucht ein verheerendes Erdbeben San Francisco heim. Haus um Haus stürzt ein, Feuer brechen aus, mehr als 200.000 Menschen werden auf einen Schlag obdachlos. Als er von der Katastrophe hört, bricht Lawrence sofort in Richtung Kalifornien auf. Im Gepäck hat er seine Panoramakamera und eine komplizierte Konstruktion aus Drachen, Seilen und Gewichten, mit der er einen Fotoapparat in die Luft steigen lassen und dort stabil halten kann.

In San Francisco besteigt er mit seiner Crew ein Schiff und lässt seine Kamera von 17 Drachen in die Luft heben. 100 Meter. Es beginnt zu regnen. 300 Meter. Die Kabel werden nass, der Verschluss wird schwergängig. 500 Meter. Lawrence überlegt, ob er abbrechen soll. Doch dann: die 22 Kilogramm schwere Kamera schwebt in einer Höhe von 600 Metern über der San Francisco Bay. Die Sonne kommt hervor und taucht die verwüstete Stadt in goldenes Licht. Lawrence drückt den Auslöser - und schafft ein ikonisches Foto, über einen Meter breit und mehr als 40 Zentimeter hoch. Das geschundene Antlitz der ganzen Stadt ist darauf zu sehen, gezeichnet von Tod und Leid.

Radikaler Umbruch

Das Foto markiert den Höhepunkt von Lawrences fotografischem Schaffen. Von hier an geht es nur noch abwärts für den Fotografen - sowohl künstlerisch als auch privat: 1909 kehrt er von einer frustrierenden Afrika-Expedition zurück. Das Team hat teure Ausrüstung verloren und sich untereinander völlig zerstritten. Doch zu Hause wartet nur noch größerer Streit: Seine Frau hat von einer Affäre ihres Gatten mit einer Sekretärin erfahren. Die Ehe zerbricht. 1913 lassen sich die beiden scheiden.

Lawrence macht einen radikalen Schnitt in seinem Leben. Er gibt die Fotografie auf, widmet sich dem Design von Flugzeug-Teilen und meldet mehr als hundert Patente an. 1916 - mit 55 Jahren - heiratet er eine 22-Jährige und hat mit ihr drei Töchter. Drei Jahre später schließt er seine Flugzeugfirma.

1938 stirbt George Lawrence. Der unermüdliche Geist, der zeitlebens Kreativität und Tatendrang versprüht hat - ob als Kutschenbauer, als Erfinder, als Flugzeugkonstrukteur oder als Fotograf - findet seine letzte Ruhe auf dem winzigen St.-Joseph-Friedhof in Manteno, Illinois. Seine riesenhaften Fotografien jedoch leben in Museen bis heute fort. Noch immer vermitteln sie, welches Staunen die Besucher der Weltausstellung 1900 gespürt haben müssen, als sie es zum ersten Mal sahen: das Werk des größten Fotografen der Welt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Bernhard Daniel 11.04.2013
Das mit den Vorhängen ist nicht ganz richtig, das heißt Verschluß! Die beiden Stoffstreifen eines Tuchschlitzverschlusses heißen Vorhang, aber kein Fotograf sagt: "Ich öffne den Vorhang!", es sei denn, er arbeitet gerade im Theater...
2.
Markus Roesgen 11.04.2013
>Das mit den Vorhängen ist nicht ganz richtig, das heißt Verschluß! Die beiden Stoffstreifen eines Tuchschlitzverschlusses heißen Vorhang, aber kein Fotograf sagt: "Ich öffne den Vorhang!", es sei denn, er arbeitet gerade im Theater... Ich vermute mal, daß das bei dem Riesenapparillo tatsächlich richtige Vorhänge waren :-) ! Sehr interessanter Artikel.
3.
Jochen Soppa 12.04.2013
Man beachte das grob ins Bild hineinretuschierte Riesenobjektiv. Das echte Objektiv war offenbar zu unscheinbar - im Größenverhältnis zur Kamera. Belichtet wurde sicher nicht mittels gigantischem Schlitzverschluss, sondern einfach mit der Objektivkappe. Irrig ist auch die Aussage, die Kamera sei deshalb so groß gebaut worden, damit der ganze Zug aufs Bild kommt. Das schafft jede Kamera, und sei sie noch so klein. Richtig ist: Der Zug-Hersteller wollte als PR-Gag seinen schönen neuen Zug auf dem größten (Neagativ)-Bild der Welt haben. Interessant wäre es gewesen, zu erfahren, wie das riesige Glasnegativ nach der Belichtung aus der Kamera geschafft wurde, und wie der Mann seine in 600 Meter Höhe schwebende Panoramakamera so punktgenau auslösen konnte. Man beachten den perfekten Bildausschnitt, und das Foto sieht aus wie ein Direktabzug vom Negativ. Grandios.
4.
Bernhard Daniel 12.04.2013
>Das Negativ mußte damals so groß wie der gewünschte Abzug sein, es wurde im Kontaktverfahren gearbeitet. Das lag an der sehr geringen Lichtempfindlichkeit der Fotopapiere. Ich besitze ein schönes Anleitungsbuch aus dem Jahr 1918 mit dem neckischen Titel "Das Arbeiten mit kleinen Kameras" damit war das Negativformat 9x12cm gemeint... - und für viele Fotografen war das Kinderspielzeug, eine Meinung die ich durchaus teile, alles unter 80x80cm taugt doch nichts.
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