Gerd Heidemann Wühlmaus im Sumpf

Gerd Heidemann: Wühlmaus im Sumpf Fotos
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25 Jahre nach der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher lebt Gerd Heidemann von der Sozialhilfe. Noch heute versteht der einstige Star-Reporter seinen jähen Sturz in die Bedeutungslosigkeit nicht. Von

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Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, wohnt der ehemalige "Stern"-Reporter, der 1985 im Rahmen der Tagebuch-Affäre wegen Millionen-Betrugs verurteilt worden war, heute in einer bescheidenen Wohnung in Hamburg-Altona. Er sei Rentner und bekomme 350 Euro im Monat vom Sozialamt. "Sie bezahlen mir auch die Miete, die Krankenkasse und die Pflegeversicherung", berichtete Heidemann dem Blatt. Aktuell habe er "um die 700.000 Euro" Schulden, vor allem Steuerschulden beim Finanzamt.

Heidemann war neben Fälscher Konrad Kujau die zentrale Figur des Skandals um die Hitler-Tagebücher. Heidemann galt als guter Rechercheur, als "Wühlmaus". Schon seit 1955 arbeitete er für den "Stern", als Reporter hatte er von 13 Kriegsschauplätzen der Welt berichtet, auch mit dem Preis "World Press Photo" war er ausgezeichnet worden.

Ein Hang zu gewissen Absurditäten

"Er hatte aber auch einen Hang zu gewissen Absurditäten", erzählt sein damaliger Kollege Michael Seufert. "Eines Tages kam er aus Uganda wieder und brachte eine riesige Unterhose mit; er sagte, das sei die Unterhose von Idi Amin und zeigte sie stolz als Trophäe in der Redaktion herum." Mehr als afrikanische Diktatoren beschäftigt Heidemann allerdings ein sehr deutsches Thema: "Durch die Beschäftigung mit der NS-Zeit", so Seufert, "hat er absolut die Bodenhaftung verloren und ist in diesem NS-Sumpf versunken."

1972 verkauft der Reporter sein Haus, um einem Bonner Druckereibesitzer die "Carin II.", die ehemalige Yacht von Hermann Göring, abzukaufen. An Bord trifft er sich mit allerlei Ewiggestrigen, ehemaligen Nazi-Größen, von denen er auch erstmals von der angeblichen Existenz von Hitler-Tagebüchern erfährt.

Bei heute beteuert Heidemann, er habe keine Millionen aus den Zahlungen des "Stern" unterschlagen: "Viele Beweise, zum Beispiel meine zahlreichen Tonbandmitschnitte, hat das Gericht nicht zugelassen, weil ich sie heimlich aufgezeichnet hatte. Sie beweisen aber meine Unschuld." Einen Trost habe er dennoch, sagte der 76-Jährige: "Fast alle, die mich fertigmachen wollten, sind inzwischen tot. Aber ich lebe noch."

Die angeblichen Hitler-Tagebücher hatten damals für einige Aufregung in Deutschland gesorgt. Vor 25 Jahren hatte Heidemann die "Tagebücher" im Auftrag des "Stern" dem Fälscher Konrad Kujau abgekauft und der Öffentlichkeit als Sensation präsentiert. Heidemann wurde 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, weil er zwei Millionen Mark aus dem Sensationsgeschäft selbst eingestrichen haben soll. Kujau wurde 1985 ebenfalls zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Er starb im Jahr 2000 an Kehlkopfkrebs.

dab/AFP


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