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Kurzbeinbomber Gerd Müller Wie der Torjäger als Torhüter glänzte

Müller, Tarnat, Großkreutz: Wenn Feldspieler ins Tor müssen Fotos
Trede-Archiv

Als "Bomber der Nation" schrieb Gerd Müller Fußballgeschichte. Weithin unterschätzt wurde sein Torwart-Talent. 1965 übernahm er als Sepp Maiers Ersatzmann den Posten zwischen den Pfosten - und hielt das Tor tadellos sauber. Von

Der weiß, wo das Tor steht - selten traf das auf einen Fußballer so präzise zu wie auf Gerd Müller. Als Rekordtorschütze prägte er über viele Jahre den FC Bayern München, die Bundesliga, die deutsche Nationalmannschaft. Über andere Stürmer heißt es stets: Lasst sie bloß nicht in den eigenen Strafraum, da richten sie nur Schaden an. Für Gerd Müller galt das nicht. Er brillierte am 20. Oktober 1965 in beiden Strafräumen.

Kurz zuvor hatte er, mit zarten 19 Jahren, gleich bei der Bundesliga-Premiere als Rechtsverteidiger einspringen müssen, im Derby gegen den TSV 1860 München. Und dann wurde Müller einer der ersten Aushilfs-Keeper, als der FC Bayern am 20. Oktober gegen den HSV furios aufspielte. Gerd Müller erzielte in der 19. Minute das 2:0, wenig später prallte Schlussmann Sepp Maier mit Uwe Seeler zusammen: Knieverletzung. Er überließ sein Torwarttrikot Gerd Müller und wurde neben dem Tor behandelt.

Auswechslungen waren damals noch unzulässig. Später kam Maier, auch erst 21 Jahre alt, auf den Platz zurück und spielte mit zusammengebissenen Zähnen zu Ende, aber bis dahin musste einer seinen Job übernehmen - ausgerechnet der kurzbeinige Torjäger. Gerd Müller glänzte mit Flugkunst und gutem Stellungsspiel. Wie er zum Ball segelte, zeigen Bilder aus dem Volksparkstadion. 4:0 ging das Spiel aus, der FCB als Liga-Neuling demütigte den hohen Favoriten HSV. "Ausgespielt", "deklassiert", "geschlagen mit Mann und Roß und Wagen", vermerkte tags darauf das "Hamburger Abendblatt". Sepp Maier und Gerd Müller waren die Helden des Spieltages.

"Dann macht es bumm, ja und dann kracht's
und alles schreit: der Müller macht's"

"Fußball-Helden" heißt eine neue Hommage an Ikonen dieses Sports. Journalist Thomas Lötz beleuchtet die Biografien von 34 Spielern wie Franz Beckenbauer oder Günter Netzer, Brasiliens Fußballgott Pelé oder Zinédine Zidane. Indes: Gerd Müller sucht man hier vergebens - auf den ersten Blick irritierend, auf den zweiten konsequent. Der Untertitel des Bildbandes lautet nämlich: "Die coolsten Kicker der Welt".

Cool? Das wäre das falsche Attribut für Gerd Müller, der am 3. November 70 Jahre alt wird. Der Ausnahmestürmer ließ es in seiner Karriere wie kein Zweiter krachen. Aber nur auf dem Platz. Müllers Bühne war der Strafraum. Sobald der Abpfiff ertönte und das (Flut-)Licht erlosch, war es gut, dann war Ruhe. Dem stillen, geradezu schüchternen Müller waren öffentliche Auftritte unangenehm. "Hören's auf, so denk' ich gar nicht!", pflegte er Lobeshymnen bescheiden abzuwehren.

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Gerd Müller: Abstauberkönig, Brummkreisel, Bomber der Nation
Ein Popstar der Fußballarenen wurde er nie, trotz kleiner Ausflüge ins Showbusiness. Im Rückblick wirken sie unbeholfen und doch charmant. 1967 traten Müller, Sepp Maier und Trainer Zlatko "Tschik" Cajkovski in der Filmkomödie "Wenn Ludwig ins Manöver zieht" als bayerische Heeresangehörige auf. 1969 rumpelte Gerd Müller sich mehr sprechend als singend durch die Single "Dann macht es bumm!" Lässt sich seine Fußballkunst besser beschreiben? Melodiöser sicher, inhaltlich stimmiger kaum.

"Bumm!", "Zack!" oder auch "Wusch!", so saust ein Ball ins Netz. Comiclaute. Sie passten zu Gerd Müller, der selbst ein wenig comichaft wirkte: kurze Beine, gewaltige Oberschenkel, gedrungener Körper - wie die Karikatur eines Fußballprofis. "Kleines dickes Müller" taufte ihn liebevoll Cajkovski, sein ebenfalls kleiner, dicker Trainer und väterlicher Förderer. Müller machte seine geringe Größe von nur 1,76 Metern mit enormer Sprungkraft und exzellentem Timing wett. Am Boden präsentierte er sich höchst antrittsschnell, setzte im Sechzehner jedem Ball nach oder stahl sich hakenschlagend frei, beidfüßig stark, ein verlässlicher Partner im Doppelpass (zumeist für den aufrückenden Franz Beckenbauer).

"Wenn's denkst, ist eh zu spät"

Vor allem aber war Müller eiskalter Vollstrecker, mit dem Wendekreis eines Brummkreisels. Typischer Abschluss: Zuspiel - Ballannahme mit dem Rücken zum Tor - Hintern raus - Drehung mal links, mal rechts - Tor. Das alles in einer einzigen flüssigen Bewegung, rasant und so gut wie nicht abzuwehren. Eben: "Bumm!"

Gerd Müller war ungeheuer beweglich, sportwissenschaftlich ausgedrückt: ein "König der Kinästhesie". Er konnte Raum, Zeit, Körperspannung perfekt wahrnehmen und in der eigenen Bewegung umsetzen. Einer, der immer richtig stand, ohne "Standfußballer" zu sein. Müller verfügte über ein einzigartiges Navigationssystem. Im Strafraum schaltete er auf Autopilot, mit unfassbaren Reflexen: Torchancen hat er meist als Erster förmlich "gerochen". Und als Erster gehandelt.

Übers Toreschießen sagte er einmal den schönen Satz: "Wenn's denkst, ist eh zu spät." Wie die Kugel reinging? Egal: "Tor ist Tor. Hauptsache, der Ball ist hinter der Linie. Kleine Tore zählen auch." Meist "müllerte" es schnörkellos aus der Nahdistanz. Treffer von außerhalb des Strafraums? "Viele waren es nicht, vielleicht fünf oder so. Und die auch mehr aus Versehen", gab Müller schmunzelnd zu Protokoll.

Tore "für die Galerie", zum Einrahmen mit Schleifchen drum, schossen die anderen. Uwe Seeler und später Klaus Fischer lochten mit Fallrückziehern und Scherenschlägen ein, Günter Netzer mit eleganten Schlenzern und fein gezirkelten Freistöße, Bernd "Hammer" Nickel und Rainer Bonhof mit fulminanten Fernschüssen.

Bei Müller-Toren blieb oft nur ungläubiges Kopfschütteln: "Wie hat er das bloß wieder hingekriegt?" Er traf mit allem, was das Reglement zuließ. Kopf, Brust, Knie, Hüfte, Hintern, Hacke. Aus dem Stand, im Flug, Fallen, Sitzen oder Liegen. Gehämmert und gestreichelt, gestochert und gespitzelt, reingewuchtet, -genickt oder -gelupft. Unnachahmlich.

Beim FC Bayern zu Hause

398 Tore in 453 Spielen für Bayern, 68 Treffer in nur 62 Spielen für Deutschland: Rekordmarken für die Ewigkeit. Und dazu dieser Hamburger Einsatz zwischen den Pfosten. Im Training ging Müller öfter mal ins Tor, bei Spielen nie wieder. Aber dieser Torhüter-Qualitäten war sich Bundestrainer Helmut Schön auch Jahre später noch bewusst: Bei der WM 1974 hatte er Müller als Ersatztorwart auf dem Zettel - für den Fall, dass Maier sich verletzen und das Wechselkontingent bereits erschöpft sein sollte. Dazu kam es nicht. Im Finale gegen die Niederlande zeigte Maier sein vielleicht stärkstes Länderspiel, Gerd Müller schoss das Siegtor zum 2:1.

Als Weltmeister erklärte er seinen Rücktritt aus dem Nationalteam, blieb aber beim FC Bayern. Das vertraute Umfeld war ihm enorm wichtig. Lukrative Wechselangebote, wie Anfang der Siebzigerjahre vom FC Barcelona, wischte Müller vom Tisch: "Mog i ned. I kann doch ned mehr als ein Schnitzel essen."

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Jahrhundertfußballer Pelé: Der Tausendsassa
1979 kam es doch zum schmerzvollen Bruch mit dem Herzensklub. Nach fast 15 Jahren bat Müller, gekränkt nach einer Auswechslung durch Trainer Pal Csernai beim Spiel in Frankfurt, um die Vertragsauflösung und ging zu den Fort Lauderdale Strikers. Heimisch wurde er unter der Sonne Floridas aber nie. Schon im Herbst 1979 kam Müller für ein halbes Jahr nach München zurück, trainierte mit der Mannschaft des TSV 1860 und forcierte einen Wechsel zu den "Löwen", der an den Ablöseforderungen seines US-Vereins scheiterte.

Erst im April 1984 kehrte Müller endgültig heim, fand aber keine Aufgabe und wurde schließlich alkoholkrank. Der damalige Bayern-Manager und frühere Teamkamerad Uli Hoeneß überzeugte ihn von einer Entziehungskur. Müller arbeitete danach als Torwart- und Stürmertrainer bei den Münchner Amateuren und Jugendlichen, erwarb 1992 die A-Trainerlizenz und war lange als Co-Trainer der zweiten Mannschaft tätig.

Müllers einstiger Mitspieler Franz Beckenbauer betont: "Was der FC Bayern heute darstellt, mit diesem Palast an der Säbener Straße... ohne Gerd Müller wäre das nicht möglich gewesen. Die Leute säßen noch immer in dieser Holzhütte von damals." Mit Dankbarkeit und Verantwortungsbewusstsein fing die "Schutzgemeinschaft FC Bayern" Gerd Müller auf, integrierte ihn ins Vereinsleben und schirmte ihn ab - bis heute.

Im Vorfeld seines 70. Geburtstags machte der Klub Müllers Alzheimer-Erkrankung öffentlich und bat die Medien um einen respektvollen Umgang. Einen Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern hat Gerd Müller gewiss. Als "Bomber der Nation", als uncooler, liebenswerter Held der Strafräume.


Kleines dickes Müller: Der "Bomber der Nation" wird 70

DPA

Zum Autor
  • einestages-Autor Broder-Jürgen Trede (Jahrgang 1974) arbeitet in Hamburg als freier Journalist, Sportwissenschaftler und Hochschuldozent zu Sport, Medien, Geschichte. Dem Fußball ist er verfallen - aktiv einst als "Sechser" für Cosmos Nieblum und den SV Fehmarn, beobachtend auch als Live-Reporter für blinde und sehbehinderte Stadionbesucher sowie fürs Vereinsradio beim Hamburger SV.

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1. Überschätzt ?
Andru Strong, 03.11.2015
@Simon Dany Der einzige der sich hier überschätzt ist der Verfasser .....
2. Aber sicher doch
Adrian Herzog , 03.11.2015
Genau das hatte Müller nie nötig Dieses Getue und Geprotze! Der einzige der komplett lächerlich ist sind sie. Wenn man null,null Ahnung hat, dann sollte man einfach nur die Kl...Halten
3. der sympathischte bayer
Hans Joachim Dechmann, 03.11.2015
als gladbach fan gefiel mir damals einzig " kleines dickes müller". beckenbauer mochte ich nie, viel zu arrogant. müller dagegen war einfach echt. herzlichen glückwunsch und schade dass du nicht bei gladbach warst.
4. Unterschätzt
Martin Schray, 03.11.2015
Es geht nicht darum, ob jemand aus dieser Zeit heute noch mithalten könnte, das ist alles hypothetisch. Müller wird bis heute eher sträflich unterschätzt, oft wird behauptet, er hätte halt nur Tore schießen können. Dabei war Müller ein technisch hervorragender Spieler, dem lediglich die Hebelverhältnisse für lange Pässe und Distanzschüsse gefehlt haben. Ich habe Müller einmal Libero spielen sehen, auch das erledigte er tadellos. Sein Spielverständnis war überragend. Wenn man Müller angespielt hat, konnte man sich ziemlich sicher sein, dass er den Ball auch wieder an den eigenen Mann brachte, was vor allem Beckenbauer für Doppelpässe gerne ausnützte. Das spricht auch der Artikel richtigerweise an. Insofern ist er sehr gut gelungen, im Gegensatz zum ersten Kommentar.
5. Müller würde
Pau Mei, 03.11.2015
heute noch mehr Tore schießen, weil er besser geschützt würde. Er war ja nicht nur der Strafraumstürmer, er ware eher Messi, kam aus dem Raum in die Box.
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