Gerichtsfotograf Leo Rosenthal Diven, Diebe, Diktatoren

Gerichtsfotograf Leo Rosenthal: Diven, Diebe, Diktatoren Fotos
Landesarchiv Berlin / courtesy Schirmer/Mosel

Zeuge der Anklagen: Von 1926 bis 1933 fotografierte Leo Rosenthal in den Gerichtssälen Berlins. Seine Bilder zeigen große und kleine Verbrecher, Anwälte, Richter und Zuschauer. Seine faszinierenden Bilder dokumentieren das Leben einer entfesselten Stadt. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    4.5 (15 Bewertungen)

Wände und Bänke sind aus dunklem Holz. Unter dem Regenmantel ein hellblaues Hemd. Es steht offen. Gutgeschnittener Kopf, weiße Haare und dunkle Augenbrauen, hellgraue Bartstoppeln, die Arme über der Brust verschränkt. Dominique Strauss-Kahn wartet auf seinen Richter. Das Foto ist alles: Anklage, Schuldgeständnis, Verurteilung. Er wird wohl nie wieder ein hohes öffentliches Amt bekleiden können. Die Kamera ist der moderne Pranger: Sie lichtet ab, und sie richtet.

Manche Bilder aus Strafverfahren bleiben für immer im Gedächtnis. Die Männer des Widerstands vor dem Volksgerichtshof: Moltke - souverän; Witzleben muss seine Hose festhalten, weil ihm der Gürtel weggenommen wurde. 1945 die Hauptkriegsverbrecher im Nürnberger Prozess: Göring, immer noch überheblich, lümmelt sich halb auf die Brüstung, Heß scheint schon damals wirr. Hinter den Angeklagten die weißen Helme der Soldaten. 1968 Baader und Ensslin im Brandstifterprozess: Die Terroristen wirken wie in einem Godard-Film, Kultfiguren, die später zu Mördern werden. Gerichtsfotos haben etwas Magisches, wir betrachten sie genauer als andere Bilder, vielleicht weil wir die Schuld auf ihnen erkennen wollen.

Aber es gibt nur wenige Fotos, die in Deutschland während einer Hauptverhandlung gemacht wurden. Natürlich sind Prozesse heute öffentlich. Die Zeiten der Geheimjustiz waren so schrecklich, dass das Bürgertum im vorletzten Jahrhundert selbstbewusst forderte, die Gerichte sollen durch die Öffentlichkeit kontrolliert werden. Niemand wollte mehr eine Staatsmacht, die hinter verschlossenen Türen über das Volk urteilt. Im Gerichtsverfassungsgesetz steht es: "Die Verhandlung vor dem erkennenden Gericht einschließlich der Verkündung der Urteile und Beschlüsse ist öffentlich." Aber eine Öffentlichkeit wie in Amerika wollte man nie. Nur die Menschen, die gerade vor der Tür standen, waren im Gerichtssaal willkommen. Die Juristen erfanden sogar ein Wort dafür: "Saalöffentlichkeit". Einzig der Richter kann das Fotografieren während der Verhandlung erlauben. Ich habe es als Anwalt noch nie erlebt.


Überdosis Medizin*: Nutzlose Pillen, unnötige Operationen, riskante Therapien

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:

Inhalt

Vorabmeldungen

Abo-Angebote

E-Paper

Heft kaufen

SPIEGEL auf dem iPhone und iPad:

So lesen Sie Deutschlands Nachrichten-Magazin mit einem Handstreich - auf dem iPhone und auf dem iPad . Sie können die neue Ausgabe schon ab samstags 22 Uhr kaufen.


Leo Rosenthal, ein Fotograf während der Weimarer Republik, hielt sich nicht an solche Vorgaben. Wir können froh sein, dass er es nicht tat. 1500 seiner Fotos befinden sich im Berliner Landesarchiv, die besten von ihnen präsentiert nun ein Bildband, aufgenommen in den Gerichtssälen Berlins.

Rosenthal wurde als Sohn einer Kaufmannsfamilie 1884 in Riga geboren. Wohlhabende Eltern, Gymnasium, Studium der Rechtswissenschaften in Dorpat. Bis zur Februarrevolution 1917 war er Strafverteidiger in Moskau. Als der Zar abdanken musste, wurde Rosenthal Gefängnisdirektor, später Sekretär des Roten Kreuzes. Nach dem Oktoberputsch der Bolschewiki wurde Moskau für einen bürgerlichen Intellektuellen zu gefährlich. Rosenthal zog nach Berlin. Von 1920 bis 1933 arbeitete er als Gerichtsberichterstatter des "Vorwärts". Er lebte in Pensionen zur Untermiete, in möblierten Zimmern. "Es ist ein schreckliches Leben, das man führt", zitiert Bianca Welzing-Bräutigam, die eine Ausstellung seiner Gerichtsfotografien kuratierte, aus einem Brief Rosenthals von 1924. Im März 1933 wurde der "Vorwärts" erst von den Nazis gestürmt und dann von ihnen verboten. Rosenthal, als Jude ohnehin gefährdet, floh nach Riga, später nach Paris, dann Vichy und weiter über Marseille und Casablanca schließlich nach New York. Er hat überlebt. Seine Familie blieb in Riga, und alle - Mutter, Brüder, Schwestern, Schwager und Schwägerin - wurden 1941 im Ghetto umgebracht.

In Amerika arbeitete Rosenthal zuerst als Bibliothekar auf der Gefängnisinsel Rikers Island, ab 1945 als Fotograf bei den Vereinten Nationen. Mit 85 Jahren starb er 1969 in New York. Ein Leben wie aus einem Roman.

Eine untergegangene Welt wird wieder lebendig

Obwohl es schon seit 1925 die viel kleinere Leica gab, fotografierte Leo Rosenthal mit einer Mittelformatkamera, er tat es wohl meistens heimlich. Die alten Gerichtssäle in Moabit sind dunkel, er konnte trotzdem keinen Blitz verwenden. Seine Aufnahmen sind oft unterbelichtet und durch die langen Verschlusszeiten verwackelt und unscharf. Aber das ist kein Handicap: Die Bilder werden genau dadurch lebendig, es ist das Licht der Gerichtssäle, das die Regie führte. Der Reiz der Bilder liegt darin, dass sie im Verborgenen entstanden: Die Menschen wussten nicht, dass sie fotografiert werden. Und mit ihren eleganten Kleidern, ihren Hüten, Brillen und Gamaschen wird durch die Kamera plötzlich diese untergegangene Welt wieder lebendig.

Berlin, reich geworden auch durch die Kriegsanleihen des Bankiers Bleichröder, war in den zwanziger Jahren nur noch ein Chaos. Die Menschen hatten gelernt, dass es keine Regeln mehr gibt. Von Berlin war der Erste Weltkrieg ausgegangen, bis dahin hatte es ein starres militärisches Ordnungssystem gegeben, ein fast ständisches Regelwerk. Die Soldaten, die daran geglaubt hatten, waren erschossen worden, oder sie kamen verstümmelt und gebrochen in die Stadt zurück. Der Kaiser hatte sich unehrenhaft davongemacht - die alte Welt war in Stücke geschlagen. Jetzt gab es andere Reize in Berlin. Der Kurfürstendamm und die Friedrichstraße erblühten, es wurde das Regellose gefeiert. Erich Kästners Fabian verlor sich als letzter Moralist im Sumpf der Bordelle und der Unterwelt dieser tobenden Großstadt.

Während Vladimir Nabokov, Alfred Döblin, Robert Musil und Joseph Roth hier schrieben, lebten in der Hauptstadt am Vorabend der Machtergreifung auch die gerissensten Betrüger, die intelligentesten Bankräuber und die grässlichsten Mörder. Verbrecher wurden die neuen Könige der Stadt. Zwar lieferte der Adel noch, wie schon zu Bismarck-Zeiten, der Boulevardpresse durch Meineids- und Beleidigungsprozesse ständig neuen Stoff, die fast immer mit dem Adjektiv "pikant" untertitelt wurden. Aber die Berliner Unterwelt interessierte die Bevölkerung mehr.

Die Zeit der großen Prozesse

Schon 1890 war der erste "Ringverein" gegründet worden, ein Verein zur Unterstützung ehemaliger Strafgefangener. In den zwanziger Jahren wurden diese Ringvereine zu kriminellen Vereinigungen. Sie "machten in Prostitution", verschoben Alkohol, erpressten Schutzgeld von Gastwirten und Geschäftsleuten, lieferten sich Straßenschlachten mit anderen Vereinen und der Polizei und ermordeten eigene Mitglieder. Al Capone war ihr Vorbild. "Muskel-Adolf", mit bürgerlichem Namen Adolf Leib, war der legendäre Vorsitzende des Ringvereins "Immertreu". Er wohnte praktisch in seiner Kneipe, der "Mulackritze" im Berliner Scheunenviertel, und beherrschte das Einschüchtern von Zeugen so gut, dass er nur ein einziges Mal zu ein paar Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Später beriet er den Regisseur Fritz Lang bei dessen Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder".

Durch die großen Verbrechen wurde es auch die Zeit der großen Prozesse. Das gewaltigste Strafgericht Europas steht in Moabit, schon die Eingangshalle ist eine Kathedrale. Hier war ihre Bühne. Cornelia Vismann erklärt in ihrem eben erschienenen, überaus klugen Buch "Medien der Rechtsprechung" die theatrale Dimension der Hauptverhandlung. Letztlich, so sagt sie, sei der Gerichtssaal eine Bühne. Der Unterschied ist, dass die Tat im Gericht nicht nachgespielt wird, sie wird in Sprache übersetzt. Aber immer ist der Prozess auch ein Theaterstück.

Berlins Richter waren unterbezahlt, hatten aber ihren guten Ruf aus dem 18. Jahrhundert gerettet. "Es gibt noch Richter in Berlin" soll der stolze Ruf des Potsdamer Müllers gelautet haben, als Friedrich der Große seine Mühle verbieten wollte. Natürlich ist das eine Legende, aber sie zeigt, dass die Richter in der preußischen Hauptstadt sich gegen den König behaupteten. Sie waren in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nur vereinzelt politisch - die Bevölkerung vertraute ihnen noch.

Und diese Jahre machten Strafverteidiger berühmt, die vielleicht zum ersten Mal ausschließlich die Interessen ihrer Mandanten vertraten. Max Alsberg und Erich Frey mit seinem blitzenden Monokel waren die Stars. Alsberg vertrat den deutschen Kaiser, verteidigte Hugo Stinnes wegen Handels mit Kriegsanleihen und Carl von Ossietzky, den Herausgeber der "Weltbühne", gegen den Vorwurf des Landesverrats. Er vertrat Mörder, "Sittlichkeitsverbrecher" und Betrüger. Er rettete Angeklagte vor der Todesstrafe und Bankiers vor dem Gefängnis. Alsberg schrieb Theaterstücke über die Justiz, "Voruntersuchung" wurde auch im Ausland aufgeführt und sogar verfilmt. Er fuhr einen Rolls-Royce mit Chauffeur, bewohnte eine schlossartige Villa im Grunewald und war ein genialer Jurist.

Lesen Sie im zweiten Teil: Als Hitler sich wie eine hysterische Köchin benahm und wie die Brüder Sass mit Journalisten ihren Sieg vor Gericht feierten.

  • 1. Teil: Diven, Diebe, Diktatoren
  • 2. Teil
Artikel bewerten
4.5 (15 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Mathias Völlinger 18.08.2011
Lieber Herr von Schirach, mir ist Ihre Herkunft etwas geläufig und bewundere Ihren Lebenslauf der Sie von Ihrem Großvater positiv distanziert. Danke für Ihren Beitrag hier, ich war schon immer fasziniert über das Berlin der 1920er Jahre in dem mein Großonkel eine glückliche Zeit hatte, bis 1933. Ich habe noch seine Plattensammlung und Photoalben von damals, soweit erhalten geblieben. Als Physiker bin ich jetzt doch erstaunt, dass Professor Einstein mal vor Gericht, wenn auch nur als Zeuge, stand. Gut, das kann jedem mal passieren und das rückt unsere Überikone doch wieder in ein überaus menschliches Licht. Sehr schöner Artikel und interessante Bilder. Danke.
2.
Michael Bockius 18.08.2011
"Diven, Diebe, Diktatoren", Hans Fallada läßt grüßen. Gibt es keine neuen Ideen mehr?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH